Poetische Worte in Prosastil

Herzen im Schatten
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I. Das entgleitende Alter
Von welchem Alter sprichst du—
von jenem, das entgleitet,
wie Wasser zwischen den Fingern?
Kühl.
Still.
Unaufhaltsam.
„Warum hielt ich dich nicht?“
Oder war es nie bestimmt, zu bleiben?
Vielleicht war es nur eine Zeit,
die Spuren ließ—
feine Risse aus Sehnsucht
im Stein unserer Erinnerung.
Und doch:
eine Zeit, die vor sich selbst zurückwich.
Ein Tag,
der dem Schmerz entging—
nur um ihm später zu gehören.
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II. Die Tiefe der Begegnung
„Ich hatte Angst…“
Nicht vor dir.
Vor der Tiefe,
die du in mir öffnetest.
Und ich antwortete nicht.
Ich ließ die Stille sprechen:
Vielleicht war genau diese Tiefe
unser erstes Wahrsein.
Zeit fließt—
doch sie besitzt uns nicht.
Sie wohnt in uns.
Wie ein Traum,
der uns berührt
und im selben Atem vergeht.
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III. Das zeitlose Jetzt
In welchem Alter begegnen wir uns?
Im verlorenen—
das ging und Liebe zurückließ?
Oder im Jetzt—
hier,
wo das Leben sich selbst erkennt
durch uns?
Wenn zwei nicht mehr zwei sind—
sondern ein einziger Lichtfaden
durch Schatten.
Dann beginnt das wahre Alter.
Nicht gezählt.
Nicht getragen von Jahren.
Sondern vom Schlag
zwischen zwei Herzen.
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IV. Begegnung ohne Richtung
„Zukunft oder Erinnerung?“
Vielleicht beides.
Denn Begegnung kennt keine Richtung.
Ein Augenblick—
brennend,
still,
ungeteilt.
Zeit vergeht nicht.
Sie beginnt.
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V. Die Metaphysik der Liebe
Liebe misst nicht.
Sie zählt nicht.
Sie fürchtet nicht.
Sie bleibt dort,
wo keine Hand mehr reicht
und keine Stunde gilt.
Zwischen zwei Seelen.
Zwischen Atem und Schweigen.
Dort,
wo Vergangenheit
die Zukunft berührt.
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VI. Das Versprechen
„Endet es?“
Nur wenn wir aufhören zu fühlen.
Und selbst dann—
bin ich nicht sicher.
Am Rand der Welt
ruft unser Echo.
Kein Ort.
Nur ein Morgen.
Ein Morgen ohne Datum.
Nur Versprechen:
dass wir uns wiederfinden—
jenseits der Zeit.
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VII. Die bleibende Gegenwart
Warum spürst du es noch,
wenn es vergangen ist?
Vielleicht,
weil es nie vergangen ist.
Nur verwandelt.
Nicht Erinnerung—
Gegenwart
in anderer Form.
Wie ein Rest Licht.
Ein Nachglühen im Innersten.
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VIII. Die Liebe ohne Erfüllung
Sie war da.
Still.
Echt.
Unvollständig.
Eine Liebe ohne Freiheit.
Gefangen
und dennoch wahr.
„Wie kann bleiben,
was nie ganz war?“
Weil es echt war.
Auch ohne Erfüllung.
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IX. Das Tragen
Liebe lebt nicht im Treffen.
Nicht im Versprechen.
Nicht im Haben.
Sie lebt im Tragen.
Im stillen Aushalten
dessen, was bleibt.
Zu lieben—
ohne zu halten.
Zu glauben—
ohne Garantie.
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X. Die Grenze
Die Mauern waren da.
Nicht aus Stein allein—
aus Leben.
Ich war nah genug,
um zu fühlen.
Zu fern,
um zu retten.
Und doch:
Ich liebte sie.
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XI. Die Verwandlung
„Ist das Erinnerung?“
Nein.
Das ist Gegenwart
in anderer Form.
Sie ist nicht fern.
Nur verwandelt.
Im Wind.
Im Wasser.
Im Licht.
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XII. Die Wahrheit der stillen Liebe
Liebe verlässt keinen Ort.
Sie wechselt nur ihre Form.
Sie bleibt—
nicht neben uns,
in uns.
Still.
Unverlierbar.
Gegenwärtig.

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Eine Frau aus Licht

Der Abend senkte sich über die Stadt—
nicht als Dunkel,
sondern als Erinnerung
an etwas, das sich schließen will.
Ich trat ein.
Nicht in einen Raum.
In ein Inneres.
Stille hing dort
wie ungelebte Zeit.
Und dann—
sie.
Nicht Bild.
Nicht Gestalt.
Ein Geschehen aus Licht.
Ihr Kleid
kein Stoff—
eine Entscheidung des Hellen,
Form zu werden.
Die Arme geöffnet,
nicht empfangend—
wissend.
Als trüge sie etwas,
das keinen Ursprung kennt.
Ich trat näher.
Oder fiel.
„Du suchst mich nicht“,
sagte etwas ohne Stimme,
„du erinnerst dich.“
Ihr Blick—
ohne Richtung.
Und doch überall.
Ein Erkennen,
das mich vor mir selbst erreichte.
„Wer bist du“,
fragte ich,
oder das, was in mir blieb.
Keine Antwort.
Nur dieses:
dass Fragen sich auflösten,
bevor sie Klang wurden.
Das Licht zwischen uns
wurde durchlässig.
Als wäre ich nicht mehr Grenze,
sondern Übergang.
„Ich bin nicht im Bild“,
sagte sie,
„ich bin dort,
wo du noch nicht aufgehört hast zu sehen.“
Meine Hände—
leer.
Und doch voll
von etwas, das nicht bleibt
und nicht vergeht.
Ein Zittern im Raum.
Oder in mir.
Die Wände rückten zurück.
Zeit verlor ihre Ränder.
Nur Nähe—
ohne Ort.
„Wenn du mich benennst“,
flüsterte das Licht,
„verlierst du mich.“
Ich schwieg.
Und blieb.
Oder ging.
Ich weiß es nicht.
Draußen hatte die Nacht
die Welt nicht beendet—
nur eingehüllt.
Der Wind trug
keine Richtung.
Nur Erinnerung
an Berührung.
Und ich verstand—
zu spät,
oder genau rechtzeitig:
Sie war nie dort.
Und doch
ist sie nicht fort.
Seitdem
geht etwas mit mir,
das kein Bild ist,
kein Traum,
kein Gedanke—
sondern ein offener Raum,
der mich sieht.
Und manchmal,
im Zwischen
von Atem und Schweigen,
kehrt sie zurück.
Nicht als Form.
Als Möglichkeit.
Und jedes Mal
beginnt etwas—
ohne Anfang.