Museum der verlorenen Tage 06

Museum der verlorenen Tage

Kapitel VI: Der letzte Dinosaurier — vor sechsundsechzig Millionen Jahren
»Was geht verloren, wenn eine ganze Gattung ausstirbt? Nicht ein Einzelnes – sondern eine ganze Welt von Möglichkeiten, die niemals geboren werden wird.«
────────────────────
Der Alte öffnete die sechste Tür.

Diese Tür war anders als all die anderen, die sich bislang vor ihm aufgetan hatten. Sie öffnete sich nicht leise, ließ auch nichts von dem erahnen, was jenseits ihrer wartete — sie öffnete sich wie eine Wunde, wie ein Riss im Fleisch der Luft selbst.

Dunkelrotes Licht brach hindurch. Nicht das Rot der Abenddämmerung, nicht das Rot glühender Kohlen — sondern das Rot von etwas, das schon seit unvorstellbar langer Zeit innerlich brennt.

Mit ihm strömte trockene, erstickende Hitze herein, die Wärme eines Ofens, der von seinen Bewohnern verlassen worden war und seitdem einsam in der Mitte einer Wüste weiterbrannte.

Und von weit her kam ein Geräusch: ein tiefes, anhaltendes Dröhnen, ähnlich einem Donner, der nicht enden wollte — einem Donner, der nicht aus einer Wolke geboren worden war, sondern aus dem Bersten der Erde selbst.

Samer blieb einen Augenblick an der Schwelle stehen.

Diese Schwelle war diesmal nicht bloß eine geometrische Linie — sie war eine Grenze in der Zeit.

Ein einziger Schritt nach vorn bedeutete sechsundsechzig Millionen Jahre zurück.

Er bedeutete, dass die gesamte Menschheit noch nicht geboren worden war — dass alles, was Samer kannte: Sprache, Musik, Architektur, Krieg, Liebe — noch nicht existierte, noch nicht einmal als Gedanke.

Er trat über die Schwelle.

Er fand sich auf aufgerissener Erde, zerklüftet wie das Gesicht eines Alten, den die Zeit vergessen hat. Die Risse zogen sich tief, breitet sich aus wie Landkarten namenloser Länder.

Der Himmel über ihm war kein Himmel im gewohnten Sinne — er war ein schweres, dichtes Dach aus Asche, Staub und ineinandergewundenen Rauchschwaden, die die Sonne vollständig verbargen, als hätte es sie nie gegeben.

Am fernen Horizont fraßen sich gewaltige Brände durch ganze Wälder. Aus dieser Entfernung war kein deutlicher Laut zu vernehmen; sie wirkten wie Mauern aus rotem Licht, die langsam in sich zusammenfielen und sich immer wieder erneuerten.

Die Luft war schwer.

Schwer im wörtlichen Sinne: als trüge jeder Atemzug ein zusätzliches Gewicht, das man in der Lunge mit sich schleppen musste.

Dann kam der Laut.

Ein Laut, den Samer noch nie gehört hatte.

Kein Schrei, kein Wehklagen, kein Brüllen — etwas Tieferes als alles das. Etwas, das klang, wie ein Berg klingen würde, hätte er eine Kehle.

In diesem Laut lag die Schwere von Herrschaft und die Trauer des Endes — und jene vollkommene Stille dessen, der beschlossen hat, das Unabänderliche anzunehmen.

»Fürchte dich nicht.«

Die Stimme kam von rechts, vom Rand des Sichtbaren, dort, wo das rote Licht endete und die Dunkelheit begann.

»Ich bin zu groß, um einem so kleinen Wesen wie dir jetzt noch schaden zu wollen.

Und die Kraft dazu habe ich ohnehin nicht mehr.«

Samer bewegte sich langsam, folgte der Stimme wie einem Faden durch ein Labyrinth.

Mit jedem Schritt nahm der gewaltige Schatten klarere Konturen an.

Ein riesiger Körper, auf der Seite liegend — größer als jedes Gebäude, das Samer je gesehen hatte. Rippen, die sich mit sichtbarer Mühe mit jedem Atemzug hoben und senkten. Zwei große, leuchtende Augen wie alte elektrische Lampen, die flackern, wenn der Strom nachlässt — glänzend inmitten des unaufhörlich fallenden Aschergens, der grau vom Himmel rieselte wie ein düsterer Schnee.

»Wer bist du?«

Samer fragte, und seine Stimme klang in diesem weiten Raum wie die Stimme eines Kindes, das in einer Kathedrale flüstert.

Eine kurze Stille.

Dann:

»Ich war die Herrscherin dieser Welt.«

Sie sagte es schlicht, ohne jede Anmaßung — so wie man eine geografische Tatsache erwähnt.

»Ich und Millionen meinesgleichen haben diesen Planeten hundertfünfzig Millionen Jahre lang beherrscht, lange bevor eure Art in Erscheinung trat.

Lange — auf eine Weise, die eure Vorstellungskraft übersteigt.

Ihr nennt uns Dinosaurier.

Ich bin eine der letzten, die in den Stunden nach dem Fall des Himmelsfelsens noch am Leben geblieben ist.«

Samer trat näher.

Er stellte sich neben etwas, das ihrer Hinterpfote ähnelte, und bemerkte, dass ein einziger ihrer Zehen mehr als doppelt so lang war wie er selbst.

Jedes Mal, wenn sie atmete, bewegte sich die Luft um sie herum wie ein sanftes Lüftchen.

»Was ist genau geschehen?«

Er fragte — nicht weil er es nicht wusste; er hatte in der Schule von dem Asteroiden gelernt, der das Zeitalter der Dinosaurier beendete. Aber er wollte es aus ihrem Mund hören, mit ihrer Stimme, aus ihrer Erfahrung.

»Etwas fiel vom Himmel«,

begann sie langsam, so wie jemand eine Erinnerung ordnet, die noch immer schmerzt:

»Größer als jeder Berg, den ihr kennt.

Ein Himmelsstein — ein Felsblock, der Millionen von Jahren durch den äußeren Weltraum gereist war, bevor ihn die kosmische Schwerkraft zu seinem Schicksal führte. Und zu unserem.

Er fiel an einem Ort, den ihr heute den Golf von Mexiko nennt.

Er schlug ins Meer ein, und die ganze Erde erbebte in einem donnernden Schauder. Wellen stiegen höher auf als der höchste Berg und überschwemmten alles auf ihrem Weg.«

Sie hielt einen Augenblick inne, als ob sie ihre erschöpften Atemzüge sammeln müsste.

»Aber das Schlimmste war nicht das Beben, nicht die Wellen.

Das Schlimmste kam danach.

Die Explosion schleuderte ungeheure Mengen Staub, Asche und brennende Gesteinsbrocken in die oberen Schichten der Atmosphäre.

Diese riesige Wolke breitete sich in alle Richtungen aus und verdeckte das Sonnenlicht von der gesamten Erde.

Wochen, dann Monate, dann Jahre — und die Dunkelheit beherrschte den Tag und verwandelte ihn in eine Art Nacht.

Und die Pflanzen können ohne Licht nicht wachsen.«

Sie schwieg kurz, dann fuhr sie mit leiserer Stimme fort:

»Stell dir das genau vor:

Die Pflanzen starben zuerst, weil sie vom Sonnenlicht lebten, das ihnen nun verweigert wurde.

Dann starben die Pflanzenfresser, die sich von den Pflanzen ernährt hatten.

Dann starben die Raubtiere, die von den Pflanzenfressern gelebt hatten.

Eine ganze Kette des Todes — eine Schicht brach ein und riss die Schicht darüber mit sich, wie Pfeiler, von denen jeder auf dem ruhte, was unter ihm war.

Und der Fall des ersten Pfeilers genügte, um das gesamte Gebäude zum Einsturz zu bringen.«

»Und du? Wie kommst du es, dass du noch hier bist und mit mir sprichst?«

»Diese Halle, in der euer geheimnisvoller Alter wohnt«,

sagte sie, und in ihrer Stimme lag etwas wie erschöpftes Staunen:

»Sie bringt die Wesen nicht auf dem Gipfel ihrer Kraft und Größe hierher.

Sie bringt sie in ihrem letzten Augenblick — oder sehr nahe daran.

Den Moment des Falls, nicht den Moment der Herrschaft.

Ich verstand das durch die Zeichen des Alten, als mir bewusst wurde, was geschieht.

Ich lebe jetzt meine letzten Stunden — und vielleicht erlebst du mit mir auch die letzten Stunden meiner ganzen Gattung auf diesem Planeten.«

Samer spürte das Gewicht der Frage, bevor er sie stellte — und dieses Gewicht war nicht nur intellektuell, sondern auch innerlich; als verwunde die Frage allein schon durch das Aussprechen:

»Stirbt eure Gattung vollständig aus?«

»Nahezu vollständig.«

In dem Wort »nahezu« verbarg sich etwas wie eine bittere Hoffnung.

»Einige unserer entfernten Verwandten — die kleinen Gefiederten, die sich schon Dutzende von Millionen Jahren vor dieser Katastrophe zu entwickeln begonnen hatten — werden auf wundersame Weise überleben.

Vielleicht weil ihre geringe Körpergröße bedeutet, dass sie weniger Nahrung brauchen.

Vielleicht weil einige von ihnen gelernt hatten, die Samen zu fressen, die die Erde auch im langen Winter bewahrt.

Ich weiß es nicht genau.

Aber sie werden überleben.

Und sie werden sich im Laufe der Zeit verwandeln — über Millionen von Jahren des Wandels und der Anpassung — und werden zu dem, was du heute Vögel nennst.

Das Schönste auf diesem Planeten entstand aus seiner schlimmsten Katastrophe.«

Sie schloss einen Augenblick die Augen, dann öffnete sie sie wieder:

»Aber wir — die Riesen — werden vollständig verschwinden.

Von uns werden nur versteinertes Knochen unter der Erde zurückbleiben, die Hunderte von Millionen Jahren darauf warten, dass eure fernen Nachkommen kommen und sie mit ihren kleinen, behutsamen Pinseln ausgraben — sie in ihren Museen wieder zusammensetzen und staunen, wie diese Geschöpfe einst die gleiche Erde bewandert haben wie die Ahnen ihrer Ahnen.«

Samer hielt inne.

Er empfand das Gewicht des Wortes »Aussterben« auf eine Weise, wie er es noch nie empfunden hatte, als er es in Schulbüchern überflogen hatte.

In den Büchern war es ein neutrales, wissenschaftliches Wort gewesen — seelenlos.

Hier war es gegenwärtig. Es atmete. Es lag im Sterben.

»Was geht wirklich verloren, wenn eine ganze Gattung ausstirbt?

Nicht ein Einzelner stirbt, nicht eine kleine Gruppe löst sich auf — sondern alle Individuen, die gesamte Geschichte, die gesamte Zukunft, die möglich gewesen wäre und doch nicht stattgefunden hat?«

Der Dinosaurier schwieg lange.

Nicht das Schweigen dessen, der nicht weiß — sondern das Schweigen dessen, der mehr weiß, als er mit Leichtigkeit sagen kann.

Als würde sie die letzten Kräfte sammeln, um eine Antwort zu geben, die der Frage würdig ist:

»Es geht eine ganze Welt von Möglichkeiten verloren, die niemals geboren werden wird.«

Dann begann sie zu erklären, und in ihrer Stimme lag der Ton eines Lehrers, der weiß, dass er zum letzten Mal unterrichtet:

»Stell dir einen Baum vor.

Jeder Ast des Baumes ist eine Art, die sich aus einem gemeinsamen Ursprung heraus entwickelt hat.

Nun stell dir vor, jemand fällt den gesamten Stamm auf einmal — nicht einen einzigen Ast.

Du verlierst nicht einen Ast — du verlierst alle Äste, die aus jedem Ast hätten wachsen können, alle Blätter, die hätten sprießen können, alle Früchte, die hätten reifen können.

Ganze Arten, die noch nicht geboren waren. Verhaltensweisen, die sich noch nicht entwickelt hatten. Ökologische Beziehungen, die sich noch nicht gebildet hatten.

Wir wissen nicht, wie unsere Gattung nach einer weiteren Million Jahren ausgesehen hätte — nach zehn Millionen, nach fünfzig.

Vielleicht hätten wir so etwas wie Werkzeuge entwickelt.

Vielleicht wären einige unserer Arten kleiner und beweglicher geworden.

Vielleicht wären zwischen uns und anderen Arten Formen der Symbiose entstanden, die dieser Planet noch nie gesehen hatte.

All das wurde ausgelöscht — nicht weil es falsch war oder schwach oder des Verschwindens würdig, sondern weil das Universum sich nicht um die Gerechtigkeit des Weiterlebens kümmert.«

»Das erscheint mir sehr ungerecht.«

»Ungerecht gegenüber wem?«

Sie antwortete, und in ihrer Stimme lag mehr philosophische Neugier als Bitterkeit:

»Das Universum kennt kein Gericht.

Es gibt keinen Richter, der Würdigkeit und Schicksal gegeneinander abwägt.

Es gibt nur das, was geschieht, und das, was nicht geschieht.

Die Erde hat vor dieser Katastrophe fünf große Aussterbewellen durchlaufen.

Jedes Mal verschwanden unzählige Arten, und andere traten an ihre Stelle.

Wir sind nicht die Ersten in diesem Schicksal, und wir werden nicht die Letzten sein.«

Dann sagte sie, nach einer kurzen Pause, etwas, das Samer überraschte:

»Aber lass mich dir noch etwas anderes sagen, Kleiner — etwas, das mir diese letzten Augenblicke gelehrt haben:«

Sie hielt inne, als forme sie die Worte mit Bedacht:

»Wäre unsere Gattung nicht ausgestorben, gäbe es dich überhaupt nicht.«

Samer blieb still.

Der Satz war einfach — doch seine Wirkung war unerwartet schwer.

»Die Säugetiere«,

fuhr sie fort:

»hatten all diese Millionen von Jahren neben uns gelebt.

Kleine Wesen — das größte von ihnen kaum so groß wie eine Maus —, die in unterirdischen Höhlen lebten und nur nachts herauskamen, wenn wir schliefen.

Sie waren klug, anpassungsfähig, sie gebaren ihre Jungen und zogen sie auf.

Aber sie konnten nicht wachsen und sich entfalten und die Erde einnehmen — aus einem einzigen Grund: Wir waren da.

Wir füllten alle großen ökologischen Nischen.

Wir waren die unbestrittenen Herren.

Für sie war kein Raum, um größer zu werden.

Als wir gemeinsam starben — mit erstaunlicher geologischer Geschwindigkeit — fanden die Säugetiere plötzlich eine leere Welt vor sich.

Gewaltige ökologische Lücken, die niemand besetzte.

Und sie begannen sich schneller zu entwickeln, als sie es je zuvor gekannt hatten — wurden größer, vielfältiger, breiter.

Innerhalb von zehn Millionen Jahren nach unserem Verschwinden entstanden Formen, die es noch nie gegeben hatte: Elefant, Wal, Löwe, Affe.

Und über weitere Millionen von Jahren entwickelte sich aus einer jener Affenarten der Mensch.

Du, Samer , bist ein unmittelbares Ergebnis unseres Untergangs.«

Samer erschauerte bei diesem Gedanken.

Ein Erschauern von innen — nicht Kälte, nicht Angst, sondern jenes seltsame Zittern, das einen Menschen befällt, wenn er plötzlich die vollständige Zerbrechlichkeit seiner Existenz begreift.

Der Gedanke, dass alles Vorhandene — alle Sprachen, alle Wissenschaften, alle Künste, alle Zivilisationen, alle Fragen und Antworten — auf dem Fundament einer Katastrophe steht, die eine ganze Welt ausgelöscht hat.

»Hasst ihr uns dafür also?

Wir, die wir von eurem Tod profitiert haben?«

Sie sah ihn lange an.

Dann:

»Ich habe jetzt nicht genug Zeit und Kraft zum Hassen.

Und selbst wenn ich sie hätte: Hass würde keinen einzigen Toten meiner Gattung zurückbringen.

Ich ziehe es vor, das, was mir an Zeit noch bleibt, auf etwas Sinnvolleres zu verwenden:

Dich zu bitten, dich zu erinnern.«

»Woran erinnern?«

»Daran, dass jede Welt, die du für unveränderlich und ewig und selbstverständlich hältst — jede Ordnung, von der du glaubst, sie werde immer bestehen — jede Zivilisation, auf der du alles aufbaust, was du kennst, in einem einzigen Augenblick ausgelöscht werden kann. Durch einen Zufall, der nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat, nichts mit Verdienst, nichts mit Würdigkeit.«

Sie hielt inne, dann fuhr sie mit ruhigerer, schwererer Stimme fort:

»Wir haben diesen Planeten hundertfünfzig Millionen Jahre beherrscht, Kleiner.

Hundertfünfzig Millionen Jahre.

Lass diese Zahl wirklich in deinen Verstand eindringen.

Der Homo sapiens — von seinem ersten Auftreten auf der Erde bis heute — hat noch keine dreihunderttausend Jahre vollendet.

Wir waren fünfhundert Mal länger hier.

Und wir gingen an einem einzigen Tag auf der geologischen Skala.

Glaubt nicht, ihr seid gegen dasselbe Schicksal gefeit — in welcher Gestalt auch immer es erscheinen mag.«

»Das ist eine harte Warnung.«

»Es ist keine Warnung — es ist ein letztes Geschenk.«

Sie sprach es mit ruhiger Entschlossenheit aus.

»Wisst, dass ihr zerbrechlich seid, und dass alles, was ihr aufgebaut habt, vergehen kann.

Dieses Wissen ist keine Last, die man mit Schwermut tragen muss — es ist eine Einladung, mit echter Dankbarkeit zu leben.

Wenn du weißt, dass das Dach fallen kann, hörst du auf, es als selbstverständlich hinzunehmen, und beginnst, die Mühe und das Werk zu würdigen, das in ihm steckt.

Wenn du weißt, dass der Morgen nicht gewiss ist, wird der heutige Tag auf eine Weise kostbar, die derjenige nicht kennt, der glaubt, morgen werde immer kommen.«

Samer dachte an seinen verlorenen Tag.

Diesen einen Tag, der ihn quälte, der ihn beunruhigte, dessen Abwesenheit er so schwer empfand.

Ein einziger Tag — gegenüber dem Aussterben hunderttausender Arten.

»Meine Sorge um einen einzigen verlorenen Tag erscheint mir winzig angesichts alledem, was du mir erzählst.«

»Nein.«

Sie sagte es mit unerwarteter Bestimmtheit, die seinen Blick zu ihr hob.

»Tu das nicht.

Verkleinere deinen Verlust nicht, weil ein anderer Verlust größer ist.

Die Größe bestimmt nicht den Wert und entscheidet nicht über den Schmerz.

Der Verlust eines einzigen Tages im Leben eines einzigen Menschen und der Verlust einer ganzen Welt von Wesen — beide sind echter Verlust; nur in verschiedenen Maßstäben und verschiedenen Zusammenhängen.

Ein Kind, das über ein zerbrochenes Spielzeug weint, weint nicht weniger wahrhaftig als ein Erwachsener, der über ein verlorenes Leben weint.

Und das Universum würde — wenn es begreifen könnte — beide Tränen mit gleichem Ernst verzeichnen.

Es gibt keinen Schmerz, der es nicht verdient, betrauert zu werden.«

Der Atem des Dinosauriers wurde merklich langsamer.

Die Luft, die er bei jedem Ausatmen bewegte, wurde leichter und leichter.

Und ihre großen, leuchtenden Augen begannen allmählich zu erlöschen — wie zwei Lampen, denen langsam der Strom entzogen wird.

»Wird sich irgendjemand an eure Gattung erinnern?

Nach allem — wird man euch nicht vergessen?«

Es war ein langer Satz für Samer , ihn zu beenden, ohne etwas in seiner Kehle zu spüren.

Sie lächelte — auf ihre eigene Art.

Nicht das Lächeln von Lippen, die sie nicht besaß.

Aber etwas in ihren Augen veränderte sich — etwas wie die Wärme in den letzten Augenblicken einer Glut:

»Ja.«

Sie sagte es mit ruhiger Gewissheit.

»Eure Kinder werden von uns träumen.

Sie werden uns in ihren Büchern zeichnen, aus uns Spielzeug fertigen, das sie in ihren kleinen Rucksäcken tragen.

Sie werden unseren Knochen hohe Museen bauen, in denen unsere Gerippe in der Luft stehen wie Reiche, deren Vermögen die Stadt vergessen hat — aber deren Namen sie nicht vergessen hat.

Sie werden über unsere Größe und Kraft staunen und sich fragen, wie wir ausgesehen haben mögen — eine Frage, auf die sie niemals eine vollständige Antwort finden werden.

Wir werden nicht vollständig vergessen werden — auch wenn von uns kein Fleisch, kein Blut, keine Stimme und keine Wärme mehr bleibt.

Wir werden als Spur bleiben, als Erzählung, als schöne Warnung und als lebendige Lektion zugleich.«

»Das klingt nach dem, was der sterbende Stern über das Gold gesagt hat, das von ihm zurückbleiben wird.«

Samer erinnerte sich an das vorherige Kapitel — das fünfte.

»Vielleicht«,

sagte sie, und in ihrer Stimme lag ein fernes Nachhallen:

»Alles in diesem Universum lernt am Ende dieselbe Lektion, Kleiner:«

Sie hielt inne, als gönnte sie den kommenden Worten den Raum, richtig zu atmen:

»Nichts bleibt, wie es ist.

Aber alles hinterlässt eine Spur für die, die nach ihm kommen — auch wenn diese Spur nicht mehr seinen ursprünglichen Namen trägt.

Ich werde nicht bleiben — aber die Vögel werden bleiben, und sie sind unsere fernen Kinder.

Der Stern wird nicht bleiben — aber das Gold in deinen Adern wird bleiben, und es ist seine Asche.

Der Tod ist nicht der Schlusspunkt, sondern das Zeichen der Verwandlung.

Etwas endet — damit es sich in etwas anderes verwandeln kann, das ohne sein Ende unmöglich gewesen wäre.«

Ihre Augen begannen sich sehr langsam zu schließen — mit der Langsamkeit dessen, der dem Schlaf widersteht und sich ihm dann ruhig ergibt.

»Geh jetzt.«

Sie sagte es mit einer Stimme, die zu verblassen begann wie eine Welle, die ins Meer zurückkehrt.

»Und vergiss nicht, dem Zufall zu danken, der euch erlaubt hat zu existieren.

Auch wenn ihr das Gewicht des Wissens tragt, dass er ein grausamer Zufall war in seinem Wesen — ein Zufall, der auf Katastrophe und Zerstörung gebaut wurde.

Dankbarkeit setzt keinen schönen Weg voraus.

Es genügt, dass du angekommen bist.«

Das Letzte, was Samer sah, waren diese großen Augen, wie sie sich vollständig schlossen — mit einer Langsamkeit, die dem Untergang einer Sonne glich, die man hundertmal gesehen hat, von der man aber niemals erwartet hatte, dass sie die letzte sein würde.

Dann erlosch das rote Licht.

Die Asche verflüchtigte sich.

Und die Luft wurde wieder leicht.

Samer fand sich im hölzernen Korridor stehend, leicht keuchend — wie jemand, der soeben von einem sehr weit entfernten Ort zurückgekehrt ist.

Nicht nur körperlich — sondern in allem, was Ferne bedeutet: zeitlicher Abstand und gedankliche Schwere.

Der Alte wartete vor einer siebten Tür.

Eine schlichte Tür diesmal — keine Schnitzereien, keine Symbole, kein buntes Glas, keine glänzenden Metalle.

Gewöhnliches glattes Holz, wie die Türen alter Häuser, die sich nicht ankündigen müssen, weil sie sicher sind in dem, was hinter ihnen wartet.

Samer sagte mit einer Stimme, die noch etwas von jener Schwere trug:

»Alle, die ich bisher getroffen habe, waren entweder in ihrer vollständigen Gestalt noch nicht geboren — oder lagen im Sterben — oder waren gänzlich ausgestorben.

Als würde diese Halle nur das versammeln, was am Rand des Verschwindens steht.«

Der Alte lächelte — jenes Lächeln, von dem Samer gelernt hatte, dass es nicht antwortet, sondern die Frage vertieft:

»Vielleicht weil die tiefste Wahrheit über irgendetwas sich erst zeigt, wenn es am Ende steht.

Das Wasser erkennst du in seinem Wert nicht, bis es zu verschwinden beginnt.

Das Licht begreifst du in seiner Gegenwart nicht, bis es zu schwinden beginnt.

Und jedes Wesen enthüllt seine tiefste Weisheit erst, wenn es sich der Grenze des Endes nähert.«

Samer sah auf die siebte Tür.

»Und diese?«

Er fragte — mit dem Blick, nicht mit dem Finger.

»Was ist diesmal dahinter?«

»Hinter dieser Tür wirst du dem ersten Wesen begegnen, das den Namen ›Mensch‹ in dem Sinne trug, den du heute kennst.

Du wirst keinen sterbenden Menschen begegnen, kein Wesen kurz vor dem Aussterben.

Du wirst einem Augenblick begegnen, in dem das ›Ich‹ selbst geboren wurde.

Dem ersten Moment, in dem ein lebendes Wesen auf dieser Erde sagte:

Ich bin hier — und ich weiß, dass ich hier bin.«

Samer stand vor der Tür.

Seine Hand lag auf dem schlichten Holzgriff.

Und zum ersten Mal seit Beginn seiner Reise durch diese Halle spürte er vor dem Öffnen einer Tür keine Zögerlichkeit — sondern etwas, das der Erwartung ähnelte.

Museum der verlorenen Tage 07