Die siebte Pille
ERSTES KAPITEL
Der Morgen in jener kleinen deutschen Stadt begann immer auf dieselbe Weise: ein dünnes graues Licht, das hinter den weißen Vorhängen hervorsickerte, das leise Surren der Kaffeemaschine in der Küche und eine Stille, die Kanaan aus seinem langen Leben in keiner anderen Gestalt kannte. Eine Stille ohne Drohung, ohne ein lauschendes Ohr dahinter, ohne Schritte, die plötzlich vor der Tür innehielten. Und doch empfand er sie nach all den Jahren noch immer eher als Verwunderung denn als Geborgenheit; als hätte sein Körper noch nicht ganz begriffen, dass er das Recht besaß, aufzuwachen, ohne sich zuerst zu fragen: Bin ich sicher?
Zu dieser frühen Stunde am Sonntag waren die Straßen des Viertels beinahe leer. Nur ein Mann ging mit seinem Hund vorbei, oder ein Fahrrad glitt langsam über den gegenüberliegenden Gehweg. Die Bäume im hinteren Garten, die Kanaan und Widad im ersten Jahr nach ihrem Einzug mit eigenen Händen gepflanzt hatten, begannen ihre letzten Blätter abzuwerfen. Der Winter war nicht mehr weit.
In diesem Abschnitt seines Lebens war Kanaan ein Mann, der glaubte, sich selbst gut zu kennen – so gut ein Mensch sich nach sechsundsechzig Jahren des Lebens, des Schreibens und des Beobachtens anderer Menschen eben kennen konnte. Der Blick des Romanciers ließ ihn nie aufhören zu fragen: Was verbirgt dieser Mensch unter seinem Lächeln? Was jener unter seinem Schweigen? Ein ganzes Leben lang hatte er diese Fragen an seine Figuren gerichtet, an Nachbarn, an Fremde im Zug oder im Café. Nie war ihm der Gedanke gekommen, dieselbe Frage an sein eigenes Leben zu richten – an die kleinen Dinge, die er jeden Morgen schluckte, ohne nach ihnen zu fragen, an das blinde Vertrauen, das er über Jahrzehnte hinweg jedem entgegengebracht hatte, der zu ihm sagte: „Nimm das. Es ist zu deinem Besten.“
Jeden Sonntag um halb neun saß Kanaan am kleinen Küchentisch vor dem Fenster zum bescheidenen Garten und vollzog ein Ritual, das auf den ersten Blick nicht mehr war als eine Nebensächlichkeit des Alltags: Er richtete seine Wochenbox mit den Medikamenten.
Die Plastikbox hatte sieben kleine Fächer, jedes mit dem deutschen Namen eines Wochentags: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag. Sein Arzt hatte sie ihm vor Jahren geschenkt, als Kanaan mit Blutdrucktabletten und einem weiteren Mittel gegen Cholesterin begonnen hatte. Vor zwei Jahren war eine dritte, kleine, beinahe weiße, ovale Tablette hinzugekommen, verschrieben wegen einer leichten Herzrhythmusstörung, die, wie der Arzt gesagt hatte, keinen Grund zur Sorge gab. „Nur eine Vorsichtsmaßnahme, Herr Kanaan. Nicht mehr.“
Kanaan mochte dieses kleine Ritual, obwohl er es niemandem gestanden hatte, nicht einmal seiner Frau Widad, mit der er seit mehr als dreißig Jahren unter einem Dach lebte. Er mochte es, die Blisterstreifen in die Hand zu nehmen, die silbrigen Vertiefungen eine nach der anderen zu öffnen, dieses leise Knacken zu hören, wenn eine Tablette aus ihrer Hülle sprang, und die Pillen in die Fächer zu legen wie Sätze auf einer Seite: alles an seinem Platz, alles vorhersehbar, alles unter Kontrolle.
Vielleicht war es genau das, was ihm dieses Ritual bedeutete – mehr noch als die Medikamente selbst: das Gefühl, dass sein Leben nach Jahrzehnten des Umherziehens, der Entwurzelung und immer neuer Anfänge endlich etwas geworden war, das sich in einer kleinen Plastikbox ordnen ließ. Aufgeteilt. Übersichtlich. Ohne Überraschungen.
An jenem Morgen, einem Sonntag im späten Herbst, schlief Widad noch. Das Haus lag still wie an jedem Sonntag. Ihre einzige Tochter Lubna lebte in einer anderen Stadt ihr eigenes Leben als junge Investigativjournalistin. Alle zwei oder drei Tage rief sie an, manchmal mit einer müden Stimme, die von einer langen Nacht im Dienst erzählte, manchmal heiter, mit jener Stimme, die Kanaan sofort an ihre Kindheit denken ließ.
Kanaan setzte sich an den Tisch, öffnete die Schublade und nahm wie immer die drei Blisterstreifen heraus. Mit beinahe zeremonieller Sorgfalt legte er sie vor sich. Zuerst kam der Streifen für den Blutdruck. Eine Tablette in jedes der sieben Fächer. Dann der Cholesterin-Streifen, dieselbe Bewegung, mit der ruhigen Hand eines Schriftstellers, der daran gewöhnt war, stundenlang einen Stift zu halten. Danach griff er nach dem dritten Streifen, dem für das Herz.
Seine Hand hielt mitten in der Bewegung inne.
Es war kein dramatisches, kein plötzliches Innehalten, das das Herz im Brustkorb hätte aufspringen lassen. Nur eine winzige Pause, kaum wahrnehmbar – jene Art von Verzögerung, die entsteht, wenn das Auge etwas Unerwartetes erfasst und die Hand einen Augenblick warten muss, bis der Verstand sicher ist, dass er wirklich gesehen hat, was er gesehen hat.
Kanaan sah auf die siebte Tablette des Streifens, die für den Sonntag, das Fach „Sonntag“.
Sie war anders.
Nicht auffällig anders, nicht so, dass ein beliebiger Mensch es auf den ersten Blick bemerkt hätte. Aber Kanaan hatte dreißig Jahre lang als Romancier gelebt und gelernt, die kleinen Abweichungen zu sehen, über die andere hinwegschauten, in einer Schulterbewegung oder im Klang einer Stimme das Ungesagte zu lesen. Er bemerkte den Unterschied sofort.
Die sechs anderen Tabletten waren oval, in der Mitte leicht gewölbt, makellos weiß, mit einer feinen Bruchkerbe, die sie in zwei Hälften teilte. So kannte er sie seit zwei Jahren.
Die siebte dagegen, die Sonntagstablette, wich auf eine kaum merkliche, für ein aufmerksames Auge jedoch eindeutige Weise ab. Sie war etwas runder, ihr Weiß ging leicht ins Gelbliche, und die Kerbe in der Mitte war tiefer, als wäre sie mit einem anderen Werkzeug gezogen worden – oder von einer anderen Hand.
Kanaan saß einige Augenblicke schweigend da und betrachtete die kleine Tablette zwischen seinen Fingern. Es war, als läse er ein Wort in einem Roman, den er vor Jahren geschrieben hatte, und fände es nun fremd an seiner Stelle, als hätte eine andere Hand es dort hingesetzt.
Er sagte sich mit einer ruhigen inneren Stimme, die vor allem ihn selbst beruhigen sollte: Vielleicht hat der Hersteller gewechselt. Vielleicht stammt sie aus einer anderen Produktionscharge derselben Firma. Bei Generika ändert sich die Form manchmal von einer Charge zur nächsten. Das war bekannt. Es war schon bei anderen Medikamenten so gewesen, und nie hatte es etwas bedeutet.
Doch der Mensch, würde Kanaan Wochen später in sein Notizbuch schreiben, fürchtet sich nicht vor der kleinen Abweichung selbst. Er fürchtet sich, wenn er tief in sich, an einem alten Ort, den er selten aufsucht, eine Bereitschaft zur Angst entdeckt, die dort schon lange gewartet hat – auf nichts weiter als ein kleines Zeichen, um wieder aufzuwachen.
Genau das spürte Kanaan in diesem Augenblick. Keine Angst vor einer anders geformten Tablette, sondern das plötzliche Gefühl, dass irgendwo weit hinten in seinem Gedächtnis etwas aufgewacht war.
Er stand auf, ging ins Bad und holte die Originalpackung, den noch ungeöffneten Streifen derselben Charge, um zu vergleichen. Doch der Streifen war nicht mehr da. Erst jetzt erinnerte er sich, dass er die leere Packung in der vergangenen Woche weggeworfen hatte, nachdem er die letzten Tabletten herausgenommen hatte – wie immer, ohne je daran zu denken, dass er eines Tages eine leere Medikamentenpackung als Beweis für irgendetwas brauchen könnte.
Für irgendetwas.
An diesem Gedanken blieb er hängen: Beweis. Warum war ihm ausgerechnet dieses Wort gekommen? Beweise sammelte man, wenn es ein Verbrechen gab, einen Verdacht, eine Untersuchung. Und in diesem Augenblick glaubte er nicht einmal, dass jemand ein Verbrechen gegen ihn begangen hatte. Es war nur eine Tablette, die ein wenig anders aussah. Mehr nicht.
Er ging zurück in die Küche und legte die siebte Tablette auf eine weiße Papierserviette, statt sie in ihr Fach zu legen. Dann ordnete er die übrigen Pillen ein. Seine Hand war nicht mehr ganz so ruhig wie wenige Minuten zuvor.
Wenig später setzte sich Widad an den Tisch. Ihr Haar fiel noch lose über die Schultern, wie es nach dem Schlafen fiel, und auf ihrem Gesicht lag ihr vertrautes Lächeln des Morgens – ein Lächeln, das kein Wort brauchte, um „Guten Morgen“ zu sagen. Sie bemerkte die Tablette auf der Serviette und fragte, während sie sich Tee einschenkte:
„Was ist das? Hast du sie vergessen?“
Kanaan sah sie an und zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete. Dieses Zögern war neu zwischen ihnen. In all den Ehejahren hatten sie selbst die kleinsten Dinge miteinander geteilt, von der Entscheidung über neue Möbel bis zu den feinsten Regungen, die die Ereignisse der Welt in ihnen auslösten.
Schließlich sagte er und bemühte sich, ganz gewöhnlich zu klingen: „Nein. Sie ist nicht vergessen. Ich glaube … ich glaube, diese Tablette ist anders als die anderen.“
Widad sah ihn mit sanfter Verwunderung an und beugte sich näher zur Tablette. Kein sichtbarer Schrecken, eher die beiläufige Neugier einer Frau, die in ihrer Küche eine kleine Unstimmigkeit bemerkt.
„Anders wie? Zeig her.“
Sie nahm die Tablette zwischen Daumen und Zeigefinger, drehte sie um und verglich sie mit einer anderen aus demselben Streifen, die Kanaan aus dem Nachbarfach genommen hatte. Einige Sekunden betrachtete sie beide, dann sagte sie mit einem Hauch von Scherz: „Vielleicht hat die Firma die Form geändert. Das kommt doch ständig vor. Als sie damals die Form meiner Vitamintabletten geändert haben, dachte ich jede Woche, sie hätten mir aus Versehen ein anderes Medikament geschickt.“
Kanaan lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht ganz. „Vielleicht hast du recht.“
Als Widad aufstand, um das Frühstück vorzubereiten, und dabei eine alte Melodie vor sich hin summte, nahm Kanaan die siebte Tablette ruhig an sich, wickelte sie in die Serviette und steckte sie in die Innentasche seiner Jacke. Er sagte nichts. Und er verstand selbst nicht ganz, warum er das Bedürfnis verspürte, sie zu verbergen, statt sie einfach wegzuwerfen, wie jede Vernunft es nahegelegt hätte.
Nach dem Frühstück schlug Widad, wie an jedem Sonntag ohne starken Regen, einen kurzen Spaziergang zum nahe gelegenen Park vor. Der kleine Park umgab einen stillen künstlichen See und war seit Jahren ebenso Teil ihres gemeinsamen Lebens geworden wie die Medikamentenbox Teil ihrer Sonntage.
Sie zogen ihre Mäntel an und gingen nebeneinander den Kiesweg am See entlang. Zwischen Eichen und Buchen, deren Blätter sich in Gold, Orange und Braun verfärbt hatten, fiel das Laub langsam zu Boden, als wollte es sich nicht von den Ästen lösen. Der Herbst in dieser stillen deutschen Stadt schien Kanaan anders als jeder Herbst, den er zuvor gekannt hatte. Er trug kein Gefühl des Endes in sich, sondern das einer ruhigen, wiederkehrenden, sicheren Ordnung.
Eine Weile gingen sie schweigend. Ihr Schweigen war nie das Schweigen von Fremden gewesen, sondern das von Menschen, die lange genug miteinander gelebt hatten, um zu wissen, dass nicht jeder Augenblick Worte braucht.
Plötzlich sagte Widad, während sie die Spiegelung der Bäume im unbewegten Wasser betrachtete: „Kanaan, du bist seit heute Morgen mit den Gedanken woanders. Ich weiß, dass du an diese Tablette denkst, auch wenn du versuchst, es dir nicht anmerken zu lassen.“
Kanaan sah sie an, nicht überrascht, dass sie es bemerkt hatte. Widad hatte immer besser als er gelesen, was in ihm vorging, selbst dann, wenn er selbst noch keine Worte dafür fand.
„Vielleicht hast du recht. Ich weiß nicht, warum, aber dieses kleine Detail hat mich die ganze Nacht beschäftigt. Vielleicht, weil ich Schriftsteller bin. Ein Schriftsteller kann an einem kleinen, unbegründeten Detail nicht vorbeigehen, ohne sich zu fragen: Was, wenn genau das der Anfang von etwas Größerem ist?“
Widad lachte leise. Nicht spöttisch, sondern mit dem warmen Lachen einer Frau, die ihren Mann kennt. „Du behandelst dein Leben, als wäre es einer deiner Romane. Nicht jedes Detail verbirgt ein Geheimnis, Kanaan. Manchmal ist eine anders aussehende Tablette einfach nur eine anders aussehende Tablette.“
Kanaan lächelte. Etwas in ihm war noch nicht überzeugt. „Vielleicht. Aber lass mich einfach sicher sein. Ich habe heute Dr. Strauss gefragt. Er wird sie ins Labor schicken.“
Widad blieb stehen und sah ihn mit einer ungewöhnlichen Ernsthaftigkeit an. „Du hast mir gerade gesagt, du gehst zu einer Routineuntersuchung. Du hast nicht gesagt, dass du die Tablette mitgenommen hast, um ihn danach zu fragen. Warum hast du mir das heute Morgen nicht erzählt?“
Kanaan spürte eine leichte Verlegenheit und suchte nach einer Antwort, die nicht wie eine Verteidigung klang. „Ich wollte dich nicht wegen einer Sache beunruhigen, die vielleicht überhaupt nichts bedeutet. Vielleicht ist es nur ein Produktionsfehler, wie du selbst gesagt hast.“
Widad sah ihn lange an. Sie sagte nichts. Doch Kanaan begriff in diesem Blick, dass ein winziger Teil des uneingeschränkten Vertrauens, in dem sie dreißig Jahre gelebt hatten, ins Wanken geraten war – kaum spürbar, aber wirklich. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er ihr etwas verschwiegen, und sei es noch so klein, bevor er entschieden hatte, wann und wie er es mit ihr teilen würde.
Danach gingen sie länger schweigend weiter als gewöhnlich. Als sie eine Holzbank am See erreichten, setzten sie sich und beobachteten zwei Enten, die langsam über das ruhige Wasser glitten. Kanaan spürte, dass die Frage, die ihn später vor seiner Haustür heimsuchen würde – Wer entschied all die Jahre darüber, was ich schluckte? – genau in diesem Augenblick begonnen hatte, in ihm Gestalt anzunehmen. Dort am See, ohne dass er ahnte, wie lange sie ihn begleiten würde.
Kurz vor Mittag waren sie wieder zu Hause. Nach dem Essen klingelte Kanaans Telefon. Auf dem Display stand „Lubna“, und er lächelte unwillkürlich. Die Anrufe seiner Tochter gehörten zu den wenigen Dingen, die jede Unruhe in ihm vertreiben konnten.
Am anderen Ende sagte Lubna mit ihrer fröhlichen Stimme, in der immer eine Spur freundlicher Eile lag: „Papa! Wie geht es dir? Und wie geht es dem Roman? Bist du mit dem Kapitel fertig geworden, über das du dich letzte Woche beschwert hast?“
„Ich kämpfe noch damit, Kleine. Da ist ein Kapitel, das sich weigert, so geschrieben zu werden, wie ich es will. Du kennst das: Manchmal lehnen sich Figuren gegen ihren Autor auf und beschließen, einen anderen Weg zu nehmen, als er für sie vorgesehen hat.“
Lubna lachte. „Genau das liebe ich an deinen Büchern – dass du deine Figuren nie ganz kontrollierst. Jedenfalls habe ich angerufen, um zu hören, wie es dir und Mama geht, und um euch zu sagen, dass ich euch vielleicht nächste Woche besuche. Ich habe hier an einer kleinen Recherche zu arbeiten, aber ich überlege, mir zwei Tage freizunehmen und zu euch zu kommen.“
Kanaans Gesicht hellte sich auf. „Wir würden uns sehr freuen. Was ist das für eine Recherche?“
Ihre Stimme wurde etwas ernster, blieb aber leicht. „Noch nichts Bestimmtes. Nur eine Spur, der ich nachgehe. Alte Archive, durchgesickerte Akten – du kennst meine Arbeit. Ich erzähle dir mehr, wenn ich sicher bin, dass da wirklich eine Geschichte ist, die erzählt werden muss.“
Kanaan wusste nicht, als er sich mit einem warmen väterlichen Lachen von seiner Tochter verabschiedete, dass diese beiläufigen Worte – alte Archive, durchgesickerte Akten – wenige Wochen später an seine Haustür zurückkehren würden, auf eine Weise, die er sich nicht einmal hätte vorstellen können. Und dass seine Tochter, die gerade von einer „kleinen Recherche“ gesprochen hatte, in genau diesem Augenblick den ersten Faden einer Geschichte in der Hand hielt, die das Leben ihrer ganzen Familie verändern würde.
Den Rest des Tages verbrachte er äußerlich ganz gewöhnlich: Er las ruhig in der kleinen Bibliothek, sah am Abend mit Widad eine Dokumentation über den Vogelzug und aß mit ihr ein leichtes Abendessen. Sie sprachen über belanglose Dinge, über den Garten, dessen Bäume vor dem Winter geschnitten werden mussten, und über die Einladung zweier deutscher Freunde zum Essen in der kommenden Woche.
Doch den ganzen Tag über trug Kanaan etwas in sich, das einer kleinen Sandkorn im Schuh glich: nicht schmerzhaft genug, um stehen zu bleiben und den Schuh auszuziehen, aber da, spürbar, still störend bei jedem Schritt.
Am Abend, nachdem Widad zu Bett gegangen war, saß Kanaan allein in seinem kleinen Arbeitszimmer, das er vor Jahren zum Schreiben eingerichtet hatte. Die Wände waren mit Büchern in drei Sprachen bedeckt: Arabisch, Deutsch und ein wenig Französisch, das er in seiner Jugend gelernt hatte. Er holte die Tablette aus der Jackentasche, legte sie unter die Schreibtischlampe und sah sie lange an.
Etwas an dieser kleinen Tablette rief eine Erinnerung in ihm wach, die er nicht greifen konnte. Sie war wie ein alter Geruch, der auf der Straße an einem vorüberzieht und einen plötzlich stehen lässt, ohne dass man weiß, woher er kommt. Er suchte in sich danach und fand nichts Bestimmtes, nur das dunkle Gefühl, etwas Ähnliches schon einmal erlebt zu haben – an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Das Gefühl, dass ein kleines, gewöhnlich übersehenes Detail etwas verbarg, das weit größer war, als es schien.
Er versuchte, die Erinnerung bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen, wie er nach einem vergessenen Wort suchte, das ihm mitten in einem Satz abhandengekommen war. Er schloss die Augen und ließ seine Gedanken treiben. Bilder kamen, abgerissen und ohne Ordnung: ein enger Raum ohne Fenster; der Geruch alten Papiers vermischt mit billigem Tabak; die Stimme eines Mannes, der eine Frage stellte, deren genaue Worte Kanaan vergessen hatte, deren Gewicht auf seiner Brust er aber noch kannte; und das Gesicht eines Mädchens, das ihm aus großer Ferne zulächelte, aus einer so fernen Zeit, dass er nicht mehr wusste, ob er sich wirklich an sie erinnerte oder nur daran, dass er sie einmal geliebt hatte.
Plötzlich öffnete er die Augen, als hätte etwas aus seinem eigenen Gedächtnis ihn erschreckt. Er schüttelte leicht den Kopf und versuchte, die verstreuten Bilder fortzuschieben, die er seit vielen Jahren nicht mehr heraufbeschworen hatte. Dann sagte er sich mit fester innerer Stimme: Du bist sechsundsechzig Jahre alt und siehst auf eine Tablette. Das hat mit nichts anderem zu tun. Mit nichts, was vor Jahrzehnten zu Ende ging.
Doch während er sich das sagte, spürte er, dass der Satz selbst, mit seinem beharrlichen Leugnen, einem Mann glich, der an eine verschlossene Tür klopft, nur um sich zu vergewissern, dass sie wirklich verriegelt ist – und dabei entdeckt, dass seine eigene Hand sie unbemerkt einen Spaltbreit geöffnet hat.
Er zog die Schreibtischschublade auf, nahm ein kleines Notizbuch heraus, in dem er gelegentlich Gedanken zu seinen Romanen festhielt, und schrieb mit seiner Handschrift, die im Alter leicht unsicher geworden war:
„Die siebte Tablette ist anders. Warum habe ich das Gefühl, dass dieses kleine Detail mehr bedeutet, als es bedeuten dürfte?“
Nach kurzem Nachdenken fügte er hinzu:
„Vielleicht, weil ich Schriftsteller bin. Ein Schriftsteller vertraut kleinen Details niemals. Er weiß, dass sie oft die Hintertür sind, durch die die große Wahrheit eintritt.“
Er schloss das Notizbuch und löschte die Lampe. Doch noch einige Minuten blieb er im Dunkeln sitzen und lauschte der Stille des Hauses, jener Stille, die er so lange geliebt hatte und die ihm plötzlich, zum ersten Mal seit vielen Jahren, vorkam, als verberge sie etwas.
Am nächsten Montagmorgen hatte Kanaan einen längst vereinbarten Termin bei seinem Arzt, Dr. Strauss, zu einer routinemäßigen Untersuchung. Der Termin war Wochen zuvor festgelegt worden und hatte mit der seltsamen Tablette nichts zu tun. Doch Kanaan beschloss, die Gelegenheit zu nutzen und die Frage zu stellen, die ihn die ganze vergangene Nacht nicht losgelassen hatte.
Dr. Strauss’ Praxis lag in einem alten, elegant renovierten Gebäude an einer ruhigen Straße, nur wenige Gehminuten von Kanaans Haus entfernt. Kanaan kannte den Arzt seit mehr als zehn Jahren, seit seinem Einzug mit Widad in dieses Viertel. Trotz des Altersunterschieds und ihrer unterschiedlichen Lebenswege verband sie ein stiller gegenseitiger Respekt – jener Respekt, der manchmal zwischen zwei Männern entsteht, die die Grenzen des Berufs des anderen kennen und achten.
Kanaan saß im kleinen Wartezimmer und blätterte in einer alten Zeitschrift, ohne wirklich eine Seite zu lesen, bis die Arzthelferin seinen Namen aufrief.
Er betrat das Untersuchungszimmer und nahm auf dem vertrauten Stuhl vor Dr. Strauss’ Schreibtisch Platz. Der Arzt hob den Blick vom Bildschirm und schenkte ihm sein warmes, professionelles Lächeln.
„Guten Morgen, Herr Kanaan. Wie geht es Ihnen heute? Nur eine Routineuntersuchung, nicht wahr?“
„Guten Morgen, Doktor. Ja, nur eine Routineuntersuchung. Aber ich habe noch eine kleine Frage, bevor wir anfangen, wenn Sie einen Moment haben.“
„Natürlich. Bitte.“
Kanaan zog die Papierserviette aus der Tasche, in die er die siebte Tablette gewickelt hatte, und breitete sie vorsichtig auf dem Schreibtisch des Arztes aus, als würde er ein seltenes Fundstück enthüllen.
„Mir ist aufgefallen, dass diese Tablette – das dritte Medikament, das ich zur Regulierung meines Herzrhythmus nehme – ein wenig anders aussieht als die anderen aus dem Streifen. Farbe, Form, sogar die Kerbe in der Mitte. Ich weiß, dass das belanglos wirken kann, aber ich wollte einfach sicher sein.“
Dr. Strauss nahm die Tablette mit einer kleinen Pinzette vom Tisch, hielt sie unter die Schreibtischlampe und drehte sie langsam. Es war die Sorgfalt eines Arztes, der gelernt hatte, auch das kleinste Detail ernst zu nehmen.
Dr. Strauss war Ende fünfzig, groß, ruhig in seinen Bewegungen und bei seinen Patienten für seine übertriebene Genauigkeit bekannt, ebenso wie für seine unerschöpfliche Geduld mit ihren Fragen, mochten sie sich noch so oft wiederholen. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitete er in diesem Viertel. Die Praxis hatte er von einem früheren Hausarzt übernommen, der sie Jahrzehnte zuvor gegründet hatte. Kanaan vertraute ihm vollkommen. Dieses Vertrauen war über die Jahre aus kleinen Dingen gewachsen: aus seiner Art zuzuhören, bevor er sprach, aus seiner Sorgfalt, jedes verschriebene Medikament zu erklären, aus seiner Weigerung, eine Untersuchung zu überstürzen, selbst wenn das Wartezimmer voll war.
Einige Augenblicke vergingen. Kanaan kamen sie länger vor, als sie tatsächlich waren. Der Arzt drehte die Tablette zwischen den behandschuhten Fingern, führte sie näher an die Augen und wieder zurück und verglich sie mit einem Referenzbild, das er auf seinem Computer geöffnet hatte, als würde er eine gefälschte Unterschrift mit einem Original vergleichen.
Schließlich sagte er, und auf seinem Gesicht lag eine ungewohnte Konzentration, eher Ratlosigkeit als Sorge: „Seltsam.“
Kanaan fragte: „Seltsam? Was meinen Sie?“
Der Arzt hob den Blick von der Tablette und sah Kanaan direkt an. Seine Stimme blieb ruhig, doch darin lag etwas, das Kanaan von diesem sonst so sicheren Mann nicht kannte. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dieses Medikament geändert zu haben, Herr Kanaan.“
Kanaan spürte etwas langsam in seiner Brust in Bewegung geraten, wie einen Stein, der in einen stillen See fällt. „Was meinen Sie mit: Sie können sich nicht erinnern? Haben Sie mir dieses Medikament nicht selbst vor zwei Jahren verschrieben?“
„Doch. Genau dieses Medikament, in derselben Dosierung, vor zwei Jahren. Seitdem habe ich nichts daran geändert. Das Rezept in Ihrer Akte ist unverändert.“ Er hielt kurz inne. „Aber diese Tablette vor mir … diese Form kenne ich nicht von diesem Hersteller. Ich habe dieses Medikament bei Dutzenden Patienten verwendet. Ich kenne sein Aussehen sehr gut.“
Dr. Strauss wandte sich wieder dem Bildschirm zu, öffnete Kanaans Patientenakte und begann schweigend darin zu blättern. Seine Augen gingen zwischen Bildschirm und Tablette hin und her, und mit jedem Wechsel zog sich seine Stirn ein wenig stärker zusammen.
Kanaan fragte, und nun war die Anspannung in seiner Stimme kaum noch zu verbergen: „Könnte die Apotheke einen Fehler gemacht haben? Oder hat der Hersteller die Form geändert, ohne Sie zu informieren?“
Der Arzt hob den Blick und sah ihn direkt an. Er bemühte sich um einen beruhigenden Ton, doch ganz gelang es ihm nicht. „Das ist durchaus möglich und wahrscheinlich sogar die naheliegendste Erklärung. Bei der Herstellung kommt es gelegentlich zu Änderungen. Aber offen gesagt möchte ich bei der Apotheke nachfragen, die Sie versorgt, und diese Tablette ins Labor schicken, um ihre Zusammensetzung zu überprüfen. Nur zur Sicherheit. Eine einfache Vorsichtsmaßnahme, mehr nicht.“
„Natürlich. Tun Sie, was Sie für richtig halten.“
Dr. Strauss begann, eine Notiz in Kanaans Akte zu schreiben. Kanaan beobachtete ihn schweigend. Dann hielt der Arzt plötzlich inne und starrte länger als nötig auf den Bildschirm, als hätte er dort etwas entdeckt, mit dem er nicht gerechnet hatte.
„Ist noch etwas?“
Der Arzt sah ihn an und versuchte zu lächeln. Doch Kanaan empfand das Lächeln als ein wenig zu bemüht. „Nein, nichts. Nur … ich sehe hier in der Akte eine kleine Änderung beim Datum der letzten Erneuerung des Rezepts. Es ist neuer, als ich erwartet hätte. Vielleicht ein einfacher Verwaltungsfehler im System. Ich werde das überprüfen.“
Er sagte es schnell, wie jemand, der über ein Detail hinweggehen will, ohne ihm mehr Gewicht zu geben, als es verdient. Doch Kanaan hatte sein ganzes Leben lang Gesichter beobachtet und zwischen den Zeilen gelesen. In den Augen des Arztes sah er etwas, das er nicht genau benennen konnte und doch sofort erkannte: eher Sorge als Beruhigung.
„Welche Änderung meinen Sie genau?“, fragte Kanaan und bemühte sich, leichter zu klingen, als er sich fühlte.
Der Arzt wandte sich wieder dem Bildschirm zu, vergrößerte den Eintrag des Rezepts und las laut, als müsste er selbst erst verstehen, was dort stand: „Hier. Die letzte elektronische Erneuerung des Rezepts über das zentrale Apothekensystem – vor gerade einmal zwei Wochen. Aber ich kann mich nicht erinnern, seit mehr als zwei Monaten auf Ihre medizinische Akte zugegriffen zu haben. Und ich erinnere mich auch nicht daran, dieses Rezept elektronisch erneuert zu haben.“
„Könnte die Erneuerung nicht automatisch durch das System erfolgt sein? Ich weiß, dass manche Langzeitrezepte gelegentlich automatisch verlängert werden, ohne dass der Arzt direkt eingreift.“
Dr. Strauss schüttelte den Kopf, nicht ganz überzeugt. „Bei manchen Medikamenten ja. Bei diesem allerdings nicht. Es gehört zu einer Gruppe, bei der bei jeder Erneuerung eine persönliche ärztliche Kontrolle vorgesehen ist, wegen der Empfindlichkeit der Dosierung. So lautet zumindest das Verfahren, das ich kenne.“
Er schwieg kurz und fügte hinzu, als müsse er damit eher sich selbst als Kanaan beruhigen: „Vielleicht gibt es für all das eine ganz einfache administrative Erklärung. Elektronische Systeme machen Fehler, besonders nach den letzten Aktualisierungen, die die Krankenkasse an ihren Datenbanken vorgenommen hat. Ich werde morgen dort nachfragen.“
Kanaan war von dieser Erklärung nicht wirklich überzeugt, fand aber in diesem Augenblick nichts, was er hätte hinzufügen können. Er nickte nur. Innerlich hatte er das Gefühl, dass der Kreis seiner Fragen, statt enger zu werden, wie er beim Betreten der Praxis gehofft hatte, immer weiter wurde – Frage um Frage, wie Kreise, die sich auf der Oberfläche eines stillen Sees ausbreiten, nachdem ein kleiner Stein hineingefallen ist.
Die Routineuntersuchung verlief wie gewohnt. Sein Blutdruck war normal, der Herzschlag regelmäßig, körperlich gab es nichts, was Anlass zur Sorge bot. Doch als Kanaan aufstand und die Praxis verlassen wollte, die Hand schon am Türgriff, hörte er Dr. Strauss hinter sich. Seine Stimme war ruhig, aber ungewöhnlich ernst.
„Herr Kanaan.“
Kanaan drehte sich um.
Der Arzt sah ihn lange an, als wöge er jedes Wort, bevor er es aussprach. „Lassen Sie diese Tablette bei mir. Ich schicke sie heute ins Labor. Und wenn Sie in den nächsten Streifen irgendeine weitere Tablette finden, die anders aussieht – ganz gleich, wie gering der Unterschied sein mag –, bringen Sie sie mir bitte sofort. Warten Sie nicht bis zum nächsten Routinebesuch.“
„Gibt es denn wirklich Grund zur Sorge, Doktor?“
Der Arzt schwieg einen Augenblick und sah auf die geöffnete Akte auf dem Bildschirm. Dann schloss er sie mit einer Bewegung, die Kanaan hastiger vorkam als gewöhnlich. „Ich glaube nicht. Nur berufliche Vorsicht. Sie kennen mich, Herr Kanaan. Ich bin gern in allem gründlich.“
Kanaan trat aus der Praxis auf die Straße. Die Luft war kühl und klar, wie sie um diese Jahreszeit immer war, und gelbe Blätter sanken langsam auf den Gehweg. Er ging einige Schritte, blieb stehen und blickte zurück zum Fenster der Praxis im zweiten Stock. Hinter der Scheibe sah er Dr. Strauss’ Schatten. Der Arzt hielt ein Telefon am Ohr und sprach mit einer Anspannung, die selbst aus dieser Entfernung zu erkennen war. Dann trat er vom Fenster zurück und verschwand.
Kanaan wusste nicht genau, was er gesehen hatte, und auch nicht, mit wem der Arzt gesprochen hatte. Doch zum ersten Mal seit ungefähr zwanzig Jahren kehrte jenes alte Gefühl zu ihm zurück – das Gefühl, von dem er geglaubt hatte, es für immer an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit, in einem anderen Land zurückgelassen zu haben: das Gefühl, dass jemand etwas über ihn wusste, das er selbst nicht über sich wusste.
Den restlichen Weg nach Hause ging er langsam, trotz der Kälte, als wolle er sich zusätzliche Zeit zum Nachdenken geben, bevor er ankam, bevor er Widads gewohnter Frage begegnete: „Wie war die Untersuchung?“
Auf dem Weg kam er an einem kleinen Café vorbei, in dem er nach Arztbesuchen manchmal saß, um ein oder zwei Seiten in sein Notizbuch zu schreiben, bevor er nach Hause ging. Diesmal trat er ein, nicht weil er schreiben wollte, sondern weil er eine Weile allein sitzen wollte, fern von Widads Blick, der in seinem Gesicht alles gelesen hätte, was er zu verbergen versuchte.
Er bestellte einen Kaffee und setzte sich an einen Tisch am Fenster. Draußen lag die ruhige Straße, und die wenigen Passanten gingen mit langsamen Schritten, als liefe die Zeit in dieser Stadt langsamer als irgendwo sonst, das Kanaan in seinem Leben gekannt hatte. Während er mit dem kleinen Löffel in seiner Tasse rührte, klingelte sein Telefon.
Auf dem Display stand kein Name, sondern eine lange, fremde Nummer, die mit einer internationalen Vorwahl begann, die er nicht sofort erkannte. Er zögerte kurz und nahm dann ab – eher aus Neugier als aus Vorsicht.
„Hallo?“
Niemand antwortete.
Am anderen Ende war Schweigen. Aber es war kein leeres Schweigen. Es trug etwas in sich: einen kaum hörbaren Atemzug, das ferne Geräusch von Verkehr, als stünde der Anrufer irgendwo draußen, auf einer Straße in einer anderen Stadt, und blickte vielleicht gerade in dieselbe Richtung wie Kanaan.
Kanaan sagte noch einmal, nun mit einem leichten Ton von Wachsamkeit: „Hallo? Wer ist da?“
Das Schweigen dauerte einige Sekunden länger, als es eigentlich hätte dauern dürfen. Dann brach die Verbindung plötzlich ab, ohne ein Wort, ohne einen Abschiedslaut – als hätte der Mensch am anderen Ende nichts anderes gewollt, als sich zu vergewissern, dass diese Nummer, Kanaans Nummer, noch funktionierte, und dass der Mann, der sie trug, nach all den Jahren noch am selben Ort war und mit derselben Stimme ans Telefon ging.
Kanaan starrte lange auf das Telefon in seiner Hand. Dann versuchte er, die Nummer zurückzurufen. Eine kalte automatische Stimme teilte ihm auf Deutsch und anschließend auf Englisch mit, dass diese Nummer nicht vergeben sei.
Er blieb sitzen und sah in seine kalte Kaffeetasse. Zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte er wieder jenes Gefühl, das er längst hinter sich geglaubt hatte: das Gefühl, dass irgendwo, an einem Ort, den er nicht bestimmen konnte, jemand ihn beobachtete. Und dass dieser schweigende Anruf, so flüchtig er gewesen sein mochte, kein Verbindungsfehler gewesen war, sondern eine Nachricht. Eine Nachricht, deren ganze Bedeutung er noch nicht verstand, von der er aber auf eine dumpfe, unbestreitbare Weise wusste, dass sie an ihn gerichtet war. Nur an ihn.
Er bezahlte den Kaffee und ging hinaus. Den restlichen Weg nach Hause musterte er aus dem Augenwinkel seine Umgebung – eine Bewegung, die er seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht hatte, eine alte Gewohnheit, von der er geglaubt hatte, sie längst vergessen zu haben. Die Bewegung eines Menschen, der sich vergewissert, ohne es allzu deutlich werden zu lassen, dass niemand hinter ihm hergeht.
Als er endlich vor seiner Haustür stand und den Schlüssel aus der Tasche zog, hielt seine Hand einen Moment in der Luft, bevor sie das Schloss berührte. Ein seltsamer Gedanke war in ihm aufgestiegen, flüchtig und doch schwer, als wäre ein kleiner Stein in stilles Wasser gefallen:
„Wer hat all diese Jahre für mich entschieden, was ich schlucke?“
An sich war es ein lächerlicher Gedanke, die Antwort offensichtlich: Sein Arzt hatte entschieden. So war es bei Millionen Menschen jeden Tag. Sie vertrauten demjenigen, der ihnen Medikamente verschrieb, ohne jedes Mal nach deren Bestandteilen zu fragen. Doch während Kanaan an diesem kalten Abend vor seiner Haustür stand, spürte er, dass in dieser einfachen Frage eine andere, viel größere verborgen lag – eine Frage, die er nicht einmal in seinem eigenen Kopf zu formulieren wagte. Eine Frage, die er vor Jahrzehnten schon einmal gehört hatte, in einem anderen Raum, mit einer anderen Stimme. Er hatte nie geglaubt, dass sie eines Tages zurückkehren würde, um ihn in diesem stillen Haus, in dieser sicheren Stadt, nach all den Jahren eines Friedens zu verfolgen, den er für endgültig gehalten hatte.
Schließlich öffnete er die Tür und trat ein. Aus der Küche hörte er Widad rufen: „Kanaan? Wie war die Untersuchung?“
Er blieb einen Augenblick im Flur stehen, ohne sofort zu antworten. Er sah in die schwachen Schatten, die sich in den Ecken des gerade erleuchteten Wohnzimmers sammelten, als suche er darin nach etwas, dessen Namen er noch nicht kannte. Dann sagte er schließlich mit einer Stimme, die so normal klingen sollte wie jeden Abend:
„Gut, Widad … alles ist gut.“
Doch als er seinen Mantel auszog und ihn wie gewohnt neben der Tür aufhängte, spürte er, dass dieser Satz zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht ganz wahr war – weder ihr gegenüber noch sich selbst.
Sie aßen gemeinsam zu Abend und sprachen über Kleinigkeiten: über die bevorstehende Einladung zum Essen, über eine E-Mail des deutschen Verlags wegen des Erscheinungstermins der Übersetzung seines letzten Romans. Sie lachten zusammen, als sie sich an eine komische Begebenheit bei einer seiner Lesungen vor Jahren erinnerten. Äußerlich war alles wie immer in diesem stillen Haus: ein einfaches Abendessen, warme Worte, gemeinsames Lachen, jenes tiefe Gefühl von Vertrautheit, das eine lange Ehe hervorbringen kann, wenn sie Bestand hat.
Doch während Kanaan nach dem Essen wie jeden Abend die Teller vom Tisch nahm, spürte er Widads Hand auf seiner Schulter. Er drehte sich um. Sie sah ihn mit jenem Blick an, den er seit Jahrzehnten kannte – dem Blick einer Frau, die nicht viele Worte braucht, um zu sagen, was sie sagen will.
„Kanaan“, sagte sie ruhig, „was auch immer es ist, sag es mir. Trag nichts allein. Das haben wir nie getan, und ich möchte nicht, dass wir jetzt damit anfangen.“
Kanaan sah sie lange an. Er empfand tiefe Dankbarkeit für diese Frau, die dreißig Jahre ihres Lebens mit ihm geteilt hatte, ohne deshalb alles über ihn zu wissen. Zugleich spürte er das Gewicht der Frage, die seit dem Morgen in ihm gewachsen war: Wie viel von sich selbst hatte er ihr all die Jahre vorenthalten? Und war nun, nach all diesen Jahrzehnten, der Zeitpunkt gekommen, die Tür zu öffnen, die er vor langer Zeit selbst verschlossen hatte? Oder gab es Türen, die besser für immer geschlossen blieben?
Er antwortete nicht sofort. Stattdessen lächelte er ihr zu, ein Lächeln, das genügen sollte, und sagte: „Ich verspreche es dir, Widad. Wenn es etwas gibt, worüber man sich Sorgen machen muss, wirst du die Erste sein, die es erfährt.“
Widad nahm diese Antwort hin – oder tat zumindest so. Sie kehrten in ihr gewohntes Schweigen zurück, jenes Schweigen, das bis gestern ein Schweigen der Sicherheit gewesen war und in dieser Nacht zum ersten Mal den feinen Schatten von etwas anderem trug, etwas, das Kanaan noch nicht bereit war zu benennen.
Als er später im Dunkeln neben Widad im Bett lag und ihrem regelmäßigen Atem lauschte, während sie längst ruhig schlief, blieb Kanaan lange wach. Er sah an die Zimmerdecke und rief sich immer wieder das Bild der gelblich-weißen Tablette ins Gedächtnis, das verstörte Gesicht Dr. Strauss’ vor seinem Bildschirm, das seltsame Schweigen am anderen Ende des Telefons und eine einzige Frage, die in seinem Kopf weiterklang wie eine ferne Glocke, die nicht aufhören wollte:
Wer hatte all diese Jahre für ihn entschieden, was er schluckte?
Noch wusste er nicht, während er schließlich die Augen schloss und sich einem unruhigen Schlaf überließ, dass diese einfache Frage, die an einem stillen Sonntagmorgen mit einer nur leicht anders geformten Tablette begonnen hatte, ihn in den kommenden Wochen dazu führen würde, eine Tür zu öffnen, von der er nicht geglaubt hatte, dass sie sich je wieder öffnen würde – eine Tür, die mehr als vierzig Jahre lang fest verschlossen gewesen war, an einem weit entfernten Ort, unter einem alten Feigenbaum, in einer Stadt, die er zurückgelassen hatte und von der er nie geglaubt hatte, dass auch sie ihn zurücklassen würde.
In dieser Nacht träumte Kanaan zum ersten Mal seit vielen Jahren von einem fensterlosen Raum. Dort hörte er die Stimme eines Mannes, der ihm immer wieder dieselbe Frage stellte, ohne Ende, und selbst im Traum fand Kanaan keine Antwort:
„Glaubst du, dass du dich selbst kennst?“
