DIE SIEBTE PILLE
Zweites Kapitel
Widad war keine Frau, die von sich gesagt hätte, sie beobachte ihren Mann. In diesem Wort lag für sie etwas von Misstrauen, etwas, das nach Verdacht klang. Und Widad hatte Kanaan in all den dreißig Jahren ihrer Ehe keinen einzigen Augenblick lang misstraut. Sie war nur schon seit langer Zeit eine Frau, die bemerkte. Den Unterschied sagte sie sich jedes Mal, wenn sie ein schlechtes Gewissen bekam, weil sie die kleinen Veränderungen an ihrem Mann so genau wahrnahm: Einen Menschen zu beobachten, weil man ihm nicht vertraut, war etwas anderes, als ihn zu bemerken, weil man ihn so sehr liebt, dass man sogar weiß, wann sich sein Atem im Schlaf verändert.
Widad war von Natur aus eine praktische Frau. So kannten sie alle: ihre Freunde, ihre Nachbarn, selbst Kanaan, der sie einmal in einem Zeitungsinterview den „Pfeiler unseres Hauses“ genannt hatte. Sie hielt den Haushalt zusammen, behielt Arzttermine im Kopf und löste die Dinge des Alltags mit einer Ruhe, die kaum ins Wanken geriet. Vor allem aber war sie die Frau gewesen, die es verstanden hatte, aus einem fremden Mann, der in ein Land gekommen war, dessen Sprache er anfangs kaum beherrschte, ein Zuhause, eine Familie und ein Leben entstehen zu lassen, auf das man stolz sein konnte. Nur wenige kannten die andere Seite dieser praktischen Frau: ihre tiefe Empfindsamkeit, die sie schon früh gelernt hatte hinter einer Schicht aus Ruhe und Tüchtigkeit zu verbergen. Die Welt, das hatte sie früh begriffen, war nicht besonders nachsichtig mit Frauen, die ihre Verletzlichkeit allzu offen zeigten. Stärke war für Widad deshalb immer eine Art Rüstung gewesen. Nicht die Abwesenheit von Angst, sondern eine Weise, sie vor den Blicken der anderen – und manchmal sogar vor sich selbst – zu verbergen.
An Kanaan hatte sie seit ihrer ersten Begegnung vor dreißig Jahren etwas geliebt, das selten war: seine Fähigkeit, wirklich zuzuhören. Sie waren sich bei einem kleinen literarischen Abend begegnet, den ein arabisches Kulturzentrum in der Stadt veranstaltet hatte, in der sie damals beide lebten. Sein Zuhören war anders als das der meisten Männer, die sie vor ihm gekannt hatte. Wenn er ihr zuhörte, hatte sie das Gefühl, ganz gesehen zu werden, mit all ihren Widersprüchen, ohne dass er sie vereinfachen oder erklären wollte, wie es Geschichten manchmal mit ihren Figuren tun. Mit den Jahren aber begriff sie auch, dass dieser Mann, der anderen mit solcher Tiefe zuhören konnte, nur selten mit derselben Tiefe über sich selbst sprach. Hinter seinen ruhigen, warmen Augen gab es eine Tür, durch die sie nie ganz hindurchgelassen worden war.
Sie hatte nie an seiner Liebe gezweifelt, nicht einen Augenblick lang in all diesen Jahren. Und doch wusste sie, an einem stillen Ort in sich, dass auch ihr tiefstes Wissen über ihn immer nur ein teilweises Wissen gewesen war. Sie kannte einen Mann, der – bewusst oder unbewusst – die eine Hälfte seines Lebens ganz offen mit ihr gelebt hatte und die andere hinter einem Vorhang, der sich nie vollständig hob.
In den Tagen nach Kanaans Besuch bei Dr. Strauss begann Widad vieles zu bemerken. Kleine Dinge, die nur jemand wahrnimmt, der lange genug mit einem Menschen gelebt hat, um dessen Muster manchmal genauer zu kennen als die eigenen.
Erstens: Der Schlaf
Seit vielen Jahren verliefen die Nächte in diesem Haus in einem ruhigen, vertrauten Rhythmus. Widad war so daran gewöhnt, dass sie nicht mehr darüber nachdachte – so wie man nicht über den regelmäßigen Schlag des eigenen Herzens nachdenkt. Erst als dieser Rhythmus in den letzten Tagen ins Schwanken geriet, begriff sie, wie sehr sie sich unbewusst auf ihn verlassen hatte, um das Gefühl zu haben, dass alles in ihrem Leben an seinem richtigen Platz war.
Kanaan war während ihrer gesamten Ehe ein ruhiger Schläfer gewesen, einer von denen, die einschlafen, sobald ihr Kopf das Kissen berührt. Nur äußerst selten war er mitten in der Nacht aufgewacht – in Fällen, die Widad an einer Hand abzählen konnte: als Lubna als Kind schwer krank gewesen war; als seine Mutter in Syrien gestorben war und er, Tausende Kilometer entfernt, nicht hatte Abschied nehmen können; und als eine Zeitung seine erste ins Deutsche übersetzte Romanveröffentlichung mit ungewöhnlicher Härte besprochen hatte.
Doch in den letzten Nächten begann Kanaan aufzuwachen. Erst einmal, dann zweimal, schließlich beinahe jede Nacht, zu unterschiedlichen Stunden. Er setzte sich für einige Minuten auf die Bettkante, schweigend, und legte sich wieder hin. Oder er ging leise in die Küche und trank ein Glas Wasser, das er eigentlich gar nicht brauchte. Er brauchte nur diese wenigen Minuten, in denen er allein wach sein konnte, im Dunkeln, ein wenig entfernt von ihr.
Manchmal wachte Widad mit ihm auf, ohne es zu zeigen. Unter halb geschlossenen Lidern sah sie ihm zu, wie er auf der Bettkante saß, den Rücken leicht gekrümmt, die Hände zwischen den Knien ineinandergelegt, den Kopf gesenkt, als lausche er einer Stimme, die sie nicht hören konnte. Dann stand er leise auf und verließ das Zimmer. Widad blieb liegen, die Augen geschlossen, zählte ihren eigenen Herzschlag und wartete, bis er zurückkam.
Zweitens: Die Fotografien
Für Widad waren Fotografien nie bloß bedrucktes Papier. Sie waren kleine Fenster in Zeiten, die auf keinem anderen Weg mehr erreichbar waren. Bei Familienfeiern holte sie gern die Kisten mit den alten Bildern hervor und sah sie gemeinsam mit Lubna durch. Sie erzählte ihr die Geschichte hinter jedem Bild – oder versuchte, sich daran zu erinnern. Dann lachten sie über alte Frisuren und Kleider, die längst aus der Zeit gefallen waren.
Wie jede Familie, die ein langes Leben miteinander geteilt hatte, besaßen sie Kisten voller alter Fotografien. Manche waren auf Papier gedruckt, dessen Ränder bereits gelb wurden. Andere lagen in alten Lederalben, die Kanaan bei seiner Auswanderung aus Syrien mitgebracht hatte. Einige dieser Alben hatte seit Jahren niemand geöffnet. Sie lagen unten im Bücherregal seines Arbeitszimmers, und Kanaan kehrte nur selten zu ihnen zurück, vielleicht einmal in ein oder zwei Jahren.
Doch in diesen Tagen bemerkte Widad, dass die Tür des Schranks im Arbeitszimmer mehr als einmal offenstand, wenn sie zum Putzen hereinkam. Eines der alten Alben – das mit dem braunen Leder, dessen Kanten bereits rissig geworden waren – lag plötzlich auf dem Schreibtisch statt an seinem gewohnten Platz im Schrank. Einmal. Dann ein zweites Mal. Schließlich immer wieder.
Einmal schlug Widad es auf, als sie allein zu Hause war. Ihre Neugier hatte etwas von einer leisen Scham, als betrete sie einen privaten Raum, zu dem sie nie eingeladen worden war. Langsam blätterte sie durch die Seiten: Schwarz-Weiß-Fotografien von Kanaans Familie, von seinen Eltern in jungen Jahren, von Kanaan als Kind vor einem alten Steinhaus in einer syrischen Stadt, die Widad nie besucht hatte. Bilder seiner Freunde aus der Studienzeit, junge, lachende Gesichter, deren Namen sie nicht kannte. Dann blieb sie an einer Seite hängen. Dort fehlte ein Foto. An seiner Stelle war nur eine leere Fläche, an deren Rändern die blassen Reste eines gelb gewordenen Klebestreifens zu sehen waren.
Lange sah Widad auf diese kleine Leerstelle in der Mitte der Seite. Eine Kälte, beinahe wie ein körperliches Gefühl, zog durch die Hand, die das Album hielt. Eine einfache Frage, und doch war sie schwer: Wer war auf diesem Foto gewesen? Wann war es herausgenommen worden? Und warum?
Sie fragte Kanaan nicht direkt nach dem Album. Nicht, weil sie es nicht wissen wollte. Sondern weil sie nach dreißig Jahren mit diesem Mann wusste, dass direkte Fragen manchmal Türen schließen, statt sie zu öffnen. Also beschloss sie zu warten, genauer hinzusehen, die losen Fäden zusammenzuführen. Nicht, weil sie misstraute, sondern weil sie diesen Mann genug liebte, um verstehen zu wollen, was mit ihm geschah.
Drittens: Das Fenster
Im Wohnzimmer gab es neben dem großen Fenster zur Straße einen Platz, an dem Kanaan manchmal stand, besonders am Abend, wenn es dunkel geworden war. Lange sah er nach draußen, ohne erkennbares Ziel, die Hände in den Hosentaschen, den Rücken auf eine Weise gerade, die nicht zu seiner gewöhnlichen Entspannung passte. Mehr als einmal hatte Widad gedacht, dass er dort stand wie ein Mann, der etwas bewacht. Oder auf etwas wartet.
Einmal fragte sie ihn, als sie mit einer Tasse Tee hinter ihm vorbeiging: „Was schaust du an?“
Er drehte sich mit einem schnellen Lächeln zu ihr um. Zum ersten Mal seit langer Zeit kam es ihr nicht ganz vollständig vor. „Nichts. Ich genieße nur den Anblick. Die Straße ist um diese Zeit so ruhig.“
Doch bevor er sich zu ihr umdrehte, hatte sie gesehen, worauf seine Augen gerichtet gewesen waren: ein graues Auto, das auf der anderen Straßenseite stand. Sie konnte sich nicht erinnern, es je zuvor in dieser ruhigen Nachbarschaft gesehen zu haben – in einer Gegend, in der sie beinahe jeden Nachbarn und jedes seiner Autos kannte.
Viertens: Wenn er von der Vergangenheit sprach
Vielleicht beunruhigte sie nichts so sehr wie die Art, in der Kanaan über seine Vergangenheit sprach. Während all der Jahre, die sie ihn kannte, hatte er Syrien nie vollständig gemieden. Im Gegenteil, manchmal sprach er mit einer stillen Sehnsucht davon: von seiner Kindheit, seiner alten Stadt, dem Duft des Jasmins im Sommer. Doch seine Erzählungen brachen fast immer an derselben Stelle ab: in seiner Studienzeit. Über seine Kindheit konnte er ausführlich sprechen. Sobald das Gespräch jedoch die Jahre unmittelbar vor seiner Auswanderung erreichte, wurden seine Antworten plötzlich kurz und allgemein, als wären ganze, entscheidende Jahre seines Lebens in einer Kiste eingeschlossen, die niemand öffnen durfte.
Widad hatte dieses Muster schon vor langer Zeit bemerkt, ihm damals aber keine große Bedeutung beigemessen. Jeder Mensch, dachte sie, habe Zeiten, zu denen er nicht gern zurückkehrte. Doch in den letzten Tagen begann sie zu spüren, dass diese verschlossene Kiste in Bewegung geraten war. Sie öffnete sich ein wenig, unbeabsichtigt: in Momenten des Abwesendseins, in halben Sätzen, die Kanaan begann und plötzlich abbrach.
Einmal, beim Abendessen, sprach Kanaan beiläufig von seinen „Studienjahren“. „Es gab schwierige Zeiten“, sagte er. „Zeiten, in denen ich nicht wusste, wem ich wirklich vertrauen konnte …“ Dann brach er ab, lächelte kurz und sagte: „Wie auch immer. Das ist alles lange vorbei.“ Und wechselte rasch das Thema.
Widad bemerkte den schnellen Wechsel, diese Tür, die sich für einen Augenblick geöffnet und sofort wieder geschlossen hatte. Sie schwieg und schrieb die Beobachtung an diesem Abend in ihr kleines Notizbuch: „Mittwoch. Halber Satz über die Studienzeit. Etwas über Vertrauen.“
Zusammen ergaben diese Beobachtungen in Widads Gedanken ein Bild, das noch nicht vollständig war: ein Mann, den sie seit dreißig Jahren liebte und der einen ganzen Abschnitt seines Lebens in sich trug, über den er nie erzählt hatte. Ein Abschnitt, der aus Gründen, die sie noch nicht verstand, gerade begann, aus seinem langen Schlaf zu erwachen.
Ohne es zunächst bewusst geplant zu haben, begann Widad ein kleines eigenes Notizbuch zu führen. In ihrer kleinen, ordentlichen Handschrift hielt sie datierte Beobachtungen fest: „Dienstag. Kanaan ist letzte Nacht zweimal aufgewacht.“ – „Donnerstag. Das braune Album wieder auf dem Schreibtisch. Das fehlende Foto ist noch immer nicht da.“ – „Freitag. Zwanzig Minuten am Fenster gestanden. Beim ersten Rufen nicht reagiert.“
Sie tat es nicht aus kühlem Ermittlungsdrang. Eher war es das, was ein Arzt tut, wenn er bei einem Menschen, den er liebt, einzelne Symptome bemerkt: der aufrichtige Versuch, ein Muster zu verstehen, solange es noch ein Muster war und noch nicht etwas Größeres, dem man nicht mehr beikommen konnte.
Eines Tages, als sie Kanaans Schreibtisch putzte und sorgfältig darauf achtete, seine Papiere nicht zu verrücken, bemerkte sie, dass eine der Schubladen – die unterste, die immer mit einem kleinen Schlüssel verschlossen gewesen war, den Kanaan in einer Metallbüchse auf dem Bücherregal aufbewahrte – ein Stück offenstand.
Widad blieb vor der halb geöffneten Schublade stehen. In ihr stritten zwei Dinge miteinander. Einerseits wusste sie, dass dies ein privater Raum war. Der Respekt vor Kanaans Privatsphäre, selbst nach dreißig Jahren Ehe, gehörte zu den Grundfesten ihrer Beziehung, die nie ins Wanken geraten waren. Andererseits hatten sich die letzten Tage mit ihrem ungewohnten Schweigen, der Schlaflosigkeit und dem Zerstreutsein in ihr zu einem Druck aufgebaut, den sie nicht länger übergehen konnte.
Eine ganze Minute stand sie dort, die Hand am Griff der Schublade. Sie fragte sich: Vertraue ich noch darauf, dass dieser private Raum, den ich dreißig Jahre lang respektiert habe, wirklich nur eine harmlose Privatsphäre ist? Oder ist er, ohne dass ich es bemerkt habe, zu etwas anderem geworden? Zu etwas, das eher einer Mauer gleicht?
Langsam öffnete sie die Schublade, mit zögernder Hand.
Viel war nicht darin: alte Familienunterlagen, ein abgelaufener Reisepass, einige alte Füller und ein kleines Notizbuch, das mit einem Gummiband verschlossen war. Doch unter all diesen Dingen, in einer Ecke der Schublade, lag ein verblasster gelber Umschlag, sehr alt. Darauf klebten alte syrische Briefmarken. Die Handschrift stammte nicht von Kanaan. Sie war elegant, eindeutig weiblich, leicht geneigt. Auf der Vorderseite stand auf Arabisch sein Name. Keine klare Absenderadresse, nur sein Name und die alte Anschrift eines Hauses, das Widad nie gekannt hatte.
Vorsichtig streckte Widad die Finger aus und berührte den Rand des Umschlags. Sie spürte die trockene Oberfläche des alten Papiers und nahm, ohne es zu beabsichtigen, einen kaum wahrnehmbaren Geruch wahr: altes Papier, vermischt mit etwas anderem, das sie nicht genau bestimmen konnte.
Lange stand sie vor dem Umschlag, ohne es zu wagen, ihn weiter zu berühren. Sie betrachtete die elegante Frauenhandschrift auf dem Umschlag, und in ihr formte sich langsam eine Frage: Wer hatte diesen Brief geschrieben? Und warum hatte Kanaan ihn all diese Jahrzehnte in einer verschlossenen Schublade aufbewahrt, ohne ihr je davon zu erzählen?
Einen Moment lang dachte sie daran, ihn zu öffnen und den Brief herauszunehmen. Doch nach langem Zögern ließ sie die Hand wieder sinken. Nicht, weil ihre Neugier verschwunden wäre. Sondern weil sie plötzlich etwas anderes begriff: Sie suchte nicht nach dem Inhalt dieses Briefes. Sie wollte, dass Kanaan selbst es ihr sagte. Dass er sich entschied, diese Tür zu öffnen, statt dass sie sie von der anderen Seite aufbrach. Es gab einen wesentlichen Unterschied – einen, der den Kern ihres Vertrauens berührte: eine Wahrheit durch ein Geständnis zu erfahren oder sie durch Spionage zu erfahren, mochten die eigenen Beweggründe noch so edel sein.
Sie setzte sich auf den Schreibtischstuhl, den Umschlag noch in der Hand, und ließ ihre Gedanken für einen Augenblick zurückgleiten, zu jenem fernen Abend, an dem sie Kanaan zum ersten Mal begegnet war. Sie erinnerte sich, wie er damals, ein junger Mann in seinen Dreißigern, vor einem kleinen Publikum gestanden und aus seinem ersten Roman gelesen hatte. Seine Stimme war ruhig gewesen. Er hatte niemanden beeindrucken wollen. Es war eher gewesen, als teile er mit jedem im Raum ein kleines Geheimnis.
Sie erinnerte sich auch daran, wie sie ihn bei einer ihrer ersten Begegnungen nach seinem Leben in Syrien vor der Auswanderung gefragt hatte. Er hatte ruhig gelächelt und gesagt: „Eines Tages erzähle ich dir alles, wenn die richtige Zeit gekommen ist.“ Und sie hatte, im Vertrauen ihrer ersten Liebe, zugelassen, dass dieser Tag auf sich warten ließ.
Doch dreißig Jahre waren vergangen, und dieser Tag war nie ganz gekommen. Widad hatte viele Teile von Kanaans Geschichte bekommen, genug, um das Gefühl zu haben, ihn wirklich und tief zu kennen. Aber jetzt, da sie vor diesem alten gelben Umschlag saß, begriff sie plötzlich, dass sein altes Versprechen – „Eines Tages erzähle ich dir alles“ – all diese Jahre nur ein aufgeschobenes Versprechen gewesen war.
Sie legte den Umschlag sorgfältig an genau die Stelle zurück, an der sie ihn gefunden hatte, und schloss die Schublade. Dabei empfand sie etwas, das einer kleinen Untreue glich, obwohl sie nichts getan hatte, außer hinzusehen.
Danach saß sie noch auf dem Schreibtischstuhl und verspürte plötzlich den Wunsch, ihre Tochter Lubna anzurufen. Nicht, um ihr zu erzählen, was sie gefunden hatte, sondern nur, um ihre Stimme zu hören.
Lubna meldete sich mit ihrer gewohnten fröhlichen Stimme: „Mama! Wie geht es dir? Wir haben seit zwei Tagen nicht gesprochen.“
„Gut, meine Liebe“, sagte Widad. „Ich vermisse dich nur. Wie läuft es mit deiner Recherche?“
Lubnas Stimme veränderte sich ein wenig. Sie wurde vorsichtiger. „Ich sammle noch immer die Fäden. Aber ich habe etwas Merkwürdiges gefunden, Mama. Ich will dich nicht beunruhigen. Ich bin auf Papas Namen in einem alten Dokument gestoßen. Es hat nichts mit Literatur zu tun. Es sieht eher nach einer alten Sicherheitsakte aus.“
Widad spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Sicherheitsakten? Aus welchem Land? Aus welcher Zeit?“
„Sie scheinen sich auf Syrien zu beziehen, auf eine sehr alte Zeit, noch bevor Papa ausgewandert ist. Vielleicht bedeutet es gar nichts. Aber ich möchte sicher sein, bevor ich Papa davon erzähle.“
„Sei vorsichtig, Lubna, ja? Versprich mir das. Ich weiß nicht genau, wonach du suchst. Aber etwas in mir sagt, dass die Sache größer ist, als wir alle denken.“
Nachdem sie aufgelegt hatte, blieb Widad allein in Kanaans Arbeitszimmer sitzen. Die Worte ihrer Tochter kreisten in ihrem Kopf. Die verstreuten Fäden, die sie in den letzten Tagen bemerkt hatte, schienen langsam zusammenzulaufen, immer deutlicher, in ein gemeinsames Gewebe, dessen ganze Form sie noch nicht erkennen konnte, dessen Gewicht sie aber bereits spürte.
Am Abend saßen sie nach dem Essen wie gewohnt im Wohnzimmer. Kanaan las ein Buch, Widad strickte etwas aus Wolle, und der Fernseher blieb ausgeschaltet – zum ersten Mal seit längerer Zeit. Beide hatten, ohne es auszusprechen, gespürt, dass das Schweigen zwischen ihnen an diesem Abend mehr Raum brauchte, als die Stimme des Fernsehers ihm lassen würde.
„Kanaan“, sagte Widad und sah auf ihre Nadeln, ohne den Blick zu ihm zu heben, „erinnerst du dich an das alte braune Album? Das mit deinen Bildern aus Syrien?“
Kanaan hielt für einen Moment mit dem Lesen inne und sah sie an. In seinen Augen lag, kurz bevor sein Gesicht wieder die gewohnte Ruhe annahm, etwas wie ein plötzliches Aufmerken.
„Natürlich. Warum fragst du?“
„Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit oft darin nachsiehst. Das ist nicht deine Art.“
Kanaan schwieg einen Augenblick, schloss langsam das Buch und sagte: „Vielleicht ist das einfach eine Zeit im Leben, in der man häufiger zu seinen Erinnerungen zurückkehrt. Mehr ist es nicht.“
„Kanaan, in dem Album fehlt ein Foto. Der Platz ist leer. Wer war darauf?“
Kanaan erstarrte. Für einen Moment hatte Widad das Gefühl, als sei mit ihm auch der ganze Raum stehen geblieben. Dann fragte er mit leiserer Stimme als gewöhnlich: „Warum hast du in dem Album nachgesehen?“
Seine Frage klang weniger anklagend als schützend. „Ich habe dir nicht nachspioniert“, sagte Widad. „Mir ist aufgefallen, dass du immer wieder darin nachsiehst, und meine Neugier hat mich dazu gebracht, einen Blick hineinzuwerfen. Ich bin seit dreißig Jahren deine Frau. Habe ich nicht auch das Recht, deine Vergangenheit zu kennen?“
Kanaan sah sie lange an. Zum ersten Mal seit vielen Jahren war ihm ein innerer Kampf deutlich anzusehen: zwischen dem Wunsch, etwas zu schützen, das seit Jahrzehnten begraben lag, und seiner Liebe zu dieser Frau, die nie mehr von ihm verlangt hatte, als er bereit gewesen war zu geben.
Schließlich sagte er mit einer ruhigeren, aber schweren Stimme: „Da war einmal ein Mädchen, vor sehr langer Zeit, viele Jahre bevor ich dich kennengelernt habe. Ihr Name spielt keine Rolle mehr. Sie gehörte zu einem anderen Leben, einem Leben, das endete, bevor unseres begann. Ich habe ihr Foto vor Jahren aus dem Album genommen. Nicht, weil ich etwas Schlechtes verbergen wollte. Manche Seiten im Leben eines Menschen schlägt man lieber um und kehrt nicht mehr zu ihnen zurück.“
„Warum kehrst du dann jetzt zu ihr zurück, wenn diese Seite doch umgeschlagen ist?“
Kanaan antwortete nicht sofort. Er sah zum dunklen Fenster. Nach einer langen Stille sagte er: „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, Widad. Vielleicht, weil in den letzten Tagen so vieles zu mir zurückkehrt, an das ich seit Jahrzehnten nicht gedacht habe. Diese Pille. Dann meine Zerstreutheit. Dann … ich weiß es nicht. Vielleicht bringt das Alter einen Menschen dazu, zu den Anfängen seines Lebens zurückzukehren und verstehen zu wollen, wie er dort angekommen ist, wo er jetzt steht.“
Die Antwort klang ehrlich, aber sie war nicht vollständig. Widad spürte das deutlich. Trotzdem beschloss sie, an diesem Abend nicht weiter zu drängen. In den Augen ihres Mannes sah sie eine Müdigkeit, die sie an ihm nicht kannte.
Sie rückte näher, setzte sich neben ihn und legte ihre Hand auf seine. „Ich werde dich nicht drängen, Kanaan. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich da bin, ganz gleich, was du in dir trägst. Wir haben dieses Leben nicht gemeinsam gelebt, damit ich dir mein Leben verberge. Und ich werde nicht akzeptieren, dass du mir deines verbirgst. Nicht, weil ich dir nicht vertraue. Sondern weil ich dich genug liebe, um alles mit dir auszuhalten, wie schwer es auch sein mag.“
Einen Augenblick lang blieben sie schweigend sitzen. In der Ecke knackte leise das Feuer im Kamin. Trotz all der Unruhe in ihrem Inneren spürte Widad auch etwas wie Frieden – einen Frieden, der aus der Gewissheit kam, dass sie, was immer die Wahrheit sein mochte, nicht allein vor ihr stehen würde.
Kanaan lächelte zum ersten Mal seit Tagen wirklich, küsste ihre Hand und sagte: „Ich verspreche dir, es gibt nichts, das all diese Sorge wert wäre. Es sind nur alte Erinnerungen, die aus Gründen zurückkehren, die ich selbst noch nicht verstehe.“
„Denkst du manchmal an sie?“, fragte Widad ruhig, aber mit einer sanften Beharrlichkeit. „An dieses Mädchen, meine ich. Nach all den Jahren?“
Kanaan schwieg kurz. „Nicht so, wie du es vielleicht denkst. Ich denke nicht an sie als an eine Frau, die ich einmal geliebt und verloren habe. Wenn ich ehrlich bin, denke ich an sie als an eine Frage, die ich noch nicht beantwortet habe. Eine Frage nach einer Entscheidung, die ich damals getroffen habe – und bei der ich bis heute nicht sicher weiß, ob sie richtig war.“
„Welche Entscheidung?“
Kanaan sah sie lange an. In seinen Augen lag ein tieferer Kampf, als er bis dahin gezeigt hatte. Dann sagte er: „Nicht jetzt, Widad. Ich verspreche dir, ich werde es dir erzählen. Aber nicht jetzt. Es gibt Dinge, die ein Mensch zuerst in sich selbst ordnen muss, bevor er sie mit jemandem teilen kann, den er liebt. Und wenn ich ehrlich bin, bin ich noch nicht weit genug geordnet.“
In seiner Stimme lag eine unverkennbare Aufrichtigkeit, an der Widad nicht zweifeln konnte. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit spürte sie auch, dass diese Aufrichtigkeit Grenzen hatte – Grenzen, die Kanaan selbst gezogen hatte und die sie, ob sie wollte oder nicht, zumindest im Augenblick respektieren musste.
Und doch, als sie in diesem stillen Moment den Kopf an seine Schulter lehnte, spürte Widad, dass dieser Satz trotz der Wärme seiner Stimme nicht ausreichte, um das tiefe Gefühl zu vertreiben, das sich seit Tagen in ihr bildete: Der Mann, den sie seit dreißig Jahren kannte, trug in sich einen verschlossenen Raum, den sie nie betreten hatte. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten begann die Tür dieses Raumes von innen zu beben.
Einige Tage nach diesem Gespräch, an einem anderen stillen Abend, war Kanaan für eine Weile zu einem Treffen mit seinem deutschen Verleger in die nahegelegene Stadt gefahren. Widad war allein zu Hause und hörte Radio, während sie das Abendessen vorbereitete, als das Festnetztelefon klingelte – jenes alte Telefon im Wohnzimmer, das sie trotz ihrer Mobiltelefone behalten hatten.
Widad trocknete sich die Hände an einem Küchentuch und eilte zum Telefon. Mit ihrer gewohnten warmen Stimme sagte sie: „Hallo?“
Niemand antwortete.
Sie wartete einen Moment. „Hallo? Wer ist da?“
Dann ging sie langsam zurück in die Küche und schloss das Fenster, das zum Lüften einen Spalt offen gestanden hatte. Zweimal überprüfte sie die Haustür, obwohl sie sicher war, sie abgeschlossen zu haben. Einen Augenblick blieb sie davor stehen und stellte sich eine Frage, von der sie nie gedacht hätte, dass sie sie gerade in diesem Haus einmal stellen würde: Waren sie hier wirklich sicher?
Sie setzte sich auf das Sofa und wartete auf Kanaans Rückkehr. Das eine Wort, das die fremde Stimme geflüstert hatte, hallte unaufhörlich in ihrem Kopf wider, wie das ferne Läuten einer Alarmglocke:
Frag ihn.
Frag ihn – wonach? Nach dem Album? Nach dem Mädchen, dessen Foto herausgenommen worden war? Nach dem gelben Umschlag in der verschlossenen Schublade? Oder nach etwas ganz anderem, etwas, das viel größer war, als sie es bis zu diesem Augenblick hatte ahnen können?
Als sie schließlich Kanaans Auto in die Einfahrt vor dem Haus fahren hörte, stand Widad hastig auf, strich sich mit beiden Händen über das Gesicht und versuchte, ihre gewohnte Ruhe wiederzufinden.
Einen Moment blieb sie vor dem kleinen Spiegel neben der Tür stehen und betrachtete ihr Gesicht. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie ihr natürliches Lächeln aussah. Mit einer leisen Traurigkeit bemerkte sie, dass sie es zum ersten Mal üben musste – es vor dem Spiegel prüfen, bevor sie die Tür öffnete. Als hätte das selbstverständliche Vertrauen, das dreißig Jahre lang jeden Augenblick zwischen ihnen getragen hatte, langsam, so langsam, dass man es kaum aufhalten konnte, einem anderen Gefühl Platz gemacht: Vorsicht.
Sie öffnete die Tür, lächelte ihn an und fragte nach seinem Treffen mit dem Verleger. Kanaan erzählte ihr von ganz gewöhnlichen Einzelheiten. Sie sprachen darüber ganz selbstverständlich, als wäre an diesem Abend nichts geschehen.
Doch während Widad beobachtete, wie Kanaan wie immer seinen Mantel auszog und an die Garderobe hängte, hatte sie zum ersten Mal seit dreißig Jahren das Gefühl, ein Geheimnis vor ihm zu tragen. Ein Geheimnis, das an der Oberfläche klein war: ein stilles Telefonat, ein einziges geflüstertes Wort. Und doch spürte sie, dass dieses kleine Geheimnis der erste Faden eines viel größeren Netzes war, das sich langsam um ihr ruhiges Zuhause zu legen begann.
Sie dachte daran, es ihm sofort zu sagen: „Heute hat jemand angerufen. Er hat nichts gesagt, außer einem einzigen Satz: Frag ihn.“ Doch als sie sein müdes Gesicht sah, während er sich schließlich auf sein gewohntes Sofa setzte, spürte sie, dass diese Nachricht an diesem Abend schwerer sein würde, als ein Mann tragen konnte, der ohnehin schon unter Fragen schwankte, auf die er selbst noch keine Antworten gefunden hatte. Also beschloss sie zu warten. Wenigstens noch einen Tag. Dieses Geheimnis für eine Weile allein zu tragen – genau wie er seit Wochen sein eigenes Geheimnis allein getragen hatte.
Sie wusste nicht, als sie diese scheinbar kleine Entscheidung traf, dass sie damit selbst in denselben Kreis trat, den sie Kanaan insgeheim vorgeworfen hatte: den Kreis des Schweigens, das schützen soll, am Ende aber niemanden wirklich schützt. Es verschiebt nur den Augenblick, an dem kein Ausweichen mehr möglich ist – den Augenblick, in dem alle, jeder auf seine Weise, derselben Frage gegenüberstehen müssen, die begonnen hatte, dieses ruhige Haus zu verfolgen.
In dieser Nacht schlief Kanaan schließlich ein. Sein Schlaf war ruhig, so ruhig, wie Widad ihn in den letzten Tagen nicht mehr erlebt hatte. Sie selbst blieb im Dunkeln wach und hörte seinen gleichmäßigen Atem neben sich. Sie dachte an das eine Wort, das die fremde Stimme am Telefon geflüstert hatte, und an die kommenden Tage, von denen sie ahnte, dass sie Fragen mitbringen würden, die sie, so sehr sie es auch versuchte, nicht für immer aufschieben konnte. Und als sie sich schließlich einem unruhigen Schlaf überließ, begriff sie, dass sie diese Frage nicht länger allein würde tragen können.
