Wie entsteht Bedeutung?
Ein semantischer Zugang zu einem konstitutiven Text
Teil Eins 01
Kapitel 01
Einleitung: Warum die Frage nach der Bedeutung neu gestellt werden muss
Die Frage nach der Bedeutung gehört zu den zentralen Fragen der Sprach- und Texttheorie. Dennoch wird sie in weiten Teilen der modernen Linguistik, Hermeneutik und Sprachphilosophie häufig so behandelt, als handle es sich um ein bereits geklärtes oder zumindest hinreichend eingehegtes Problem. Bedeutung erscheint dabei oft als etwas, das entweder im Text enthalten, durch den Autor intendiert oder vom Leser aktualisiert wird. Trotz erheblicher Differenzen zwischen diesen Positionen teilen sie eine grundlegende Annahme: dass Bedeutung in irgendeiner Form vor dem Vollzug des Lesens bereits vorhanden sei.
Dieses Buch setzt genau an diesem Punkt an und stellt diese Annahme radikal in Frage.
Die leitende These lautet: Bedeutung ist kein vorgängiger Inhalt, sondern ein strukturell hervorgebrachtes Ereignis. Sie entsteht nicht vor dem Text und wird auch nicht aus dem Text entnommen, sondern konstituiert sich im Zusammenspiel von sprachlicher Setzung, struktureller Ordnung und Leserposition. Bedeutung ist damit weder Substanz noch Besitz, sondern ein Prozess.
Diese Perspektive erfordert eine Neuformulierung der Frage selbst. Es geht nicht länger primär darum, was ein Text bedeutet, sondern wie Bedeutung überhaupt zustande kommt. Diese Verschiebung vom Ergebnis zur Genese bildet den methodischen Kern des vorliegenden Projekts.
1.1 Die verdeckte Voraussetzung traditioneller Bedeutungsmodelle
Ob in der klassischen Semantik, in der hermeneutischen Tradition oder in modernen texttheoretischen Ansätzen – vielfach wird Bedeutung als etwas gedacht, das sprachlich repräsentiert, transportiert oder vermittelt wird. Auch dort, wo man sich vom naiven Repräsentationsmodell gelöst hat, bleibt häufig die Vorstellung bestehen, dass Bedeutung zumindest als Möglichkeit bereits angelegt sei.
So versteht etwa Hans-Georg Gadamer Verstehen als Wirkungsgeschichte, in der sich Sinn im Horizont von Text und Leser entfaltet, ohne jedoch die Frage nach der strukturellen Konstitution dieses Sinns systematisch zu klären (vgl. Gadamer 1960). Paul Ricoeur verschiebt den Fokus auf den Text als autonome Sinnstruktur, die neue Bedeutungen eröffnet, setzt jedoch ebenfalls eine vorgängige Sinnhaftigkeit des Textes voraus (vgl. Ricoeur 1971).
Auch die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts – von Wittgenstein über Austin bis Searle – hat zwar die Performativität von Sprache hervorgehoben, jedoch meist auf der Ebene einzelner Äußerungen und Handlungen, nicht auf der Ebene konstitutiver Textstrukturen.
Was diesen Ansätzen gemeinsam ist, ist eine gewisse Blindheit gegenüber einer grundlegenden Frage:
Wie wird der Leser überhaupt in eine Bedeutungsordnung hineingeführt?
1.2 Bedeutung als Ereignis statt als Gegebenheit
Dieses Buch schlägt vor, Bedeutung nicht länger als Objekt oder Eigenschaft zu denken, sondern als Ereignis, das sich nur unter bestimmten strukturellen Bedingungen vollzieht. Diese Bedingungen sind nicht sekundär, sondern primär. Sie liegen nicht im thematischen Gehalt eines Textes, sondern in seiner Anordnung, seinem Anfang, seiner Ordnung und seiner zentralen Setzung.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Anfang eines Textes. Der Anfang wird hier nicht als formale Notwendigkeit oder bloßer Einstieg verstanden, sondern als ein semantisches Ereignis eigener Ordnung. Er wirkt orientierend, richtungsweisend und konstitutiv, noch bevor irgendeine inhaltliche Aussage verstanden wird.
Der Anfang entscheidet nicht darüber, was verstanden wird, sondern darüber, wie verstanden werden kann.
Diese These widerspricht gängigen Auffassungen, nach denen der Anfang lediglich eine vorbereitende oder rhetorische Funktion erfülle. Im Gegenteil: Der Anfang ist der Ort, an dem Bedeutung überhaupt erst möglich wird.
1.3 Konstitutive Texte und ihre besondere Stellung
Im Zentrum der Untersuchung stehen sogenannte konstitutive Texte. Darunter werden Texte verstanden, die nicht primär informieren, argumentieren oder erzählen, sondern eine Bedeutungsordnung setzen, innerhalb derer weiteres Sprechen, Lesen und Verstehen erst sinnvoll wird.
Solche Texte zeichnen sich dadurch aus, dass sie:
• nicht erklären, sondern orientieren,
• nicht argumentieren, sondern strukturieren,
• nicht überzeugen, sondern eine Leserhaltung erzeugen.
Die Analyse solcher Texte erlaubt es, die Genese von Bedeutung in ihrer reinen Form zu beobachten, da hier die strukturelle Dimension des Sinns besonders deutlich hervortritt.
1.4 Zielsetzung und Aufbau des Buches
Ziel dieses Buches ist es, ein theoretisches Modell zur Entstehung von Bedeutung zu entwickeln, das:
1. Bedeutung nicht voraussetzt, sondern erklärt,
2. den Anfang als zentrale semantische Kategorie ernst nimmt,
3. Struktur vor Inhalt stellt,
4. und an einem konkreten Textbeispiel überprüft wird.
Methodisch verbindet die Arbeit:
• sprachphilosophische Reflexion,
• texttheoretische Analyse,
• und hermeneutische Sensibilität,
ohne sich einer einzelnen Schule exklusiv zuzuordnen.
Der Aufbau des Buches folgt einer klaren Progression:
• Teil I klärt das Problemfeld und positioniert die Fragestellung.
• Teil II entwickelt eine Theorie des Anfangs als semantischem Ereignis.
• Teil III entfaltet die zentralen Begriffe von Schwelle, Zentrum und Ordnung.
• Teil IV überprüft das Modell anhand einer detaillierten Fallstudie.
• Teil V diskutiert die theoretischen Konsequenzen und Perspektiven.
Dieses Buch versteht sich nicht als Abschluss, sondern als Beitrag zu einer grundlegenden Neubestimmung dessen, was es heißt, dass Texte Bedeutung tragen.
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Literatur (Auswahl)
• Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr Siebeck, 1960.
• Ricoeur, Paul: Der Konflikt der Interpretationen. München: Fink, 1971.
• Austin, John L.: How to Do Things with Words. Oxford: Clarendon Press, 1962.
• Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1953.
Kapitel 02
Bedeutung als Problem – nicht als Gegebenheit
Die Annahme, dass Bedeutung etwas Gegebenes sei, gehört zu den hartnäckigsten Selbstverständlichkeiten der Sprach- und Texttheorie. Sie wirkt oft so grundlegend, dass sie selten explizit gemacht, geschweige denn kritisch hinterfragt wird. Bedeutung erscheint dabei entweder als im Text enthaltene Größe, als intentionale Setzung des Autors oder als mentale Konstruktion des Lesers. Trotz ihrer Unterschiede teilen diese Auffassungen eine gemeinsame Voraussetzung: Bedeutung ist bereits da – sie muss lediglich erschlossen werden.
Dieses Kapitel setzt genau hier an und formuliert eine Gegenposition. Es geht nicht davon aus, dass Bedeutung eine Gegebenheit ist, sondern versteht sie als Problem, das erst erklärt werden muss. Die Frage lautet daher nicht: Wo liegt die Bedeutung?, sondern: Unter welchen Bedingungen kann überhaupt von Bedeutung gesprochen werden?
2.1 Die Selbstverständlichkeit der Bedeutung
In alltäglichen wie auch in wissenschaftlichen Kontexten wird häufig so gesprochen, als sei Bedeutung eine stabile Größe. Texte „haben“ Bedeutung, Sätze „tragen“ Bedeutung, Wörter „bedeuten“ etwas. Diese Redeweise ist pragmatisch sinnvoll, verdeckt jedoch eine theoretisch folgenreiche Vereinfachung. Sie suggeriert, dass Bedeutung unabhängig vom Vollzug des Lesens existiere.
In der klassischen Semantik wird Bedeutung oft als Relation zwischen sprachlichen Ausdrücken und außersprachlichen Referenten verstanden. Auch dort, wo diese Referenzmodelle differenziert oder modifiziert werden, bleibt die Vorstellung bestehen, dass Bedeutung prinzipiell bestimmbar und fixierbar sei (vgl. Lyons 1977).
Hermeneutische Ansätze wiederum betonen zwar die Rolle des Verstehens, setzen jedoch meist voraus, dass es etwas zu verstehen gibt. Der Sinn mag sich geschichtlich wandeln, aber er ist nicht grundsätzlich fraglich.
Gerade diese Selbstverständlichkeit macht eine theoretische Neubestimmung notwendig.
2.2 Bedeutung und ihre impliziten Träger
Die Vorstellung von Bedeutung als Gegebenheit hängt eng mit der Frage nach ihrem vermeintlichen Träger zusammen. Drei Modelle dominieren den Diskurs:
1. Der Text als Bedeutungsträger
Hier gilt der Text als Speicher oder Container von Bedeutung. Lesen bedeutet, diese Bedeutung freizulegen oder zu rekonstruieren.
2. Der Autor als Ursprung der Bedeutung
In intentionalistischen Modellen wird Bedeutung auf die Absicht des Autors zurückgeführt. Der Text fungiert lediglich als Medium.
3. Der Leser als Produzent der Bedeutung
Rezeptionsästhetische Ansätze betonen die aktive Rolle des Lesers, verlagern das Problem jedoch häufig lediglich vom Text zum Subjekt.
So unterschiedlich diese Modelle sind, sie teilen eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie setzen Bedeutung voraus, anstatt ihre Entstehung systematisch zu erklären.
Das vorliegende Projekt setzt dem ein anderes Verständnis entgegen. Bedeutung wird hier nicht lokalisiert, sondern prozessual gedacht.
2.3 Bedeutung ohne Substanz
Wenn Bedeutung keine Substanz ist, die irgendwo „liegt“, dann kann sie auch nicht einfach übertragen oder extrahiert werden. Sie ist vielmehr das Resultat eines strukturierten Vollzugs. Bedeutung ereignet sich dort, wo sprachliche Formen, textuelle Ordnung und Leserhaltung in ein bestimmtes Verhältnis treten.
In diesem Sinne ist Bedeutung:
• nicht dinghaft,
• nicht vollständig kontrollierbar,
• nicht unabhängig vom Lesen.
Sie ist auch nicht identisch mit Information. Ein Text kann hochgradig informativ sein, ohne bedeutungsvoll zu wirken, und umgekehrt kann ein Text bedeutungsvoll sein, ohne neue Informationen zu liefern.
Diese Unterscheidung ist zentral. Bedeutung entsteht nicht primär durch Inhalt, sondern durch Orientierung.
2.4 Die methodische Konsequenz: Von der Frage nach dem „Was“ zur Frage nach dem „Wie“
Die Verschiebung von Bedeutung als Gegebenheit zu Bedeutung als Problem hat weitreichende methodische Konsequenzen. Sie zwingt dazu, die Aufmerksamkeit von semantischen Ergebnissen auf semantische Bedingungen zu lenken.
Statt zu fragen:
• Was bedeutet dieser Text?
• Welche Aussage wird hier gemacht?
muss gefragt werden:
• Wie wird ein Bedeutungsraum eröffnet?
• Wie wird der Leser positioniert?
• Welche Struktur macht Verstehen überhaupt möglich?
Diese Fragen führen notwendig zur Untersuchung des Anfangs, der Ordnung und der zentralen Setzungen eines Textes. Bedeutung wird nicht am Ende eines Interpretationsprozesses gefunden, sondern am Anfang eines strukturellen Vollzugs ermöglicht.
2.5 Bedeutung als Herausforderung der Theorie
Bedeutung als Problem zu begreifen heißt auch, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass eine endgültige Definition möglich sei. Bedeutung entzieht sich einfachen Bestimmungen, gerade weil sie kein Objekt ist. Sie ist relational, situativ und strukturell vermittelt.
Das bedeutet jedoch nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil: Gerade weil Bedeutung nicht gegeben ist, bedarf sie umso stärker klarer Strukturen. Nicht alles kann alles bedeuten. Bedeutung ist möglich, aber nicht grenzenlos.
Diese Einsicht bildet eine der tragenden Überzeugungen dieses Buches:
Bedeutung entsteht nicht aus Freiheit allein, sondern aus Ordnung.
2.6 Ausblick: Der Weg zum Anfang
Wenn Bedeutung weder gegeben noch beliebig ist, dann stellt sich unausweichlich die Frage nach ihrem ersten Auftreten. Wo beginnt Bedeutung? Nicht im lexikalischen Eintrag, nicht in der Aussage, nicht im Argument – sondern dort, wo ein Text den Leser erstmals in eine bestimmte Haltung versetzt.
Damit rückt der Anfang ins Zentrum der Analyse. Der Anfang ist nicht der erste Satz, sondern der erste wirksame strukturelle Akt. Ihm gilt der nächste Teil der Untersuchung.
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Literatur (Auswahl)
• Lyons, John: Semantics. Cambridge: Cambridge University Press, 1977.
• Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr Siebeck, 1960.
• Ricoeur, Paul: Der Konflikt der Interpretationen. München: Fink, 1971.
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Kapitel 03
Die Vorstellung vom „vorgängigen Sinn“
Die Annahme eines „vorgängigen Sinns“ gehört zu den tiefsten und zugleich am wenigsten reflektierten Voraussetzungen moderner Bedeutungsmodelle. Sie besagt, dass Bedeutung in irgendeiner Form bereits vorhanden sei, bevor sie sprachlich artikuliert, textuell fixiert oder gelesen wird. Sprache erscheint in diesem Verständnis nicht als Ort der Bedeutungsbildung, sondern als ihr sekundäres Medium.
Dieses Kapitel zeigt, dass diese Vorstellung – so plausibel sie auf den ersten Blick wirken mag – theoretisch problematisch ist. Sie verschiebt die Frage nach der Entstehung von Bedeutung in einen vor-sprachlichen Raum, der sich systematischer Analyse weitgehend entzieht.
3.1 Formen des vorgängigen Sinns
Der Gedanke eines vorgängigen Sinns tritt in unterschiedlichen Varianten auf, die sich historisch und systematisch unterscheiden lassen, in ihrer Grundannahme jedoch übereinstimmen.
1. Der intentionale Sinn
Bedeutung gilt hier als das, was der Autor „meinen wollte“. Sprache hat die Aufgabe, diesen Sinn möglichst adäquat auszudrücken. Der Sinn ist demnach mental vorhanden, bevor er sprachlich formuliert wird.
2. Der ontologische Sinn
In philosophischen Traditionen wird Sinn als in der Welt oder im Sein selbst verankert gedacht. Sprache bringt diesen Sinn nicht hervor, sondern legt ihn frei.
3. Der kulturell sedimentierte Sinn
Bedeutung erscheint als Ergebnis historischer, sozialer oder kultureller Prozesse, die dem einzelnen Text vorausliegen. Texte aktualisieren lediglich vorhandene Sinnbestände.
So verschieden diese Modelle sind, sie teilen die Überzeugung, dass Bedeutung nicht erst im sprachlichen Vollzug entsteht, sondern diesem vorgelagert ist.
3.2 Die Attraktivität des vorgängigen Sinns
Die Vorstellung eines vorgängigen Sinns ist deshalb so wirkmächtig, weil sie mehrere theoretische Bedürfnisse zugleich befriedigt. Sie ermöglicht:
• die Stabilisierung von Bedeutung,
• die Sicherung von Verständigung,
• und die Begrenzung interpretativer Offenheit.
Wenn Sinn bereits vorhanden ist, kann man sich auf ihn berufen. Interpretation wird dann zur Rekonstruktion oder Annäherung, nicht zur konstitutiven Praxis. Diese Perspektive bietet Orientierung und Sicherheit, insbesondere in Kontexten, in denen Bedeutung normativ relevant ist.
Gerade diese Attraktivität macht jedoch blind für die eigentlichen Bedingungen der Bedeutungsentstehung.
3.3 Das Problem der Vorverlagerung
Die zentrale Schwierigkeit des vorgängigen Sinns liegt in seiner methodischen Unzugänglichkeit. Ein Sinn, der vor der Sprache existieren soll, kann nur über Sprache thematisiert werden. Damit entsteht ein Zirkelschluss: Der vorgängige Sinn wird nur insofern greifbar, als er bereits sprachlich artikuliert ist.
Zudem bleibt unklar:
• Wie dieser Sinn strukturiert ist,
• wie er stabil bleibt,
• und wie unterschiedliche Leser Zugang zu demselben Sinn erhalten sollen.
Der vorgängige Sinn fungiert damit oft als theoretische Abkürzung, die das eigentliche Problem umgeht, statt es zu lösen.
3.4 Sprache als Ort der Sinnkonstitution
Dem Modell des vorgängigen Sinns stellt dieses Buch eine alternative Perspektive entgegen. Bedeutung wird hier nicht vor der Sprache angesiedelt, sondern in der Sprache selbst. Sprache ist nicht bloß Ausdruck, sondern Produktionsraum von Sinn.
Diese Einsicht bedeutet nicht, dass es keine Intentionen, keine Weltbezüge oder keine kulturellen Voraussetzungen gäbe. Sie bedeutet vielmehr, dass all diese Faktoren erst innerhalb sprachlicher Strukturen wirksam werden.
Sinn ist nicht das, was der Sprache vorausgeht, sondern das, was sich in ihr formt.
3.5 Die Rolle der Struktur
Wenn Sinn nicht vorgängig ist, dann muss er erzeugt werden. Diese Erzeugung geschieht nicht beliebig, sondern durch Struktur. Struktur meint hier nicht Grammatik im engen Sinn, sondern:
• Anordnung,
• Gewichtung,
• Wiederholung,
• und Positionierung.
Besonders entscheidend ist dabei der Anfang. Der Anfang legt fest, unter welchen Voraussetzungen weiteres Lesen sinnvoll wird. Er eröffnet einen Möglichkeitsraum, in dem Bedeutung entstehen kann, ohne bereits festgelegt zu sein.
Der vorgängige Sinn wird damit ersetzt durch eine vorgängige Struktur.
3.6 Konsequenzen für das Verständnis von Texten
Die Abkehr vom vorgängigen Sinn verändert grundlegend, wie Texte gelesen und interpretiert werden. Texte sind keine Behälter von Sinn, sondern Anordnungen, die Sinn ermöglichen. Interpretation bedeutet nicht das Freilegen eines verborgenen Gehalts, sondern das Nachvollziehen einer strukturellen Bewegung.
Diese Perspektive erlaubt es, auch solche Texte ernst zu nehmen, die wenig oder keine explizite Information enthalten, deren Wirkung jedoch unbestreitbar ist. Ihre Bedeutung liegt nicht in dem, was sie sagen, sondern in dem, was sie ermöglichen.
3.7 Übergang: Vom Sinn zur Setzung
Wenn Bedeutung nicht vorausliegt, sondern entsteht, dann stellt sich die Frage nach dem ersten Akt dieser Entstehung. Dieser Akt ist keine Aussage, kein Argument, keine Information, sondern eine Setzung.
Die Analyse dieser Setzung – ihrer Form, ihrer Funktion und ihrer Wirkung – bildet den Ausgangspunkt für die weitere Untersuchung. Damit wendet sich der Blick nun endgültig dem Anfang zu.
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Literatur (Auswahl)
• Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen. Halle: Niemeyer, 1900–1901.
• Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr Siebeck, 1960.
• Ricoeur, Paul: Der Konflikt der Interpretationen. München: Fink, 1971.
• Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1953.
Kapitel 04
Sprache als Medium oder als Ort der Bedeutungsbildung?
Die Frage nach der Rolle der Sprache in der Entstehung von Bedeutung ist keine terminologische, sondern eine grundlegende methodische Entscheidung. Ob Sprache als bloßes Medium der Bedeutungsvermittlung oder als eigentlicher Ort der Bedeutungsbildung verstanden wird, bestimmt, wie Texte gelesen, interpretiert und theoretisch eingeordnet werden.
Dieses Kapitel argumentiert, dass nur ein Verständnis von Sprache als Ort der Bedeutungsbildung in der Lage ist, die Genese von Bedeutung systematisch zu erklären. Modelle, die Sprache lediglich als Medium auffassen, verlagern das Problem der Bedeutung notwendig in einen vor- oder außersprachlichen Bereich – und entziehen es damit der Analyse.
4.1 Das Medienmodell der Sprache
In vielen semantischen und hermeneutischen Ansätzen wird Sprache implizit oder explizit als Medium verstanden. Bedeutung gilt in diesen Modellen als etwas, das unabhängig von der Sprache existiert und durch sprachliche Zeichen transportiert wird. Sprache fungiert dabei als Vehikel, nicht als konstitutiver Faktor.
Dieses Medienmodell zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungen:
• in der Vorstellung, Wörter „bezeichnen“ vorgegebene Inhalte,
• in der Annahme, Texte „vermitteln“ Bedeutungen,
• und in der Idee, Sprache sei ein Werkzeug, das ein bereits vorhandenes Sinnpotential aktualisiere.
So plausibel dieses Modell im Alltag erscheinen mag, so problematisch ist es aus theoretischer Sicht. Denn es lässt unbeantwortet, wie Bedeutung ohne Sprache strukturiert sein soll und wie sie unabhängig von sprachlicher Form stabil bleiben kann.
4.2 Die Konsequenzen des Medienmodells
Wird Sprache lediglich als Medium begriffen, ergeben sich mehrere theoretische Konsequenzen:
1. Bedeutung wird vorverlagert – entweder in das Bewusstsein des Autors, in die Welt oder in kulturelle Sinnbestände.
2. Sprache erscheint sekundär und austauschbar.
3. Der Text wird zu einem Behälter oder Kanal, nicht zu einer konstitutiven Struktur.
Diese Konsequenzen erschweren es, Phänomene zu erklären, die gerade nicht auf inhaltliche Mitteilung reduziert werden können: etwa die orientierende Kraft von Textanfängen, die Wirkung formelhafter Wendungen oder die Stabilität bestimmter Textstrukturen über kulturelle und historische Grenzen hinweg.
4.3 Sprache als Ort der Bedeutungsbildung
Dem Medienmodell steht ein alternatives Verständnis von Sprache gegenüber: Sprache als Ort, an dem Bedeutung überhaupt erst entsteht. In dieser Perspektive ist Sprache nicht Mittel zum Zweck, sondern Bedingung der Möglichkeit von Bedeutung.
Bedeutung existiert hier nicht unabhängig von sprachlicher Form. Sie ist weder im Kopf des Autors noch in der Welt an sich verankert, sondern wird durch sprachliche Setzungen, Ordnungen und Relationen hervorgebracht.
Diese Sichtweise knüpft an Einsichten der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts an, geht jedoch einen entscheidenden Schritt weiter. Während etwa Wittgenstein den Gebrauch der Sprache betont, richtet sich der Fokus hier auf die strukturelle Organisation von Texten, insbesondere auf ihre Anfangs- und Ordnungsformen.
4.4 Textuelle Struktur statt sprachlicher Substanz
Wenn Sprache der Ort der Bedeutungsbildung ist, dann liegt der Schlüssel nicht in einzelnen Wörtern oder Sätzen, sondern in der textuellen Struktur. Bedeutung entsteht nicht punktuell, sondern relational. Sie ergibt sich aus:
• Positionen,
• Übergängen,
• Gewichtungen,
• und Wiederholungen.
Der Text ist in diesem Sinne kein lineares Medium, sondern ein Raum, in dem Bedeutungsrelationen aufgebaut werden. Lesen bedeutet, diesen Raum zu betreten und sich in ihm zu orientieren.
Diese Perspektive erlaubt es, Bedeutung als etwas zu verstehen, das weder vollständig fixierbar noch beliebig ist. Sie ist an Struktur gebunden, aber nicht auf Inhalt reduzierbar.
4.5 Der Anfang als lokalisierbarer Ort der Bedeutungsbildung
Besonders deutlich wird die Rolle der Sprache als Ort der Bedeutungsbildung am Anfang eines Textes. Der Anfang ist der Punkt, an dem Sprache erstmals nicht nur sagt, sondern setzt. Er etabliert Relationen, bevor Aussagen verstanden werden.
In diesem Sinne ist der Anfang kein Abschnitt unter anderen, sondern der erste wirksame Ort von Bedeutung. Er entscheidet darüber, wie der Text gelesen werden kann, welche Erwartungen legitim sind und welche Formen des Verstehens ausgeschlossen werden.
Die Analyse des Anfangs erlaubt es daher, Bedeutung dort zu beobachten, wo sie noch nicht als Inhalt, sondern als Möglichkeit vorliegt.
4.6 Abgrenzung: Sprache als Ort, nicht als Ursache
Es ist wichtig zu betonen, dass die Auffassung von Sprache als Ort der Bedeutungsbildung keine monokausale Erklärung beansprucht. Sprache ist nicht die alleinige Ursache von Bedeutung, wohl aber der unverzichtbare Raum, in dem Bedeutung Gestalt annimmt.
Intentionen, kulturelle Kontexte und soziale Praktiken wirken nicht außerhalb der Sprache, sondern in ihr. Sie werden erst durch sprachliche Struktur relevant und wirksam.
Diese Einsicht erlaubt es, die Vielfalt der Bedeutung zu erklären, ohne in Relativismus oder Subjektivismus zu verfallen.
4.7 Übergang: Von der Sprache zur Struktur
Wenn Sprache der Ort der Bedeutungsbildung ist, dann muss die Analyse sich auf jene Elemente richten, die diesen Ort strukturieren. Nicht Wörter oder Bedeutungszuweisungen stehen im Zentrum, sondern Anfänge, Schwellen, Zentren und Ordnungen.
Damit ist der Weg bereitet für die weitere Untersuchung, die sich nun systematisch dem Anfang zuwendet – nicht als formales Detail, sondern als konstitutivem Ereignis.
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Literatur (Auswahl)
• Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1953.
• Austin, John L.: How to Do Things with Words. Oxford: Clarendon Press, 1962.
• Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr Siebeck, 1960.
• Bühler, Karl: Sprachtheorie. Jena: Fischer, 1934.
Kapitel 05
Kritik repräsentationaler Semantik
Die repräsentationale Semantik gehört zu den einflussreichsten und zugleich problematischsten Paradigmen der Bedeutungstheorie. Ihr Grundgedanke ist einfach und scheinbar selbstverständlich: Sprache repräsentiert Wirklichkeit, und Bedeutung besteht in der korrekten Zuordnung sprachlicher Zeichen zu vorgegebenen Sachverhalten. Wörter stehen für Dinge, Sätze für Tatsachen, Texte für komplexe Bedeutungszusammenhänge.
Dieses Kapitel zeigt, dass dieses Modell – trotz seiner historischen Bedeutung – nicht in der Lage ist, die Entstehung von Bedeutung zu erklären. Es setzt Bedeutung voraus, anstatt ihre Genese zu analysieren, und verkennt die konstitutive Rolle sprachlicher Struktur.
5.1 Grundannahmen repräsentationaler Semantik
Die repräsentationale Semantik beruht auf mehreren miteinander verknüpften Annahmen:
1. Es gibt eine vorstrukturierte Wirklichkeit, die unabhängig von Sprache besteht.
2. Sprachliche Zeichen verweisen auf diese Wirklichkeit.
3. Bedeutung ergibt sich aus der Übereinstimmung zwischen Zeichen und Referent.
4. Verstehen bedeutet, diese Übereinstimmung korrekt zu erfassen.
Diese Annahmen prägen nicht nur klassische semantische Theorien, sondern wirken bis in moderne linguistische Modelle hinein, oft in impliziter Form.
5.2 Das Problem der Referenz
Das zentrale Konzept der repräsentationalen Semantik ist die Referenz. Bedeutung wird hier als Beziehung zwischen Zeichen und Welt gedacht. Doch gerade diese Beziehung erweist sich bei näherer Betrachtung als erklärungsbedürftig.
Zum einen bleibt unklar, wie sprachliche Zeichen ihre Referenten eindeutig festlegen sollen. Zum anderen erklärt Referenz nicht, warum bestimmte sprachliche Formen Bedeutung erzeugen, während andere – bei gleicher Referenz – bedeutungslos oder wirkungslos bleiben.
Zudem kann Referenz nicht erklären, wie abstrakte, relationale oder normativ aufgeladene Bedeutungen entstehen. Begriffe wie „Gerechtigkeit“, „Verantwortung“ oder „Sinn“ lassen sich nicht auf einfache Sachverhalte abbilden, ohne dass ihre Bedeutung verloren geht.
5.3 Bedeutung ohne Abbildung
Ein weiteres Problem des repräsentationalen Modells liegt in seiner stillschweigenden Gleichsetzung von Bedeutung und Abbildung. Sprache soll die Welt widerspiegeln, und je genauer diese Spiegelung gelingt, desto klarer ist die Bedeutung.
Diese Vorstellung übersieht, dass Sprache nicht passiv abbildet, sondern aktiv ordnet. Sie strukturiert Wahrnehmung, lenkt Aufmerksamkeit und setzt Relationen. Bedeutung entsteht nicht dadurch, dass Sprache etwas zeigt, sondern dadurch, wie sie es zeigt.
Die Abbildungsmetapher verkennt damit die produktive Dimension sprachlicher Formen.
5.4 Der blinde Fleck: Struktur und Anfang
Besonders deutlich wird die Schwäche repräsentationaler Semantik im Umgang mit Textanfängen. Der Anfang eines Textes enthält häufig keine überprüfbare Referenz, keine Information über die Welt und keine klar identifizierbare Aussage – und dennoch wirkt er orientierend und bedeutungsvoll.
Ein repräsentationales Modell kann diese Wirkung kaum erklären. Wenn Bedeutung ausschließlich aus Referenz resultiert, dann müsste der Anfang eines Textes zunächst bedeutungslos sein, bis eine referentielle Aussage gemacht wird. Empirisch ist jedoch das Gegenteil der Fall.
Der Anfang erzeugt Bedeutung, bevor er etwas abbildet.
5.5 Alternative Perspektiven und ihre Grenzen
Zahlreiche Theorien haben versucht, die Defizite repräsentationaler Semantik zu überwinden, etwa durch:
• pragmatische Erweiterungen,
• kontextuelle Einbettungen,
• oder kognitive Modelle.
Diese Ansätze liefern wichtige Einsichten, bleiben jedoch oft innerhalb des repräsentationalen Rahmens. Sie modifizieren das Modell, ohne seine Grundannahme grundsätzlich in Frage zu stellen: dass Bedeutung letztlich auf Abbildung oder Referenz beruhe.
Das vorliegende Projekt geht einen Schritt weiter, indem es diese Grundannahme selbst problematisiert.
5.6 Bedeutung als relationale Ordnung
Statt Bedeutung als Abbildung zu verstehen, wird sie hier als relationale Ordnung begriffen. Bedeutung entsteht nicht durch die Übereinstimmung zwischen Sprache und Welt, sondern durch die Strukturierung eines Bedeutungsraums, in dem Weltbezüge erst sinnvoll werden.
Diese Ordnung ist nicht beliebig, sondern folgt bestimmten Mustern: Anfänge, Schwellen, Zentren und Ordnungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie schaffen Orientierung, noch bevor Referenz möglich oder relevant wird.
In dieser Perspektive ist Sprache nicht Spiegel, sondern Architektur.
5.7 Übergang: Von der Kritik zur Neuorientierung
Die Kritik repräsentationaler Semantik ist kein Selbstzweck. Sie dient dazu, den Blick frei zu machen für eine andere Frage: Wenn Bedeutung nicht abgebildet wird, sondern entsteht – wo und wie beginnt dieser Prozess?
Damit richtet sich der Fokus nun endgültig auf den Anfang als konstitutiven Ort der Bedeutungsbildung. Der nächste Schritt besteht darin, diesen Anfang systematisch zu untersuchen.
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Literatur (Auswahl)
• Frege, Gottlob: „Über Sinn und Bedeutung“. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 1892.
• Lyons, John: Semantics. Cambridge: Cambridge University Press, 1977.
• Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1953.
• Putnam, Hilary: Meaning and Reference. Journal of Philosophy, 1973.
Kapitel 06
Sinn, Bedeutung, Verstehen – begriffliche Klärungen
Die Begriffe Sinn, Bedeutung und Verstehen gehören zu den zentralen Termini der Sprach- und Texttheorie. Zugleich zählen sie zu den am häufigsten verwendeten und am wenigsten präzise bestimmten Begriffen. Nicht selten werden sie synonym gebraucht oder implizit vorausgesetzt, ohne ihre jeweilige Funktion im theoretischen Gefüge klar zu unterscheiden.
Dieses Kapitel hat daher eine klärende Funktion. Es geht nicht darum, endgültige Definitionen zu liefern, sondern darum, die Begriffe funktional zu differenzieren, um sie für die weitere Analyse methodisch brauchbar zu machen.
6.1 Die Notwendigkeit begrifflicher Unterscheidung
Viele theoretische Missverständnisse im Diskurs über Bedeutung lassen sich auf begriffliche Unschärfen zurückführen. Wenn etwa davon gesprochen wird, ein Text „habe Sinn“ oder „werde verstanden“, bleibt oft unklar, auf welcher Ebene diese Aussagen angesiedelt sind.
Ohne begriffliche Differenzierung drohen:
• Kategorienvermischungen,
• Zirkelschlüsse,
• und verdeckte Vorannahmen.
Eine präzise Unterscheidung zwischen Sinn, Bedeutung und Verstehen ist daher keine terminologische Spielerei, sondern eine methodische Notwendigkeit.
6.2 Sinn: Orientierung ohne Festlegung
Der Begriff Sinn bezeichnet in diesem Projekt nicht einen bestimmten Inhalt, sondern eine Orientierungsdimension. Sinn ist das, was Verstehen in eine Richtung lenkt, ohne es bereits festzulegen. Er ist offen, relational und situationsabhängig.
Sinn ist nicht das Ergebnis von Interpretation, sondern ihre Voraussetzung. Er entsteht dort, wo ein Text eine bestimmte Haltung, Erwartung oder Aufmerksamkeit erzeugt. In diesem Sinne ist Sinn nicht fixierbar, wohl aber wirksam.
Diese Auffassung knüpft an phänomenologische Traditionen an, löst sich jedoch von der Vorstellung eines intentionalen Sinngehalts, der im Bewusstsein vorliegt.
6.3 Bedeutung: strukturelle Stabilisierung von Sinn
Bedeutung wird hier enger gefasst als Sinn. Sie bezeichnet die strukturierte und stabilisierte Form, in der Sinn innerhalb eines Textes wirksam wird. Bedeutung ist nicht frei schwebend, sondern an textuelle Ordnungen gebunden.
Während Sinn Bewegung ermöglicht, sorgt Bedeutung für Fixierung innerhalb bestimmter Grenzen. Bedeutung entsteht, wenn Orientierung durch Struktur getragen wird. Sie ist damit weder rein subjektiv noch objektiv, sondern relational.
In diesem Verständnis ist Bedeutung kein Besitz, sondern ein Effekt.
6.4 Verstehen: Vollzug, nicht Zustand
Verstehen bezeichnet schließlich den Vollzug, in dem Sinn und Bedeutung wirksam werden. Verstehen ist kein mentaler Zustand, der erreicht oder abgeschlossen werden kann, sondern ein prozesshafter Akt.
Verstehen geschieht nicht automatisch, sondern setzt bestimmte Bedingungen voraus:
• strukturelle Zugänglichkeit des Textes,
• Bereitschaft des Lesers,
• und Orientierung durch Anfang und Ordnung.
Verstehen ist damit kein bloßes Erfassen, sondern eine Form der Teilnahme an einer Bedeutungsordnung.
6.5 Die Relation der drei Begriffe
Die drei Begriffe stehen in einem dynamischen Verhältnis zueinander:
• Sinn eröffnet einen Möglichkeitsraum.
• Bedeutung strukturiert diesen Raum.
• Verstehen ist der Vollzug innerhalb dieses Raumes.
Keine dieser Dimensionen ist auf die andere reduzierbar. Sinn ohne Bedeutung bleibt diffus, Bedeutung ohne Verstehen bleibt wirkungslos, Verstehen ohne Sinn bleibt orientierungslos.
Diese Relation ist nicht hierarchisch, sondern funktional.
6.6 Abgrenzung zu alternativen Begriffsverwendungen
In der Tradition Frege’scher Semantik wird Sinn häufig als vermittelnde Ebene zwischen Zeichen und Referenz verstanden. Dieses Projekt übernimmt diese Unterscheidung nicht. Sinn wird hier nicht als vermittelnder Inhalt, sondern als orientierende Struktur gedacht.
Ebenso wird Verstehen nicht im Sinne einer korrekten Rekonstruktion einer Bedeutung verstanden, sondern als aktive Teilnahme an einer textuellen Ordnung.
Diese Abgrenzungen sind notwendig, um Missverständnisse im weiteren Verlauf zu vermeiden.
6.7 Übergang: Von der Klärung zur Analyse
Mit der begrifflichen Klärung ist der Boden bereitet für die eigentliche Analyse. Die folgenden Kapitel wenden sich nun verstärkt der Frage zu, wie Sinn und Bedeutung konkret strukturell erzeugt werden.
Der nächste Schritt besteht darin, den Anfang nicht nur theoretisch zu postulieren, sondern analytisch ernst zu nehmen.
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Literatur (Auswahl)
• Frege, Gottlob: „Über Sinn und Bedeutung“. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 1892.
• Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen. Halle: Niemeyer, 1900–1901.
• Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr Siebeck, 1960.
• Ricoeur, Paul: Der Konflikt der Interpretationen. München: Fink, 1971.
Kapitel 07
Hermeneutik und ihre Grenzen
Die Hermeneutik hat wie kaum eine andere Disziplin das Verständnis von Text, Sinn und Verstehen im 20. Jahrhundert geprägt. Sie hat den Fokus von objektiver Bedeutung auf den Prozess des Verstehens verlagert und damit entscheidend zur Einsicht beigetragen, dass Sinn nicht unabhängig vom Leser gedacht werden kann.
Dieses Buch steht in einem produktiven Verhältnis zur hermeneutischen Tradition. Es teilt zentrale Einsichten der Hermeneutik, setzt jedoch an einem Punkt an, an dem ihre Erklärungskraft an ihre Grenzen stößt: bei der Genese von Bedeutung.
7.1 Die Leistung der Hermeneutik
Die hermeneutische Wende, wie sie insbesondere durch Heidegger und Gadamer vollzogen wurde, hat das Verständnis von Texten grundlegend verändert. Verstehen wird hier nicht als methodischer Akt, sondern als ontologische Grundstruktur menschlicher Existenz begriffen.
Zentrale Einsichten der Hermeneutik sind:
• Verstehen ist geschichtlich situiert,
• Sinn entsteht im Horizont von Text und Leser,
• Vorurteile sind Bedingungen des Verstehens, nicht dessen Hindernisse.
Diese Einsichten haben die Illusion objektiver, zeitloser Bedeutungen nachhaltig erschüttert und den Leser als aktiven Mitvollzug des Sinns rehabilitiert.
7.2 Die implizite Voraussetzung der Hermeneutik
So grundlegend diese Einsichten sind, sie beruhen auf einer stillschweigenden Voraussetzung: dass es etwas zu verstehen gibt. Die Hermeneutik fragt nach dem Wie des Verstehens, nicht nach den Bedingungen der Möglichkeit von Bedeutung selbst.
Sinn erscheint bei Gadamer als Wirkungsgeschichte, bei Ricoeur als Textsinn, der sich im Akt der Interpretation entfaltet. In beiden Fällen wird Sinn nicht hervorgebracht, sondern entfaltet oder aktualisiert.
Damit bleibt die Frage offen, wie der Text überhaupt zu einem Träger von Sinn wird.
7.3 Verstehen ohne Anfang?
Ein zentrales Defizit hermeneutischer Modelle liegt in ihrer Vernachlässigung des Anfangs. Der hermeneutische Zirkel setzt immer schon ein Verstehen voraus, das sich vertieft und korrigiert. Doch wo beginnt dieser Zirkel? Wie tritt der Leser erstmals in einen Bedeutungsraum ein?
Die Hermeneutik beschreibt Bewegung, aber nicht den Eintrittspunkt dieser Bewegung. Der Anfang wird entweder vorausgesetzt oder funktional neutralisiert.
Für eine Theorie der Bedeutungsentstehung ist diese Leerstelle jedoch entscheidend.
7.4 Struktur versus Horizont
Hermeneutische Ansätze arbeiten bevorzugt mit dem Begriff des Horizonts. Der Horizont beschreibt den Möglichkeitsraum des Verstehens, der sich historisch und subjektiv verschiebt.
Das vorliegende Projekt ersetzt diesen Horizontbegriff nicht, ergänzt ihn jedoch durch einen strukturellen Zugang. Während der Horizont beschreibt, von wo aus verstanden wird, fragt die strukturelle Analyse, wodurch Verstehen überhaupt ermöglicht wird.
Der Horizont ist beweglich, die Struktur hingegen ist wirksam.
7.5 Die Grenze der hermeneutischen Erklärung
Die Hermeneutik erklärt, warum unterschiedliche Interpretationen möglich sind, sie erklärt jedoch nicht hinreichend, warum Interpretation überhaupt sinnvoll ist. Sie setzt Bedeutung voraus, anstatt ihre Entstehung zu erklären.
Gerade bei konstitutiven Texten, die nicht informieren oder argumentieren, sondern Orientierung schaffen, stößt die Hermeneutik an ihre Grenzen. Ihre Instrumente sind auf Sinnentfaltung, nicht auf Sinnsetzung ausgelegt.
7.6 Anschluss statt Abbruch
Diese Kritik bedeutet keinen Abbruch mit der hermeneutischen Tradition. Im Gegenteil: Das vorliegende Projekt versteht sich als Anschluss, der dort weiterführt, wo die Hermeneutik stehen bleibt.
Die strukturelle Analyse des Anfangs ergänzt die hermeneutische Perspektive um eine Dimension, die bislang unterbelichtet geblieben ist. Sie verschiebt den Fokus von der Interpretation des Sinns auf die Ermöglichung von Sinn.
7.7 Übergang: Vom Verstehen zur Setzung
Wenn die Hermeneutik vor allem das Verstehen beschreibt, dann muss eine Theorie der Bedeutungsentstehung einen Schritt weitergehen und die Setzung analysieren, die Verstehen überhaupt erst ermöglicht.
Diese Setzung ist kein hermeneutischer Akt, sondern ein struktureller. Sie findet ihren paradigmatischen Ort im Anfang eines Textes.
Damit ist der Weg frei für den nächsten Schritt der Untersuchung.
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Literatur (Auswahl)
• Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr Siebeck, 1960.
• Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer, 1927.
• Ricoeur, Paul: Der Konflikt der Interpretationen. München: Fink, 1971.
• Grondin, Jean: Einführung in die philosophische Hermeneutik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991.
Kapitel 08
Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts (Kurzüberblick)
Die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts ist von einer grundlegenden Einsicht geprägt: Bedeutung ist kein einfaches Abbild der Welt. Diese Einsicht hat zu einer Vielzahl theoretischer Ansätze geführt, die Sprache nicht länger als neutrales Medium, sondern als aktiven Faktor menschlicher Erkenntnis verstehen.
Dieses Kapitel bietet keinen vollständigen Überblick, sondern skizziert jene Linien der Sprachphilosophie, die für die Frage nach der Entstehung von Bedeutung besonders relevant sind. Ziel ist es, den theoretischen Horizont zu markieren, innerhalb dessen sich das vorliegende Projekt verortet – und von dem es sich zugleich abgrenzt.
8.1 Der späte Wittgenstein: Bedeutung als Gebrauch
Mit den Philosophischen Untersuchungen vollzieht Ludwig Wittgenstein eine Abkehr von seiner frühen, logisch-abgebildeten Sprachauffassung. Bedeutung wird nun nicht mehr als Referenz verstanden, sondern als Gebrauch eines Wortes in der Sprache.
Diese Verschiebung ist folgenreich. Sie löst Bedeutung aus der Bindung an feste Referenten und verankert sie in sozialen Praktiken. Sprache erscheint als Regelspiel, in dem Bedeutung durch Teilnahme entsteht.
Gleichzeitig bleibt der Gebrauch selbst erklärungsbedürftig. Wittgenstein beschreibt, dass Bedeutung im Gebrauch liegt, analysiert jedoch kaum, wie sprachliche Strukturen diesen Gebrauch ermöglichen oder begrenzen.
8.2 Sprechakttheorie: Sprache als Handlung
Mit John L. Austin und später John Searle wird Sprache explizit als Handlung verstanden. Äußerungen tun etwas: sie versprechen, befehlen, erklären, verpflichten.
Diese Perspektive erweitert den Bedeutungsbegriff um eine performative Dimension. Bedeutung ist nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was mit dem Gesagten geschieht.
Die Sprechakttheorie bleibt jedoch weitgehend auf einzelne Äußerungen beschränkt. Sie fragt nach der Funktion von Sätzen, nicht nach der strukturellen Organisation von Texten. Der Anfang eines Textes erscheint hier nicht als eigenständiges Ereignis, sondern lediglich als erste Äußerung.
8.3 Strukturale und poststrukturalistische Ansätze
Strukturalistische Ansätze, insbesondere in der Tradition Saussures, begreifen Sprache als System von Differenzen. Bedeutung entsteht nicht durch Referenz, sondern durch relationale Unterschiede innerhalb eines Zeichensystems.
Poststrukturalistische Theorien – etwa bei Derrida – radikalisieren diese Einsicht, indem sie die Stabilität von Bedeutung grundsätzlich in Frage stellen. Bedeutung wird als ständig aufgeschoben (différance) verstanden.
Diese Ansätze leisten eine wichtige Kritik an substanzialistischen Bedeutungsmodellen, neigen jedoch dazu, Struktur in permanente Instabilität aufzulösen. Für eine Theorie der Bedeutungsentstehung stellt sich hier die Frage, wie trotz Differenz und Verschiebung wirksame Orientierung möglich bleibt.
8.4 Analytische Sprachphilosophie und ihre Begrenzungen
Die analytische Sprachphilosophie hat wichtige Beiträge zur Präzisierung semantischer Begriffe geleistet. Konzepte wie Wahrheitsbedingungen, Referenz und Intension haben das Verständnis von Bedeutung geschärft.
Gleichzeitig bleibt diese Tradition häufig auf Satzebene beschränkt. Textuelle Phänomene wie Anfang, Ordnung oder Übergang werden selten systematisch berücksichtigt.
Die Frage nach der Entstehung von Bedeutung auf Textebene bleibt damit weitgehend unbeantwortet.
8.5 Gemeinsame Einsichten und offene Fragen
Trotz ihrer Unterschiede teilen die genannten Ansätze mehrere Einsichten:
• Bedeutung ist nicht rein referentiell.
• Sprache ist aktiv, nicht passiv.
• Verstehen ist kontextabhängig.
Was jedoch weitgehend fehlt, ist eine systematische Analyse der strukturellen Bedingungen, unter denen Bedeutung auf Textebene entsteht. Insbesondere der Anfang eines Textes wird selten als eigenständiges theoretisches Problem behandelt.
8.6 Positionierung des vorliegenden Projekts
Das vorliegende Projekt knüpft an die Einsicht an, dass Bedeutung nicht gegeben ist, geht jedoch einen entscheidenden Schritt weiter. Es fragt nicht primär nach Gebrauch, Handlung oder Differenz, sondern nach Setzung, Ordnung und Orientierung.
Der Fokus liegt nicht auf isolierten sprachlichen Akten, sondern auf textuellen Strukturen, die Bedeutung ermöglichen. Der Anfang wird dabei als konstitutiver Ort der Bedeutungsbildung verstanden – nicht als rhetorisches Detail.
8.7 Übergang: Vom Überblick zur Entscheidung
Mit diesem Überblick ist der theoretische Kontext abgesteckt. Die folgenden Kapitel wenden sich nun nicht mehr der Kontextualisierung, sondern der methodischen Entscheidung zu.
Der nächste Schritt besteht darin, die Rolle der Struktur gegenüber Inhalt und Aussage systematisch zu bestimmen.
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Literatur (Auswahl)
• Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1953.
• Austin, John L.: How to Do Things with Words. Oxford: Clarendon Press, 1962.
• Searle, John R.: Speech Acts. Cambridge: Cambridge University Press, 1969.
• Saussure, Ferdinand de: Cours de linguistique générale. Paris: Payot, 1916.
• Derrida, Jacques: La différance. Paris: Minuit, 1968.
Kapitel 09
Performativität und Sinnentstehung (Austin, Searle)
Mit der Einführung des Performativitätsbegriffs hat die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts einen entscheidenden Schritt vollzogen. Sprache wurde nicht länger primär als Mittel der Beschreibung verstanden, sondern als Form des Handelns. Äußerungen tun etwas: Sie versprechen, befehlen, erklären, verpflichten oder setzen soziale Tatsachen.
Dieses Kapitel untersucht, inwiefern die Sprechakttheorie von John L. Austin und John R. Searle zur Erklärung der Entstehung von Sinn beiträgt – und an welchem Punkt ihre Erklärungskraft endet.
9.1 Austins Bruch mit dem Aussageparadigma
Austin richtet seine Kritik gegen die traditionelle Auffassung, nach der sprachliche Äußerungen primär Aussagen über die Welt seien, die wahr oder falsch sein können. Mit der Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen zeigt er, dass viele sprachliche Handlungen nicht beschreiben, sondern vollziehen, was sie sagen.
Ein klassisches Beispiel ist die Eheschließung: Die Äußerung „Ich erkläre euch zu Mann und Frau“ beschreibt keinen Sachverhalt, sondern stellt ihn her.
Diese Einsicht ist für die vorliegende Untersuchung von großer Bedeutung, da sie zeigt, dass Bedeutung nicht notwendig an Referenz oder Beschreibung gebunden ist.
9.2 Die Struktur des Sprechakts
Austin unterscheidet drei Ebenen des sprachlichen Handelns:
1. den lokutionären Akt (das Sagen von etwas),
2. den illokutionären Akt (das Tun durch das Sagen),
3. den perlokutionären Akt (die Wirkung auf den Hörer).
Diese Differenzierung macht deutlich, dass Bedeutung nicht allein im sprachlichen Ausdruck liegt, sondern im Vollzug der Äußerung. Sinn entsteht nicht nur durch Inhalte, sondern durch die Art und Weise, wie Sprache eingesetzt wird.
9.3 Searles Systematisierung und ihre Konsequenzen
John Searle greift Austins Einsichten auf und systematisiert sie. Er klassifiziert illokutionäre Akte, analysiert ihre Bedingungen und betont die Rolle sozialer Regeln.
Für Searle ist Bedeutung eng mit Konventionalität verbunden. Ein Sprechakt funktioniert nur, wenn bestimmte Regeln anerkannt werden. Bedeutung ist damit an institutionelle und soziale Rahmen gebunden.
Diese Perspektive verdeutlicht, dass Bedeutung nicht individuell erzeugt wird, sondern regelgeleitet ist.
9.4 Die Stärke der Performativitätstheorie
Die Sprechakttheorie leistet Entscheidendes:
• Sie löst Bedeutung von reiner Referenz.
• Sie zeigt, dass Sprache Wirklichkeit hervorbringen kann.
• Sie verbindet Bedeutung mit sozialer Praxis.
Damit liefert sie wichtige Bausteine für ein nicht-repräsentationales Verständnis von Bedeutung.
9.5 Die Grenze der Sprechakttheorie
Trotz ihrer Stärken stößt die Performativitätstheorie an eine klare Grenze: Sie bleibt auf der Ebene einzelner Äußerungen. Sie fragt danach, was mit einem Satz getan wird, nicht danach, wie ein Text als Ganzes einen Bedeutungsraum eröffnet.
Der Anfang eines Textes ist in der Regel kein klassischer Sprechakt. Er verspricht, befiehlt oder erklärt nichts – und dennoch wirkt er orientierend und sinnstiftend. Die Sprechakttheorie kann diese Wirkung nur unzureichend erfassen.
9.6 Performativität ohne Setzung
Ein weiteres Problem besteht darin, dass performative Akte bereits einen Rahmen voraussetzen, innerhalb dessen sie funktionieren. Eine Eheschließung ist nur wirksam, weil es bereits eine Institution, Regeln und Rollen gibt.
Die Frage nach der Setzung dieses Rahmens bleibt unbeantwortet. Performativität erklärt Handlungen innerhalb einer Bedeutungsordnung, nicht deren Entstehung.
9.7 Von der Handlung zur Struktur
Für die vorliegende Untersuchung ist daher eine Verschiebung notwendig: von der Analyse einzelner sprachlicher Handlungen zur Analyse struktureller Setzungen. Bedeutung entsteht nicht erst dort, wo Sprache handelt, sondern dort, wo sie Ordnung schafft, Orientierung gibt und Leserpositionen etabliert.
Performativität ist ein wichtiges Moment der Bedeutungsentstehung, aber nicht ihr Ursprung.
9.8 Übergang: Jenseits der Performativität
Die Einsicht, dass Sprache handeln kann, führt zur nächsten Frage: Was ermöglicht diese Handlung? Welche Struktur muss gegeben sein, damit performative Akte überhaupt sinnvoll werden?
Die Antwort führt zurück zum Textanfang – nicht als Handlung, sondern als Setzung einer Bedeutungsordnung.
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Literatur (Auswahl)
• Austin, John L.: How to Do Things with Words. Oxford: Clarendon Press, 1962.
• Searle, John R.: Speech Acts. Cambridge: Cambridge University Press, 1969.
• Searle, John R.: Expression and Meaning. Cambridge: Cambridge University Press, 1979.
• Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1981.
Kapitel 10
Struktur versus Inhalt – eine methodische Entscheidung
Jede Theorie der Bedeutung trifft – explizit oder implizit – eine methodische Entscheidung darüber, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richtet. In vielen traditionellen Ansätzen gilt der Inhalt als primärer Träger von Bedeutung, während die Struktur als sekundär oder bloß formal betrachtet wird.
Dieses Buch trifft eine andere Entscheidung: Es räumt der Struktur methodische Priorität ein. Diese Entscheidung ist nicht ästhetisch oder ideologisch motiviert, sondern ergibt sich aus der Einsicht, dass Bedeutung nicht aus Inhalten hervorgeht, sondern aus den Ordnungen, in denen Inhalte wirksam werden.
10.1 Der Vorrang des Inhalts in traditionellen Modellen
Inhaltsorientierte Bedeutungsmodelle gehen davon aus, dass Bedeutung primär durch thematische Aussagen, Propositionen oder Informationen entsteht. Struktur erscheint hier als Gefäß oder Verpackung, die den Inhalt transportiert.
Diese Perspektive prägt:
• klassische Semantik,
• viele hermeneutische Interpretationen,
• sowie weite Teile der analytischen Sprachphilosophie.
Der methodische Fokus liegt auf dem Was des Gesagten, nicht auf dem Wie seiner Anordnung.
10.2 Die Grenzen inhaltszentrierter Analyse
Eine inhaltszentrierte Analyse stößt dort an ihre Grenzen, wo Texte wirken, ohne informativ zu sein. Rituale, Formeln, Vorreden oder Textanfänge enthalten oft wenig oder keinen thematischen Gehalt – und dennoch strukturieren sie Verstehen in entscheidender Weise.
Wenn Bedeutung ausschließlich an Inhalt gebunden wäre, müssten solche Texte als randständig oder bedeutungslos gelten. Empirisch ist jedoch das Gegenteil der Fall.
Diese Diskrepanz legt nahe, dass Bedeutung nicht primär aus Inhalten hervorgeht.
10.3 Struktur als Bedingung von Bedeutung
Struktur bezeichnet in diesem Projekt die Anordnung sprachlicher Elemente, durch die Orientierung, Gewichtung und Relation entstehen. Struktur ist nicht bloß formale Gestalt, sondern funktionale Ordnung.
Zu den zentralen strukturellen Elementen gehören:
• der Anfang,
• die Reihenfolge,
• Wiederholung und Rhythmus,
• sowie die Setzung eines Zentrums.
Diese Elemente wirken, bevor Inhalte verstanden werden. Sie bestimmen, wie Inhalte überhaupt verstanden werden können.
10.4 Struktur vor Interpretation
Die methodische Priorisierung der Struktur bedeutet nicht, dass Inhalte irrelevant wären. Sie bedeutet vielmehr, dass Inhalte nicht isoliert betrachtet werden können. Jede Interpretation eines Inhalts setzt eine strukturelle Orientierung voraus, die selten reflektiert wird.
Indem dieses Buch die Struktur in den Vordergrund stellt, verschiebt es den Fokus von der Interpretation von Aussagen zur Analyse von Bedingungen der Interpretierbarkeit.
10.5 Der Anfang als paradigmatischer Fall
Der Anfang eines Textes ist der deutlichste Beleg für die Vorrangstellung der Struktur. Er enthält oft keine komplexen Inhalte, wirkt jedoch entscheidend auf das weitere Verstehen ein.
Der Anfang legt fest:
• welche Erwartungen legitim sind,
• welche Leserhaltung eingenommen wird,
• und welche Formen von Sinn überhaupt möglich werden.
In diesem Sinne ist der Anfang nicht der erste Inhalt, sondern die erste Ordnung.
10.6 Methodische Konsequenzen
Die Entscheidung für die Struktur hat weitreichende Konsequenzen für die Analyse:
• Texte werden nicht als Ansammlungen von Aussagen gelesen,
• sondern als geordnete Räume.
• Interpretation wird nicht abgeschafft,
• sondern strukturell rückgebunden.
Diese Perspektive erlaubt es, Bedeutung als etwas zu begreifen, das weder subjektiv noch objektiv ist, sondern relational und strukturiert.
10.7 Abgrenzung: Struktur ist nicht Form ohne Wirkung
Die Betonung der Struktur bedeutet keine Rückkehr zu Formalismus oder Strukturalismus im engen Sinne. Struktur wird hier nicht als abstraktes System verstanden, sondern als wirksame Ordnung, die Leser lenkt und Verstehen ermöglicht.
Struktur ist damit nicht leer, sondern bedeutungsgenerierend.
10.8 Übergang: Von der Entscheidung zur Anwendung
Mit dieser methodischen Entscheidung ist der theoretische Rahmen des ersten Teils abgeschlossen. Die folgenden Kapitel wenden sich nun der konkreten Analyse des Anfangs zu – nicht als theoretischem Postulat, sondern als untersuchbarem Phänomen.
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Literatur (Auswahl)
• Ricoeur, Paul: Temps et récit. Paris: Seuil, 1983.
• Genette, Gérard: Paratexts. Cambridge: Cambridge University Press, 1997.
• Lotman, Jurij: Die Struktur literarischer Texte. München: Fink, 1972.
• Eco, Umberto: Lector in fabula. München: Hanser, 1987.
Kapitel 11
Warum Texte Bedeutung nicht transportieren
Die Vorstellung, Texte würden Bedeutung „transportieren“, gehört zu den am weitesten verbreiteten Metaphern in der Alltags- wie in der Fachsprache. Man spricht davon, dass ein Text „etwas übermittelt“, „Inhalte vermittelt“ oder „eine Botschaft trägt“. Diese Redeweise ist praktisch, aber theoretisch problematisch.
Dieses Kapitel zeigt, dass Texte keine Bedeutung transportieren können, weil Bedeutung kein Objekt ist, das von einem Ort zum anderen bewegt werden könnte. Die Transportmetapher verschleiert die eigentlichen Bedingungen der Bedeutungsentstehung und führt zu systematischen Missverständnissen.
11.1 Die Attraktivität der Transportmetapher
Die Metapher des Transports ist intuitiv einleuchtend. Sie setzt voraus:
• einen Sender,
• einen Träger,
• und einen Empfänger.
In diesem Modell erzeugt der Autor eine Bedeutung, verpackt sie im Text und übermittelt sie an den Leser, der sie auspackt und versteht. Kommunikation erscheint als Übertragung.
Diese Metapher erleichtert den Alltagssprachgebrauch, wird jedoch problematisch, sobald sie zur theoretischen Grundlage gemacht wird.
11.2 Bedeutung ist kein Gegenstand
Der zentrale Fehler der Transportmetapher liegt in der Verdinglichung von Bedeutung. Bedeutung wird wie ein Objekt behandelt, das unabhängig von seinem Gebrauch existiert.
Doch Bedeutung hat keine physische oder mentale Substanz. Sie kann nicht verschoben, gespeichert oder versendet werden. Bedeutung entsteht nur im Vollzug des Lesens, nicht davor und nicht danach.
Texte enthalten Zeichen, Strukturen und Ordnungen – aber keine transportierbare Bedeutung.
11.3 Texte als Anordnung, nicht als Behälter
Wenn Texte keine Behälter sind, dann müssen sie anders verstanden werden. Texte sind Anordnungen, die bestimmte Leseweisen ermöglichen oder nahelegen. Sie stellen keine Inhalte bereit, sondern schaffen Bedingungen, unter denen Inhalte sinnvoll werden können.
Diese Anordnungen wirken nicht durch Übertragung, sondern durch Orientierung. Sie lenken Aufmerksamkeit, strukturieren Erwartungen und eröffnen Bedeutungsräume.
11.4 Der Leser als Ort der Bedeutungsentstehung – mit Einschränkung
Die Kritik der Transportmetapher bedeutet nicht, dass Bedeutung beliebig vom Leser erzeugt wird. Der Leser ist nicht frei, jede Bedeutung zu konstruieren. Seine Rolle ist konstitutiv, aber gebunden.
Texte strukturieren das Verstehen, ohne es vollständig zu determinieren. Bedeutung entsteht im Zusammenspiel von textueller Struktur und Leseraktivität.
Der Leser ist nicht Empfänger von Bedeutung, sondern Teilnehmer an ihrer Entstehung.
11.5 Warum Information nicht Bedeutung ist
Die Transportmetapher wird oft dadurch gestützt, dass Information und Bedeutung gleichgesetzt werden. Informationen können tatsächlich übertragen werden: Daten, Fakten, Signale.
Bedeutung hingegen ist nicht identisch mit Information. Ein Text kann viele Informationen enthalten und dennoch bedeutungslos wirken – oder umgekehrt.
Diese Unterscheidung ist zentral für das Verständnis konstitutiver Texte, die kaum Informationen liefern, aber dennoch starke Orientierung erzeugen.
11.6 Der Anfang als Gegenbeispiel zur Transportlogik
Textanfänge sind ein besonders deutliches Gegenbeispiel zur Transportlogik. Sie transportieren keine Informationen, sondern setzen Rahmen. Sie sagen wenig, aber bewirken viel.
Ein Anfang ist nicht der erste Transportvorgang, sondern die erste Orientierung. Er eröffnet einen Raum, in dem Transport – im Sinne von Information – überhaupt erst sinnvoll wird.
11.7 Konsequenzen für die Texttheorie
Wenn Texte keine Bedeutung transportieren, dann müssen Texttheorien ihre grundlegenden Metaphern überdenken. Kommunikation ist kein Versand, Lesen kein Entschlüsseln, Verstehen kein Auspacken.
Stattdessen sind Texte als strukturierte Möglichkeitsräume zu begreifen, in denen Bedeutung entsteht, nicht ankommt.
11.8 Übergang: Bedeutung als Ereignis
Die Aufgabe der Transportmetapher führt notwendig zu einer neuen Bestimmung von Bedeutung: Bedeutung ist kein Objekt, sondern ein Ereignis.
Im nächsten Kapitel wird diese Ereignishaftigkeit systematisch entfaltet.
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Literatur (Auswahl)
• Shannon, Claude E.; Weaver, Warren: The Mathematical Theory of Communication. Urbana: University of Illinois Press, 1949.
• Eco, Umberto: Semiotics and the Philosophy of Language. Bloomington: Indiana University Press, 1984.
• Reddy, Michael: “The Conduit Metaphor.” In: Metaphor and Thought. Cambridge: Cambridge University Press, 1979.
• Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1984.
Kapitel 12
Bedeutung als Ereignis
Nachdem gezeigt wurde, dass Bedeutung weder eine gegebene Substanz noch ein transportierbarer Inhalt ist, stellt sich nun die entscheidende Frage: Was ist Bedeutung dann?
Die zentrale These dieses Buches lautet: Bedeutung ist ein Ereignis.
Diese Bestimmung ist nicht metaphorisch gemeint, sondern theoretisch präzise. Bedeutung ereignet sich – sie ist etwas, das geschieht, nicht etwas, das vorhanden ist. Sie hat keinen Ort außerhalb ihres Vollzugs und keine Dauer unabhängig von den Bedingungen, unter denen sie entsteht.
12.1 Gegen die Substantialisierung der Bedeutung
In vielen Theorien wird Bedeutung implizit substantiviert. Sie erscheint als etwas, das Texte besitzen, Autoren intendieren oder Leser rekonstruieren. Selbst dort, wo ihre Kontextabhängigkeit betont wird, bleibt sie häufig als stabile Einheit gedacht.
Die Ereignisperspektive bricht mit dieser Vorstellung. Bedeutung ist kein Ding, kein Inhalt und keine Entität. Sie ist ein zeitlich und strukturell gebundener Vollzug, der nur dort existiert, wo bestimmte Bedingungen erfüllt sind.
Ohne diese Bedingungen gibt es keine Bedeutung – nur Zeichen.
12.2 Was heißt „Ereignis“?
Der Begriff des Ereignisses bezeichnet hier kein spektakuläres Geschehen, sondern einen konstitutiven Moment, in dem etwas neu wirksam wird. Ein Ereignis ist nicht beliebig wiederholbar, sondern an eine bestimmte Konstellation gebunden.
Auf Bedeutung bezogen heißt das:
• Bedeutung tritt ein,
• sie geschieht im Lesen,
• und sie ist an Struktur gebunden.
Bedeutung ist kein Zustand, sondern ein Übergang: von Unorientiertheit zu Orientierung.
12.3 Die Bedingungen des Bedeutungsereignisses
Damit sich Bedeutung ereignen kann, müssen mehrere Bedingungen zusammenkommen:
1. Eine sprachliche Setzung
Ein Text muss etwas setzen – nicht notwendig eine Aussage, sondern eine Ordnung.
2. Eine strukturierte Anordnung
Anfang, Reihenfolge, Gewichtung und Wiederholung schaffen einen Bedeutungsraum.
3. Eine Leserposition
Bedeutung ereignet sich nur dort, wo ein Leser in eine bestimmte Haltung versetzt wird.
Keine dieser Bedingungen allein ist hinreichend. Bedeutung entsteht nur im Zusammenspiel.
12.4 Zeitlichkeit der Bedeutung
Als Ereignis ist Bedeutung wesentlich zeitlich. Sie entfaltet sich nicht auf einmal, sondern im Verlauf des Lesens. Sie hat einen Anfang, eine Entwicklung und eine mögliche Stabilisierung.
Diese Zeitlichkeit unterscheidet Bedeutung grundlegend von Information. Informationen können gleichzeitig verfügbar sein, Bedeutung hingegen entsteht sequentiell und prozessual.
Der Anfang spielt dabei eine besondere Rolle: Er ist der erste Zeitpunkt, an dem Bedeutung möglich wird.
12.5 Wiederholung und Stabilisierung
Obwohl Bedeutung ereignishaft ist, ist sie nicht flüchtig. Durch Wiederholung, ritualisierte Formen und stabile Strukturen kann sie sich verfestigen.
Diese Stabilisierung ist jedoch kein Rückfall in Substanz. Sie ist das Ergebnis wiederholter Ereignisse, nicht deren Voraussetzung. Bedeutung bleibt ereignishaft, auch wenn sie vertraut wird.
12.6 Bedeutung und Verbindlichkeit
Die Ereignisperspektive wirft die Frage nach der Verbindlichkeit von Bedeutung auf. Wenn Bedeutung geschieht, ist sie dann beliebig?
Die Antwort lautet: nein. Bedeutung ist ereignishaft, aber strukturell gebunden. Nicht jedes Ereignis ist möglich, nicht jede Lesart legitim. Die Struktur begrenzt das Ereignis, ohne es vollständig zu determinieren.
Gerade hierin liegt die Stärke des Ereignisbegriffs: Er verbindet Offenheit mit Ordnung.
12.7 Abgrenzung zu subjektivistischen Modellen
Die Auffassung von Bedeutung als Ereignis darf nicht mit Subjektivismus verwechselt werden. Bedeutung ereignet sich nicht im Inneren des Lesers, sondern im Raum zwischen Text und Leser, der durch Struktur eröffnet wird.
Der Leser ist nicht Schöpfer der Bedeutung, sondern ihr Mitvollzug.
12.8 Übergang: Vom Ereignis zur Struktur des Anfangs
Wenn Bedeutung ein Ereignis ist, dann stellt sich die Frage nach ihrem ersten Auftreten. Wo beginnt das Bedeutungsereignis? Nicht bei der Interpretation eines Inhalts, sondern bei der ersten strukturellen Setzung.
Damit rückt der Anfang endgültig ins Zentrum der Analyse.
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Literatur (Auswahl)
• Heidegger, Martin: Ereignis (GA 71). Frankfurt a.M.: Klostermann, 2009.
• Ricoeur, Paul: Temps et récit. Paris: Seuil, 1983.
• Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1990.
• Derrida, Jacques: Positions. Paris: Minuit, 1972.
Kapitel 13
Der Leser als semantischer Faktor
Keine Theorie der Bedeutung kommt ohne den Leser aus. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dem Leser entweder zu wenig oder zu viel Bedeutung zuzuschreiben. Während ältere Modelle den Leser auf einen passiven Empfänger reduzierten, haben neuere Ansätze ihn bisweilen zum souveränen Produzenten von Sinn erhoben.
Dieses Kapitel schlägt einen dritten Weg vor: Der Leser ist kein Träger fertiger Bedeutung und kein freier Erfinder von Sinn, sondern ein semantischer Faktor – eine notwendige Bedingung für das Ereignis von Bedeutung.
13.1 Vom Empfänger zum Mitvollzug
In repräsentationalen Modellen erscheint der Leser als Empfänger einer bereits feststehenden Bedeutung. Seine Aufgabe besteht darin, diese Bedeutung korrekt zu erfassen.
Die Abkehr von der Transportmetapher macht dieses Modell unhaltbar. Wenn Texte keine Bedeutung transportieren, kann der Leser kein Empfänger sein. Bedeutung entsteht nur dort, wo gelesen wird.
Der Leser ist daher nicht das Ende eines Übertragungsvorgangs, sondern der Ort des Vollzugs.
13.2 Die Gefahr des Subjektivismus
Die Betonung der Leserrolle birgt jedoch eine andere Gefahr: Subjektivismus. In manchen rezeptionsästhetischen oder konstruktivistischen Ansätzen wird Bedeutung vollständig in das Bewusstsein des Lesers verlagert.
In solchen Modellen wird der Text zum Anlass, nicht zur Struktur. Bedeutung wird zur Projektion individueller Erfahrungen und Erwartungen.
Dieses Buch weist diese Position zurück. Der Leser ist zwar konstitutiv, aber nicht souverän.
13.3 Der Leser als strukturierter Akteur
Der Leser tritt einem Text nicht als unbeschriebenes Blatt gegenüber. Er wird durch den Text selbst in eine bestimmte Position gebracht. Diese Position ist nicht explizit formuliert, sondern strukturell erzeugt.
Der Text:
• eröffnet Erwartungen,
• setzt Grenzen,
• und lenkt Aufmerksamkeit.
Der Leser agiert innerhalb dieser Vorgaben. Seine Freiheit besteht nicht darin, beliebig zu deuten, sondern darin, sich innerhalb einer vorgegebenen Ordnung zu bewegen.
13.4 Leserposition und Leserhaltung
Es ist hilfreich, zwischen Leserposition und Leserhaltung zu unterscheiden.
• Die Leserposition bezeichnet den strukturellen Ort, den der Text dem Leser zuweist.
• Die Leserhaltung beschreibt die konkrete Weise, wie der Leser diese Position einnimmt.
Die Position ist textuell vorgegeben, die Haltung variabel. Bedeutung entsteht dort, wo beide aufeinandertreffen.
13.5 Der Anfang als Leseradressierung
Der Anfang eines Textes ist der Ort, an dem der Leser erstmals adressiert wird – oft ohne explizite Anrede. Der Text entscheidet hier, ob der Leser als Beobachter, Teilnehmer, Zeuge oder Adressat angesprochen wird.
Diese Adressierung geschieht nicht durch Information, sondern durch Struktur. Sie ist der erste Akt der Leserpositionierung.
Ohne diese Positionierung kann kein Bedeutungsereignis stattfinden.
13.6 Der Leser und die Zeit des Textes
Lesen ist ein zeitlicher Prozess. Der Leser bewegt sich durch den Text und wird dabei kontinuierlich neu positioniert. Bedeutung entsteht nicht in einem Augenblick, sondern im Verlauf.
Der Anfang ist dabei entscheidend, weil er die erste Richtung vorgibt. Spätere Korrekturen oder Vertiefungen sind möglich, aber sie bauen auf dieser ersten Setzung auf.
13.7 Verantwortung des Lesers
Die Konstitution von Bedeutung ist ein gemeinsamer Prozess von Text und Leser. Daraus ergibt sich eine Verantwortung des Lesers: Er ist verpflichtet, die Struktur des Textes ernst zu nehmen.
Diese Verantwortung ist keine moralische Forderung, sondern eine methodische. Wer die Struktur ignoriert, verfehlt die Bedingungen der Bedeutung.
13.8 Übergang: Vom Leser zur Textart
Wenn der Leser ein semantischer Faktor ist, dann stellt sich die Frage, ob alle Texte den Leser in gleicher Weise adressieren. Offensichtlich ist dies nicht der Fall.
Der nächste Schritt besteht daher darin, Texte nach ihrer funktionalen Rolle in der Bedeutungsbildung zu unterscheiden. Damit rückt der Begriff des konstitutiven Textes in den Mittelpunkt.
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Literatur (Auswahl)
• Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. München: Fink, 1976.
• Eco, Umberto: Lector in fabula. München: Hanser, 1987.
• Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr Siebeck, 1960.
• Fish, Stanley: Is There a Text in This Class? Cambridge, MA: Harvard University Press, 1980.
Kapitel 14
Konstitutive Texte: erste Annäherung
Nicht alle Texte wirken auf dieselbe Weise an der Entstehung von Bedeutung mit. Manche Texte informieren, andere unterhalten, wieder andere argumentieren oder dokumentieren. Daneben existiert jedoch eine besondere Klasse von Texten, deren primäre Funktion nicht in der Vermittlung von Inhalten liegt, sondern in der Konstitution eines Bedeutungsraums.
Dieses Kapitel führt den Begriff des konstitutiven Textes ein und bestimmt ihn zunächst negativ und vorläufig. Es geht nicht um eine abschließende Definition, sondern um eine erste Annäherung, die im weiteren Verlauf präzisiert wird.
14.1 Warum eine Typologie von Texten notwendig ist
Wenn Bedeutung ein Ereignis ist, das sich in der Interaktion von Struktur und Leser vollzieht, dann ist zu erwarten, dass unterschiedliche Texte unterschiedliche Bedingungen für dieses Ereignis schaffen.
Eine allgemeine Texttheorie, die alle Texte gleich behandelt, kann diese Unterschiede nicht erfassen. Es bedarf daher einer funktionalen Typologie, die Texte nach ihrer Rolle in der Bedeutungsbildung unterscheidet.
14.2 Nicht-konstitutive Texte
Zum Zweck der Abgrenzung lassen sich zunächst Texte benennen, die nicht konstitutiv sind. Dazu zählen etwa:
• Bedienungsanleitungen,
• Protokolle,
• technische Dokumentationen,
• reine Informationsmitteilungen.
Diese Texte setzen einen bestehenden Bedeutungsrahmen voraus. Sie funktionieren innerhalb einer Ordnung, die nicht von ihnen selbst geschaffen wird. Ihr Ziel ist Klarheit, nicht Setzung.
14.3 Erste Bestimmung konstitutiver Texte
Konstitutive Texte unterscheiden sich grundlegend. Sie:
• eröffnen einen neuen Bedeutungsraum,
• setzen Orientierungen,
• etablieren Leserpositionen,
• und strukturieren Erwartungen.
Sie beantworten nicht primär Fragen, sondern machen Fragen überhaupt erst möglich. Ihr Sinn liegt nicht im Was, sondern im Dass ihrer Setzung.
14.4 Beispiele konstitutiver Texte
Typische Beispiele konstitutiver Texte sind:
• literarische Texte,
• religiöse Texte,
• philosophische Grundtexte,
• politische Gründungsdokumente.
Diese Texte wirken nicht durch Information, sondern durch Ordnung. Sie schaffen Rahmen, innerhalb derer spätere Texte gelesen und verstanden werden.
14.5 Der Anfang als konstitutiver Moment
In konstitutiven Texten kommt dem Anfang eine besondere Rolle zu. Er ist nicht lediglich der erste Abschnitt, sondern der Ort, an dem der Bedeutungsraum eröffnet wird.
Der Anfang entscheidet:
• ob ein Text als konstitutiv wahrgenommen wird,
• welche Leserhaltung erforderlich ist,
• und welche Art von Sinn erwartet werden darf.
Ohne einen wirksamen Anfang bleibt der Text funktional leer.
14.6 Konstitutiv heißt nicht absolut
Der Begriff „konstitutiv“ bedeutet nicht, dass ein Text endgültige oder universelle Bedeutung setzt. Konstitutive Texte sind historisch, kulturell und situativ gebunden.
Ihre Konstitutivität liegt nicht in ihrer Wahrheit, sondern in ihrer Ordnungsleistung. Sie schaffen Orientierung, auch wenn diese später revidiert oder kritisiert wird.
14.7 Verhältnis zu Interpretation und Kritik
Konstitutive Texte sind besonders interpretationsanfällig, gerade weil sie keine klaren Inhalte transportieren. Ihre Offenheit ist kein Mangel, sondern Teil ihrer Funktion.
Kritik und Interpretation setzen den konstitutiven Akt voraus. Ohne ihn gäbe es nichts zu kritisieren und nichts zu deuten.
14.8 Übergang: Vom Texttyp zum Textanfang
Mit der ersten Annäherung an konstitutive Texte ist der Fokus nun klar gesetzt. Die folgenden Kapitel wenden sich der detaillierten Analyse des Textanfangs zu – als privilegiertem Ort konstitutiver Bedeutung.
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Literatur (Auswahl)
• Genette, Gérard: Paratexts. Cambridge: Cambridge University Press, 1997.
• Lotman, Jurij: Die Struktur literarischer Texte. München: Fink, 1972.
• Assmann, Jan: Kulturelles Gedächtnis. München: Beck, 1992.
• Ricoeur, Paul: Du texte à l’action. Paris: Seuil, 1986.
Kapitel 15
Der Anfang als strukturelle Setzung
Der Anfang eines Textes wird in vielen Theorien als bloßer Startpunkt behandelt – als etwas Chronologisches, nicht als etwas Strukturelles. Dieses Kapitel widerspricht dieser Auffassung entschieden. Der Anfang ist kein neutrales Davor, sondern eine strukturierende Setzung, ohne die kein Bedeutungsereignis möglich wäre.
Der Anfang ist nicht der erste Inhalt, sondern die erste Ordnung.
15.1 Anfang versus Beginn
Zunächst ist zwischen Beginn und Anfang zu unterscheiden.
• Der Beginn bezeichnet den faktischen Start eines Textes.
• Der Anfang bezeichnet die strukturierende Setzung, die Orientierung schafft.
Nicht jeder Beginn ist ein Anfang im hier verstandenen Sinn. Ein Text kann beginnen, ohne wirklich anzufangen – etwa wenn er voraussetzungslos Informationen aneinanderreiht.
Der Anfang im starken Sinn ist eine funktionale Leistung, keine bloße Position.
15.2 Der Anfang als Setzung von Orientierung
Ein Anfang setzt keine Inhalte, sondern Orientierungen. Er entscheidet:
• was als relevant gelten darf,
• welche Art von Aufmerksamkeit erforderlich ist,
• und in welchem Modus gelesen werden soll.
Diese Orientierung geschieht implizit. Der Anfang erklärt nicht, wie gelesen werden soll – er erzwingt eine bestimmte Lesehaltung durch seine Struktur.
15.3 Der Anfang als asymmetrische Struktur
Der Anfang besitzt eine strukturelle Asymmetrie: Er wirkt stärker auf das Folgende als umgekehrt. Spätere Textteile können den Anfang vertiefen oder modifizieren, ihn aber selten vollständig neutralisieren.
Diese Asymmetrie macht den Anfang zu einem privilegierten Ort der Bedeutungsbildung. Er ist der Punkt maximaler Offenheit bei zugleich maximaler Wirksamkeit.
15.4 Der Anfang und die Leserposition
Im Anfang wird der Leser erstmals positioniert. Diese Positionierung erfolgt nicht durch explizite Anrede, sondern durch strukturelle Mittel:
• Tonfall,
• Grad der Bestimmtheit,
• narrative oder argumentative Haltung.
Der Leser erkennt – oft unbewusst –, ob er eingeladen, herausgefordert, belehrt oder verunsichert wird. Diese erste Positionierung wirkt fort.
15.5 Anfang und Zeitlichkeit des Sinns
Als Setzung markiert der Anfang den ersten Zeitpunkt, an dem Bedeutung möglich wird. Vor dem Anfang gibt es keine Orientierung, nur Potenzial.
Mit dem Anfang beginnt die Zeit des Textes. Bedeutung entfaltet sich nicht rückwärts, sondern vorwärts – ausgehend von dieser ersten Setzung.
15.6 Konstitutive Kraft ohne Inhalt
Ein wesentlicher Punkt ist, dass der Anfang oft kaum thematischen Gehalt besitzt. Seine Wirksamkeit beruht nicht auf Information, sondern auf Struktur.
Ein literarischer Satz, eine philosophische Frage oder eine religiöse Formel können inhaltlich offen bleiben und dennoch starke Orientierung erzeugen.
Gerade diese Inhaltsarmut macht den Anfang konstitutiv.
15.7 Abgrenzung zur Einleitung
Der Anfang ist nicht identisch mit der Einleitung. Eine Einleitung erklärt, vorbereitet, kontextualisiert. Der Anfang hingegen setzt.
Viele Texte beginnen im starken Sinn, lange bevor ihre Einleitung endet – oder ganz ohne sie.
15.8 Übergang: Formen des Anfangs
Wenn der Anfang eine strukturelle Setzung ist, dann stellt sich die Frage, in welchen Formen diese Setzung erfolgen kann. Nicht jeder Anfang wirkt gleich, nicht jede Struktur erzeugt dieselbe Art von Sinn.
Damit ist der Weg frei für eine Typologie der Anfänge.
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Literatur (Auswahl)
• Genette, Gérard: Figures III. Paris: Seuil, 1972.
• Said, Edward W.: Beginnings: Intention and Method. New York: Basic Books, 1975.
• Ricoeur, Paul: Du texte à l’action. Paris: Seuil, 1986.
• Lotman, Jurij: Die Struktur literarischer Texte. München: Fink, 1972.
Kapitel 16
Typen von Anfängen
Wenn der Anfang eine strukturelle Setzung ist, dann folgt daraus, dass diese Setzung nicht einheitlich erfolgt. Texte beginnen auf unterschiedliche Weise – nicht zufällig, sondern gemäß ihrer Funktion, ihrer Gattung und der Art von Sinn, die sie eröffnen wollen.
Dieses Kapitel entwickelt eine funktionale Typologie von Anfängen. Die Typen sind idealtypisch zu verstehen: In konkreten Texten können sie kombiniert oder überlagert auftreten.
16.1 Kriterien der Typenbildung
Die Typologie beruht nicht auf formalen Merkmalen allein (z. B. Länge oder Stil), sondern auf der Wirkung des Anfangs auf die Bedeutungsbildung. Entscheidend sind insbesondere:
• Art der Orientierung,
• Positionierung des Lesers,
• Verhältnis von Bestimmtheit und Offenheit,
• zeitliche Dynamik des Sinns.
Auf dieser Grundlage lassen sich mehrere Grundtypen unterscheiden.
16.2 Der deklarative Anfang
Der deklarative Anfang setzt eine klare Ordnung. Er benennt explizit, worum es geht, und legt einen Deutungsrahmen fest.
Typisch ist dieser Anfang für:
• wissenschaftliche Texte,
• programmatische Schriften,
• juristische oder politische Dokumente.
Seine Stärke liegt in Klarheit und Stabilität. Seine Grenze besteht darin, dass er wenig Raum für Ereignishaftigkeit lässt. Bedeutung wird hier stark vorstrukturiert.
16.3 Der narrative Anfang
Der narrative Anfang beginnt nicht mit einer These, sondern mit einem Geschehen. Er zieht den Leser in eine Situation hinein, ohne sie sofort zu erklären.
Dieser Typ ist besonders verbreitet in:
• literarischen Texten,
• historischen Darstellungen,
• biografischen oder essayistischen Formen.
Der narrative Anfang erzeugt Sinn durch Einbettung. Orientierung entsteht nicht durch Erklärung, sondern durch Teilhabe.
16.4 Der interrogative Anfang
Der interrogative Anfang eröffnet den Text mit einer Frage. Diese Frage zielt weniger auf eine Antwort als auf eine Problematisierung.
Typisch ist dieser Anfang für:
• philosophische Texte,
• kritische Essays,
• theologische oder ethische Reflexionen.
Die Frage positioniert den Leser als Mitdenkenden. Bedeutung entsteht hier aus Spannung und Suchbewegung, nicht aus Setzung von Gewissheit.
16.5 Der paradoxe Anfang
Der paradoxe Anfang irritiert bewusst. Er widerspricht Erwartungen, stellt Selbstverständliches in Frage oder kombiniert Unvereinbares.
Dieser Typ findet sich häufig in:
• philosophischen Grundtexten,
• literarischen Experimenten,
• religiösen oder mystischen Schriften.
Seine Funktion besteht darin, vertraute Ordnungen zu destabilisieren, um einen neuen Bedeutungsraum zu eröffnen. Orientierung entsteht hier gerade durch Verunsicherung.
16.6 Der implizite Anfang
Nicht jeder Anfang ist deutlich markiert. Der implizite Anfang verzichtet auf klare Signale und beginnt scheinbar beiläufig.
Solche Anfänge sind typisch für:
• moderne Literatur,
• fragmentarische Texte,
• Texte mit hohem Grad an Offenheit.
Der Leser muss hier selbst erkennen, dass ein Anfang stattfindet. Die Bedeutungsbildung setzt verzögert ein, ist dafür aber besonders intensiv.
16.7 Kombinierte und hybride Anfänge
In der Praxis treten diese Typen selten isoliert auf. Ein Text kann narrativ beginnen und zugleich eine implizite Frage stellen oder deklarativ einsetzen und paradoxe Elemente enthalten.
Diese Hybridität ist kein Mangel, sondern Ausdruck komplexer Bedeutungsstrategien. Die Typologie dient nicht der Klassifikation um ihrer selbst willen, sondern der analytischen Sensibilisierung.
16.8 Typen und Textfunktion
Die Wahl des Anfangstyps ist nicht zufällig. Sie korrespondiert mit:
• der Textart,
• der intendierten Leserhaltung,
• und der Form von Sinn, die entstehen soll.
Konstitutive Texte neigen dazu, narrative, interrogative oder paradoxe Anfänge zu verwenden, da diese Formen Offenheit und Ereignishaftigkeit begünstigen.
16.9 Übergang: Die Wirksamkeit des Anfangs
Mit der Typologie der Anfänge ist ein analytisches Instrumentarium gewonnen. Der nächste Schritt besteht darin zu untersuchen, wie lange die Wirkung des Anfangs anhält und wie sie sich im weiteren Textverlauf entfaltet.
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Literatur (Auswahl)
• Said, Edward W.: Beginnings: Intention and Method. New York: Basic Books, 1975.
• Genette, Gérard: Narrative Discourse. Ithaca: Cornell University Press, 1980.
• Ricoeur, Paul: Temps et récit. Paris: Seuil, 1983.
• Eco, Umberto: Lector in fabula. München: Hanser, 1987.
Kapitel 17
Die Dauer der Anfangswirkung
Der Anfang eines Textes ist ein Ereignis. Doch jedes Ereignis wirft die Frage nach seiner Dauer auf. Wirkt der Anfang nur punktuell – als erster Impuls – oder strukturiert er den gesamten Bedeutungsprozess?
Dieses Kapitel vertritt die These, dass der Anfang nicht vergeht, sondern als strukturelle Spur im Text fortwirkt. Seine Wirkung ist nicht permanent präsent, aber latent wirksam.
17.1 Anfangswirkung als zeitliche Struktur
Die Wirkung des Anfangs ist nicht mit zeitlicher Nähe gleichzusetzen. Sie nimmt nicht einfach ab, je weiter der Text voranschreitet. Vielmehr verändert sie ihre Form.
Der Anfang wirkt:
• zunächst explizit,
• dann implizit,
• schließlich als Hintergrundstruktur.
Diese Transformation ist entscheidend für das Verständnis der Textdynamik.
17.2 Der Anfang als Erwartungshorizont
Zu Beginn eines Textes formt der Anfang einen Erwartungshorizont. Dieser Horizont bestimmt:
• welche Entwicklungen plausibel erscheinen,
• welche Brüche als sinnvoll wahrgenommen werden,
• und welche Überraschungen akzeptabel sind.
Der Erwartungshorizont wird im Verlauf des Textes bestätigt, variiert oder enttäuscht – aber selten vollständig aufgehoben.
17.3 Bestätigung, Variation und Bruch
Die Dauer der Anfangswirkung zeigt sich in drei typischen Formen:
1. Bestätigung
Der Text entfaltet konsequent, was der Anfang angelegt hat.
2. Variation
Der Text modifiziert den Anfang, ohne ihn zu negieren.
3. Bruch
Der Text widerspricht dem Anfang bewusst – doch auch dieser Widerspruch setzt den Anfang voraus.
In allen drei Fällen bleibt der Anfang wirksam.
17.4 Der Anfang als impliziter Maßstab
Der Anfang fungiert im weiteren Textverlauf als impliziter Maßstab. Neue Elemente werden unbewusst an ihm gemessen.
Selbst dort, wo der Text scheinbar neue Richtungen einschlägt, bleibt der Anfang der Referenzpunkt, von dem aus diese Abweichung verstanden wird.
17.5 Wiederkehr des Anfangs
In vielen Texten kehrt der Anfang explizit oder implizit wieder:
• durch Wiederholung von Motiven,
• durch formale Spiegelungen,
• durch thematische Rückbezüge.
Diese Wiederkehr ist keine bloße Technik, sondern Ausdruck der strukturellen Zentralität des Anfangs.
17.6 Der Anfang und das Ende
Die Beziehung zwischen Anfang und Ende ist besonders aufschlussreich. Ein gelungenes Ende hebt den Anfang nicht auf, sondern schließt ihn ab, transformiert oder bestätigt ihn.
Das Ende gewinnt seine Bedeutung wesentlich aus seiner Beziehung zum Anfang. Ohne Anfang wäre das Ende bloß ein Abbruch.
17.7 Grenzen der Anfangswirkung
Die Wirkung des Anfangs ist stark, aber nicht absolut. Texte können den Anfang unterlaufen, überformen oder ironisieren. Dennoch bleibt selbst die Unterlaufung auf ihn bezogen.
Die Grenze der Anfangswirkung liegt dort, wo ein Text bewusst mehrere Anfänge setzt oder seine eigene Anfangshaftigkeit reflektiert.
17.8 Übergang: Der Anfang als normativer Faktor
Wenn der Anfang dauerhaft wirkt, dann stellt sich die Frage nach seiner normativen Kraft: Setzt er Maßstäbe für Richtigkeit, Angemessenheit oder Sinn?
Diese Frage führt zum nächsten Kapitel.
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Literatur (Auswahl)
• Ricoeur, Paul: Temps et récit. Paris: Seuil, 1983.
• Genette, Gérard: Narrative Discourse. Ithaca: Cornell University Press, 1980.
• Jauss, Hans Robert: Literaturgeschichte als Provokation. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1970.
• Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. München: Fink, 1976.
Kapitel 18
Der Anfang als normativer Faktor
Der Anfang eines Textes wirkt nicht nur orientierend, sondern auch normativ. Er legt Maßstäbe fest, ohne sie auszuformulieren. Diese Normativität ist nicht rechtlicher oder moralischer Natur, sondern semantisch-strukturell: Sie bestimmt, was im weiteren Verlauf als sinnvoll, angemessen oder plausibel gelten kann.
Der Anfang setzt keine Regeln, aber er etabliert Geltungsbedingungen.
18.1 Normativität ohne Normen
Normativität wird häufig mit expliziten Regeln, Geboten oder Kriterien identifiziert. Der Anfang operiert anders. Seine Normativität ist implizit und wirkt durch Struktur, nicht durch Vorschrift.
Er entscheidet:
• was als kohärent gilt,
• welche Abweichungen akzeptabel sind,
• und welche Lesarten als legitim erscheinen.
Diese Entscheidungen erfolgen, bevor irgendeine inhaltliche Argumentation einsetzt.
18.2 Der Anfang als Maßstab der Angemessenheit
Im Verlauf eines Textes wird ständig – meist unbewusst – geprüft, ob neue Elemente „passen“. Dieses Passen ist kein objektives Kriterium, sondern ein Maßstab, der im Anfang gesetzt wurde.
Der Anfang fungiert damit als Referenzpunkt der Angemessenheit. Er macht bestimmte Fortsetzungen erwartbar und andere unwahrscheinlich oder störend.
18.3 Normative Kraft und Leserbindung
Die normative Wirkung des Anfangs zeigt sich besonders deutlich in der Leserbindung. Der Leser akzeptiert – oft stillschweigend – die vom Anfang gesetzten Maßstäbe, indem er weiterliest.
Diese Akzeptanz ist keine Unterwerfung, sondern eine pragmatische Entscheidung: Wer die Normativität des Anfangs nicht annimmt, kann dem Text nicht sinnvoll folgen.
18.4 Normativität und Freiheit
Die normative Kraft des Anfangs steht nicht im Widerspruch zur Freiheit des Lesers. Sie begrenzt nicht willkürlich, sondern ermöglicht Orientierung.
Ohne normative Setzung gäbe es keine Kriterien für Sinn oder Unsinn. Freiheit im Lesen ist daher immer eine Freiheit innerhalb gesetzter Ordnungen.
18.5 Der Anfang und die Legitimation von Brüchen
Interessanterweise legitimiert der Anfang nicht nur Kontinuität, sondern auch Brüche. Ein Text kann Erwartungen unterlaufen, gerade weil er zuvor Maßstäbe gesetzt hat.
Der Bruch gewinnt seine Bedeutung aus der Verletzung einer Norm, die der Anfang etabliert hat. Ohne diese Norm wäre der Bruch bedeutungslos.
18.6 Normativität ohne Autorität
Die normative Wirkung des Anfangs ist nicht an die Autorität des Autors gebunden. Sie ergibt sich nicht aus Intention, sondern aus struktureller Wirksamkeit.
Auch anonyme, kollektive oder historische Texte entfalten diese Normativität, sofern ihr Anfang wirksam gesetzt ist.
18.7 Vergleich: Normativität in nicht-konstitutiven Texten
In nicht-konstitutiven Texten liegt die Normativität außerhalb des Textes – in Konventionen, Fachstandards oder institutionellen Regeln. Der Text setzt sie nicht, sondern setzt sie voraus.
Konstitutive Texte hingegen erzeugen ihre eigene Normativität. Ihr Anfang ist der Ort dieser Erzeugung.
18.8 Übergang: Kritik und Fehlanfänge
Wenn der Anfang normativ wirkt, stellt sich die Frage nach Fehlanfängen: Was geschieht, wenn ein Anfang seine normative Kraft verfehlt oder missbraucht?
Diese Frage führt zum nächsten Kapitel.
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Literatur (Auswahl)
• Jauss, Hans Robert: Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1982.
• Ricoeur, Paul: Du texte à l’action. Paris: Seuil, 1986.
• Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1969.
• Genette, Gérard: Paratexts. Cambridge: Cambridge University Press, 1997.
