Die hundertsechste Sure ist die Quraisch.

Die Entstehung der Bedeutung im Koranischen Text — Sure Quraysch
Sure Hundertsechs · Das umfassende semantische Projekt

Erste Ebene — für den allgemeinen Leser

Der semantische Rahmen
Sure Al-Fīl und Sure Quraysch stehen in einem Verhältnis, das beinahe dem von Ursache und Wirkung gleicht — Al-Fīl zeigte, wie Gott das Haus vor dem Untergang bewahrte, und Quraysch fragt: Was fordert diese Bewahrung von den Bewohnern des Hauses? Die Antwort: der Īlāf. Das ist ein Begriff, der das Vertrautwerden, das Eingewöhnen und das Selbstverständlichwerden einer Gunst meint, bis sie zur zweiten Natur wird — und genau darauf macht die Sure aufmerksam: Die Gunst, die den Quraysch zur Gewohnheit geworden war — Sicherheit, Lebensunterhalt und die beiden Handelsreisen im Winter und Sommer —, ist eine beabsichtigte göttliche Fügung und kein geographischer Zufall. Vier Verse allein bauen eine weise Logik auf: Erinnerung an die Gunst, Entfaltung ihrer Erscheinungsformen, dann der Befehl, den anzubeten, der sie geschenkt hat — den Herrn dieses Hauses, der sie satt gemacht hat nach dem Hunger und in Sicherheit geborgen hat vor der Furcht.
Die semantische Landkarte
Semantisches Zentrum
Die Gunst erfordert Dankbarkeit — die Sicherheit und der Lebensunterhalt, die zur Gewohnheit wurden, sind eine göttliche Fügung, die den Gottesdienst gebietet
Der Auftakt
Um des Vertrautwerdens der Quraysch willen — das Lām des Grundes: was in Al-Fīl voranging, geschah um dieses Vertrautwerdens und dieser Stabilität willen
Erster Abschnitt
Die beiden Reisen im Winter und Sommer — Entfaltung der Gunst: ein stets erneuerter, ganzjährig geregelter Lebensunterhalt
Zweiter Abschnitt
So mögen sie den Herrn dieses Hauses anbeten — der Befehl zum Gottesdienst gründet mit dem Folge-Fā auf dem Vorangegangenen
Das Schlusskapitel
Der sie satt gemacht hat nach dem Hunger und in Sicherheit geborgen hat vor der Furcht — ausdrückliche Benennung der beiden ursprünglichen Gunstbezeugungen: Nahrung und Sicherheit
Der Zusammenhang
Al-Fīl: der historische Schutz des Hauses | Quraysch: der täglich verdiente Dank für Sicherheit und Lebensunterhalt
Die semantische Zusammenfassung
Das Eindrücklichste an Sure Quraysch ist das Lām des Grundes in ihrem Auftakt — „um des Vertrautwerdens der Quraysch willen” bedeutet, dass das, was in Sure Al-Fīl geschah — der Schutz und das Verderben des Heeres des Abraha — um dieses Vertrautwerdens willen geschah, damit das Einleben und die Sicherheit fortdauern und der Lebensunterhalt sich wiederholt. Dann schließt sie mit der eindrücklichsten Definition der Gunst: Der sie satt gemacht hat nach dem Hunger und in Sicherheit geborgen hat vor der Furcht — und das sind die Grundbedürfnisse des Menschen. Wer das tägliche Brot und die Sicherheit gefunden hat, hat den Grund des Lebens gefunden. Der Befehl zum Gottesdienst kam nicht unvermittelt, sondern mit dem Folge-Fā: so mögen sie anbeten — das heißt: nachdem ihr gesehen habt, was ihr gesehen habt, so betet an.

Zweite Ebene — für den interessierten Leser

﴿لِإِيلَافِ قُرَيْشٍ ۝ إِيلَافِهِمْ رِحْلَةَ الشِّتَاءِ وَالصَّيْفِ ۝ فَلْيَعْبُدُوا رَبَّ هَذَا الْبَيْتِ ۝ الَّذِي أَطْعَمَهُم مِّن جُوعٍ وَآمَنَهُم مِّنْ خَوْفٍ﴾
„Um des Vertrautwerdens der Quraysch willen — ihres Vertrautwerdens mit der Reise im Winter und im Sommer — so mögen sie den Herrn dieses Hauses anbeten — der sie satt gemacht hat nach dem Hunger und in Sicherheit geborgen hat vor der Furcht.”

Der Auftakt mit ﴿لِإِيلَافِ﴾ — dem Lām des Grundes — ist der Schlüssel der ganzen Sure. Die Sure beginnt weder mit einer Neuigkeit noch mit einem Befehl, sondern mit der Begründung für das Vorangegangene: Was Gott mit dem Heer des Elefanten getan hat, geschah um dieses Vertrautwerdens willen, um die Fortdauer dieser Sicherheit willen. Das Vertrautwerden (al-Īlāf) geht auf die Vertrautheit zurück: das Gewohntsein der Gunst, bis sie selbstverständlich wird — und das ist für sich schon ein Hinweis; was man zur Gewohnheit hat, dankt man womöglich nicht mehr.

Dann folgt die Entfaltung des Vertrautwerdens: ﴿رِحْلَةَ الشِّتَاءِ وَالصَّيْفِ﴾ — zwei regelmäßige Handelsreisen im Verlauf des Jahres, ein stets erneuerter, gesicherter Lebensunterhalt. Die göttliche Fügung zeigt sich in dieser Ordnung, die die Quraysch nicht selbst gewählt hatten, sondern die ihnen erleichtert worden war. Dann ﴿فَلْيَعْبُدُوا﴾ mit dem Folge-Fā — der Befehl zum Gottesdienst gründet auf dem Vorangegangenen, ein Stil, der den Gottesdienst zur natürlichen Antwort auf die Gunst macht, nicht zu einer von außen aufgezwungenen Pflicht.

Der Schluss ﴿أَطْعَمَهُم مِّن جُوعٍ وَآمَنَهُم مِّنْ خَوْفٍ﴾ ist die eindrücklichste Definition der Gunst im Koran — Hunger und Furcht sind der Ursprung des menschlichen Leidens, und wem ihre Gegenteile — Nahrung und Sicherheit — gegeben wurden, dem wurde alles gegeben.

Das Zentrum: „Die beständige, sich stets wiederholende Gunst wird vergessen und nicht mehr gedankt — und die Sure weckt das Bewusstsein dafür, dass das Vertrautwerden und das Eingewöhntsein an Sicherheit und Lebensunterhalt für sich schon eine Gunst ist, die den Gottesdienst gebietet.”

Die Präzision des Aufbaus zeigt sich darin, dass die Sure nicht mit der Erinnerung an eine vergangene Gunst beginnt, sondern mit dem Lām des Grundes — das heißt, dass das große Ereignis des Elefanten ein Mittel für einen tieferen Zweck war: die Fortdauer dieses Vertrautwerdens. Gott hat nicht nur die Kaaba bewahrt, sondern das auf ihr ruhende System des Lebens — Lebensunterhalt, Sicherheit und Ordnung. Und der Befehl zum Gottesdienst kam als Schlussfolgerung, nicht als überraschende Pflicht.

Al-Fīl: zeigte Gottes Macht im entscheidenden Augenblick | Quraysch: zeigt Gottes Fürsorge an jedem gewöhnlichen Tag — und beide erfordern den Gottesdienst, die erste als Erweckung und die zweite als Dankbarkeit.

Erster Abschnitt — Entfaltung des Vertrautwerdens durch die beiden Reisen (Vers 2): Die Winterreise nach Jemen und die Sommerreise nach Syrien — regelmäßiger Handel das ganze Jahr über mit gesicherter Sicherheit. Die Quraysch genossen diese Sicherheit auf ihren Reisen nicht allein durch ihre Stärke, sondern durch das Ansehen des Hauses und die Ehrfurcht, die Gott seinen Bewohnern verliehen hatte. Die Entfaltung durch die beiden Reisen macht deutlich, dass die Gunst nicht einmalig ist, sondern methodisch und wiederkehrend — und das ist es, was sie dem Vergessen und der Gewöhnung am meisten aussetzt.

Zweiter Abschnitt — Der Befehl zum Gottesdienst (Vers 3): ﴿فَلْيَعْبُدُوا رَبَّ هَذَا الْبَيْتِ﴾ — das Folge-Fā ist kausal: Da das Vertrautwerden vom Herrn dieses Hauses kommt, so sei der Dank Ihm gegenüber als Gottesdienst. Die Benennung Gottes als „Herr dieses Hauses” statt mit Seinem Namen oder einer anderen Eigenschaft ist eine beabsichtigte Verknüpfung — das Haus, um das sie sich scharen und das ihnen die Sicherheit erleichtert, ist das Haus ihres Herrn, dem der Gottesdienst allein gebührt.

Das Schlusskapitel — Die ausdrückliche Benennung der beiden ursprünglichen Gunstbezeugungen (Vers 4): ﴿الَّذِي أَطْعَمَهُم مِّن جُوعٍ وَآمَنَهُم مِّنْ خَوْفٍ﴾ — Neudefinition der Gunst durch ihre Wurzeln, nicht durch ihre Einzelheiten. Die Reisen, der Handel und das Vertrautwerden führen alles auf zwei Dinge zurück: Nahrung und Sicherheit. Und sie damit zu beschließen gibt das Bewusstsein zurück zu dem, was vor der Gewöhnung war — zum Augenblick, in dem Hunger und Furcht möglich waren, und dann abgewendet wurden.

Das Vertrautwerden ist eine zweifache Gunst: Die Gunst für die Quraysch ist eine doppelte Gunst — die erste ist Lebensunterhalt und Sicherheit selbst, und die zweite ist die Beruhigung durch sie und das Vertrautwerden mit ihnen. Die Beruhigung ist eine eigenständige Gunst, die nicht eingeschätzt wird, bis sie entzogen wird. Die Sure macht darauf aufmerksam, dass die Sicherheit, an die man sich gewöhnt hat, für sich schon eine göttliche Gabe ist, die des Dankes bedarf.

Der Herr dieses Hauses, nicht der Gott des Universums: Gott wird hier durch das Haus bestimmt, nicht durch die Schöpfung und das Ins-Dasein-Bringen — weil die Quraysch das Haus kannte und es verehrte. Der Zugang des Wissens zum Gottesdienst ist das, was der Angesprochene kennt, nicht das, was er nicht kennt. Wer im Menschen die Dankbarkeit für die nahe, sinnlich wahrnehmbare Gunst weckt, bevor die ferne kosmische Gunst, schafft eine echte Verbindung, keine rein gedankliche.

Die ganze Sure ist ein Kausalsatz: Vier Verse bauen einen einzigen vollständigen Kausalsatz auf — um des Vertrautwerdens der Quraysch willen, ihres Vertrautwerdens mit der Reise im Winter und Sommer, so mögen sie den Herrn dieses Hauses anbeten, der sie satt gemacht hat nach dem Hunger und in Sicherheit geborgen hat vor der Furcht. Diese aufeinander aufbauende kausale Verknüpfung macht den Gottesdienst zum logischen Ergebnis, nicht zu einer von außen auferlegten Pflicht.

Um des Vertrautwerdens der Quraysch willen — das Lām des Grundes: was voranging, geschah um dieser Stabilität willen

Ihr Vertrautwerden mit der Reise im Winter und Sommer — Entfaltung der Gunst: geregelter Lebensunterhalt das ganze Jahr

So mögen sie den Herrn dieses Hauses anbeten — das Folge-Fā: der Gottesdienst ist das natürliche Ergebnis des Vorangegangenen

Der sie satt gemacht hat nach dem Hunger und in Sicherheit geborgen hat vor der Furcht — ausdrückliche Benennung der Wurzeln beider Gunstbezeugungen: Nahrung und Sicherheit

Im Herzen der Landkarte: Das Vertrautwerden ist die Frage — die gewohnte, vergessene Gunst bedarf am meisten der Erinnerung. Die Sure führt den Menschen zurück zu dem, was vor der Gunst war, damit er sie von neuem spürt — denn Dankbarkeit ist nicht für das, was man nicht sieht; und das Sehen braucht das Vergegenwärtigen des Gegenteils der Gunst: Hunger und Furcht.

Sure Quraysch verkörpert das Modell des auf Bewusstsein, nicht auf Gewohnheit gegründeten Dankes — sie weckt den Menschen aus seinem Vertrautwerden, damit er die Gunst von neuem sieht. Al-Fīl zeigte die göttliche Macht im außergewöhnlichen Ereignis, und Quraysch zeigt die göttliche Fürsorge im täglich Wiederkehrenden — und beide erfordern den Gottesdienst.

Im koranischen Verlauf — Al-Fīl: Schutz des Hauses vor der großen Bedrohung; Quraysch: die Fortdauer der Gunst in der Stille, die danach folgte — stellt Sure Quraysch das tägliche Gesicht dessen dar, was Sure Al-Fīl historisch bezeugt hat. Und sie begründet das Konzept des „Dankes für die vergessene Gunst” — dass die größten Gunstbezeugungen jene sind, an die der Mensch sich gewöhnt und die er vergessen hat, und dass die Erinnerung an den Ursprung des Hungers und der Furcht der Weg ist, das Bewusstsein für den Wert der Sicherheit und der Nahrung zurückzugewinnen.

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