Numan Albarbari نعمان البربري

Die grüne Erde 02

Die grüne Erde

SECHSTES KAPITEL

Nader

Schadi kam in Naders kleines Büro; die Adresse hatte er von einem gemeinsamen Bekannten. Diesmal erzählte er alles, von Anfang bis Ende, ohne etwas hinzuzufügen und ohne etwas zu beschönigen: den Mann, der weinte, den Umschlag, der zu Boden fiel, den Namen der Firma – und das Gerücht in der Schule, das aus einem halben Bild entstanden und seinen eigenen Weg gegangen war.
Nader war achtunddreißig, freier Investigativjournalist. Er hatte eine große Zeitung verlassen, nachdem er sich mit dem Chefredakteur über einen Bericht überworfen hatte, dessen Ton er nicht abmildern wollte. Jedem Praktikanten, der durch sein Büro kam, sagte er denselben Satz: „Alle lügen, bis das Gegenteil bewiesen ist. Nur das Dokument lügt nie.“
Er hörte schweigend zu und machte sich knappe Notizen. Dann fragte er: „Kennen Sie den Namen des Mannes, den Sie weinen sahen?“ – „Nein. Aber mein Kollege Fadi kennt ihn. Er sagt, es sei ein Buchhalter, er heiße Adam.“ Nader schrieb den Namen auf, darunter: Moderne Handelsgesellschaft. Und da war es wieder, das vertraute Gefühl, der Geruch einer Geschichte, die größer war, als sie aussah.

Er suchte in den alten Handelsregistern und fand heraus, dass die Firma nach Fachris Tod den Besitzer gewechselt hatte; sie war an dessen Bruder Taufiq gefallen. Ein alter Wächter, der früher in der Nähe des Gebäudes gearbeitet hatte, sagte ihm zögernd, der Name Fachri rufe unter den langjährigen Angestellten eine sonderbare Spannung hervor. Weshalb, das sagte er nicht.
Nader stieß auch auf eine kleine, längst vergessene Notiz: Ein Lagerwächter namens Mansur war entlassen worden, ungefähr zur selben Zeit. In sein Heft schrieb er: „Erste Hypothese: Adam ist in die Vertuschung eines Verbrechens verwickelt. Zweite Hypothese: Adam ist ein verängstigter Zeuge, nicht mehr.“ Die erste unterstrich er, weil sie ihm reizvoller erschien, nicht weil sie ihm wahrscheinlicher vorkam.

Er wartete am Ausgang der Firma auf Adam und sprach ihn in scharfem Ton an: „Herr Adam, ich arbeite an einer Geschichte über die Moderne Handelsgesellschaft und einen Mann namens Mansur. Möchten Sie mir etwas sagen?“ Adam wurde blass. „Nein … ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
Nader las dieses Stocken als Eingeständnis. Dass darin auch ein verängstigter Mensch sprechen könnte, der ein Geheimnis trägt, das mehr mit ihm selbst zu tun hatte als mit der Frage, kam ihm nicht in den Sinn. Noch schärfer fuhr er fort: „Man hat Sie aus dem Rundfunkgebäude kommen sehen, weinend, und Sie haben einen Umschlag fallen lassen. Wollten Sie mir etwas mitteilen und haben es sich anders überlegt?“ Adam ging, ohne zu antworten, und warf die Wagentür hinter sich zu.
Nader lächelte, wie einer lächelt, der glaubt, sein Wild gestellt zu haben. Dass er womöglich einen Zeugen verschreckt hatte, der bei etwas Geduld und ohne Argwohn zum Verbündeten hätte werden können, kam ihm nicht in den Sinn.

Am nächsten Tag kehrte er zu dem alten Wächter zurück und fand ihn unruhig; er wollte nicht reden. „Gestern hat ein anderer Mann nach Ihnen gefragt, mein Sohn. Nach Ihnen ganz besonders. Er wollte wissen, wer der Mensch sei, der sich nach Fachris altem Fall erkundige. Und er hat Sie mir beschrieben, genau, bis auf die Kleinigkeiten.“
Nader spürte eine plötzliche Kälte durch seinen Körper ziehen. Er war es nicht gewohnt, selbst beobachtet zu werden. „Und wer war dieser Mann?“ – „Ein älterer Herr. Er nannte sich Fuad und sagte, er sei auch einmal Journalist gewesen. Aber seine Augen waren nicht die Augen eines Journalisten, der nach der Wahrheit sucht. Es waren die Augen eines Mannes, der die sucht, die die Wahrheit kennen, um ihnen den Mund zu schließen.“
Lange stand Nader auf der Straße. Zum ersten Mal begriff er, dass er nicht der Einzige war, der in dieser Sache suchte – und dass der andere nicht, wie er selbst, nach der Wahrheit suchte, sondern nach jedem, der sich ihr näherte.

SIEBTES KAPITEL

Salim
Salim war einundsiebzig, seit fünfzehn Jahren pensionierter Lehrer, und doch schloss er jeden Abend von fünf bis acht seinen kleinen Laden auf, der eher eine Bücherstube war als ein Geschäft. Er konnte von dieser Gewohnheit nicht lassen. Seinen früheren Schülern sagte er, wann immer er ihnen begegnete: „Einen Fehler einzugestehen ist das Mutigste, was ein Mensch tun kann.“
An jenem Abend kam ein junger Mann aus dem Viertel zu ihm, ein Buchhalter. „Herr Lehrer, ich habe gesehen, wie ein Kollege bei der Arbeit einen Fehler gemacht hat, und ich weiß nicht, ob ich ihn melden oder schweigen soll.“ Salim antwortete mit seiner gewohnten Zuversicht: „Wer heute über einen kleinen Fehler schweigt, schweigt morgen vielleicht über einen, der sich nicht mehr verzeihen lässt. Sprich, mein Junge.“ Der junge Mann dankte ihm und ging getröstet davon.
Salim blieb allein sitzen und blickte in das Dunkel vor dem Laden. Sein eigener Satz kam zu ihm zurück und traf ihn wie eine Ohrfeige, vierzig Jahre zu spät.

Seine Gedanken gingen zurück zu einem fernen Sommer. Er war damals noch ein junger Lehrer gewesen, als der Inhaber der Modernen Handelsgesellschaft, der Vater von Fachri und Taufiq, zu ihm kam und sich nach einem ehemaligen Schüler erkundigte, nach Fachri, den er in der Buchhaltung seiner noch jungen Firma einstellen wollte.
Salim wusste, von einem kleinen Vorfall in der Schule her, dass Fachri einmal Prüfungsnoten entwendet hatte, um sein Ergebnis zu ändern, und dass man die Sache damals leise und ohne offizielle Strafe beigelegt hatte. Er zögerte einen Augenblick. Dann sagte er zu Fachris Vater: „Er ist ein kluger und fleißiger junger Mann. Er wird eine gute Bereicherung für Ihre Firma sein.“ Von den Noten sagte er nichts.
Zwei Wochen nachdem Fachri die Stelle angetreten hatte, fand Salim vor seiner Haustür ein kostbares Geschenk, ohne Unterschrift. Er wusste sofort, von wem es kam. Und er gab es nicht zurück.

Am folgenden Tag erreichte ihn ein Brief, den ein kleiner Junge überbrachte, unterzeichnet mit „Nader, freier Journalist“: „Sehr geehrter Herr Salim, ich weiß, dass Sie Fachri in seiner Jugend unterrichtet haben, und ich glaube, die Zeit ist gekommen, dass Sie sprechen. Das Schweigen, das einst Menschen geschützt hat, schadet heute anderen, die unschuldig sind.“
Salim las den Brief zweimal, seine Hände zitterten ein wenig. Dann faltete er ihn sorgfältig zusammen und steckte ihn in die Brusttasche. Nachdem er den Laden geschlossen hatte, saß er lange im Dunkeln und wendete den Satz hin und her, den er jedem sagte, der ihn fragte. Und zum ersten Mal seit jenem fernen Sommer stellte er sich die Frage aufrichtig: Besaß er selbst den Mut, den er sein Leben lang von anderen verlangt hatte?

ACHTES KAPITEL

Laila
Laila war siebenunddreißig und die tragende Ehrenamtliche des Vereins „Gute Hände“, sie organisierte die Spendenaktionen und verteilte Hilfsgüter an bedürftige Familien. Mit einem bescheidenen Lächeln sagte sie immer: „Ich tue nichts, was der Rede wert wäre. Der Dank gebührt Gott und den Spendern.“ Und doch wartete sie, mit einer Ungeduld, die sie sich selbst nicht eingestand, auf den Augenblick, in dem einer der Empfänger ihre Hand ergriff und sagte: „Gott behüte dich, Laila. Du bist unser Engel.“

Vor etwa einem Jahr hatte man sie gebeten, aus zwei bedürftigen Familien eine auszuwählen, deren Tochter ein vollständiges Stipendium erhalten sollte; das Geld reichte nicht für beide. Die erste Familie kannte Laila persönlich, über eine gemeinsame Freundin. Die zweite war ihr vollkommen fremd. An ihrer Spitze stand ein Mann namens Kamil, der erst kürzlich seine Arbeit verloren hatte.
Laila wählte die erste Familie und redete sich ein, ihre Entscheidung sei durch und durch sachlich gewesen. Wenige Monate später musste Kamils Tochter die Schule verlassen, um zu arbeiten und ihrem arbeitslosen Vater zu helfen. Die Nachricht erreichte Laila nur im Vorübergehen, und ihr Herz hielt nicht inne dabei, so wie es hätte innehalten müssen.

Bei einer Feier, die der Verein zu Ehren seiner Helfer ausrichtete, kam Kamil herein, in Begleitung seiner Tochter, die ein kleines Lebensmittelpaket abholen wollte. Laila reichte ihm die Hand, mit ihrem gewohnten Lächeln, und wartete auf ein Wort des Dankes. Doch Kamil sah sie lange an, nahm das Paket schweigend entgegen und sagte nur: „Danke dem Verein.“ Dann wandte er sich zum Gehen.
Laila folgte ihm nach draußen. „Hat Sie etwas verletzt?“ Er blieb stehen und sah sie an. „Sie erinnern sich nicht an mich, nicht wahr? Sie sind es, die vor einem Jahr das Stipendium für die Tochter Ihrer Freundin über das meiner Tochter gestellt hat. Damals stand meine Tochter an erster Stelle auf der Bestenliste ihrer Schule.“ Er schwieg einen Moment. „Ich werde Ihnen Ihre Entscheidung nicht vorwerfen, das Geld war knapp. Aber ich werde Ihnen jetzt nicht für ein Lebensmittelpaket danken, während meine Tochter wegen dieser Entscheidung die Schule verlassen hat.“
Laila blieb allein an der Saaltür stehen und begriff, mit einem Schmerz, den sie bis dahin nicht gekannt hatte, dass die Entscheidung, die ihr vor einem Jahr „sachlich“ erschienen war, das Leben eines Mädchens neu geordnet hatte, dessen Gesicht sie nie gesehen hatte – während sie selbst sich für ihre Großzügigkeit gegenüber anderen Familien Beifall gespendet hatte.

NEUNTES KAPITEL

Omar
Omar war dreiundzwanzig, Student im letzten Jahr der Medienwissenschaft und Praktikant in der Nachrichtenredaktion von Radio Rana. Immer wieder sagte er: „Ein wahrer Journalist kennt nur die Wahrheit. Er macht ihretwegen vor niemandem Zugeständnisse, was immer es kostet.“
Sein Vater war Geschäftsmann und in der Familie dafür bekannt, dass er „zur rechten Zeit ein Auge zuzudrücken verstand“. Omar hatte sich innerlich geschworen, ihm niemals zu gleichen. Seit einem Jahr verband ihn eine ernste Liebe mit einer jungen Frau namens Lama, der Tochter des Hadsch Taufiq.

Nachdem Rana Bilals Sendung über den Fall Mansur und Fachri gehört hatte, beauftragte sie Omar mit einem Hintergrundbericht über die Geschichte der Firma. Von seiner Beziehung zu Lama wusste sie nichts. Omar ging mit reiner journalistischer Begeisterung an die Arbeit, sammelte alte Dokumente und Aussagen von Nachbarn, bis sich das Bild fast vollständig fügte: Fachri hatte die Bücher gefälscht, und Mansur hatte dafür bezahlt, unschuldig.
Er saß vor seinem Computer und schrieb am Entwurf, und seine Hand hielt jedes Mal inne, wenn er zum Namen „Taufiq“ kam, dem Vater des Mädchens, das er liebte.

Lama rief an. Sie hatte gehört, dass Omar einen Bericht über die Firma ihres Vaters vorbereite. Mit einer Stimme, die zwischen Zorn und Flehen zitterte, fragte sie: „Omar, stimmt es, dass du eine alte Geschichte ausgräbst, an der mein Vater keine Schuld trägt, um seinen Ruf und den Ruf meiner Familie zu zerstören?“ Er versuchte zu erklären: „Lama, ich beschuldige deinen Vater keiner Sache. Ich erzähle nur eine Wahrheit, die geschehen ist, bevor einer von uns geboren wurde.“ – „Aber die Leute werden da nicht unterscheiden. Wenn du mich wirklich liebst, dann überlass diesen Bericht einem anderen.“

Nach dem Gespräch saß Omar allein da und starrte auf den Bildschirm, und auf jenen Satz, der ihn sein Leben lang verfolgt hatte: „zur rechten Zeit ein Auge zudrücken“. Und er fragte sich: Ist dies der Augenblick, in dem ich entdecke, dass ich, bei aller Rhetorik, tatsächlich der Sohn meines Vaters bin?
In jener Nacht legte er die Datei mit dem Bericht in einem Ordner namens „Später“ ab und schrieb an Rana: „Ich brauche mehr Zeit, um einige Details vor der Veröffentlichung zu überprüfen.“ Eine offene Lüge war das nicht. Aber er wusste tief in sich, dass die Zeit, um die er bat, nicht der Überprüfung dienen würde, sondern der Flucht.

ZEHNTES KAPITEL

Nora
Nora war zweiundvierzig und unterrichtete seit zwanzig Jahren an einer Grundschule. Ihre Schülerinnen liebten sie, weil sie niemanden hart bestrafte und ihnen immer wieder sagte: „Vergebung ist größer, als wir denken, und jeder Mensch verdient eine zweite Chance.“
Doch dasselbe Herz hatte ihrem Bruder Suhair seit zwölf Jahren nicht vergeben, seit dem Tag, an dem er im Erbstreit an der Seite ihres Vaters gestanden und gegen sie ausgesagt hatte, auf eine Weise, die ihr Recht ganz und gar schmälerte. Seither hatte sie kein Wort mehr mit Suhair gewechselt. Und in seltenen Augenblicken der Ehrlichkeit mit sich selbst spürte sie eine heimliche Erleichterung, sooft sie hörte, dass es ihm schlechter ging.

An jenem Morgen teilte ihr die Schulleiterin überraschend mit, dass eine neue Schülerin in ihre Klasse kommen werde, die Tochter eines Mannes namens Suhair, der plötzlich ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Niemand könne das Mädchen nach dem Unterricht abholen, außer seiner Tante, die in den Anmeldepapieren genannt sei.
Nora stand stumm da, und der Name klang in ihren Ohren nach wie ein Schlag, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Das Mädchen betrat schüchtern das Klassenzimmer, klein, mit blassem Gesicht, und setzte sich in die letzte Reihe, ohne jemanden zu kennen.

Am Ende des Tages rief das Krankenhaus in der Schule an, weil Suhairs Zustand sich verschlechtert hatte, und in der Akte stand keine andere Telefonnummer als die von Nora. Sie stand im Flur, das Telefon in der Hand, und das Mädchen sah sie mit ängstlichen Augen an.
Für einen Augenblick dachte sie an all die Sätze, die sie gesagt hätte, wäre sie gefragt worden: „Das geht mich nichts an, ich habe den Kontakt zu ihm schon vor Jahren abgebrochen.“ Doch stattdessen nahm sie die Hand des Mädchens und sagte mit einer Stimme, die sie ruhig zu halten versuchte: „Komm mit mir, meine Kleine. Wir besuchen deinen Vater.“
Auf dem Weg zum Krankenhaus begriff Nora, dass sie zwölf Jahre lang eine Tugend gelehrt hatte, die sie nur besaß, solange sie sie nichts kostete. Und im Wartezimmer, während das Kind vor Erschöpfung auf ihrer Schulter eingeschlafen war, fragte sie sich: War sie nur um des Mädchens willen gegangen, oder weil sie irgendwo tief in sich auf einen Vorwand gewartet hatte, der ihr erlaubte, zu ihrem Bruder zurückzukehren?

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