Numan Albarbari نعمان البربري

DIE STADT DES JASMIN 02

Die Stadt des Jasmins

Zweites Kapitel

Die siebte Stufe war immer die schwierigste gewesen. Salim erinnerte sich plötzlich daran, während er vorsichtig durch die Dunkelheit hinabstieg und das Licht seines Handys bei jedem Schritt leicht vor ihm zitterte. Die siebte Stufe der Kellertreppe war stets ein wenig tiefer als die anderen – ein Fehler beim Bau, den nie jemand behoben hatte. Die Kinder der Familie gaben dieses Wissen von Generation zu Generation weiter, als wäre es ein geheiligtes Geheimnis: »Vorsicht bei der siebten Stufe.« Salim setzte den Fuß besonders vorsichtig auf sie. Sein Gedächtnis hatte ihn nicht getäuscht.
Auf halber Höhe hielt er inne, die Hand an der kalten Wand, und erlaubte sich trotz allem einen kurzen Augenblick des Erinnerns. Die Stimme seines Vaters kehrte jetzt mit einer seltsamen Klarheit zu ihm zurück, als wären nicht zwanzig Jahre vergangen: »Komm, Salim. Heute verstecke ich dir etwas an einem Ort, den du niemals vermuten würdest.« Damals, in diesen fernen Jahren, war sein Vater ein ganz anderer Mann gewesen als der, zu dem er später geworden war – ein Mann, der laut lachte, Rätsel erfand und hier unten stundenlang mit seinem Sohn aus Pappe und zerbrochenem Holz ganze Phantasiewelten baute. Wann war all das anders geworden? Wann hatte sich dieser fröhliche Mann in den stillen, in sich gekehrten Vater verwandelt, von dem Salim sich zwanzig Jahre zuvor am Flughafen verabschiedet hatte, mit jenem rätselhaften Satz über »den, der bewahrt, was von der Stadt übrig ist«? Vielleicht, dachte Salim, während er weiter hinabstieg, war sein Vater nicht plötzlich anders geworden. Vielleicht hatte er begonnen, etwas Schweres schweigend mit sich zu tragen – etwas, das sich nach und nach auf seine Schultern gelegt und ihn verändert hatte, bis kaum noch etwas von ihm übrig war, ohne dass er je jemandem den Grund genannt hatte.
Salim versuchte sich genauer daran zu erinnern, wann dieser Wandel eigentlich begonnen hatte. Er war ungefähr zwölf gewesen, als ihm zum ersten Mal aufgefallen war, dass sein Vater ihn nicht mehr zum Spielen in diesen Keller mitnahm. Stattdessen verbrachte er dort nun Stunden allein, hinter einer verschlossenen Tür, angeblich um »alte Dinge zu ordnen«. Damals hatte der Junge nicht weiter darüber nachgedacht. Kinder fragen selten nach den Veränderungen ihrer Eltern, solange diese sie nicht unmittelbar berühren. Doch jetzt, als Mann um die vierzig, stand er nach achtzehn Jahren Abwesenheit wieder in derselben Dunkelheit und begann zu begreifen, dass jener Wandel kein vorübergehender Zufall gewesen war. Er war der Anfang eines langen Weges aus bewusst gewähltem Schweigen gewesen – eines Schweigens, mit dem sein Vater seine Familie vor etwas schützen wollte, das er ihnen bis zuletzt nicht zumuten wollte.
Als er sich dem Ende der Treppe näherte, erinnerte er sich noch an eine kleine Begebenheit, die er über viele Jahre hinweg bis zu diesem Augenblick vergessen hatte. Ein einziges Mal, als er etwa vierzehn gewesen war, war er in den Keller hinuntergegangen, um sein kaputtes Fahrrad zu suchen. Dort hatte er seinen Vater vor genau demselben schweren Holzregal stehen sehen, das nun vor Salim stand. Seine Hände hatten auf seltsame Weise gezittert, sein Gesicht war bleich gewesen, als hätte er einen Geist gesehen. Als der kleine Salim ihn fragte, was er da tue, lächelte sein Vater angestrengt und sagte hastig: »Nichts, mein Junge. Ich suche nur nach einem alten Werkzeug.« Salim hatte diese Szene danach nie wieder bedacht. Bis jetzt, da er vor derselben Tür stand, die sein Vater vielleicht in jener fernen Nacht vor ihm verborgen hatte.
Er erreichte den kalten, erdigen Kellerboden und leuchtete mit dem Handy um sich. Viel hatte sich seit dem letzten Mal, an das er sich erinnerte, nicht verändert: alte Holzregale mit an den Rändern verfaulten Kartons, ein rostiges Fahrrad, das einmal sein eigenes gewesen war, zerbrochene Möbel, die auf eine Reparatur warteten, die niemals kommen würde. Der Geruch von Feuchtigkeit und altem Staub mischte sich mit den Erinnerungen an seine Kindheit hier unten, als dieser Ort noch die Bühne seiner kleinen Abenteuer mit seinem Vater gewesen war.
Er ging zur Nordwand, wo er sich hinter einem schweren Holzregal voller rostiger Gartengeräte an einen kleinen freien Raum erinnerte, den er und sein Vater in ihrem alten Spiel »Zimmer elf« genannt hatten. Mit aller Kraft schob er das Regal zur Seite. Es bewegte sich nur langsam über den unebenen Boden und stieß ein scharfes Quietschen aus, das in der Stille der Nacht viel lauter wirkte, als es tatsächlich war.
Hinter dem Regal, wo sein Gedächtnis eine massive Steinmauer ohne irgendetwas dahinter erwartet hatte, fand Salim stattdessen eine kleine Holztür. Sie war so niedrig, dass er sich bücken musste, um hindurchzugelangen. Darüber befand sich ein kleines Metallschild, in das dasselbe Zeichen eingraviert war wie auf dem Schlüssel: eine fünfblättrige Jasminblüte, eingefasst von einem schmalen Kreis.
Er hatte nicht gewusst, dass diese Tür überhaupt existierte. Bei keinem ihrer Spiele hier unten in seiner Kindheit hatte sein Vater sie je erwähnt, nicht einmal angedeutet. Salims Hand zitterte, als er den Messingschlüssel aus der Tasche zog und ihn dem alten Schloss unter dem Türgriff näherte.
Er blieb einen Augenblick vor der Tür stehen, ohne sie sofort zu öffnen, und spürte, wie das Gewicht dieses Augenblicks sich auf ihn legte. Alles, was seit seiner Landung vor weniger als vierundzwanzig Stunden geschehen war – die seltsame Frage von Yasmin Nur, die Warnung des alten Mannes, Kamal Darwischs scheinbar routinierte Frage, Lajans Geständnis über die merkwürdigen letzten Monate und schließlich der Brief seines Vaters – hatte ihn Schritt für Schritt genau hierher geführt, vor diese kleine Tür, von deren Existenz er noch vor wenigen Stunden nichts gewusst hatte. Er atmete tief ein. Was hinter dieser Tür lag, würde nicht bloß aus alten Papieren bestehen. Es würde der wirkliche Anfang von etwas sein, von dem er nicht mehr zurücktreten konnte, sobald er davon wusste.
Der Schlüssel glitt mit überraschender Leichtigkeit ins Schloss, als wäre es trotz all der Jahre sichtbarer Vernachlässigung heimlich die ganze Zeit gepflegt worden. Er drehte ihn; ein leises metallisches Klicken war zu hören. Die Tür öffnete sich langsam und gab eine Dunkelheit preis, die dichter war als die des Kellers selbst.
Salim drückte die Tür vorsichtig auf, trat hinein und ließ das Licht seines Handys vor sich hergleiten. Der Geruch des Raumes war völlig anders als der des übrigen Kellers: altes Papier, vermischt mit einem leichten Hauch jener Tabaksorte, die sein Vater manchmal geraucht hatte. Es war, als hätte der Mann hier über Jahre unzählige Stunden allein verbracht, umgeben nur von seinen Geheimnissen, während die Familie glaubte, er schlafe oben in seinem Arbeitszimmer. Die Luft stand vollkommen still; kein wirklicher Luftzug drang herein. Salim spürte einen seltsamen Druck auf der Brust, der nicht nur von der Enge des Raumes kam, sondern von der plötzlichen Erkenntnis, wie vollkommen allein sein Vater hier gewesen war – eine Einsamkeit, die er selbst gewählt hatte, um die Menschen zu schützen, die er liebte, ohne ihnen je zu sagen, welchen Preis sie forderte.
Der Raum war klein, kaum drei mal drei Meter, doch im Vergleich zum Chaos draußen im Keller war er mit beinahe verstörender Sorgfalt geordnet. An den Wänden standen Metallregale mit sorgfältig nummerierten Archivkartons. In der Mitte befand sich ein kleiner Holztisch mit einer batteriebetriebenen Lampe und ein einziger Stuhl – als hätte hier über Jahre hinweg immer wieder jemand stundenlang gesessen.
Salim drückte den Knopf der Batterielampe. Ein schwaches, aber ausreichendes gelbes Licht erfüllte den Raum. Er schaltete das Handy aus, um den Akku zu schonen, und blieb einen Moment mitten im Zimmer stehen. Was er vor sich sah, war nicht bloß das, was sein Vater einmal beiläufig als »wichtige Papiere« bezeichnet hatte. Dies war ein vollständiges Archiv, über viele Jahre mit Sorgfalt und Genauigkeit aufgebaut und vor den Augen aller verborgen – sogar vor seinem Sohn, seiner Tochter und seiner Frau.
An der Wand gegenüber der Tür entdeckte Salim etwas, das ihn lange reglos stehen ließ: eine große Holztafel, bedeckt mit Fotografien, Papieren und kleinen Dokumenten. Einige waren mit farbigen Reißzwecken befestigt. Dünne rote Fäden verbanden verstreute Punkte auf der Tafel, genau wie auf den Ermittlungstafeln aus Polizeifilmen, die er manchmal in Hamburg gesehen hatte, ohne sich je vorzustellen, eines Tages selbst vor einer ähnlichen Tafel zu stehen – einer Tafel, die sein Vater im Keller des Familienhauses eigenhändig angelegt hatte.
Im Zentrum der Tafel hing ein altes Foto des gesamten Jasminviertels, von oben aufgenommen, vielleicht von einem der Hügel rund um die Stadt. Es war ungefähr fünfzig Jahre alt. Darum herum hingen kleinere Aufnahmen von Männer- und Frauengesichtern, von denen Salim keinen einzigen Menschen kannte. Unter einigen standen Namen in der Handschrift seines Vaters: »Faris Darwisch«, »Richter Habib Nadschdschār«. Weiter unten, etwas abseits von den übrigen Bildern, stand ein einzelner Name in einem roten Kreis: »Taufiq Murad?« Das Fragezeichen stammte von seinem Vater selbst, als wäre er sich gerade bei diesem Namen über nichts sicher gewesen – obwohl er denselben Familiennamen trug: Murad.
Salim blieb lange vor dem Namen stehen und versuchte zu verstehen: War Taufiq Murad ein längst vergessener Verwandter oder nur eine zufällige Namensähnlichkeit? Warum hatte sein Vater ausgerechnet vor einen Namen mit dem Familiennamen ein Fragezeichen gesetzt? Er rief sich den Stammbaum ins Gedächtnis, soweit er ihn kannte: seinen Großvater, dessen wenige Brüder, von denen einige vor Jahrzehnten in ferne Länder ausgewandert waren, deren Namen in den überlieferten Familiengesprächen längst niemand mehr mit Sicherheit nennen konnte. War Taufiq einer dieser Verwandten, die das Familiengedächtnis absichtlich verschluckt hatte – aus einem Grund, der genau mit jener rätselhaften Nacht zusammenhing, in der die gesamte Familie Samaha verschwunden war?
Die roten Fäden verbanden Faris Darwisch mit dem Eigentumsvertrag, den Richter Nadschdschār mit einem abgebildeten Amtssiegel, den Namen »Taufiq Murad?« mit einem kleinen, verblassten Foto eines Steinhauses, das Salim zunächst nicht erkannte. Erst nach einem Moment begriff er, dass es genau das Haus war, in dem er jetzt stand – dasselbe Familienhaus, nur mit einer Fassade, die ein wenig anders aussah als in seiner Erinnerung, als stammte das Foto aus einer viel älteren Zeit, als er sich vorgestellt hatte.
Direkt unter der Tafel entdeckte Salim eine kleine Schublade, die in den Holztisch eingelassen war und die er zunächst übersehen hatte, weil seine Aufmerksamkeit ganz von der Tafel gefangen gewesen war. Vorsichtig öffnete er sie. Darin lag ein altes Tonbandgerät, ungefähr aus den achtziger Jahren, daneben eine einzige Kassette. Auf ihr stand in der zitternden Handschrift seines Vaters: »Taufiq – Aufnahme unvollständig, streng geheim.« Salim versuchte sofort, das Gerät einzuschalten, doch die Batterie war seit langer Zeit vollständig leer. Vorsichtig steckte er die Kassette in seine Tasche und beschloss, so schnell wie möglich einen Weg zu finden, sie abzuspielen – vielleicht in einem alten Geschäft für historische Geräte, falls es in der Stadt nach all den Jahren überhaupt noch einen solchen Ort gab.
Er trat an das nächste Regal und las die Beschriftungen, die sein Vater mit eigener Hand auf die Vorderseiten der Kisten geschrieben hatte: »Originale Eigentumsverträge 1974–1976«, »Zeugenaussagen – geheim«, »Schriftverkehr mit der Stadtverwaltung«, »Akte Kamal Darwisch senior«. Doch bevor er die letzte Kiste erreichte, blieb er bei einer kleineren stehen, die auf dem untersten Regal lag. Die Beschriftung war in einer erschöpfter wirkenden Handschrift verfasst, als stamme sie aus einer späten Phase im Leben seines Vaters: »Familie Samaha – noch nicht abgeschlossen«. Mit wachsender Neugier hob er den Deckel. Darin lag eine im Vergleich zu den anderen Kisten dünne Akte mit alten Zeitungsausschnitten und einer einzigen Seite in der Handschrift seines Vaters. Sie begann mit dem Satz: »Ich konnte noch nicht alles beweisen. Ich suche noch nach dem letzten Zeugen.« Salim verharrte lange bei diesen Worten und fragte sich, was sein Vater mit dem »letzten Zeugen« gemeint hatte – und wer diese Familie Samaha war, von der er in seinem ganzen Leben noch nie gehört hatte, obwohl er genau in diesem Viertel aufgewachsen war.
Er legte die dünne Akte vorsichtig zurück. Dann streckte sich seine Hand endlich nach der Kiste mit der Aufschrift »Akte Kamal Darwisch senior«, die ihm von Anfang an aufgefallen war. In diesem Moment klingelte sein Handy plötzlich in seiner Tasche – ein scharfer Ton, der die Stille des Raumes wie eine Explosion zerriss.
Salim fuhr herum und zog das Handy mit zitternder Hand hervor. Eine unbekannte Nummer, kein Name, keine eindeutige Länderkennung. Einen Augenblick zögerte er, dann nahm er mit gedämpfter Vorsicht ab: »Hallo?«
Die Stimme eines Mannes antwortete, leicht verzerrt, als spräche der Anrufer durch ein Stück Stoff über dem Lautsprecher oder über ein einfaches Gerät zur Stimmenverfremdung: »Salim Murad. Ich rate Ihnen, die Stadt des Jasmins mit der frühestmöglichen Verbindung zu verlassen, spätestens morgen früh. Was Sie jetzt suchen, wird Ihnen Ihren Vater nicht zurückbringen. Es wird Ihnen nur dasselbe Leid einbringen, das er erfahren hat.«
»Wer sind Sie?«, flüsterte Salim angespannt und versuchte, seine Stimme so leise wie möglich zu halten, obwohl der Raum völlig vom Rest des Hauses abgeschottet war. »Was wissen Sie über meinen Vater?«
»Es spielt keine Rolle, wer ich bin. Wichtig ist nur, dass ich mehr weiß als Sie im Augenblick. Und ich weiß auch, dass Sie nicht der Erste sind, der nach dem Tod Ihres Vaters in diesem Raum sitzt.«
Salim erstarrte. »Was meinen Sie damit?«
»Ich meine, dass dies nicht das erste Mal ist, dass diese Tür seit der Beerdigung geöffnet wurde. Denken Sie gut darüber nach, wer außer Ihnen überhaupt von ihrer Existenz wusste.«
Eine Kälte lief Salim den Rücken hinab. Plötzlich erinnerte er sich an die unterste, nicht verschlossene Schublade im Arbeitszimmer seines Vaters und an die ungleichmäßige Staubschicht auf dem Tisch. Als wäre eine andere Hand vor ihm hier gewesen und hätte anschließend alles wieder ungefähr an seinen Platz gestellt – nur nicht sorgfältig genug, um die Spuren vollständig zu verwischen.
»Ich weiß, dass er nicht an einem Herzinfarkt gestorben ist. Und ich weiß, dass Sie jetzt an dem Ort sitzen, der für immer hätte verschlossen bleiben sollen. Ich weiß auch, dass Ihnen weit weniger Zeit bleibt, als Sie glauben.« Die Stimme schwieg einen Moment und fügte dann kälter hinzu: »Dies ist der erste und letzte Anruf. Ich werde mich nicht noch einmal melden. Die Entscheidung liegt jetzt bei Ihnen.«
»Warten Sie!« Salim hob unwillkürlich die Stimme, senkte sie aber sofort wieder, als er sich an den Ort erinnerte, an dem er stand. »Wenn Sie die Wahrheit kennen, warum sagen Sie sie mir nicht? Warum drohen Sie mir, statt mir zu helfen?«
Am anderen Ende kam ein beinahe lachender Laut, ein trockenes Lachen ohne jede Freude. »Weil Hilfe, Herr Murad, mich genau das kosten könnte, was sie Ihren Vater gekostet hat. Ich bin nicht Ihr Feind. Aber ich bin auch nicht Ihr Verbündeter. Ich bin nur ein Mann, der weiß, an welcher Schwelle Sie stehen, und der Ihnen noch eine letzte Gelegenheit geben will, sich zurückzuziehen, bevor es zu spät ist.«
Die Verbindung brach ab, bevor Salim noch etwas fragen konnte. Lange starrte er auf das dunkle Display, während sein Herz heftig gegen seine Brust schlug. Seine Finger waren kalt, obwohl die sommerliche Hitze der Nacht in diesem engen, schlecht belüfteten Raum stand.
Trotz des Zitterns, das noch immer durch seinen Körper ging, versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. Wer konnte dieser Anrufer sein? Kamal Darwisch jedenfalls nicht. Kamals Stimme war ihm von dem Gespräch am Tag vertraut, warm und tief, während die Stimme des Anrufers absichtlich durch ein technisches Gerät verzerrt worden war, als wollte ihr Besitzer seine Identität selbst vor einem geschulten Gehör verbergen. Vielleicht war er einer von Kamals Geschäftspartnern. Oder, dachte Salim mit wachsender Unruhe, jemand, der ebenfalls gegen Kamal arbeitete – jemand, der ein eigenes Interesse daran hatte, diese Akte für immer geschlossen und vor allen Augen verborgen zu halten, auch vor denen möglicher Gegner Kamals.
Er erinnerte sich an den Satz des Anrufers: »Sie sind nicht der Erste, der nach dem Tod Ihres Vaters in diesem Raum sitzt.« Wer war also vor ihm hier gewesen? Sein Gedanke ging zu Lajan, doch er verwarf ihn sofort. Er wusste sicher, dass sie überhaupt nichts von diesem Raum gewusst hatte – ihre ehrliche Verwunderung, als er sie wenige Stunden zuvor nach Yasmin Nur gefragt hatte, und ihre offene Aussage, dass sie von den letzten Angelegenheiten ihres Vaters nichts wusste, hatten dafür gesprochen. Zwei Möglichkeiten blieben: entweder Kamal Darwisch selbst, der ihn heute direkt nach den »Papieren« seines Vaters gefragt hatte, oder jemand völlig anderes, der in dieser Geschichte noch nicht aufgetaucht war, aber seit Beginn aus dem Verborgenen beobachtete.
Einen Augenblick dachte Salim daran, Lajan anzurufen, sie zu wecken und ihr zu erzählen, was geschehen war. Doch dann erinnerte er sich an den Brief seines Vaters: »Vertraue niemandem, ganz gleich, wer es ist.« Auch Lajan? Er schob den Gedanken hastig beiseite. Er konnte sich seine Schwester nicht als Teil irgendeiner Verschwörung gegen ihn vorstellen. Und doch ließ ihn die absolute Vorsicht seines Vaters zögern, wenn auch nur für einen Augenblick, bevor er beschloss, zunächst allein weiterzumachen – wenigstens so lange, bis er mehr verstand, als er jetzt verstand.
Er wandte sich wieder der Kiste zu, die er vor dem Anruf hatte öffnen wollen: »Akte Kamal Darwisch senior«. Vorsichtig hob er den Pappdeckel an. Darin lagen vergilbte Papiere, Schwarz-Weiß-Fotografien und eine durchsichtige Kunststoffmappe mit etwas, das wie eine Abschrift eines alten Vertrags aussah.
Er nahm das erste Foto heraus: eine Gruppe von sechs oder sieben Männern vor einem Steingebäude, das dem alten Rathaus ähnelte. Ihre Kleidung stammte unverkennbar aus den fünfziger Jahren. Einen der Männer erkannte Salim sofort, obwohl er auf dem Bild noch sehr jung war: seinen Großvater, den Vater seines Vaters, in der Mitte, mit einem stolzen Lächeln. Direkt neben ihm stand ein anderer Mann, den Salim zunächst nicht erkannte. Erst als er den fein geschriebenen Namen unter dem Foto las, begriff er: »Faris Darwisch – Leiter des Grundbuchamts, 1974.«
Faris Darwisch. Er musste Kamals Vater sein. Salim nahm den Eigentumsvertrag aus der Kunststoffmappe und begann, ihn im schwachen gelben Licht der Batterielampe sorgfältig zu lesen. Je weiter er kam, desto stärker hatte er das Gefühl, dass der Boden unter ihm leicht schwankte. Der Vertrag dokumentierte die Übertragung eines großen Grundstücks – genau jenes Grundstücks, auf dem heute das Projekt »Jasmin-Türme« stand – von einer Familie, deren Namen Salim noch nie gehört hatte, der Familie Samaha, an die Familie Darwisch. Der Vertrag trug ein Datum von genau fünfzig Jahren zuvor und die Unterschrift des Leiters des Grundbuchamts, Faris Darwisch selbst, der damit die Übertragung des Grundstücks seiner eigenen Familie an sich selbst beurkundet hatte – ein offenkundiger Interessenkonflikt, der niemals hätte durchgehen dürfen. Wäre da nicht die handschriftliche Notiz gewesen, die später in völlig anderer Schrift am Ende des Vertrags hinzugefügt worden war, in der Handschrift von Salims Vater: »Dieser Vertrag ist ungültig. Die Familie Samaha hat ihn nie unterschrieben. Die Unterschrift ist gefälscht. Ich werde es eines Tages beweisen.«
Salim ließ sich auf den einzigen Stuhl im Raum sinken, den Vertrag zwischen seinen zitternden Händen. Er versuchte zu begreifen, was er gerade entdeckt hatte: Das gesamte Land des Jasminviertels, auf dem heute Kamal Darwischs gewaltiges Projekt gebaut wurde, war möglicherweise von Anfang an gar nicht rechtmäßig im Besitz der Familie Darwisch gewesen. Vielleicht war es durch eine dokumentierte Fälschung einer anderen Familie genommen worden – von einem Mann, der ausgerechnet das Amt innehatte, das es ihm ermöglichte, diese Fälschung zugleich auszuführen und amtlich zu decken.
Und sein Vater hatte es gewusst. Seit vielen Jahren. Vielleicht schon seit jener Zeit, als Salim selbst noch ein Kind gewesen war und genau in diesem Keller gespielt hatte, ohne zu ahnen, was sein Vater nur wenige Meter von ihm entfernt verborgen hielt.
Salim blätterte mit Händen, die nach dem Anruf noch immer leicht zitterten, durch die restlichen Unterlagen. Er fand ein weiteres Foto, zeitlich etwas jünger als das erste. Darauf war wieder Faris Darwisch zu sehen, diesmal mit einem anderen Mann, den Salim wegen der Beschädigung des Bildes zunächst nicht identifizieren konnte. Auf der Rückseite stand: »Mit Richter Habib Nadschdschār, Beaufsichtigung der Übertragung der Grundbucheinträge, 1975.« Darunter, erneut in der Handschrift seines Vaters: »Nadschdschār hat den gefälschten Vertrag offiziell abgestempelt. Seine Nachkommen oder Erben müssen etwas wissen.«
Salim suchte weiter in der Kiste und fand noch mehr: einen Briefwechsel zwischen zwei Personen, deren vollständige Identität er noch nicht bestimmen konnte, mit Hinweisen auf die »letzte Zeugin« und auf »das, was von der Familie Samaha übrig ist«. Dazu kam der zerrissene Ausschnitt einer alten Zeitung, der in äußerst knapper Form von einem »tragischen Vorfall« berichtete, der eine Familie des Viertels vor fünfzig Jahren getroffen hatte. Es fehlten fast alle Einzelheiten, als wäre die Nachricht absichtlich so vage gehalten worden, dass jede Information vermieden wurde, die Fragen hätte aufwerfen können.
In einer Ecke der Akte fand Salim außerdem eine Liste in der Handschrift seines Vaters, offenbar eine nicht abgeschlossene To-do-Liste: »1. Aufenthaltsort der Nachkommen der Familie Samaha feststellen, falls es sie gibt. 2. Eine offiziell beglaubigte Abschrift des Grundbuchs von vor 1974 beschaffen. 3. Mit Taufiq sprechen – dem Einzigen, der in jener Nacht dort war.« Lange blieb Salim an dem letzten Namen hängen: Taufiq. Er wusste nicht genau, wen sein Vater damit meinte. Doch der Name kam ihm auf rätselhafte Weise vertraut vor, als hätte er ihn in den vergangenen Tagen irgendwo gehört, ohne ihn bewusst wahrzunehmen.
Salim suchte in der Kiste nach weiteren Hinweisen auf diesen Namen. Ganz unten fand er eine einzelne Seite, die offenbar Teil einer Zeugenaussage war, in einer Handschrift, die sich deutlich von der seines Vaters unterschied – zittriger, als hätte ein alter Mann sie geschrieben. Die Seite war nicht unterschrieben. Salim las sie unter dem schwachen gelben Licht mit äußerster Aufmerksamkeit:
»…In jener Nacht war im ganzen Viertel kein einziger Laut zu hören. Keine bellenden Hunde, keine sich öffnenden Fenster. Ich erinnere mich, dass ich am Tor meines Hauses stand, als die drei Lastwagen vorbeifuhren – ohne Licht, ohne laute Motoren, als hätten die Männer, die sie fuhren, gelernt, vorbeizukommen, ohne jemanden zu wecken. Ich sah keine Gesichter. Aber ich sah die schlafenden Kinder, die hinausgetragen wurden, und eine Frau, die lautlos weinte und versuchte, ein kleines Stoffbündel mitzunehmen. Die Männer auf den Lastwagen ließen es nicht zu. Am Morgen, als ich die Nachbarn nach der Familie Samaha fragte, gab mir jeder, den ich fragte, genau dieselbe Antwort, als hätten sie sie einstudiert: In unserem Viertel hatte es nie eine Familie dieses Namens gegeben.«
Salim hörte auf zu lesen. Seine Hand zitterte jetzt sichtbar – nicht wegen der Kälte des Raumes, sondern unter dem Gewicht dessen, was er las. Eine ganze Familie war in einer einzigen Nacht verschwunden und aus dem Gedächtnis eines ganzen Viertels getilgt worden, als hätte sie nie existiert. Und wer hatte diese Aussage geschrieben? Wer war der »Taufiq«, den sein Vater auf seiner Liste meinte, den Einzigen, der in jener Nacht dort gewesen war? War er derselbe Mann, dessen zittrige Handschrift vor ihm lag?
Mit noch größerer Aufmerksamkeit las Salim den Rest der Seite. Dort standen einige letzte Zeilen, offenbar später hinzugefügt, in einer etwas festeren Handschrift, als wäre der Verfasser Jahre später zurückgekehrt, um eine letzte Bemerkung anzufügen: »Ich konnte die Stimme dieser weinenden Frau nicht vergessen. Fünfzig Jahre lang habe ich mich jede Nacht gefragt: Was wäre gewesen, wenn ich damals gesprochen hätte? Hätte sich etwas verändert? Jetzt, da ich alt geworden bin, weiß ich, dass mein Schweigen Feigheit war, keine Weisheit, wie ich es mir so lange eingeredet habe. Ich hoffe, dass diese Worte eines Tages von jemandem gelesen werden, der ein Recht darauf hat, die Wahrheit zu kennen – und der tut, was ich selbst nicht zu tun gewagt habe.«
Salim setzte sich einen Augenblick und versuchte zu begreifen, dass irgendwo ein Mann leben mochte, vielleicht sogar noch immer lebte, der fünfzig Jahre lang allein diese stumme Schuld getragen hatte, während die Stadt ihr Leben weiterlebte, als wäre nichts geschehen. Er dachte an seine Mutter und Lajan, die oben schliefen, völlig ahnungslos, was sich hier vor seinen Augen zu entfalten begann, und spürte plötzlich eine schwere Verantwortung ihnen gegenüber. Wie sollte er sie vor einer Gefahr schützen, deren wahre Gestalt und Größe er noch nicht kannte und hinter der er nicht einmal wusste, wer stand? Hatte sein Vater Nacht für Nacht dieselbe Verantwortung gespürt, all diese Jahre hindurch, allein und ohne jemandem davon zu erzählen?
Ganz unten in der Kiste fand Salim einen kleineren Umschlag, noch ungeöffnet, mit rotem Wachs versiegelt. In der Handschrift seines Vaters stand darauf: »Für Salim. Wenn er bereit ist – nicht vorher.«
Sehr vorsichtig streckte er die Hand nach dem Umschlag aus. Er hatte das Gefühl, dass genau dieser Augenblick der Moment war, auf den sein Vater seit Jahren gewartet hatte – der Moment, von dem er gewusst hatte, dass er eines Tages kommen würde, selbst wenn er ihn nicht mehr erleben sollte. Salim schob einen Finger unter den Rand des roten Wachses und zögerte ein letztes Mal. Als fürchtete ein Teil von ihm, dieser Augenblick könnte der wirkliche Punkt ohne Wiederkehr sein, nicht bloß eine weitere zufällige Entdeckung, die sich später vergessen ließ. Er dachte an seine schlafende Mutter, an Lajan, die ihm gerade erst gesagt hatte, dass sie Angst bekommen hatte, und an sein vergleichsweise ruhiges Leben in Hamburg, das er vor weniger als einem Tag so plötzlich verlassen hatte. All diese Gedanken gingen in weniger als zwei Sekunden durch seinen Kopf, bevor er entschied, dass ein Rückzug ohnehin keine Möglichkeit mehr war – nicht seit dem Augenblick, in dem er am Flughafen den unerwarteten Anruf von Yasmin Nur angenommen hatte. Er schloss die Hand etwas fester um den Umschlag und begann, das rote Wachs mit äußerster Vorsicht zu lösen, Stück für Stück, als fürchtete er, bei einer zu hastigen Bewegung etwas Unersetzliches zu zerreißen.
Noch bevor er den Umschlag öffnen konnte, ging das Licht plötzlich aus.
Nicht nur die Batterielampe erlosch. Salim spürte auch eine plötzliche elektrische Stille, die das ganze Haus über ihm zu erfassen schien, als wäre die Hauptstromversorgung vollständig unterbrochen worden und nicht bloß die Batterie der Lampe leer. Der kleine Raum versank in völliger Dunkelheit, dicht und undurchdringlich, ohne den geringsten Lichtschein aus irgendeiner Richtung.
Salim erstarrte, den roten Umschlag noch immer zwischen den Händen, während sein Herz heftig gegen seine Brust schlug. Hastig zog er sein Handy hervor und schaltete den Bildschirm ein. Ein fahles blaues Licht erfüllte den kleinen Raum. Er atmete tief durch und versuchte sich einzureden, dass dies nur ein gewöhnlicher Stromausfall war, wie er sich aus seiner Kindheit an diese Stadt erinnerte, als im Sommer ohne ersichtlichen Grund manchmal stundenlang der Strom ausgefallen war.
Er steckte den roten Umschlag hastig in die Innentasche seiner Jacke, neben den ersten Brief seines Vaters, und begann, die wichtigsten Unterlagen zusammenzuraffen, die er gefunden hatte – den Eigentumsvertrag, das Foto von Faris Darwisch, die handschriftliche Liste mit dem Namen »Taufiq«. Alles stopfte er in die kleine Tasche, die er ohne besondere Planung mitgebracht hatte, als hätte sich ein Teil von ihm instinktiv auf genau diesen Augenblick vorbereitet.
Einen kurzen Moment lang dachte er beim Zusammenraffen der Papiere mit zitternden Fingern daran, Yasmin Nur anzurufen. Sie war die einzige Journalistin, die seit seiner Ankunft echtes Interesse an ihm gezeigt hatte, und sie hatte nicht verborgen, dass sie seinen Vater auf irgendeine Weise kannte – oder zumindest wusste, dass er etwas Gefährliches verborgen hatte. Doch sofort erinnerte er sich an die Worte seines Vaters: »Vertraue niemandem, ganz gleich, wer es ist.« Galt das auch für eine fremde Journalistin, die er erst vor wenigen Stunden an einem Flughafen kennengelernt hatte? Vielleicht, dachte Salim bitter. In diesem Augenblick konnte er tatsächlich niemandem vertrauen, selbst wenn ein Mensch in Blicken und Worten vollkommen ehrlich wirkte. Er beschloss, die Entscheidung bis zum Morgen aufzuschieben, wenn sein Kopf klarer sein würde als jetzt in dieser erdrückenden Dunkelheit, wenn er die Dinge mit kühlerem Verstand abwägen konnte, fern vom Zittern dieser langen Nacht, die begonnen hatte, seine geistige und körperliche Kraft gleichermaßen zu erschöpfen.
Als er sich anschickte, den geheimen Raum zu verlassen und in den Keller zurückzukehren, hörte er es ganz deutlich: Schritte. Schwer und langsam bewegten sie sich unmittelbar über seinem Kopf, im Erdgeschoss des Hauses.
Salim blieb an der Schwelle der kleinen Holztür stehen, den Atem angehalten, und lauschte mit jeder Faser seines Körpers. Die Schritte waren vollkommen deutlich. Sie bewegten sich langsam und mit Bedacht vom Flur in Richtung Küche, als hätte ihr Besitzer keine Angst, gehört zu werden – oder wüsste vielleicht nicht, dass jemand so tief unter der Erde überhaupt lauschen konnte. Trotz der Kälte des Kellers rann Salim kalter Schweiß über die Stirn. Plötzlich begriff er, dass er seit dem Augenblick, in dem er hierher hinuntergestiegen war, nicht mehr bloß ein Sohn war, der nach den Erinnerungen seines Vaters suchte. Ohne es selbst gewählt zu haben, war er zu einem Teil eines gefährlichen Spiels geworden, dessen Regeln begonnen hatten, lange bevor er überhaupt geboren worden war.
Lajan war in ihrem Zimmer – davon hatte er sich vor etwa einer halben Stunde selbst überzeugt, als er das Ohr an ihre Tür gelegt und ihren gleichmäßigen Atem gehört hatte. Seine Mutter schlief ebenfalls in ihrem Zimmer; er hatte sie vor seinem Abstieg mit eigenen Augen gesehen. Zu dieser Stunde sollte niemand sonst im Haus sein. Die Haustür war fest verschlossen, davon hatte er sich selbst überzeugt, bevor er zum ersten Mal nach oben ins Arbeitszimmer gegangen war. Wer also lief jetzt direkt über seinem Kopf?
Er schloss die Tür des geheimen Raumes so lautlos wie möglich hinter sich und verriegelte sie wieder mit dem Messingschlüssel. Dann schob er das schwere Holzregal äußerst langsam vor die Tür und versuchte, kein weiteres Geräusch zu verursachen. Das erste Knarren beim Öffnen musste ohnehin bereits bis zu jedem Menschen über ihm gedrungen sein, der aufmerksam genug lauschte.
Mit den Augen suchte Salim in der Dunkelheit des Kellers nach irgendetwas, das er zur Verteidigung gebrauchen konnte. Zwischen den alten Möbeln fand er eine alte Metallstange, die einmal Teil des Rahmens eines zerbrochenen Bettes gewesen war. Mit zitternder Hand hob er sie auf und spürte ihr seltsames Gewicht in der Handfläche. In seinem ruhigen Leben in Deutschland hatte er noch nie etwas getragen, das einer Waffe näherkam als ein Schraubenzieher in seiner Werkstatt. Für einen Augenblick kam ihm ein flüchtiger Gedanke, über den er sofort in sich hineinlachte: Wenn ihn jetzt einer seiner Ingenieurskollegen in Hamburg sehen könnte – wie er in einem dunklen Keller mit einer Metallstange in der Hand stand –, würde man ihn vermutlich für vollkommen verrückt halten. Und doch gab ihm gerade dieser Augenblick zum ersten Mal seit zwanzig Jahren das Gefühl, etwas zu tun, das dieses ganze Risiko wert war.
Mit langsamen, berechneten Schritten näherte er sich dem unteren Ende der Holztreppe. Automatisch vermied er die siebte Stufe, deren Knarren er nur zu gut kannte, und lauschte weiter den Schritten über ihm, die nun aufgehört hatten. Als stünde ihr Besitzer irgendwo still und wartete. Für einen Moment erschien Salim die Lage selbst fremdartig: Ein Mann, der zwanzig ruhige Jahre in einer sicheren europäischen Stadt gelebt, Gebäude entworfen und routinemäßige Besprechungen besucht hatte, stand nun im Keller seines Elternhauses, eine rostige Metallstange in der Hand, bereit, einem Unbekannten gegenüberzutreten, der vielleicht mit Tötungsabsichten gekommen war. So hatte er sich sein Leben nie vorgestellt. Und doch verspürte er, auf eine seltsame Weise, die er in diesem Augenblick selbst nicht ganz verstand, keinen Drang zu fliehen. Stattdessen war da etwas, das einer stillen Entschlossenheit glich – etwas, das er an sich selbst noch nie gekannt hatte.
Noch hatte Salim nicht entschieden, ob er hinaufgehen sollte, als sich die Schritte wieder bewegten. Diesmal kamen sie genau auf den oberen Anfang der Kellertreppe zu. Dort verstummten sie plötzlich, unmittelbar über seinem Kopf, als wüsste derjenige dort oben genau, wo Salim stand – und als wartete er mit vollkommener Geduld darauf, dass Salim von selbst zu ihm hinaufkam.
Salim blieb in der vollkommenen Dunkelheit stehen, die Metallstange so fest umklammert, dass seine Finger weiß wurden. Sein Herz hämmerte gegen die Brust, beinahe laut genug, um gehört zu werden. Über ihm dehnte sich die völlige Stille Sekunde um Sekunde aus, schwerer als jedes Geräusch, das er hätte hören können. Als wüsste der Mensch am oberen Ende der Treppe, wer immer er sein mochte, genau, dass Salim nun von seiner Anwesenheit wusste – und als hätte er aus irgendeinem Grund beschlossen, keinen weiteren Schritt zu tun. So blieb Salim allein in der Dunkelheit mit einer einzigen Frage, auf die er keine Antwort hatte: Sollte er hinaufgehen und dem begegnen, was dort auf ihn wartete? Oder sollte er in dieser Dunkelheit bleiben, bis der Morgen kam?
Eine volle Minute verging, vielleicht zwei. Salim stand noch immer reglos da und zählte seine Atemzüge, bemüht, sie so ruhig wie möglich zu halten. Er versuchte sich vorzustellen, wer dort oben stehen konnte. War es derselbe Mensch, der ihn vorhin angerufen hatte? War er zurückgekommen, um sich selbst zu vergewissern, dass Salim noch nichts gefunden hatte? Oder war er gekommen, um zu holen, was noch in dem geheimen Raum lag, bevor Salim es erreichte? Für einen Augenblick ließ Salim einen noch schrecklicheren Gedanken zu: Was, wenn dieser Mensch tatsächlich derjenige war, der seinen Vater getötet hatte – und nun zurückgekommen war, um zu vollenden, was er begonnen hatte, ohne zu wissen, dass Salim unten jede seiner Bewegungen hörte? Nur mühsam drängte er den Gedanken zurück und zwang sich, sich auf den gegenwärtigen Augenblick zu konzentrieren, nicht auf Ängste, die ihn im schlimmsten möglichen Moment völlig lähmen konnten.
Dann hörte er plötzlich ein ganz anderes Geräusch: Die hintere Küchentür wurde langsam geöffnet und ebenso leise wieder geschlossen. Schritte entfernten sich in Richtung des Hofes, wurden nach und nach leiser und verloren sich schließlich vollständig in der Stille der Nacht.
Salim wartete noch einige Minuten, bevor er sich hinaufwagte. Schritt für Schritt stieg er die Treppe hinauf und vermied die siebte Stufe mit fast instinktiver Vorsicht. Oben angekommen, drückte er die Tür zum Flur äußerst langsam auf. Die Metallstange hielt er noch immer in der anderen Hand, erhoben und bereit für jeden möglichen Zwischenfall.
Der Flur war völlig leer und still, als wäre hier nie etwas geschehen. Salim überprüfte hastig die hintere Tür zum Hof. Anders als vor seinem Abstieg erinnerte, stand sie einen Spalt offen – weit genug, dass jemand sich lautlos hindurchzwängen konnte. Das äußere Schloss war deutlich aufgebrochen worden. Ein scharfes Werkzeug hatte Spuren im Holz um das Schloss hinterlassen.
Vorsichtig beugte sich Salim über das beschädigte Schloss. Um das Schlüsselloch bemerkte er feine Kratzer, Spuren eines schmalen Metallwerkzeugs, das mit sichtbarer Geschicklichkeit benutzt worden war. Wer das Schloss aufgebrochen hatte, schien Erfahrung mit dieser Art Arbeit zu haben, kein gewöhnlicher Einbrecher auf der Suche nach schneller Beute. Auf der Türschwelle entdeckte er außerdem etwas Kleines, Glänzendes, halb zwischen den Steinen des Hofes verborgen: einen kleinen Metallknopf, wie er an schweren Wintermänteln verwendet wird – seltsam an einer heißen Sommernacht wie dieser. Salim hob ihn auf und steckte ihn vorsichtig in die Tasche. Wer trug bei diesem Wetter einen Wintermantel? Und warum sollte ausgerechnet hier, an dieser Tür und nicht irgendwo anders, ein solcher Knopf abgefallen sein?
Plötzlich kehrte der Strom zurück und erhellte den gesamten Flur, als wäre der Ausfall keineswegs zufällig gewesen, sondern von jemandem genau getaktet worden – von jemandem, der wusste, wann das Haus dunkel sein musste und wann das Licht wieder angehen sollte. Salim stand mitten im plötzlich erhellten Flur, rang nach Atem, die Hände noch immer um die Metallstange verkrampft, die Tasche voller Geheimnisse seines Vaters über der Schulter. Er begriff, dass die erste Nacht seiner Rückkehr in die Stadt des Jasmins nur der Anfang von etwas gewesen war, das weitaus größer war, als er sich auf eine Begegnung vorbereitet hatte. Und wer auch immer der Besucher gewesen war, der mitten in der Nacht in sein Haus eingedrungen war – dies würde nicht das letzte Mal sein, dass er kam.

Am anderen Ende der Stadt, in ihrem kleinen Büro mit Blick auf eine Hauptstraße, die trotz der späten Stunde noch hell erleuchtet war, saß Yasmin Nur vor ihrem Computer und hörte zum zwanzigsten Mal eine alte Tonaufnahme ab. Monate zuvor hatte sie sie mit einer Quelle geführt, die ihre Identität nicht preisgeben wollte. Die Stimme sprach, absichtlich verzerrt, von einer »alten Akte über das Land des Jasminviertels, die noch nicht abgeschlossen ist«. Yasmin stoppte die Aufnahme und sah auf die Uhr: halb zwei nach Mitternacht.
Neben ihrem Computer hing eine Korktafel an der Wand, viel kleiner als die Tafel von Salims Vater, aber mit derselben Idee dahinter: ausgeschnittene Zeitungsfotos, alte Artikel, die sie selbst über Kamal Darwischs Immobilienprojekte geschrieben hatte, und eine kleine Karte des Jasminviertels, auf der sie einige der alten Häuser, die in den letzten Jahren im Zuge der ersten Projektphasen tatsächlich verschwunden waren, mit rotem Stift eingekreist hatte. Seit fast zwei Jahren arbeitete sie an dieser Akte, seit sie zum ersten Mal ein merkwürdiges Muster in der Geschwindigkeit entdeckt hatte, mit der einige alte Grundstücke in den Besitz von Kamal Darwischs Unternehmen übergingen. Einen eindeutigen Beweis für ihren starken Verdacht hatte sie bisher nicht gefunden: dass nicht alle dieser Eigentumsübertragungen von Anfang an rechtmäßig gewesen waren.
Plötzlich klingelte ihr Handy. Eine Textnachricht von einer unbekannten Nummer – derselben Nummer, die ihr in den vergangenen Monaten einige Male geschrieben hatte, ohne je ihre Identität preiszugeben. Sie öffnete die Nachricht hastig: »Der Sohn von Abd al-Karim Murad hat heute Nacht den Raum betreten. Die Zeit läuft für alle ab, auch für dich.«
Yasmin starrte lange auf die Nachricht und versuchte zu begreifen, woher der Besitzer dieser unbekannten Nummer so genau wusste, was in dieser Nacht im Haus der Familie Murad geschehen war. Sie selbst hatte niemandem von ihrem kurzen Gespräch mit Salim am Flughafen erzählt. Wer beobachtete das Haus so genau, dass er Einzelheiten wie diese in Echtzeit kannte? Sie blickte aus dem Fenster ihres Büros auf die dunkle Straße. Gegenüber stand seit etwa einer halben Stunde ein schwarzes Auto am Straßenrand. Es hatte sich nicht bewegt, niemand war ausgestiegen. Als würde es auf etwas warten – oder auf jemanden, der noch nicht aufgetaucht war.
Yasmin zog den Vorhang langsam zu und löschte die Hauptlampe ihres Büros. Nur das Licht ihres Computerbildschirms blieb und tauchte den Raum in einen schwachen Schein. Aus der relativen Dunkelheit beobachtete sie das schwarze Auto vom Rand des Fensters aus und stellte sich eine einzige Frage, auf die sie keine beruhigende Antwort fand: War sie seit Salim Murads Rückkehr in jener ersten Nacht stärker Teil dieser Geschichte geworden, als sie selbst geglaubt hatte? Oder war sie von Anfang an ebenfalls beobachtet worden, ohne es zu wissen?
Einen Augenblick dachte Yasmin daran, einen Bekannten bei der Polizei anzurufen und ihn nach dem schwarzen Auto vor ihrem Büro zu fragen. Dann verwarf sie den Gedanken rasch. Sie erinnerte sich daran, dass einige ihrer Kontakte in den vergangenen Jahren nicht mehr uneingeschränkt vertrauenswürdig waren – besonders seit ihre Recherchen den verschlungenen Einflusskreisen Kamal Darwischs innerhalb der offiziellen Institutionen der Stadt immer näher gekommen waren. Sie schloss ihr kleines Notizbuch und legte es zurück in die Schublade. Bis zum Morgen wollte sie warten, bevor sie ihren nächsten Schritt entschied. Tief in ihrem Inneren wusste sie bereits, dass die kommenden Tage keinem der vergleichsweise ruhigen Tage gleichen würden, die sie all die Jahre in ihrer journalistischen Arbeit erlebt hatte.
— Ende des zweiten Kapitels —


DIE STADT DES JASMIN 03


DIE STADT DES JASMIN 01

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