Numan Albarbari نعمان البربري

Erste Sitzung

Das Symposium über den Roman
„Museum der verlorenen Tage”

Erste Sitzung

„Vor dem Menschen”
Die ersten vier Tore: Das erste Teilchen – Der sterbende Stern – Das Molekül des Lebens – Die erste Zelle
Sitzungsleiter: Wir beginnen heute an einem Ort, der dem Menschen denkbar fern erscheint: im Augenblick vor seinem eigenen Werden.
Die ersten vier Tore des Romans zeichnen einen einzigen großen Bogen – von der kosmischen Physik bis zum biologischen Anfang des Lebens. Ein Teilchen tritt aus dem Unbekannten hervor. Ein Stern beendet sein Dasein, um dem All neue Elemente zu schenken. Ein Molekül irrt sich – und aus diesem Irrtum wird Vielfalt geboren. Eine Zelle teilt sich, damit das Leben weitergeht, ohne wortwörtlich es selbst zu bleiben.
Und die Frage, die all diese Stationen verbindet: Braucht Fortdauer ein vollständiges Gedächtnis? Oder genügt es, dass eine Spur zurückbleibt?
Ich beginne mit meiner Frage an Numan: Sie lassen Samir seine Reise bei der kosmischen Physik beginnen, beim ersten Teilchen – nicht bei einem unmittelbar menschlichen Ereignis. Warum musste der Leser zuerst durch den Anfang des Universums gehen, ehe er die Welt der menschlichen Figuren betrat?
Numan Albarbari: Weil ich nicht wollte, dass Samirs Reise eine bloße Suche nach einem verlorenen Tag seines Lebens bleibt. Ich wollte sie als eine Suche nach dem Sinn des Daseins selbst.
Jeder tiefe Anfang gleicht im Kern jedem anderen – ob er der Anfang eines Kosmos ist, eines Lebens, eines Gedankens oder der Weg eines Menschen zu sich selbst. In jedem Anfang liegt ein Heraustreten aus dem Ungewissen, eine Behutsamkeit, die dem Mut vorausgeht, eine natürliche Furcht vor dem Unbekannten – und dann jener stille Augenblick, in dem sich die Wandlung vollzieht.
Deshalb konnte Samirs Anfang nicht beim Menschen allein liegen; der Mensch selbst ist ja das Ergebnis einer viel älteren Geschichte. Er trägt die ganze Geschichte des Alls in sich: Atome, die aus gestorbenen Sternen stammen, Elemente, die in den Tiefen der Galaxien entstanden, Leben, das aus unvollendeten ersten Versuchen begann.
Bevor Samir fragen konnte: „Wer bin ich?“, musste er durch die ältere Frage hindurchgehen: „Wie hat alles begonnen?”
Sitzungsleiter: Ich wende mich an Dr. Basil, aus philosophischer Perspektive. Lässt sich dieser Anfang literarisch als Rückkehr zum urzeitlichen Chaos der Schöpfungsmythen lesen? Und kann man die Suche nach dem Selbst als eine Art symbolischer Neuschöpfung der Welt betrachten?
Dr. Basil: Ja, in hohem Maße.
Jeder wahre Anfang ist kein bloßer Übergang von einem Punkt zum nächsten, sondern eine Begegnung mit unentdecktem Raum. Man denke an Mircea Eliade, der in gewissen alten religiösen Riten eine symbolische Wiederholung der Schöpfungsereignisse erkannte – als schöpfe jeder neue Anfang seinen Sinn aus einer symbolischen Rückkehr zum Ursprung.
In Numans Roman beginnt Samirs Suche nach seinem verlorenen Tag nicht bei der persönlichen Erinnerung allein, sondern bei der Frage des Seins selbst. Als führte der Verlust eines einzigen Tages zur größten aller Fragen: Wenn der Mensch einen Teil seiner Vergangenheit verliert, was bleibt dann von ihm? Diese Frage betrifft nicht nur Samir – sie betrifft jeden Menschen.
Sitzungsleiter: Ich richte die Frage an Dr. Mazin, aus astronomischer Sicht: Ist diese Verbindung zwischen kosmischem und menschlichem Anfang eine mögliche wissenschaftliche Erweiterung – oder eine literarische Deutung, die über die Grenzen der Wissenschaft hinausgeht?
Dr. Mazin: Ich sehe darin eine legitime literarische Verbindung, wobei man zwischen der Sprache der Wissenschaft und der Sprache des Symbols unterscheiden muss.
Wenn die Wissenschaft vom Anfang des Alls spricht, erhebt sie keinen Anspruch, eine endgültige Antwort auf alles zu besitzen, was dem menschlichen Wissen vorausging – sie erkennt vielmehr die Grenzen ihrer Werkzeuge an. Genau dieser Punkt schien mir im Roman bedeutsam: Das erste Teilchen liefert keine geschlossene Antwort, es steht dem Unbekannten gegenüber. Das ist der wirklichen Erfahrung des Forschers sehr nahe – der Wert des Wissens liegt nicht nur in dem, was wir wissen, sondern auch in unserer Fähigkeit, das Nichtwissen anzuerkennen.
Von dieser Warte aus wird das erste Teilchen im Roman nicht bloß zu einem physikalischen Element, sondern zum Sinnbild einer menschlichen Haltung: dem Unbekannten begegnen zu können, ohne es mit eingebildeten Antworten zu füllen.
Von der Fortdauer als Spur
Sitzungsleiter: Ich möchte mit einer Nachfrage zu Numan zurückkehren. In Dr. Mazins Worten trat ein wichtiger Gedanke hervor: dass der Wert des Wissens nicht nur in den Antworten liegt, die es bietet, sondern in seiner Fähigkeit, vor dem Unbekannten standzuhalten. War Ihnen dieses Bewusstsein beim Formen Samirs gegenwärtig? War seine Suche nach dem verlorenen Tag eine Suche nach Antwort – oder nach der Fähigkeit, die Frage anzunehmen?
Numan Albarbari: Zu Beginn mag Samirs Suche wie ein Versuch erscheinen, etwas Verlorenes zurückzuholen. Doch im Grunde sah ich sie als eine Suche nach dem Verhältnis des Menschen zu dem, was er verliert.
Wir neigen zu glauben, Verlust bedeute Mangel, und Vollständigkeit hänge von dem ab, was wir bewahren. Doch das Leben lehrt uns, dass der Mensch nicht nur aus dem besteht, was bei ihm bleibt, sondern auch aus dem, was durch ihn hindurchgeht und ihn wieder verlässt.
Das Gedächtnis ist kein verschlossenes Lager, in dem wir unser Ich aufbewahren, sondern ein fließender Strom, der uns beständig neu formt. Deshalb beginnt der Roman beim ersten Teilchen – weil ich sagen wollte: Fortdauer bedeutet nicht, dass etwas bleibt, wie es ist, sondern dass es sich in eine neue Gestalt wandelt.
Der Stern bleibt nicht – doch er schenkt dem All neue Elemente. Die erste Zelle bleibt nicht, wie sie war – doch sie öffnet den Weg für ein ganzes Leben. Und der Mensch selbst wandelt sich durch die Zeit, und dennoch sucht er nach einem Faden, der ihn mit sich selbst verbindet.
Sitzungsleiter: Wir kommen zum zweiten Tor: Der sterbende Stern. Hier begegnet uns ein bemerkenswerter Gedanke – dass das Ende nicht immer Abbruch bedeutet, sondern manchmal die Bedingung eines neuen Anfangs ist. Die Frage an Dr. Mazin: Wie betrachtet die Astrophysik dieses Bild? Kann man sagen, dass der Tod der Sterne eine der Bedingungen unserer eigenen Existenz ist?
Dr. Mazin: Ohne Zweifel. Und das ist keine bloß literarische Metapher, sondern eine tiefe wissenschaftliche Tatsache.
Die schweren Elemente, aus denen der menschliche Körper besteht – Kohlenstoff, Sauerstoff, Eisen – existierten in den frühesten Anfängen des Alls noch nicht in der uns heute bekannten Form. Sie bildeten sich im Innern der Sterne und verbreiteten sich erst nach deren großen Enden im Raum. Mit anderen Worten: Wir tragen in unseren Körpern die Geschichte von Sternen, die vor Milliarden Jahren gestorben sind.
Hier kommt der literarische Satz des Romans – dass Vergehen eine andere Weise der Fortdauer des Seins sein kann – einer kosmischen Wahrheit sehr nahe. Der Stern verschwindet nicht ganz; er verwandelt sich in eine neue Möglichkeit.
Sitzungsleiter: Dr. Basil, sehen Sie in diesem Gedanken eine philosophische Erweiterung des Wandlungsbegriffs?
Dr. Basil: Ja, aber mit einer wichtigen Anmerkung.
Die Philosophie hat seit alters her mit dem Verhältnis von Wandel und Bestand gerungen. Wenn sich alles wandelt, was macht dann ein Ding zu sich selbst? Heraklit sah im Sein eine ständige Bewegung, hinter deren scheinbarem Stillstand sich immerwährender Wandel verbirgt.
Doch der Roman stellt die Wandlung nicht als Auslöschung der Identität dar, sondern als eine andere Weise ihrer Fortdauer. Der gestorbene Stern ist nicht das Eisen im Blut des Menschen – aber er ist Teil der Möglichkeit seines Daseins geworden. Und das führt uns zur zentralen Frage des Romans: Sind wir die Summe dessen, was wir bewahren? Oder die Summe dessen, was wir durch das geworden sind, was uns widerfuhr?
Sitzungsleiter: Wir gelangen zum dritten Tor: Das Molekül des Lebens. Hier wechselt der Roman vom Kosmos zu einer viel kleineren Ebene – von den Sternen zur ersten Materie des Lebens. Dr. Salma, aus biologischer und medizinischer Sicht: Welche Bedeutung hat der Gedanke des „Irrtums” oder der „Abweichung” für die Entstehung der Vielfalt?
Dr. Salma: In der Biologie kann das, was wir manchmal Fehler nennen, der Anfang einer Wandlung sein.
Genmutationen etwa sind nicht alle nützlich, doch manche eröffnen einen neuen Weg zu Anpassung und Vielfalt. Das Leben schreitet nicht immer entlang eines geraden Plans voran, sondern durch viele Versuche und Irrwege. Dieser Gedanke steht der Erfahrung des Menschen selbst sehr nahe: Der Mensch wird nicht nur durch seine Erfolge zu dem, der er ist, sondern auch durch seine Fehler, seine Brüche und die Wege, die ihn nicht dorthin führten, wohin er wollte.
Sitzungsleiter: Dr. Fadi, aus literarischer Perspektive: Kann die Literatur den Irrtum als schöpferisches Element betrachten?
Dr. Fadi: Er ist vielleicht sogar eine ihrer wichtigsten Quellen.
Viele der großen Gestalten der Weltliteratur sind nicht durch Vollkommenheit entstanden, sondern durch den inneren Riss. Der Mensch, der nicht irrt, nicht verliert, nicht zögert, wird zu einer geschlossenen Figur, die sich nicht bewegt. Der Mensch hingegen, der seinen Mangel und seine Fragen trägt, ist fähig zur Wandlung.
Deshalb ist das Molekül des Lebens im Roman keine bloße biologische Etappe, sondern ein frühes Abbild des Menschen selbst: Auch der Mensch ist ein Molekül, das nach seiner eigenen Zusammensetzung sucht, nach seinem Platz im größeren Ganzen.
Sitzungsleiter: Wir gelangen zur ersten Zelle – und hier nähern wir uns vielleicht am meisten der Frage, die später zu Samirs eigener Frage wird: Wie dauert ein Ding fort, wenn es nicht dasselbe bleibt? Ich bitte Dr. Salma zu beginnen.
Dr. Salma: Biologisch betrachtet bedeutet die lebende Zelle keinen Stillstand. Sie dauert fort, weil sie sich teilt und wandelt. Lebewesen im Allgemeinen sind keine feststehenden Körper, sondern fortlaufende Vorgänge. Der Körper, den wir heute tragen, ist – seiner materiellen Bestandteile nach – nicht derselbe wie vor Jahren. Und dennoch spüren wir eine Kontinuität der Identität. Das führt uns zu einer Frage, die über die Medizin hinausgeht: Was lässt den Menschen trotz all dieser Wandlungen das Gefühl haben, er selbst zu sein?
Sitzungsleiter: Dr. Basil, genügt der biologische Wandel, um Identität zu erklären?
Dr. Basil: Nein. Der biologische Wandel erklärt einen wichtigen Teil, entscheidet die Frage aber nicht. Die menschliche Identität gründet nicht allein auf Materie. Da sind das Gedächtnis, die Beziehungen, die Erfahrungen, die Geschichte, die der Mensch über sich selbst erzählt. Der Roman formuliert, so scheint mir, einen genauen Gedanken: Es geht nicht darum, dass der Mensch eine identische Kopie seines alten Selbst bleibt, sondern dass ein Faden von Sinn bestehen bleibt, der seine verschiedenen Etappen verbindet. Identität ist kein unveränderlicher Stein, sondern ein Gewebe, das sich beständig neu webt.
Sitzungsleiter: Ich bitte Dr. Fadi, aus literarischer Sicht zu ergänzen.
Dr. Fadi: Dieser Sinn ist in der Literatur mit großer Kraft gegenwärtig. Auch der Schriftsteller selbst wandelt sich zwischen einem Buch und dem nächsten – vielleicht sogar von Seite zu Seite. Und dennoch spürt er eine innere Stimme, die seine Werke verbindet. Auch die Romanfigur bleibt nicht, wie sie begann; sie stirbt symbolisch viele Male und wird wiedergeboren. Genau das widerfährt Samir. Er sucht seinen verlorenen Tag nicht, um zu dem zurückzukehren, was er einmal war, sondern um zu entdecken, dass der Mensch nicht in die Vergangenheit zurückkehrt, sondern sie neu versteht.
Sitzungsleiter: Die Frage an Numan: Der Roman begann mit dem Gedanken, dass Vergehen eine Weise der Fortdauer sein kann. Ist es derselbe Gedanke, zu dem Samir im Nullraum gelangt – oder hat die Reise ihn verändert?
Numan Albarbari: Ich glaube, es ist derselbe Gedanke, doch er trägt nicht mehr denselben Sinn.
Am Anfang war es ein gedanklicher Einfall, einer philosophischen Betrachtung über All und Leben ähnlich. Doch Samir erreichte den Nullraum nicht so, wie er aus dem Anfang aufgebrochen war. Er trug neunzig Stimmen mit sich, eine Erfahrung, ein Gedächtnis. Was am Anfang theoretisches Wissen war, wurde am Ende gelebte Erfahrung. Am Anfang hörte er, dass die Dinge fortdauern, indem sie sich wandeln. Am Ende lebte er diesen Sinn.
Er entdeckte, dass der Mensch nicht nur durch das definiert wird, was ihm geblieben ist, sondern auch durch das, was er in den anderen zurückließ, und durch das, was die anderen in ihm zurückließen. Vielleicht braucht der Mensch deshalb nicht alle seine Tage zurückzugewinnen, um sich selbst wiederzufinden. Manche Tage gehen nicht wirklich verloren. Sie verwandeln sich nur in etwas anderes, das in uns wohnt, ohne dass wir es sehen.


Tore fünf, sechs und sieben
Der Fötus – Der letzte Dinosaurier – Der wissende Mensch
Sitzungsleiter: Nachdem wir in der ersten Sitzung beim ersten Teilchen begannen, über den Stern und das Molekül bis zur ersten Zelle, erreichen wir heute eine neue Etappe der Romanreise: den Augenblick, in dem sich die Frage nicht mehr um die Entstehung des Lebens dreht, sondern um die Entstehung des Bewusstseins.
Die drei Tore, die wir heute besprechen, scheinen weit auseinanderzuliegen: ein Fötus, der die Welt noch nicht gesehen hat, doch die Geborgenheit kennt, ehe er die Worte kennt. Ein gewaltiges Wesen, das seinem kollektiven Ende gegenübersteht, sodass Samir von ihm den Sinn des Verlustes lernt, ohne Vergleich. Und ein erster Mensch, der zum ersten Mal in der Geschichte seiner Art entdeckt, dass er nicht nur weiß, sondern weiß, dass er weiß.
Die Frage, die diese Stationen verbindet: Wann wird das „Ich” geboren? Beginnt es, wenn wir uns selbst erkennen – oder lange davor?
Sitzungsleiter: Meine Frage an Numan: Sie stellen den wärmsten Moment des Romans – den Fötus im Mutterleib – vor den härtesten – die Begegnung mit dem kollektiven Vergehen. War dieser Übergang darauf angelegt, im Leser einen emotionalen Schock zu erzeugen?
Numan Albarbari: Nicht den Schock wollte ich an sich, sondern einen Rhythmus, der dem Rhythmus des Lebens gleicht.
Das Leben verläuft nicht geradlinig von Freude zu Trauer oder von Schmerz zu Ruhe. Die geborgensten Augenblicke gehen manchmal den schmerzlichsten voraus – nicht weil sie den Menschen vor dem Schmerz schützen, sondern weil sie ihm die Kraft geben, ihm zu begegnen.
Der Fötus kennt seinen Namen nicht, kennt die Welt nicht, besitzt kein waches Gedächtnis – und dennoch lebt er die erste tiefe menschliche Erfahrung: das Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit. Vielleicht kann Samir gerade deshalb später den anderen zuhören: weil in ihm eine alte Spur weiterlebt, die nie ganz verschwunden ist.
Sitzungsleiter: Die Frage an Dr. Salma: Hat der Gedanke der „Liebe vor der Sprache”, der im Fötus-Kapitel erscheint, eine wissenschaftliche Grundlage, oder ist er reine symbolische Konstruktion?
Dr. Salma: Er hat eine klare wissenschaftliche Grundlage. Der Fötus beginnt in fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadien, Töne wahrzunehmen, und kann nach der Geburt die Stimme der Mutter erkennen, die ihm schon vor seiner Ankunft in der Welt vertraut geworden ist.
Doch wichtiger noch ist die Art des Gedächtnisses, das mit dieser Erfahrung verknüpft ist. Es gibt einen Unterschied zwischen dem expliziten Gedächtnis, das Bewusstsein und Sprache benötigt, und dem impliziten Gedächtnis, das die Spuren der Erfahrung bewahrt, ohne dass wir sie als klare Geschichte wiedergeben können. Das öffnet eine wichtige Tür bei Samir: Nicht alles, was wir in uns tragen, erscheint als erzählbare Erinnerung. Manchmal bleibt die Spur, ehe der Name bleibt.
Sitzungsleiter: Dr. Basil, wie blickt die Philosophie auf dieses Gebiet vor Sprache und Bewusstsein?
Dr. Basil: Es ist ein philosophisch überaus bedeutsames Gebiet, denn es stellt uns vor die Frage: Beginnt der Mensch, wenn er „Ich” sagt? Oder existiert etwas von ihm schon lange davor?
Bei Heidegger hängt die menschliche Angst mit dem Bewusstsein des Menschen für seine Zeitlichkeit und sein Vergehen zusammen. Doch der Fötus lebt einen anderen Zustand; er trägt dieses Bewusstsein für Zukunft oder Ende noch nicht.
Und hier zeigt sich ein schönes Paradox: Der erwachsene Mensch sucht manchmal, durch Meditation und Übung, nach dem Zustand vollkommener Gegenwart im Augenblick. Sein erstes Dasein aber beginnt in einem Zustand reiner Gegenwart, ehe sich die Schichten von Furcht, Erwartung und Erinnerung darüberlegen.
Sitzungsleiter: Numan, lässt sich sagen, dass Samirs gesamte Reise ein Versuch ist, zu jener ersten Gegenwart zurückzukehren?
Numan Albarbari: Vielleicht, ja – aber nicht im Sinne einer Rückkehr zur Kindheit oder einer Auslöschung der Erfahrung.
Der Mensch kann nicht zu dem zurückkehren, was er war, ehe er die Welt kannte. Doch er kann eine Art Klarheit gegenüber seinem Dasein zurückgewinnen. Das erinnert an das, was T. S. Eliot ausdrückte, als er sagte, das Ende des Suchens könne den Menschen an den Ort zurückführen, von dem er aufbrach – doch mit neuem Wissen.
Samir sucht nicht nur einen verlorenen Tag. Er sucht eine neue Beziehung zu sich selbst. Deshalb war der Nullraum am Ende der Reise eher ein Augenblick der Stille und des Verstehens als ein Augenblick des Triumphs und der äußeren Entdeckung. Der Mensch findet sich nicht immer, wenn er eine Antwort erhält – manchmal findet er sich, wenn er sich mit der Frage versöhnt.
Sitzungsleiter: Wir kommen zum sechsten Tor: Der letzte Dinosaurier. Hier wechselt die Blickrichtung grundlegend. Standen wir eben vor dem Anfang des Lebens im Mutterleib, stehen wir nun vor dem Ende einer ganzen Art, die Millionen Jahre lebte und dann verschwand.
Eine gemeinsame Frage an Dr. Mazin und Dr. Lubna: Der Roman verknüpft das Aussterben der Dinosaurier mit dem späteren Erscheinen des Menschen. Ist diese Verbindung reine symbolische Wahl, oder gibt es dafür eine wissenschaftliche und historische Grundlage?
Dr. Mazin: Die Verbindung hat eine starke wissenschaftliche Grundlage. Das Aussterben der Dinosaurier vor rund sechsundsechzig Millionen Jahren war nicht bloß das Ende gewaltiger Wesen, sondern ein Wendepunkt in der Geschichte des Lebens auf der Erde. Danach fanden die Säugetiere größere Möglichkeiten zur Vielfalt und Ausbreitung – eine der Bedingungen, die später das Erscheinen jener Linien ermöglichten, denen der Mensch angehört.
Doch was mich in der Behandlung des Romans interessiert, ist nicht das Ereignis allein, sondern die Weise, wie es gelesen wird. In der Geschichte des Alls und des Lebens ist nicht jedes Ende bloßer Verlust. Manchmal öffnet das Ende Raum für ein neues Dasein.
Dr. Lubna: Und ich füge aus historischer und menschlicher Perspektive hinzu, dass dieses Tor eine tiefe moralische Frage trägt.
Der heutige Mensch lebt auf einer langen Kette von Ereignissen, die er sich nicht ausgesucht hat. Wir erben eine Welt, die durch Siege, Verluste, Aussterben und Konflikte geformt wurde, an denen wir nicht beteiligt waren. Wenn die Dinosaurierin zu Samir sagt, sein Dasein hänge mit ihrem Ende zusammen, stellt sie ihn vor ein Paradox: dass der Mensch Erbe einer Tragödie sein kann, die er nicht begangen hat, und Nutznießer eines Ereignisses, das er nicht gewählt hat. Und diese Frage kehrt auch in der menschlichen Geschichte wieder: Wie geht der Mensch mit einem Erbe um, für dessen Entstehung er nicht verantwortlich war, dessen Folgen er aber lebt?
Sitzungsleiter: Die Frage an Numan: In diesem Tor machen Sie die Dinosaurierin nicht zu einem bloßen Opfer der Vergangenheit, sondern lassen sie eine Weisheit tragen, die sie Samir schenkt. Warum sollte eine menschliche Lehre von einem Wesen kommen, das den Menschen nie kannte?
Numan Albarbari: Weil ich den Kreis des Mitgefühls erweitern wollte.
Der Mensch neigt dazu, sich selbst ins Zentrum der Erzählung zu stellen, als hätte die Geschichte mit ihm begonnen. Doch das Sein ist älter als der Mensch, und das Leben ist keine rein menschliche Geschichte. Die Dinosaurierin im Roman kommt nicht nur, um die Tragödie ihrer Art zu erzählen, sondern um Samir etwas über den Sinn des Verlustes zu lehren. Jedes Wesen verliert etwas. Eine ganze Art kann ihr Dasein verlieren. Ein Mensch kann einen Tag seines Lebens verlieren. Eine Gesellschaft kann ihr Gedächtnis verlieren. Der Unterschied liegt nicht im Ausmaß des Verlustes, sondern in der Art, wie wir mit ihm umgehen. Und das ist die Lehre, die Samir braucht: Es gibt keinen kleinen Verlust für den, der ihn erlebt hat.
Sitzungsleiter: Wir gelangen zum siebten Tor – und vielleicht zur größten Wandlung dieser Reise: der Mensch, der sich nicht damit begnügte zu leben, sondern entdeckte, dass er weiß, dass er lebt. Hier zeigt sich die Geburt des Selbstbewusstseins.
Die Frage an Dr. Basil: Kann man das Auftreten des „Ich” als jenen Augenblick betrachten, in dem sich der Mensch von den übrigen Wesen trennte?
Dr. Basil: Es ist ein entscheidender Augenblick, aber kein Augenblick vollständiger Trennung. Der Mensch trat nicht aus der Natur heraus – er trug die Natur in sich. Was sich änderte, war seine neue Fähigkeit, sich selbst gegenüber die Position des Beobachters einzunehmen. Er fühlte nicht mehr nur Schmerz, sondern fragte: Warum leide ich? Er fürchtete nicht mehr nur den Tod, sondern fragte: Was bedeutet es, zu sterben?
Und hier beginnen die Fragen, die Philosophie, Religion und Kunst hervorbrachten. Das Ich ist nicht bloße Selbsterkenntnis, sondern die Fähigkeit, das Selbst in eine Frage zu verwandeln.
Sitzungsleiter: Dr. Fadi, wie spiegelt sich diese Wandlung in der Literatur?
Dr. Fadi: Fast die gesamte Literatur ist die Geschichte dieser einen Frage. Seit der Mensch begann, von sich selbst zu erzählen, versucht er, das Verhältnis zwischen dem Wesen, das lebt, und dem Wesen, das weiß, dass es lebt, zu verstehen. Die tiefe literarische Figur ist nicht die, der Dinge widerfahren, sondern die, die den Sinn ihres Widerfahrens erfasst. Deshalb ist Samir nicht bloß ein Mann, der einen Tag seines Lebens verlor. Er ist ein Mensch, der zu verstehen versucht, was es bedeutet, eine Vergangenheit, ein Gedächtnis, eine Identität zu haben.
Sitzungsleiter: Die letzte Frage dieser Sitzung an Numan: Der erste Mensch, der das „Ich” entdeckte, fragt Samir: „Lohnt es sich zu wissen, dass ich sterben werde, um dafür zu wissen, dass ich ich bin?” Ist das die zentrale Frage des ganzen Romans?
Numan Albarbari: Vielleicht ist es eine der Fragen, um die sich die übrigen sammeln. Jede Figur, der Samir begegnet, trägt eine eigene Antwort auf diese Frage. Der Fötus lehrt ihn, dass das Sein vor den Worten beginnt. Die Dinosaurierin lehrt ihn, dass Verlust Teil der Fortdauer des Lebens ist. Und der erste Mensch lehrt ihn, dass Bewusstsein, trotz seines Schmerzes, der menschlichen Erfahrung ihren Sinn schenkt.
Der Mensch wählt nicht, sein Ende zu kennen, doch durch dieses Wissen kann er seiner Reise Wert verleihen. Vielleicht war es die Furcht vor dem Vergehen, die den ersten Menschen zu den ersten Zeichnungen trieb, zur Suche nach einem Sinn, der den flüchtigen Augenblick überdauert.
Und von hier aus lässt sich der ganze Roman verstehen: Nicht die Reise eines Mannes, der nach einem verlorenen Tag sucht, sondern die Reise eines Menschen, der nach dem Sinn sucht, der jeden Tag – auch den verlorenen – zu einem Teil seiner Geschichte macht.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir sind vom noch ungeborenen Wesen zum ausgestorbenen Wesen und schließlich zum Menschen gegangen, der sich selbst entdeckte. Drei verschiedene Bilder, die sich in einer Frage treffen: Dazusein bedeutet nicht nur, am Leben zu bleiben, sondern zu wissen, dass man hier war.


„Der Körper erinnert sich an das, was der Verstand zu erinnern sich weigert”
Achtes und neuntes Tor: Der Traum – Imhotep
Sitzungsleiter: In den beiden vorigen Sitzungen begleiteten wir die Reise des Seins vom ersten Teilchen bis zur Geburt des menschlichen Bewusstseins. Heute nähern wir uns dem Menschen selbst noch einen Schritt weiter – nicht als bloß denkendes Wesen, sondern als ein Wesen, das Erfahrungen in sich trägt, die es nicht immer in Worte fassen kann.
Die beiden heutigen Tore erscheinen zunächst weit auseinanderliegend. Im einen führt der Traum Samir näher an seinen verlorenen Tag heran, ohne ihn ganz zu enthüllen. Im anderen steht Imhotep und erinnert uns daran, dass der Körper bewahren kann, wofür die Sprache keine Worte findet.
Die Frage, die beide Tore verbindet: Vergisst der Verstand wirklich – oder bewahrt der Körper, was aus dem Gedächtnis fällt?
Ich schlage vor, dass wir diesmal das Gespräch aus dem Team selbst beginnen lassen.
Gespräch
Dr. Salma (Medizin): Ich möchte von einem Punkt ausgehen, den ich als beiden Toren gemeinsam sehe.
Der Traum mag als ein anderes Thema erscheinen als der körperliche Schmerz, doch die moderne Medizin verbindet beides enger, als wir vermuten. Träume, die Minuten nach dem Erwachen verblassen, und körperliche Schmerzen, für die wir keine klare organische Erklärung finden, gehören vielleicht demselben Bereich an: jenem Teil menschlicher Erfahrung, der außerhalb des wachen Gedächtnisses gespeichert wird.
Das Gehirn bewahrt nicht nur, was wir in Worten wiedergeben können, sondern auch, was in Form von Erregung, Anspannung, wiederkehrendem Traum oder Schmerz erscheint, der zu bestimmten Zeiten zurückkehrt, ohne dass sein Träger den Grund kennt. Deshalb sprechen beide Kapitel, jedes in seiner eigenen Sprache, von derselben Frage.
Dr. Basil (Philosophie): Ich stimme vielem zu, doch ich neige zu einer etwas anderen Betrachtung.
In Ihren Worten erscheint dieser unbewusste Teil der Erfahrung wie ein Mangel, den es zu überwinden gilt. Der Roman aber, wie ich ihn gelesen habe, lädt zu einer anderen Möglichkeit ein: Vielleicht ist das Unklare nicht immer ein Zeichen von Wissensmangel, sondern gehört zu seiner Natur.
Das Wesen des Traums im Roman erklärt nicht, es versucht nicht, die Leerstellen zu füllen; es begnügt sich, Samir bis an ihre Grenzen zu führen. Das erinnert mich an Wittgensteins Schlusssatz seiner logischen Abhandlung – dass, was jenseits der Grenzen der Sprache liegt, nicht ausgelöscht, sondern durch Schweigen geachtet wird. Schweigen ist hier keine Niederlage des Denkens, sondern das Eingeständnis, dass manche Erfahrungen weiter reichen, als der Satz fassen kann.
Dr. Salma: Ich verstehe diesen Sinn, und vielleicht stimme ich ihm zu, solange wir von philosophischer Betrachtung sprechen.
Doch der Arzt begegnet Menschen, die dieses Schweigen als Leiden erfahren. In den Sprechstunden für chronische Schmerzen etwa treffen wir Patienten, bei denen keine Untersuchung eine eindeutige organische Ursache für ihre Schmerzen findet – und dennoch ist der Schmerz vollkommen real. Wenn Imhotep von dem Vater erzählt, dem jedes Jahr mit der Erinnerung an den Verlust seines Sohnes der Schmerz in der Schulter zurückkehrt, kann ich das nicht als bloße Metapher betrachten. Es ist ein Mensch, der jemanden braucht, der ihm zuhört, so wie er jemanden braucht, der seinen Körper heilt.
Sitzungsleiter: Es scheint, wir stehen vor einer Verschiedenheit der Blickrichtung, nicht vor einer Verschiedenheit des Ursprungs des Phänomens. Ich bitte Dr. Hala, ihre Sicht aus sprachlicher Perspektive beizutragen.
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Vielleicht ist die Sprache selbst Zeugin dieser Verflechtung.
Wir sagen im Alltag: „Es schnürt mir die Brust zusammen.” „Mein Herz krampft sich vor Schmerz.” „Ich trage eine Last auf meinen Schultern.” Diese Wendungen sind nicht nur rhetorische Bilder – sie zeigen, dass der Mensch, in all seinen Sprachen, dem Körper die Aufgabe übertragen hat, seelische Erfahrung auszudrücken.
Und bemerkenswert ist, dass Imhotep, trotz der gewaltigen zeitlichen Distanz, den Körper fast auf dieselbe Weise betrachtet: nicht als kaputte Maschine, sondern als eine andere Sprache, die den Worten vorausgehen oder an ihre Stelle treten kann, wenn diese versagen.
Sitzungsleiter: Numan… diesmal frage ich nicht nach der Bedeutung der beiden Tore, sondern nach Ihrer Erfahrung mit ihnen. Gab es beim Schreiben einen Augenblick, in dem Sie spürten, der Text sei Ihrem Bewusstsein vorausgeeilt, und die Figur habe gesagt, was Sie nicht geplant hatten?
Numan Albarbari: Das geschah tatsächlich, und in einer Weise, die ich nicht erwartet hatte.
Als ich mit dem Kapitel Imhoteps begann, dachte ich, ich schriebe über die Medizin im alten Ägypten und über das Verhältnis von Arzt und Patient. Doch bei der Szene des Vaters, dem jedes Jahr der Schmerz zurückkehrt, schrieb ich einen Satz, der in keinem vorherigen Plan stand. Ich hielt danach lange inne, unsicher, ob ich es war, der ihn geschrieben hatte, oder ob er aus einem Ort kam, der tiefer lag als jede Planung.
Der Satz lautete: „Schreiben mag manchmal ein Versuch des Körpers sein, zu sagen, was der Verstand nicht einzugestehen vermochte.” Ich verhehle nicht, dass ich nach Beendigung dieses Kapitels immer wieder zu ihm zurückkehrte – nicht um es zu überarbeiten, sondern um es zu verstehen.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir gingen heute mit einer Frage, die den vorigen an Schwierigkeit nicht nachsteht: Vergisst der Mensch wirklich, oder wandert das Gedächtnis nur von der Sprache der Worte in die Sprache des Körpers?
Und vielleicht war das Schönste an diesem Gespräch, dass es zu keinem trennenden Urteil zwischen Medizin und Philosophie kam; beide zeigen auf dieselbe Wahrheit von zwei verschiedenen Toren aus: dass der Mensch weiter reicht, als er über sich selbst sagen kann.
In der nächsten Sitzung gehen wir zu zwei neuen Toren: der sumerischen Frau und Ashoka, wo sich die Frage von der Erinnerung des Körpers zur Erinnerung des geschriebenen Wortes wandelt: Was tut der Mensch, wenn er beschließt, eine schriftliche Spur zu hinterlassen?


„Wenn der Mensch beschließt zu schreiben”
Zehntes und elftes Tor: Die sumerische Frau – Ashoka
Sitzungsleiter: In den vorigen Sitzungen begleiteten wir den Menschen, wie er die Welt entdeckt, dann sich selbst, dann entdeckt, dass in ihm ein Gedächtnis wohnt, das nicht immer dem Willen des Verstandes gehorcht.
Heute erreichen wir einen ganz anderen Augenblick: den Moment, in dem der Mensch beschließt, eine schriftliche Spur zu hinterlassen.
Wir versammeln uns heute um zwei Gestalten, getrennt durch lange Jahrhunderte, doch verbunden in einer einzigen Frage. Eine sumerische Frau fürchtet, das Vergessen könne verschlingen, wen sie liebt, und ritzt ihr Vermächtnis in eine Tontafel. Ein Kaiser, erdrückt von der Last dessen, was seine Hände angerichtet haben, meißelt seine Reue in Stein, damit sie für immer Zeugnis ablege.
Beide Geschichten scheinen zunächst weit voneinander entfernt, doch sie treffen sich in einer Frage: Was tut der Mensch, wenn er entdeckt, dass Vergessen ihn nicht mehr retten kann?
Gespräch
Dr. Lubna (Geschichte): Ich möchte mit einer historischen Anmerkung beginnen, die beide Tore in eine etwas unbequeme Lage bringt.
Beide Figuren sind Ausnahmen ihrer Zeit. Die sumerische Frau beherrscht die Schrift in einer Epoche, in der Wissen den meisten Frauen nicht zugänglich war, und Ashoka ist ein Kaiser, der sein Bekenntnis auf Säulen im ganzen Reich verewigen lassen kann.
Was aber ist mit dem gewöhnlichen Menschen? Mit denen, die lebten und starben, ohne je eine Tafel zu besitzen, auf der sie schreiben konnten, oder eine Macht, die ihre Worte hörbar machte? Wenn der Roman im Schreiben eine Handlung sieht, die den Menschen vor dem Verschwinden bewahrt – war dieser Weg dann überhaupt allen offen?
Dr. Fadi (Literatur): Ich glaube, gerade diese Frage verleiht der Gestalt der sumerischen Frau ihren wahren Wert.
Sie steht nicht für das Privileg, sondern für dessen Seltenheit. Ihr Dasein erinnert uns daran, dass die Fähigkeit zu sprechen nie gleichmäßig unter den Menschen verteilt war. Deshalb berührt ihr Vermächtnis so sehr: Sie schreibt nicht, weil sie Macht besitzt, sondern weil sie weiß, dass ihr das Wort vielleicht nie wieder gegeben wird.
Wenn sie Samir sagt: „Baue über der Abwesenheit”, gibt sie keinen literarischen Rat, sondern die Summe der Erfahrung eines Menschen, der wusste, dass Schweigen ihm auferlegt sein kann, und dass das Wort, wenn es gewährt wird, zur Verantwortung wird, nicht zur Gnade.
Dr. Basil (Philosophie): Mich hat an Ihrem Gespräch beeindruckt, dass Sie sich auf das Recht zu schreiben konzentriert haben. Doch ich glaube, Ashoka stellt eine andere, vielleicht noch verstörendere Frage.
Schreiben wir, weil Schreiben das Geschehene heilt? Oder weil wir unfähig sind, es zu heilen? Ashoka handelt nicht, als wische sein Bekenntnis die Vergangenheit fort; er scheint vielmehr genau zu wissen, dass die Vergangenheit nie ausgelöscht wird. Das Höchste, was er tun kann, ist, seiner Lebensgeschichte ein neues Kapitel hinzuzufügen.
So frage ich: Bietet der Roman das Schreiben als Heilmittel an? Oder als eine Form der Verantwortungsübernahme?
Dr. Lubna: Ich glaube, diese Frage formuliert meinen ersten Einwand aus anderer Richtung neu.
Vielleicht nahm ich an, der Roman verspreche dem Menschen Erlösung durch das Schreiben. Doch was die beiden Figuren sagen, ist etwas ganz anderes. Die sumerische Frau schreibt nicht, um zurückzuholen, was sie verlor, sondern um der Abwesenheit einen Sinn zu geben. Und Ashoka schreibt nicht, um zu leugnen, was er tat, sondern um zu erklären, dass er nicht zulassen wird, dass diese Vergangenheit das letzte Kapitel seines Lebens ist.
Es geht also nicht um Auslöschung, sondern um Hinzufügung; nicht um die Tilgung des Geschehenen, sondern um den Bau von etwas Neuem daneben.
Sitzungsleiter: Numan… ich frage Sie nicht nach dem Sinn der beiden Tore, sondern nach der Erfahrung ihres Entstehens. Welche der beiden Figuren erschien zuerst beim Schreiben? Und hat das Erscheinen der einen beeinflusst, wie die andere geschrieben wurde?
Numan Albarbari: Ich schrieb tatsächlich Ashoka zuerst. Seine Gegenwart war stark, vielleicht auch schwer.
Als ich Wochen später begann, die sumerische Frau zu schreiben, entdeckte ich, dass ich mit ruhigerer Stimme schrieb. Ich hatte das nicht vorab entschieden; es geschah von selbst. Ich spürte, dass der Roman, hätte er auf demselben schweren Ton beharrt, etwas von seinem menschlichen Gleichgewicht verloren hätte.
Vielleicht kam die sumerische Frau deshalb weniger geneigt zur Verurteilung der Vergangenheit und mehr geneigt zum Bau über ihr. Diese Balance erkannte ich erst, nachdem ich beide Tore vollendet hatte.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir verlassen diese Sitzung ohne endgültige Antwort. Kann Schreiben heilen? Oder tut es nicht mehr, als dem Menschen eine würdigere Weise zu schenken, das zu tragen, was er nicht loswerden kann?
Vielleicht liegt der Unterschied zwischen der sumerischen Frau und Ashoka nicht in dem, was sie schrieben, sondern in dem Grund, der jeden von beiden zum Schreiben trieb.


„Wer keinen Namen hat… und wer eine Seele hat, die nicht ausgelöscht wird”
Zwölftes und dreizehntes Tor: Die vergessene griechische Frau – Ibn Sina
Sitzungsleiter: In der vorigen Sitzung drehte sich die Frage um den Sinn des Schreibens angesichts von Verlust und Schuld. Heute nähern wir uns einer nicht minder schmerzlichen Frage: Braucht der Mensch einen Namen, um fortzubestehen?
Wir versammeln uns um zwei Gestalten, getrennt durch zwei Kulturen und zwei gegensätzliche Erfahrungen: eine Frau aus Athen, deren Name aus dem historischen Verzeichnis verschwand, als hätte sie nie gelebt; und Ibn Sina, dessen Name die Jahrhunderte durchquerte, bis er zum Sinnbild für Medizin und Philosophie zugleich wurde.
Doch der Roman stellt die beiden nicht nebeneinander, um Ruhm und Vergessen zu vergleichen, sondern um zu fragen: Was bleibt vom Menschen, wenn sein Name verlorengeht? Genügt das Gedächtnis allein, um Identität zu bewahren?
Gespräch
Dr. Basil (Philosophie): Ich möchte mit einer vielleicht scharfen Frage beginnen.
Reproduzieren wir nicht, indem wir diese beiden Gestalten in einer Sitzung zusammenführen, genau jenes Paradox, das das Leben selbst geschaffen hat? Wir sprechen von einer Frau, die die Geschichte auslöschte, weil sie keine Position innehatte, die ihr Gehör verschaffte, und wenden uns dann Ibn Sina zu, dessen Namen, Bücher und Wirkung die Geschichte bewahrte. Genügt es, auf dieses Unrecht hinzuweisen? Oder gewähren wir, ohne es zu bemerken, dem einen volle Gegenwart, während wir uns mit der Betrachtung der Abwesenheit der anderen begnügen?
Dr. Lubna (Geschichte): Ich verstehe diesen Einwand, ich halte ihn sogar für notwendig. Doch ich lese die Sache anders.
Der Roman behauptet nicht, den verlorenen Namen zurückholen zu können – das ist ohnehin unmöglich. Er tut etwas anderes: Er macht diese Abwesenheit selbst zum Gegenstand der Erinnerung. Wenn die Frau Samir sagt, sie verlange keinen neuen Namen, sondern nur, dass man nicht vergesse, dass es Menschen gab, die lebten, ohne dass die Geschichte ihre Namen bewahrte, dann verlangt sie keine Korrektur der Vergangenheit, sondern deren Anerkennung. Und vielleicht ist das der einzig mögliche Anfang historischer Gerechtigkeit.
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Mich hat beeindruckt, dass Sie die Frage aus Geschichte und Gerechtigkeit angingen, während mich ein sprachlicher Aspekt anzog.
Beide Gestalten sprechen, bei aller Verschiedenheit, von Identität, doch jede beginnt von einem entgegengesetzten Punkt. Die Frau sagt, implizit, der Mensch könne gegenwärtig bleiben, auch wenn sein Name verschwindet; Ibn Sina hingegen geht davon aus, dass die menschliche Seele sich nicht auf die Biographie reduzieren lässt, die andere über sie erzählen.
In beiden Fällen gibt es also eine Unterscheidung zwischen dem Wesenskern und dem, was ihm anhaftet. Der Name, wie das Gedächtnis, ist ein Mittel zur Bestimmung, aber nicht notwendig die volle Wahrheit des Menschen.
Dr. Basil: Ich gestehe, dass diese Bemerkung mich zu einer Überprüfung meiner ersten Frage bewegt hat.
Vielleicht betrachtete ich die beiden Figuren von ihrer Stellung in der Geschichte aus, doch nun sehe ich, dass sie über denselben Gedanken sprechen, aus zwei völlig gegensätzlichen Erfahrungen heraus: Ibn Sina erreicht ihn von der Position dessen aus, der Wissen, Sprache und Anerkennung besaß, die Frau von der Position dessen aus, dem all das verwehrt blieb. Der Gedanke ist derselbe, doch der Weg zu ihm ist grundverschieden. Das macht den Roman gerechter, als ich zunächst annahm.
Sitzungsleiter: Numan… diesmal frage ich nach der Anordnung des Schreibens, nicht nach der Deutung der beiden Figuren. Was hat Sie bewogen, die griechische Frau und Ibn Sina nebeneinanderzustellen im Aufbau des Romans? War diese Verbindung von Anfang an beabsichtigt?
Numan Albarbari: Wenn ich ehrlich antworte, muss ich sagen: Ich sah diese Verbindung während des Schreibens nicht klar.
Ich ordnete die Tore nach einem inneren Gespür für den Rhythmus des Romans, mehr als nach einer vorgefassten Theorie. Ich schrieb die griechische Frau in einer Nacht, in der ich die Schwere der Frage nach dem Unrecht spürte, das die Geschichte nicht wiedergutmachen kann. Wochen später schrieb ich Ibn Sina in einem ganz anderen Zustand – einem Zustand der Ruhe und Betrachtung.
Es kam mir damals nicht in den Sinn, dass der Leser zwischen beiden Figuren jenen Faden sehen würde, den Ihr heutiges Gespräch aufgedeckt hat. Vielleicht ist dies einer jener Augenblicke, in denen der Text das Bewusstsein seines Verfassers übersteigt; der Autor wählt die Figuren, doch die tiefen Beziehungen zwischen ihnen zeigen sich ihm oft erst, nachdem andere den Text gelesen haben.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir gehen mit einer Frage, die zu Beginn des Gesprächs nicht gegenwärtig war: Braucht der Mensch einen Namen, um fortzubestehen? Oder ist manche menschliche Gegenwart tiefer als alle Namen?
Und vielleicht ist es die Bemerkung von Dr. Hala, die uns am meisten in die nächste Sitzung begleiten sollte: Verstehen wir einen Gedanken wirklich, wenn wir ihn nur aus einer Stimme hören? Oder erst, wenn wir ihn aus Stimmen hören, die verschiedene Preise für seinen Erwerb gezahlt haben?


[Die Übersetzung wird aus Umfangsgründen mit den folgenden Sitzungen (14.–16.) in einem zweiten Teil fortgesetzt.] ## „Was sich in der Fantasie vollendet… und was nur von einer Seite erzählt wird” ### Vierzehntes und fünfzehntes Tor: Sappho – Der persische Soldat
Sitzungsleiter: Am Ende der vorigen Sitzung blieb eine Frage bei uns: Genügt es, dem Menschen seine Stimme zurückzugeben, wenn die Geschichte ihm den Namen genommen hat?
Heute nähern wir uns dieser Frage von einer anderen Seite. Wir versammeln uns um zwei Gestalten, die weder Zeit noch Ort verbindet: eine Dichterin, von deren Versen nur verstreute Fragmente zu uns gelangten, und ein Soldat aus einem geschlagenen Heer, der in der Geschichte der Sieger keinen Platz fand.
Doch beide stehen vor derselben Art von Leere: der Leere des fehlenden Textes und der Leere der fehlenden Stimme. Und die Frage, die unsere Sitzung eröffnet: Wie gehen wir mit dieser Leere um? Füllen wir sie mit Fantasie, oder suchen wir in ihr nach verlorener Gerechtigkeit?
Gespräch
Dr. Fadi (Literatur): Ich schlage vor, wir betrachten die beiden Figuren von Anfang an gemeinsam.
Sappho und der persische Soldat teilen, dass beide unvollständig zu uns kamen – doch die Art ihres Mangels unterscheidet sich. Sapphos Gedichte gingen verloren, und nur Fragmente blieben, die der Fantasie erlauben, an ihrer Vervollständigung mitzuwirken. Der Soldat aber verlor seine Stimme nicht allein durch die Zeit, sondern weil die historische Erzählung ihm von Anfang an keinen Raum gewährte.
Daraus ergibt sich eine Frage: Kann sich jede Leere in Schönheit verwandeln? Oder gibt es Leerstellen, die wir nicht poetisch betrachten dürfen, ehe wir fragen: Warum entstanden sie?
Dr. Lubna (Geschichte): Ich glaube, das ist der wesentliche Unterschied zwischen beiden Toren.
Was Sappho verlor, war Ergebnis von Jahrhunderten der Vernachlässigung, verlorener Handschriften, der Wechselfälle der Zeit. Die Abwesenheit des persischen Soldaten aber ist kein historischer Zufall, sondern das Ergebnis einer Art, Geschichte zu schreiben, die dem Sieger das Wort gewährte und den Besiegten meist zum Hintergrund des Bildes machte, nicht zu einer Partei darin.
Deshalb halte ich die beiden Leerstellen nicht für gleichartig. Die eine lädt zum Erdichten ein, die andere zur Überprüfung der Art, wie wir Geschichte erzählen.
Dr. Basil (Philosophie): Vielleicht ist der Unterschied geringer, als er scheint.
Das menschliche Gedächtnis, ob literarisch oder historisch, bewahrt nicht alles; es wählt aus. Deshalb gibt es kein vollkommen neutrales Register. Was von Sappho verlorenging und was beim Soldaten fehlt, zeigen beide zusammen, dass Erinnerung kein Spiegel ist, sondern ein fortwährender Bau.
Doch was sich ändert, ist unsere Verantwortung. Vor Sappho mag Fantasie ein Akt der Treue sein; vor dem Soldaten mag die historische Frage der wahre Akt der Treue sein. In beiden Fällen versuchen wir, eine Leere zu füllen – doch das moralische Ziel unterscheidet sich.
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Mir fiel etwas Kleines im Aufbau des Romans selbst auf.
Der Soldat, der mit Samir spricht, trägt keinen Namen, doch sein Gefährte trägt einen: Arata. Zunächst hielt ich das für eine beiläufige Einzelheit, doch dann fragte ich mich, ob diese Wahl beabsichtigt war. Selbst der Roman, der versucht, jenen eine Stimme zu geben, über die die Geschichte geschwiegen hat, gibt ihm keinen Namen. Als wollte der Autor ihn als Stellvertreter jedes unbekannten Soldaten belassen, nicht als Einzelfigur, die individuellen Ruhm zurückgewinnt. Doch diese Frage überlasse ich dem Autor selbst.
Sitzungsleiter: Numan… Dr. Halas Frage betrifft unmittelbar den Aufbau des Romans. Warum blieb der Soldat namenlos, während sein Gefährte einen klaren Namen trug?
Numan Albarbari: Ich gestehe, dass ich mir diese Frage beim Schreiben nicht gestellt habe, und kann sie daher nicht so beantworten, als hätte ich sie von Anfang an geplant.
Doch während ich jetzt dem Gespräch zuhöre, finde ich eine Erklärung, die dem nahekommt, was ich damals empfand. Hätte ich dem Soldaten einen Namen gegeben, wäre er im Bewusstsein des Lesers vielleicht zu einem individuellen Helden geworden, während ich wollte, dass er eine Stimme bleibt, die für die Tausenden von Soldaten steht, die die Geschichte durchquerten, ohne dass jemand ihre Namen bewahrte.
Ich behaupte nicht, das sei eine vollständig bewusste Entscheidung gewesen. Vielleicht ist dies einer jener Augenblicke, in denen das Gespräch dem Leser – und auch dem Autor – enthüllt, was im Text verborgen lag.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir gingen heute vor zwei Arten von Abwesenheit: einer Abwesenheit, die die Zeit hinterließ, und einer Abwesenheit, die die Erzählung schuf. In beiden Fällen standen wir vor derselben Frage: Ist das Füllen der Leere immer Treue? Oder sollten manche Leerstellen Zeugnis bleiben für das, was verloren ging?
Und bei uns bleibt Dr. Halas Frage: Wenn wir dem Unbekannten eine Stimme geben – müssen wir ihm auch einen Namen geben, oder gehört seine Namenlosigkeit zu seiner Botschaft?


„Wenn die Worte vor sich selbst warnen”
Sechzehntes Tor: Die keltische Priesterin
Sitzungsleiter: In den vorigen Sitzungen begegneten wir vielfachen Formen der Abwesenheit: Abwesenheit des Namens, Abwesenheit der Stimme, Abwesenheit der Erzählung, die der Sieger schreibt. Heute erreichen wir eine noch beunruhigendere Frage: Was, wenn das, was wir zur Bewahrung des Gedächtnisses nutzen, es zugleich bedrohen kann?
Dieses Tor unterscheidet sich von den übrigen; es bietet keine Figur mit einer bloßen Tragödie, sondern eine Figur, die eine Warnung trägt. Eine keltische Priesterin steht vor Samir, um ihm zu sagen: Schreiben, bei aller Größe, kann sich manchmal vom Gefäß des Gedächtnisses zu seinem Ersatz wandeln.
Deshalb überlassen wir heute die Bühne ganz dem Team.
Gespräch
Dr. Basil (Philosophie): Ich spüre, dass uns dieses Tor vor ein unübersehbares Paradox stellt.
Wir sitzen jetzt in einem Symposium, dessen Worte aufgezeichnet werden, und wir versuchen, unser Gespräch über eine Warnung davor zu bewahren, dass Aufzeichnung und Schrift das lebendige Gedächtnis bedrohen könnten. Ist das nicht selbst ein Beispiel für jene Gefahr, vor der die Priesterin warnt? Ich frage alle: Kann dieses Symposium selbst ein Beispiel für die Gefahr sein, vor der die Figur warnt?
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Ihre Frage berührt den Kern meines Fachs, doch ich glaube, das Problem liegt nicht im Schreiben selbst, sondern in der Art der Beziehung, die wir zu ihm eingehen.
Es gibt ein Schreiben, das den Sinn verschließt, das den Gedanken in etwas Starres verwandelt, das nicht mehr atmet – wie ein Register, das die Information bewahrt, ihr aber nicht erlaubt zu atmen. Und es gibt ein anderes Schreiben, das nicht behauptet, ein Ersatz für das Leben zu sein, sondern offen bleibt für Gespräch und Deutung. Und vielleicht liegt genau hier der Unterschied.
Dieses Symposium versucht nicht, den Roman in eine einzige Deutung einzufrieren, sondern lebt von Widerspruch, Fragen und Einwänden. Es ersetzt das mündliche Gespräch nicht, sondern versucht, etwas von seinem Geist zu bewahren.
Dr. Salma (Medizin): Ich möchte eine wissenschaftliche Seite zu diesem Gespräch hinzufügen.
Es gibt, was man in der Gedächtnisforschung den „Google-Effekt” nennt: Manche Studien deuten darauf hin, dass der Mensch, der weiß, dass eine Information extern gespeichert ist, weniger dazu neigt, sie innerlich zu speichern. Das wirft eine heikle Frage auf: Bewahren wir, indem wir alles dokumentieren, das Wissen wirklich? Oder trainieren wir uns manchmal darin, es nicht in uns zu tragen?
Und diese Frage betrifft genau dieses Symposium: Könnte ein zukünftiger Leser sich auf dieses Gespräch und diese Analyse verlassen, statt selbst in die Erfahrung des ursprünglichen Romans einzutreten?
Dr. Lubna (Geschichte): Ich glaube, diese Gefahr besteht, doch sie ist nicht neu. Der Mensch stand vor diesem Paradox seit den Anfängen der Verschriftlichung.
Doch wir sollten nicht dem Irrtum verfallen, Schrift und Mündlichkeit gegeneinander abzuwägen, als wäre die eine vollkommen und die andere mangelhaft. Auch das mündliche Gedächtnis stirbt; ganze Kulturen können verlorengehen, wenn der letzte ihrer Träger dahingeht. Genau das geschah teilweise mit den keltischen Priestern, die auf mündliche Weitergabe setzten – weite Teile ihres Wissens verschwanden.
Deshalb glaube ich nicht, dass die Frage der Priesterin lautet: „Schreiben wir oder schreiben wir nicht?“, sondern die tiefere Frage: „Warum schreiben wir?” Schreiben wir, weil wir der Verantwortung des Erinnerns entfliehen wollen? Oder weil wir dem, was wir lieben, eine weitere Chance zum Fortbestehen geben wollen?
Sitzungsleiter: Numan… ich formuliere die Frage diesmal anders um. Ich frage nicht nach der Priesterin oder dem Roman, sondern nach diesem Augenblick selbst. Wir dokumentieren dieses Symposium jetzt Wort für Wort. Spüren Sie, dass wir uns der Gefahr nähern, vor der die Figur warnt?
Numan Albarbari: Ich spüre diese Frage in jedem Augenblick, in dem ich schreibe, nicht nur in diesem Symposium. Der Schriftsteller lebt beständig zwischen zwei entgegengesetzten Ängsten: der Angst, dass die Erfahrung verlorengeht, wenn er sie nicht aufschreibt, und der Angst, dass sie etwas von ihrem Leben verliert, wenn er sie in Worte verwandelt.
Jeder Satz, den ich schreibe, ist eine Frage: Bewahre ich etwas Lebendiges? Oder verwandle ich es in eine schöne, aber pulslose Spur? Eine endgültige Antwort besitze ich nicht.
Vielleicht bestand ich deshalb darauf, dass dieses Symposium ein Gespräch sei und keine Vorlesung; denn das Gespräch bewahrt, mit all seinem Widerspruch, Zögern und Zurücknehmen, etwas von der Bewegung des Lebens. Das Schreiben, das den Tod des Gedächtnisses fürchtet, darf die Bewegung in seinem Innern nicht töten.
Sitzungsleiter (Schluss): Vielleicht war das Schönste an diesem Tag, dass wir zu keinem endgültigen Urteil gelangten. Schreiben ist keine absolute Erlösung und keine absolute Gefahr; es ist ein Werkzeug, das beide Gesichter zugleich trägt. Es kann das Gedächtnis bewahren, und es kann es ersetzen; es kann der Stimme eine Chance zum Fortbestehen geben, und es kann sie zu etwas Starrem machen, wenn sie ihre Beziehung zum Leben verliert.
Wir überlassen die Sitzung der Frage der Priesterin: Wenn wir die Erinnerung mit Worten bewahren – bewahren wir sie wirklich, oder bewahren wir nur ihr Abbild?


„Was bleibt, wenn das Wort verlorengeht”
Siebzehntes Tor: Der römische Junge
Sitzungsleiter: In der vorigen Sitzung standen wir vor der Frage des Schreibens und des Gedächtnisses. Heute nähern wir uns einer noch innigeren Frage: Was bleibt, wenn die Worte selbst verlorengehen?
Dieses Tor trägt keinen Kaiser, keinen Philosophen, keine geschichtsformende Gestalt; es trägt allein ein Kind. Markus, acht Jahre alt, ein kleiner Sklave, der seine Mutter verlor und dem nichts von ihr blieb als die Melodie eines Liedes, dessen Worte er meist nicht versteht. Doch vielleicht trug diese Melodie allein das, wofür die Sprache keine Kraft hatte.
Gespräch
Dr. Salma (Medizin): Ich möchte von dem Satz ausgehen, den Markus spricht: „Sklaverei zwingt einen, schnell erwachsen zu werden.”
Das ist keine bloß literarische Formulierung. In der modernen Psychologie kennen wir ein verwandtes Konzept: die erzwungene Reifung, bei der Kinder in traumatischen Verhältnissen gezwungen sind, Rollen und Verantwortungen zu tragen, die ihr Alter übersteigen.
Doch ich möchte eine Frage an Dr. Lubna richten: Können wir sagen, dieses psychologische Muster habe tatsächlich bei den Kindern römischer Sklaven bestanden – oder nutzen wir ein zeitgenössisches psychologisches Verständnis, um eine ganz andere historische Erfahrung zu lesen?
Dr. Lubna (Geschichte): Eine sehr wichtige Frage, und wir sollten bei ihrer Beantwortung vorsichtig sein.
Wir besitzen keine unmittelbaren Zeugnisse von Sklavenkindern im römischen Reich über ihre inneren Gefühle. Die überlieferten Quellen wurden meist von Freien, Machthabern oder späteren Historikern verfasst. Doch wir besitzen klare historische Tatsachen: Die Trennung von Kindern und Müttern war möglich, Zwangsarbeit im frühen Alter war Realität, der Verlust familiärer Geborgenheit war Teil des Sklavereisystems.
Deshalb kann die Literatur die menschliche Erfahrung hinter diesen Tatsachen erdichten, doch sie sollte nicht behaupten, ein direktes psychologisches Dokument darüber zu besitzen. Und darin liegt die Stärke des Romans: Er legt keinen historischen Bericht vor, sondern versucht, dem Abwesenden ein menschliches Gesicht zu geben.
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Ich spüre, dass das Gespräch uns zu einer tieferen Frage führt.
Wir sprechen von einem Kind, das die Worte verlor, aber die Melodie bewahrte. Das ist gar nicht so fern von Phänomenen, die wir bis heute sehen. Viele Kinder von Migranten oder Nachkommen von Völkern, die ihre Sprachen verloren, tragen manchmal eine Spur der ersten Sprache: ihren Rhythmus, ihre Betonung, einige ihrer Laute, selbst wenn sie sie nicht mehr vollständig verstehen können. Als verschwände die Sprache nicht ganz, sondern verwandle sich von Bedeutung in Musik.
Und deshalb stelle ich allen eine Frage: Ist das nicht dem ähnlich, was wir jetzt selbst mit Numans Roman tun? Wir versuchen, die Worte zu verstehen, doch zugleich versuchen wir, die tiefere Melodie des Textes zu erfassen.
Dr. Fadi (Literatur): Diese Bemerkung öffnet ein weites Tor und macht dieses Kapitel vielleicht zu einem Spiegel der Beziehung des Lesers zu jedem übersetzten literarischen Werk.
Und Numan kennt das besser als jeder andere. Wenn der Roman aus dem Arabischen in eine andere Sprache übergeht, wandern nicht nur die Worte; da ist noch etwas anderes: der Rhythmus, die Stimmung, das innere Bild, die verborgene Musik des Satzes. Doch etwas davon bleibt immer außerhalb der Reichweite vollständiger Übersetzung.
Der Leser in einer anderen Sprache erhält die Melodie des Romans, auch wenn er einige seiner ursprünglichen Worte verliert. Das ist kein Mangel der Übersetzung, sondern die Natur jedes Übergangs zwischen Sprachen.
Sitzungsleiter: Numan… vielleicht kommt diese Frage Ihrer Erfahrung näher als jede vorherige. Wenn Ihre Werke in andere Sprachen übersetzt werden – spüren Sie, dass Sie dieselbe Erfahrung durchleben wie Markus? Übergeben Sie die Melodie und nehmen hin, dass manche Worte verlorengehen?
Numan Albarbari: Ja. Und das ist eine Frage, die nicht nur den Roman betrifft, sondern meine lange Erfahrung mit dem Übersetzen selbst.
Jedes Mal, wenn ich einen übersetzten Text durchsehe, spüre ich, dass etwas von der ursprünglichen Seele an den Grenzen der Sprache stehen bleibt: die arabische Vokalisierung, der Rhythmus des Satzes, gewisse klangliche Schatten, die sich nicht vollständig übertragen lassen. Am Anfang schmerzte mich das; ich fühlte, als verlöre ich einen Teil des Textes, wenn er in eine andere Sprache überging.
Doch mit der Zeit, und mit der Arbeit mit den Teams für sprachliche und beratende Überarbeitung, lernte ich, etwas anderem zu vertrauen: dass der ehrliche Text eine Melodie in sich trägt, die ankommen kann, auch wenn sich die Worte ändern. Der Junge Markus bewahrte das Lied seiner Mutter nicht, weil er all ihre Wörter verstand, sondern weil er etwas Tieferes bewahrte als die Wörter.
So ist es manchmal auch mit der Übersetzung: Sie trägt nicht den Fluss selbst, aber sie trägt etwas von seinem Wasser zu einem anderen Ufer.
Sitzungsleiter (Schluss): Heute fanden wir eine ungeplante Verbindung zwischen einem Kind, das vor zweitausend Jahren lebte, und einem zeitgenössischen Schriftsteller, der versucht, Sprachen zu überqueren. Beide tragen eine Spur von etwas Größerem als sich selbst: Markus trägt das Lied seiner Mutter, und der Schriftsteller trägt den Geist seines Textes durch Übersetzer und neue Leser.
Und vielleicht bleibt die Frage bei uns: Liegt der wahre Wert des Wortes allein in seinem Sinn – oder in der Spur, die es hinterlässt, nachdem die Worte verlorengingen?


„Sinn wird gebaut… nicht entdeckt”
Achtzehntes und neunzehntes Tor: Der chinesische Philosoph – Die Maya-Frau
Sitzungsleiter: In den vorigen Sitzungen näherten wir uns der Frage des Gedächtnisses aus vielen Richtungen; wir sahen, wie die Spur nach dem Verschwinden ihres Trägers bleibt, und wie die Seele manchmal in einer Melodie lebt, nicht in Worten. Heute erreichen wir eine andere Frage: Ist der Sinn den Dingen von Anfang an eigen? Oder ist es der Mensch, der ihn baut, wenn er der Welt begegnet?
Wir treffen heute zwei Gestalten, getrennt durch Tausende von Jahren und Tausende von Kilometern. Ein chinesischer Philosoph spricht von einer Überlieferung, die nur lebendig bleibt, wenn sie sich in jeder Generation erneuert; und eine Frau aus der Maya-Kultur sieht die Zeit nicht als bloßes Verstreichen der Tage, sondern als beständigen Bau des Sinns. Zwei Kulturen, die sich historisch nie begegneten, treffen sich in einer einzigen Ahnung: Der Sinn ist nicht immer etwas, das wir entdecken – sondern etwas, an dessen Erschaffung wir mitwirken.
Gespräch
Dr. Karim (Mathematik): Ich beginne mit einem Blick, der zunächst fern von der Philosophie erscheinen mag. Als ich das Kapitel der Maya-Frau las, fiel mir ihr doppeltes Kalendersystem auf: der heilige „Tzolk’in” mit zweihundertsechzig Tagen und der solare „Haab” mit dreihundertfünfundsechzig Tagen, die sich erst nach zweiundfünfzig Jahren wieder treffen. Ein mathematisch überaus präzises System.
Doch ich frage Dr. Lubna: Ist es nicht ein Paradox, von zyklischer Zeit durch ein Rechensystem zu sprechen, das auf genauen Gesetzen und festen Schritten beruht? Ist die Zyklizität hier eine mathematische Tatsache, oder eine poetische Deutung, die der Mensch den Zahlen hinzufügte?
Dr. Lubna (Geschichte): Eine schöne Frage, Dr. Karim, aber ich sehe die Sache aus anderer Richtung.
Die mathematische Präzision löscht den symbolischen Sinn nicht aus, sie verleiht ihm vielmehr eine Grundlage. Die Maya sagten nicht nur, die Zeit gleiche einer Kreisform als poetisches Bild, sondern bauten ein Rechensystem, das den Gedanken der Wiederkehr zum Teil ihrer täglichen Erfahrung machte. Die Zeit war bei ihnen nicht nur ein Zeiger, der vorwärts wandert, sondern trug den Gedanken der Erneuerung: dass der neue Zyklus keine mechanische Wiederholung des Vorigen ist, sondern eine neue Gelegenheit zur Gegenwart.
Hier wird die Mathematik zu einer Sprache, die dem Gedanken einen Körper verleiht, nicht zu einem Hindernis vor ihm.
Dr. Basil (Philosophie): Ich glaube, das führt uns unmittelbar zum anderen Tor: dem chinesischen Philosophen.
Dieselbe Frage zeigt sich im Begriff der „lebendigen Überlieferung”. Überlieferung kann zu etwas Totem werden, wenn sie zur bloßen Wiederholung wird, und kann lebendig bleiben, wenn der Mensch ihren Sinn in jeder Zeit neu entdeckt. Das gilt auch für das Maya-System: Der Kalender kann bloße Tagesrechnung werden, und er kann eine Weise sein, die Welt zu sehen.
Die Zahlen allein schaffen keinen Sinn, und die Riten allein schaffen keinen Sinn; der Mensch ist es, der sie belebt oder zu leerer Schale werden lässt.
Dr. Salma (Medizin): Ich möchte eine schwierigere Frage stellen.
In diesem Tor warnt die Maya-Frau vor der übermäßigen Sinnsuche, wenn sie zu einer Fluchtmöglichkeit vor dem Schmerz wird. Doch wir sagen jetzt, der Mensch baue den Sinn. Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn das Bauen von Sinn eine positive Handlung ist, wie unterscheiden wir sie dann von der Flucht, vor der die Figur warnt?
Dr. Basil: Eine schwierige Frage, und ich besitze keine endgültige Antwort darauf. Doch vielleicht liegt der Unterschied im Verhältnis zum Schmerz.
Es gibt den, der schnell einen Sinn schafft, um dem Wund nicht begegnen zu müssen, und es gibt den, der den Schmerz zuerst durchlebt und dann versucht zu verstehen, was daraus entstehen kann. Im ersten Fall wird der Sinn zum Vorhang, im zweiten zur Frucht. Doch ich gestehe, dass die Grenze zwischen beiden überaus schmal ist.
Sitzungsleiter: Numan… ich verlange nicht, dass Sie den philosophischen Streit lösen, sondern stelle die Frage persönlich an Sie: Als Sie diesen Roman schrieben – war das Bauen von Sinn eine Flucht vor dem Schmerz? Oder ein Bauen, das nach der Begegnung mit dem Schmerz kam?
Numan Albarbari: Ich glaube, ich war im ersten Augenblick des Schmerzes nicht fähig, diesen Roman zu schreiben.
In den ersten Jahren ist der Schmerz zu nah, zu lebendig, als dass er dem Schriftsteller erlaubte, ihn von außen zu betrachten. Ich wartete Jahre – nicht unbedingt aus bewusster Entscheidung, doch später spürte ich, dass ich nicht mehr schrieb, um der Leere zu entfliehen, sondern weil die Leere selbst Teil meiner Erfahrung geworden war, mit der ich in ein Gespräch treten konnte.
Und vielleicht ist genau das der Unterschied, den Dr. Basil zu beschreiben versuchte: Einen Sinn zu bauen, weil man die Leere fürchtet, ist eine Sache, und einen Sinn zu bauen, weil man gelernt hat, mit ihr zu leben, eine andere.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir gingen heute von einer scheinbar einfachen Frage aus – wie finden wir Sinn? – zu einer komplexeren Frage: Wann ist unsere Suche nach Sinn Mut, und wann ist sie Flucht?
Vielleicht liegt der Unterschied nicht im Sinn selbst, sondern in der Beziehung, die uns mit ihm verbindet. Der Sinn, der der Flucht dient, verschließt die Wunde; der Sinn, der nach der Begegnung mit der Wunde entsteht, kann sie in Erkenntnis verwandeln.


„Ein Netz, das nicht über das richtet, was es überträgt… und eine Befreiung, die das Gedächtnis nicht auslöscht”
Zwanzigstes und einundzwanzigstes Tor: Der phönizische Mann – Der buddhistische Mönch
Sitzungsleiter: In der vorigen Sitzung stand die Frage des Sinn-Bauens im Zentrum. Heute wenden wir uns einer anderen Frage zu: Was tun wir mit dem Sinn, wenn er zu einem Werkzeug wird, das zwischen den Menschen wandert?
Wir treffen heute zwei sehr verschiedene Gestalten. Ein phönizischer Mann sieht im Alphabet ein Netz, das sich zwischen den Völkern ausbreitet, Wissen, Handel und Ideen trägt; und ein buddhistischer Mönch lehrt Samir, dass Befreiung nicht die Auslöschung der Vergangenheit bedeutet, sondern die Befreiung von der Gefangenschaft, die die Vergangenheit uns auferlegen kann.
Zwischen beiden steht eine gemeinsame Frage: Sind die Dinge, die zwischen den Menschen wandern, verantwortlich für ihre Wirkung? Und kann der Mensch das Gedächtnis bewahren, ohne sein Gefangener zu werden?
Gespräch
Dr. Karim (Mathematik): Ich beginne mit einer Perspektive, die zunächst fern von Geschichte und Philosophie erscheinen mag. Als ich Hannons Rede über das Alphabet als Netz las, das Ideen überträgt, erinnerte ich mich an einen Begriff der Netzwerktheorie: den „neutralen Kanal” – die Struktur, die den Durchgang von Information ermöglicht, ohne ihren Inhalt zu verändern. Ein Netz besitzt keine eigene Moral; es überträgt nur, was durch es hindurchgeht.
Doch ich möchte eine Frage an Dr. Basil richten: Kann eine Struktur wirklich neutral sein? Oder macht schon die bloße Gestaltung des Netzes – wer Zugang hat, wer ausgeschlossen wird – sie von Anfang an zu einer moralischen Haltung?
Dr. Basil (Philosophie): Ich glaube, diese Frage legt den Finger auf eine wichtige Schwachstelle in Hannons Gedanken.
Das phönizische Alphabet verbreitete sich nicht im leeren Raum; es verbreitete sich über Handelswege und See- und Wirtschaftsmächte, die über die Mittel der Bewegung und Ausbreitung verfügten. Deshalb muss die Behauptung, das Netz sei neutral, überprüft werden. Es mag neutral sein in der Art, wie es Inhalt überträgt, doch es ist nicht notwendig neutral in den Bedingungen seiner Existenz. Wer besitzt die Schiffe? Wer besitzt die Fähigkeit zu erreichen? Wer besitzt das Recht, Wissen zu definieren und zu verbreiten?
Vollständige Neutralität mag unmöglich sein. Doch die Frage wird dann: Wie nutzen wir ein unvollkommenes Netz auf bewusstere Weise?
Dr. Salma (Medizin): Ich finde, dass das andere Tor eine teilweise Antwort auf dieses Problem bietet.
Der buddhistische Mönch sagt Samir nicht: Gib dein Gedächtnis auf. Und nicht: Trenne deine Beziehung zur Vergangenheit. Er verlangt von ihm etwas anderes: seine Beziehung zu ihr zu ändern. Und vielleicht liegt genau hier die Verbindung zwischen beiden Toren.
Wir brauchen nicht auf ein ideales, neutrales Netz zu warten, denn das mag nie geschehen; wir brauchen das Bewusstsein des Menschen, während er die vorhandenen Netze nutzt. Das Problem liegt nicht immer im Werkzeug, sondern in der blinden Anhänglichkeit an es oder seiner verantwortungslosen Nutzung.
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Ich möchte auf eine sprachliche Verbindung zwischen den beiden Toren hinweisen, die mir aufgefallen ist.
Beide nutzen den Gedanken der Wandlung. Hannon spricht von Dingen und Ideen, die durch ein Netz von Beziehungen wandern, und der Mönch spricht vom Schnee, der schmilzt und seine Form ändert, ohne dass sein Wesen verschwindet. In beiden Fällen gibt es einen einzigen Gedanken: Wandlung bedeutet nicht Vergehen.
Und hier taucht eine Frage für den Autor auf: War die Metapher der Wandlung Ihrem Bewusstsein während des Aufbaus des Romans gegenwärtig? Oder haben Sie sie erst später entdeckt, wie das Team sie eben entdeckt hat?
Sitzungsleiter: Numan… die Frage richtet sich unmittelbar an Sie. Verfolgten Sie diese Metapher durch die verschiedenen Tore, oder zeigte sie sich Ihnen erst nach Vollendung des Werks?
Numan Albarbari: Ich gestehe, dass ich sie erst spät entdeckt habe.
Ich schrieb den Roman nicht mit einer Landkarte der Metaphern oder einer Liste wiederkehrender Wörter in der Hand. Doch während der Überarbeitung des gesamten Werks in der Redaktionsphase mit Dr. Chuluud bemerkten wir, dass bestimmte Wörter beständig wiederkehrten: Wandlung, Spur, Schmelzen, Übergang. Manche davon waren in Toren erschienen, die ich mit großem zeitlichem Abstand geschrieben hatte.
Ich besitze keine vollständige Erklärung dafür, doch ich glaube, dass der Schriftsteller, wenn er lange Jahre eine tiefe Frage lebt, beginnt, eine eigene Sprache zu formen. Als gäbe es ein inneres Lexikon, das der Schriftsteller nicht bewusst schreibt, das aber im Text erscheint. Vielleicht weil der große Gedanke nach verschiedenen Formen sucht, um sich selbst zu sagen.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir gingen heute vor zwei Paradoxien. Die erste: Kann ein Netz Dinge übertragen, ohne einen Teil der Verantwortung für das zu tragen, was es überträgt? Die zweite: Kann sich eine Metapher in einem langen Werk wiederholen, ohne bewusste Planung ihres Autors?
Vielleicht führen uns beide Fragen zu einem einzigen Gedanken: Der Mensch lebt die Dinge nicht nur, wie sie sind, sondern lebt seine Beziehung zu ihnen. Das Alphabet ist weder allein Gut noch allein Übel, und das Gedächtnis ist weder allein Fessel noch allein Erlösung; der Sinn kommt aus der Art, wie wir mit ihnen umgehen.


„Liebe, die sich nicht am gemeinsam Erinnerten misst”
Zweiundzwanzigstes Tor: Die sufische Frau
Sitzungsleiter: In den vorigen Sitzungen begegneten wir der Frage des Gedächtnisses aus verschiedenen Richtungen. Heute erreichen wir eine Frage, die dem Herzen näher ist: Braucht Liebe gemeinsame Erinnerung, um fortzudauern?
Dieses Tor trägt kein großes historisches Ereignis; es trägt eine Frau, die in ihrer Seele den Nachklang mystischer Erfahrung trägt und Samir einen beunruhigenden und zugleich schönen Gedanken schenkt: dass wahre Liebe sich vielleicht nicht an der Zahl gemeinsamer Erinnerungen misst, sondern am Grad unserer Gegenwart beim anderen.
Gespräch
Dr. Lubna (Geschichte): Ehe wir uns von der Schönheit dieses Tors mitreißen lassen, möchte ich einen methodischen Vorbehalt anbringen.
Die sufische Frau ruft in uns das Bild Rabia al-Adawiyyas wach, ihrer tiefen spirituellen Erfahrung, besonders ihres Rufs zu einer Gottesliebe jenseits von Furcht und Verlangen. Doch ich habe eine Frage: Übertragen wir diesen Gedanken aus seiner ursprünglichen Beziehung zu Gott auf die menschliche Liebe zwischen Menschen, riskieren wir dann nicht, eine feine mystische Erfahrung zu vereinfachen? Die Liebe des Menschen zu Gott ist nicht notwendig ein exaktes Modell für die Liebe des Menschen zum Menschen.
Dr. Basil (Philosophie): Ihr Einwand ist wichtig, doch ich glaube, der Text selbst war sich dieser Gefahr bewusst.
Die sufische Frau stellt sich nicht als Wesen dar, das die menschliche Natur überstiegen hat; sie gesteht, dass sie sich sehnt, und dass sie manchmal eine Hand braucht, die sie hält. Genau dieses Eingeständnis der Bedürftigkeit bewahrt sie davor, in das Bild kalter Heiligkeit zu verfallen. Sie sagt nicht, der Mensch müsse sein Bedürfnis nach menschlicher Liebe auslöschen, sondern dass Liebe weiter reichen kann als der bloße Besitz gemeinsamer Erinnerungen.
Dr. Salma (Medizin): Ich möchte eine härtere Frage stellen.
Wenn wir von einer Liebe hören, die die Bindung übersteigt, mag das erhaben klingen. Doch aus psychologischer Sicht – könnte es nicht manchmal einem vermeidenden Bindungsmuster nahekommen? Dass der Mensch sich vor dem Schmerz des Verlustes schützt, indem er sich einredet, er brauche niemanden? Wie unterscheiden wir wirkliche Befreiung von der Bindung von der Flucht vor der Beziehung?
Dr. Basil: Das ist vielleicht die schwierigste Frage dieser Sitzung, und ich besitze keine endgültige Antwort darauf.
Doch vielleicht liegt der Unterschied im Verhältnis zum Schmerz. Wer die Bindung meidet, flieht vor der Möglichkeit der Verletzung; die Frau in der Erzählung aber scheint die Sehnsucht vollständig durchlebt zu haben, ehe sie von ihrer Überwindung sprach. Sie floh nicht vor dem Bedürfnis, sondern begegnete ihm und definierte es dann neu.
Das führt uns zu einer Frage, die schon früher aufkam: der Unterschied zwischen dem Bau eines Sinns aus Flucht vor dem Schmerz und dem Bau eines Sinns nach dem Durchgang durch den Schmerz. Diese Frage scheint den ganzen Roman zu begleiten.
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Ich möchte bei dem letzten Satz der Frau verweilen: „Wahre Liebe fragt nicht: Erinnere ich mich an alles? Sondern: Bin ich jetzt gegenwärtig?”
Ich finde darin einen Nachklang eines früheren Gedankens, der bei Ibn Sina erschien, doch in anderer Sprache. Dort lautete die Frage: Was bleibt vom Menschen, wenn seine Biographie verlorengeht – die Seele oder die Erinnerungen? Und hier wird die Frage: Was bleibt von der Liebe, wenn wir die Einzelheiten verlieren?
Die Antwort ähnelt sich in beiden Fällen: Es gibt einen Wesenskern, der tiefer reicht als das äußere Register. Als kehrte der Roman immer wieder zu einer einzigen Frage zurück, gäbe ihr aber jedes Mal eine andere Stimme.
Sitzungsleiter: Numan… Dr. Salmas Frage geht über die Textanalyse hinaus; es ist eine Frage über die menschliche Erfahrung selbst. Haben Sie einmal in Ihrem Leben, fern vom Schreiben, die Schwierigkeit gespürt, zwischen Erhabenheit über die Bindung und Flucht vor ihr zu unterscheiden?
Numan Albarbari: Ich glaube, die beste Antwort ist, die Frage offen zu lassen. Nicht als Ausweichen, sondern weil ich nicht glaube, dass der Mensch seine Beweggründe immer mit vollkommener Klarheit erkennen kann.
In manchen Augenblicken unseres Lebens glauben wir, wir hätten uns befreit, während wir in Wahrheit uns vor einem Schmerz schützen, dem wir noch nicht begegnet sind. Und in anderen Augenblicken glauben wir, wir seien gebunden, während wir in Wahrheit nur treu sind zu etwas Tiefem in unserem Inneren.
Vielleicht schrieb ich die sufische Frau deshalb, wie sie ihre Sehnsucht eingesteht. Ich wollte sie nicht als vollkommene, mangelfreie Gestalt; denn ich glaube nicht an Vollkommenheit, isoliert von der menschlichen Erfahrung. Die menschliche Wahrheit liegt nicht darin, unsere Bedürfnisse loszuwerden, sondern darin, sie zu verstehen.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir gehen heute mit einer Frage, die keine endgültige Antwort zu besitzen scheint: Wo endet die Erhabenheit? Wo beginnt die Vermeidung?
Vielleicht liegt der Unterschied nicht in der Abwesenheit des Schmerzes; auch der Mensch, der wahrhaft liebt, wird nicht immun gegen Verlust. Doch der Unterschied liegt vielleicht in der Art, ihm zu begegnen. Verlassen wir die Beziehung, um nicht zu leiden? Oder befreien wir uns vom Besitzstreben, um aufrichtiger lieben zu können?


„Die Zahl beschreibt die Katastrophe, der Name macht sie zum Verbrechen”
Dreiundzwanzigstes Tor: Der Oberrabbiner
Sitzungsleiter: Es gibt Tore in manchen Büchern, die keine lange Einleitung brauchen; sie brauchen nur einen Augenblick der Stille vor dem Wort. Dieses Tor ist eines davon.
Warschau, im Jahr neunzehnhundertfünfundvierzig. Eine Stadt, die soeben eine der größten Katastrophen der jüngeren Geschichte hinter sich gelassen hatte. Hier begegnet Samir keiner persönlichen Erinnerung, keiner rein philosophischen Frage, sondern der Wucht von Millionen Leben, die kurz davor standen, zu einer Zahl zu werden.
Dieses Tor fragt nicht nur: Wie erinnern wir uns? Es fragt: Genügt es, sich zu erinnern? Und wie tragen wir das Gedächtnis des Schmerzes, ohne es zu einer bloßen Idee zu machen?
Gespräch
Dr. Lubna (Geschichte): Ehe wir mit der Analyse beginnen, halte ich einen klaren Rahmen für notwendig.
Was dieses Tor konfrontiert, ist kein bloßes literarisches Symbol; es stützt sich auf eine dokumentierte, schmerzliche historische Realität: sechs Millionen Opfer, zerstörte europäische Städte, ein Warschau, das 1945 die Spuren gewaltigen Zusammenbruchs trug.
Doch ich stelle eine schwierige Frage an Dr. Basil: Steht es uns zu, in einem literarischen Symposium eine Tragödie dieses Ausmaßes den Werkzeugen der philosophischen Analyse zu unterwerfen? Oder gibt es Schmerzen, die nur erzählt werden sollten, ohne den Versuch der Erklärung?
Dr. Basil (Philosophie): Eine Frage, vor der ich keine bequeme Antwort besitze, und vielleicht ist genau das der wesentliche Punkt.
Doch ich glaube, der Oberrabbiner im Roman zeigt uns einen Weg aus diesem Dilemma. Er verlangt von Samir nicht, die Katastrophe zu erklären, und nicht, ihr einen rechtfertigenden Sinn zu finden, sondern etwas Bescheideneres und Schwereres: Er zu tragen.
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Stehen über dem Schmerz, um ihn zu analysieren, und dem Stehen neben ihm, um ihm Zeugnis zu geben. Der Analytiker sucht Erklärung, der Zeuge bewahrt die Gegenwart derer, die nicht mehr sprechen können.
Dr. Salma (Medizin): Ich teile diese Behutsamkeit.
Aus medizinischer und menschlicher Sicht lässt sich sagen, dass das, was das Tor über den Sinn des Fortlebens nach kollektivem Trauma beschreibt, sich mit dem berührt, was wir über die Erfahrung von Katastrophenüberlebenden wissen. Doch ich habe Vorbehalte gegen die Verwandlung der Erfahrung in einen bloß wissenschaftlichen Begriff; manche Schmerzen verlieren, wenn wir sie in fertige Definitionen zwängen, etwas von ihrer Menschlichkeit.
Und was mir am wichtigsten ist: Der Text verweigert sich der Rangordnung des Leids. Es gibt keinen „größeren” Schmerz, der den Schmerz der anderen kleiner macht, und keine Erfahrung, die ihrem Träger ein Monopol auf Trauer verleiht. Jeder Mensch trägt seinen Verlust unter seinem eigenen Namen.
Dr. Fadi (Literatur): Ich möchte nur bei einer kleinen, doch tiefen literarischen Wahl innehalten.
Der Autor beließ die Opfer nicht als Zahlen, sondern gab ihnen ihre Namen zurück: Miriam, David. Und das ist keine beiläufige erzählerische Einzelheit. Die Zahl kann das Ausmaß der Katastrophe beschreiben, doch sie kann uns nicht sagen, wer der Mensch war, der hinter ihr verschwand. Der Name gibt dem Einzelnen seinen Platz zurück, gibt ihm sein Gesicht, seine Stimme, sein Leben zurück, das nicht nur Teil einer Statistik war.
Und vielleicht ist der Akt der Namensgebung selbst ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen.
Sitzungsleiter: Numan… ich verlange nicht, dass Sie dieses Tor erklären oder verteidigen, sondern stelle nur eine Frage: War dieses Kapitel eines der schwersten, die Sie geschrieben haben?
Numan Albarbari: Ja, und vielleicht eines der Kapitel, die am längsten bei mir blieben, nachdem sie beendet waren.
Ich konnte es nicht in einem Zug schreiben; ich näherte mich ihm und hielt inne, kehrte nach Tagen oder Wochen zurück. Nicht weil ich nicht wusste, was ich sagen wollte, sondern weil ich fürchtete, mehr zu sagen, als angemessen war. Es gibt Themen, die keinen literarischen Schmuck vertragen, und der Schriftsteller muss vor ihnen wissen, dass Schweigen manchmal Teil des Schreibens ist.
Ich wollte, dass die Sprache dem Gedächtnis dient, nicht dass das Gedächtnis zum Rohstoff der Sprache wird. Und ich danke dem Team, dass es diesem Tor mit dem Respekt begegnet ist, den es braucht.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir schließen diese Sitzung nicht mit einer Zusammenfassung; manche Tore schließen sich nicht, sie bleiben offen im Innern des Menschen.
Wir verlassen sie mit einer einzigen Frage: Ist Gedächtnis Treue, wenn wir die Vergangenheit bewahren? Oder wird es zu größerer Treue, wenn wir uns weigern, den Menschen in eine Zahl zu verwandeln?


„Die absichtlich gelassene Leere als Treue, nicht als Niederlage”
Vierundzwanzigstes Tor: Die blinde Hüterin
Sitzungsleiter: Nach der Schwere Warschaus, nach der Begegnung mit dem kollektiven Gedächtnis, das kurz davor stand, zu Zahlen zu werden, wenden wir uns heute Al-Andalus im elften Jahrhundert zu. Doch die Frage entfernt sich nicht weit.
In diesem Tor begegnen wir einer Frau, die ihr Augenlicht verlor, doch eine außerordentliche Gabe des Bewahrens besitzt; sie kennt Tora und Talmud vollständig auswendig, trägt in ihrem Gedächtnis, wozu viele Bücher unfähig sind. Doch die große Paradoxie: Sie weigert sich, ein einziges Lied zu bewahren – ein Lied, das ihre Mutter absichtlich unvollständig ließ.
Ist Vergessen also immer Verlust? Oder ist manche Leere eine Art Treue?
Gespräch
Dr. Salma (Medizin): Ich beginne von der wissenschaftlichen Seite.
Die Technik des „Gedächtnispalastes” oder der Loci-Methode, die die Hüterin nutzt, ist keine bloße literarische Erfindung; es ist eine reale, in der Gedächtnisforschung bekannte Technik, die bis heute bei internationalen Gedächtniswettbewerben angewendet wird.
Doch was mich fesselt, ist nicht ihre Fähigkeit zum Bewahren, sondern ihre Wahl dessen, was sie nicht bewahren will. Wie kann jemand, der sein Leben dem Aufbau eines beinahe vollständigen Gedächtnisses widmete, sich bewusst entscheiden, eine Leere zu lassen? Ist das nicht ein Widerspruch?
Dr. Basil (Philosophie): Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern vielleicht die tiefste Lehre dieses Tors.
Die Hüterin unterscheidet zwischen zwei Arten der Beziehung zum Gedächtnis. Da sind heilige Texte, die sie nicht nur um ihrer selbst willen bewahrt; sie bewahrt sie, weil eine ganze Gemeinschaft braucht, dass diese Worte fest bleiben, übertragbar und deutbar über die Generationen hinweg.
Das Lied der Mutter aber ist kein allgemeiner Text; es ist eine persönliche, lebendige Beziehung. Hätte sie es wortwörtlich bewahrt, wäre es vielleicht von innerer Gegenwart zu aufbewahrtem Stück geworden – von atmender Erinnerung zu einer im Museum ausgestellten Spur. Sie weigert sich nicht aus Unfähigkeit, sondern weil sie weiß, wann Bewahren zu einer Form von Verlust wird.
Dr. Lubna (Geschichte): Ich möchte eine historische Komplexität hinzufügen.
Das Kapitel ruft die Geschichte Josephs auf, doch dieser Verweis öffnet eine wichtige deutungsgeschichtliche Frage. Der Gedanke des Vergessens in der Josephsgeschichte ist nicht in allen religiösen Lesarten einfach; es gibt unterschiedliche Auslegungen darüber, was sein Vergessen seiner Familie bedeutete, und ob dieses Vergessen als lobenswerte Handlung oder als Anlass zum Tadel zu verstehen ist.
Das macht den vom Text vorgeschlagenen Vergleich komplexer. War die Berufung auf Joseph gemeint, um das Vergessen als Wert zu verteidigen? Oder um von einer anderen Art der Beziehung zur Vergangenheit zu sprechen?
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Ich glaube, die Schönheit des Textes liegt genau darin, dass er die Tür nicht mit einer einzigen Antwort verschließt.
Er sagt nicht: „Vergessen ist immer gut.” Und nicht: „Bewahren ist immer Pflicht.” Er nutzt vielmehr den Raum der Möglichkeit. Das passt zur Art, wie der ganze Roman mit den großen Fragen umgeht: Heilige und historische Texte werden nicht als fertige Antworten benutzt, sondern als Tore, durch die die Fragen eintreten.
Und vielleicht liegt darin der Grund, warum das Wort „vielleicht” in der Welt des Romans sinngemäß häufiger wiederkehrt als das Wort „so ist es”.
Sitzungsleiter: Numan… Dr. Lubnas Frage ist wichtig, weil sie nicht nur die Erzählung betrifft, sondern die Art, wie religiöse Texte innerhalb eines literarischen Werks genutzt werden. Waren Sie sich der deutungsgeschichtlichen Debatte um die Josephsgeschichte bewusst, als Sie sie einsetzten? Oder nutzten Sie sie aus Ihrer eigenen persönlichen Lesart?
Numan Albarbari: Wenn ich ehrlich bin, nutzte ich sie vor allem aus meiner persönlichen Lesart.
Ich war von einer Deutung beeinflusst, die in der Josephsgeschichte einen Aspekt sieht, der die Last des Vorwurfs mildert und sich stärker auf die menschliche Reise und die Wandlungen konzentriert, die sie trägt. Doch ich behaupte nicht, ich hätte die gesamte fiqhische und exegetische Debatte um diese Geschichte überblickt. Und vielleicht bereichert diese Bemerkung des Teams den Text mehr, als sie ihm nimmt.
Wenn der Schriftsteller ein Symbol aus einem heiligen oder historischen Text entlehnt, betritt er eine Welt, die älter und weiter ist als seine eigene Lesart, und jede solche Entlehnung trägt Jahrhunderte von Deutungen und Fragen in sich. Das erinnert mich daran, dass wir die großen Texte nicht vollständig besitzen; wir treten nur in ein Gespräch mit ihnen.
Sitzungsleiter (Schluss): Wieder finden wir, dass der Roman uns keine leichte Antwort schenkt. Nachdem das vorige Tor fragte: Wie bewahren wir die Namen derer, die die Geschichte auszulöschen versuchte? – fragt uns dieses Tor: Müssen wir alles, was wir lieben, vollständig bewahren?
Vielleicht gibt es einen Unterschied zwischen einem Gedächtnis, das etwas bewahrt, weil es seinen Verlust fürchtet, und einem Gedächtnis, das eine Leere darin lässt, weil es fürchtet, es durch Bewahrung zu töten. Und die Frage bleibt: Kann manche Unvollständigkeit treuer sein als Vollständigkeit?


„Eine Wahrheit, die Religionen durchquert, und ein Gedächtnis, das gelesen, nicht geschrieben wird”
Fünfundzwanzigstes und sechsundzwanzigstes Tor: Die christliche Nonne – Der Hüter des Waldes (Amazonas-Schamane)
Sitzungsleiter: Heute wandern wir zwischen zwei entfernten Enden der Welt: England im vierzehnten Jahrhundert und den Wäldern des Amazonas in unserer Gegenwart. Eine Nonne trägt eine spirituelle Erfahrung zwischen Gewissheit und Zweifel, und ein Mann liest das Gedächtnis eines ganzen Waldes, ohne dass er auch nur ein geschriebenes Wort braucht.
Der Abstand mag riesig erscheinen, doch die Frage, die beide verbindet, ist eine einzige: Wie gelangt die Wahrheit zum Menschen? Durch Schrift? Durch Erfahrung? Oder durch das Hören auf das, was nicht geschrieben werden kann?
Gespräch
Dr. Lubna (Geschichte): Ich beginne mit einem wichtigen historischen Hinweis.
Die Worte der Nonne – „Alles wird gut sein, und alles wird gut sein” – sind keine bloße literarische Erfindung; sie rufen die Stimme Julians von Norwich wach, der englischen Mystikerin, die tatsächlich im vierzehnten Jahrhundert lebte, Verfasserin der „Offenbarungen der göttlichen Liebe”. Ihre spirituelle Erfahrung trug eine andere Vorstellung als das strafende Gottesbild, das in manchen Strömungen ihrer Zeit vorherrschte. Deshalb war ihr Schreiben keine bloße persönliche Betrachtung, sondern eine Handlung voller Gefahr in einer Zeit, in der man wegen seiner Gedanken der Ketzerei bezichtigt werden konnte.
Dr. Basil (Philosophie): Ich möchte bei einem Punkt verweilen, den ich für zentral halte.
Die Nonne sagt, Glaube könne die Fähigkeit sein, Gewissheit und Zweifel zugleich zu tragen. Hier zeigt sich ein philosophisches Paradox; wir behandeln Gewissheit und Zweifel oft als Gegensätze: entweder du weißt, oder du zweifelst. Doch dieses Tor schlägt ein anderes Modell vor: dass es ein Wissen gibt, das nicht durch Auslöschung des Zweifels wächst, sondern durch seine Aufnahme in sich.
Vielleicht sagt die Nonne nicht: „Ich bin trotz meines Zweifels gewiss”, sondern: „Ich glaube auf eine Weise, die meinem Zweifel erlaubt, lebendig zu bleiben.” Das ist ein Erkenntnismodell, das sich vom strengen logischen Modell unterscheidet.
Dr. Salma (Medizin): Ich möchte einen weiteren Blickwinkel hinzufügen.
Die Erfahrung, die die Nonne beschreibt, einschließlich der Visionen während schwerer Krankheit und der Nähe zum Tod, ähnelt dem, was in medizinischen und psychologischen Studien über Nahtoderfahrungen berichtet wird. Viele, die solche Erfahrungen durchlebten, beschreiben ein tiefes Gefühl des Friedens oder ähnliche Bilder, doch die Deutung dieser Erfahrungen bleibt Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Debatte.
Was mich am Roman fesselt, ist, dass die Nonne selbst die Tür zur anderen Möglichkeit nicht verschließt. Sie sagt nicht: „Das war gewiss eine göttliche Vision.” Und nicht: „Es war bloße Nervenaktivität.” Sie bleibt im menschlichen Raum zwischen beiden Möglichkeiten. Und das macht sie vielleicht am überzeugendsten.
Sitzungsleiter: Ich wende mich an Dr. Hala: Sehen Sie eine Verbindung zwischen der behutsamen Schrift der Nonne und der Rede des Schamanen vom Gedächtnis des Waldes, das gelesen, nicht geschrieben wird?
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Die Verbindung ist tief, doch sie kommt aus zwei verschiedenen Richtungen.
Die Nonne lehnt die Schrift nicht ab; sie braucht sie. Doch sie weiß, dass die volle Wahrheit größer sein kann als die Fähigkeit der Worte, und schreibt daher behutsam, lässt Räume für Schweigen. Der Schamane hingegen lehnt die Schrift nicht aus Furcht vor einer strafenden Macht ab, sondern weil er den Wald selbst als lebendiges, sich wandelndes Wesen betrachtet, und seine Verwandlung in einen festen Text ihm einen Teil seines Lebens rauben könnte.
Beide gelangen zu einem ähnlichen Ergebnis: dass die Sprache nicht die ganze Wahrheit ist. Doch der Weg unterscheidet sich; die eine fürchtet, mehr zu sagen, als sein sollte, der andere fürchtet, das zu verkürzen, was nicht verkürzt werden sollte.
Dr. Lubna: Und das führt mich zu einer Frage, die uns selbst betrifft.
Wir befinden uns jetzt in einem Symposium, das versucht, einen Roman und ein lebendiges Gespräch in geschriebene Worte zu verwandeln. Sind wir also näher an der Nonne – wir schreiben, weil das Schreiben, bei aller Begrenztheit, notwendig ist? Oder näher an den Ängsten des Schamanen – wir fürchten, dass die Verschriftlichung etwas erstarren lässt, das lebendig war?
Sitzungsleiter: Eine Frage, die offen bleibt. Doch ich möchte eine letzte Frage an Numan richten. In der Szene des Schamanen sitzt der Mann am selben Fluss, in dem er seinen Sohn verlor. War diese räumliche Paradoxie von Anfang an beabsichtigt – dass derselbe Ort Leben und Verlust zugleich trägt?
Numan Albarbari: Sie war nicht in all diesen Einzelheiten von Anfang an geplant, doch sie war auch kein Zufall.
Als ich die Szene schrieb, dachte ich an den Unterschied zwischen der Natur und dem Menschen. Der Mensch versucht meist, sich von dem Ort zu entfernen, der ihn verletzte; die Natur tut das nicht. Der Fluss fließt weiter, hält nicht inne, weil er Schmerz getragen hat, ändert seinen Lauf nicht, weil er einen geliebten Menschen mit sich nahm.
Und vielleicht lernt Samir vom Schamanen, dass Friede nicht immer aus der Flucht vor der Quelle des Schmerzes kommt; manchmal kommt er aus der Fähigkeit, sich neben ihn zu setzen und ihm zuzuhören.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir verlassen diese Sitzung mit einer Frage, die nicht nur die Nonne oder den Schamanen betrifft, sondern uns alle: Muss jede Wahrheit geschrieben werden? Oder brauchen manche Wahrheiten, ehe sie geschrieben werden, dass man sie zuerst lebt?
Wir lassen den Saal mit dem Bild eines Mannes zurück, der neben einem Fluss sitzt, der ihm das Liebste nahm, was er besaß – und dennoch weiter seiner Stimme lauscht.


„Ist die individuelle Lücke Teil eines weiteren Gewebes?”
Siebenundzwanzigstes Tor: Das hinduistische Mädchen
Sitzungsleiter: Benares. Der heilige Fluss. Ein Mädchen von sechzehn Jahren sitzt Samir gegenüber, als trüge sie kein außergewöhnliches Geheimnis, sondern spräche von etwas ganz Gewöhnlichem: der Erinnerung an ein früheres Leben, die sie selbst nicht zu erklären vermag, mit der sie aber zu leben weiß.
Dieses Tor verlangt von uns nicht, die Frage der Reinkarnation zu entscheiden, sondern konfrontiert uns mit einer tieferen Frage: Ist der Mensch ein getrenntes Wesen, das seine eigene Geschichte allein trägt, oder Teil eines größeren Gewebes, von dem er nur seinen eigenen Faden sieht?
Gespräch
Dr. Basil (Philosophie): Was mich an diesem Tor fesselt, ist nicht die Behauptung des Mädchens, sie erinnere sich an ein früheres Leben, sondern die Art, wie sie ihre Erfahrung darstellt. Sie sagt Samir nicht: Das ist eine Wahrheit, die du glauben musst, sondern legt ihm, fast wie eine vollständige erkenntnistheoretische Methode, dar: Das ist meine Erfahrung, und das ist der Sinn, den sie mir gegeben hat.
Und hier sehe ich eine klare Verbindung zum Anfang des Romans, zum ersten Teilchen, das sich weigerte, Samir eine einzige Deutung seines Daseins aufzuzwingen. Es scheint, der Roman verteidigt von seinem Anfang bis zu diesem Augenblick eine Art Demut vor den Geheimnissen des Seins: Eine ehrliche Frage zu besitzen ist besser als eine verschlossene Gewissheit.
Dr. Salma (Medizin): Ich stimme dem Wert dieser Demut zu, doch ich möchte eine klare Grenze zwischen persönlicher Erfahrung und wissenschaftlicher Wahrheit ziehen.
Das Phänomen, dass manche Kinder von Erinnerungen an ein früheres Leben berichten, wurde in einigen Studien der Psychologie und der Forschung zu ungewöhnlichen Erfahrungen untersucht, unter anderem von Ian Stevenson, doch diese Berichte bleiben Gegenstand wissenschaftlicher Debatte und führten zu keinem wissenschaftlichen Konsens, der die Reinkarnation als deren richtige Erklärung bestätigt. Deshalb frage ich: Lesen wir dieses Tor besser als Darstellung einer Wahrheit über die Welt – oder als literarische Erforschung der menschlichen Frage nach dem Sinn ihres Daseins?
Dr. Basil: Ich glaube, der Roman selbst schenkt uns die Antwort. Das Mädchen nutzt ihre Erfahrung nicht, um die Frage zu schließen, sondern um sie zu öffnen.
Sie sagt Samir nicht: Dein verlorener Tag geschah wegen eines früheren Lebens, Ende der Geschichte. Sie sagt etwas Bescheideneres: Vielleicht ist dieser Tag Teil einer Geschichte, größer als das, was du jetzt sehen kannst. Und hier liegt die literarische Kraft des Tors: Es verlangt vom Leser nicht, die Deutung zu glauben, sondern das menschliche Bedürfnis zu betrachten, das sie hervorbrachte. Warum braucht der Mensch, sein Leben in einem weiteren Rahmen zu sehen? Und warum wird der Schmerz manchmal leichter, wenn wir spüren, dass wir kein isolierter Zwischenfall in einem gewaltigen All sind?
Dr. Hala (Sprachwissenschaft): Ich möchte bei der hier kraftvoll auftauchenden Flussmetapher verweilen.
Das Mädchen sagt, das Leben des Menschen gleiche einem Tropfen in einem großen Fluss: Der Tropfen verliert sein Dasein nicht, weil er Teil des ganzen Wassers ist, doch er kann auch nicht alle Quellen des Flusses kennen, noch alle Orte, an denen er vorbeiziehen wird.
Diese Metapher führt uns zu vielen Bildern im Roman zurück: dem Stern, dem Molekül, dem buddhistischen Mönch, und jetzt dem Fluss. Das Wasser scheint in diesem Roman kein bloß ästhetisches Bild zu sein, sondern eine vollständige Sprache über Fortdauer: etwas, das sich beständig wandelt, doch nicht verschwindet.
Dr. Lubna (Geschichte): Und ich möchte einen anderen Aspekt der Figur des Mädchens hervorheben.
Wir erwarten meist, dass, wer an ein anderes Leben glaubt, den Tod nicht fürchtet. Doch diese Figur bricht diese Erwartung, wenn sie, auf sehr menschliche Weise, sagt, sie fürchte nicht das Ende des Seins, sondern den Verlust derer, die sie in diesem Leben liebt. Und das ist eine wichtige Einzelheit; sie bewahrt den spirituellen Gedanken davor, zur Flucht aus der alltäglichen menschlichen Erfahrung zu werden. Der Glaube, wie ihn das Mädchen darstellt, löscht die Trauer nicht aus, sondern verändert ihren Platz im größeren Bild.
Sitzungsleiter: Numan, eine letzte Frage, die die Erfahrung des Schreibens selbst betrifft: Sie gehören zu einer Kultur, in der der Gedanke der Reinkarnation kein grundlegender Teil ihrer Weltsicht ist, und dennoch schenkten Sie einer Figur, die daran glaubt, eine volle Stimme, ohne Spott oder Übernahme. Wie sind Sie mit dieser Herausforderung umgegangen?
Numan Albarbari: Vielleicht war das eine der schwierigsten Arten des Schreibens für mich: einen Menschen zu schreiben, der einen Gedanken trägt, den ich selbst nicht notwendig teile, und ihm das volle Recht zu geben, innerhalb seiner eigenen Welt aufrichtig zu sein.
Ich wollte das Mädchen nicht zur Vertreterin einer Glaubenslehre machen, sondern zu einer Menschin mit einer Erfahrung. Der Unterschied ist groß zwischen dem Schreiben eines Gedankens und dem Schreiben einer Person, die einen Gedanken lebt. Ich versuchte, dasselbe zu tun, was sie selbst im Gespräch mit Samir tat: nicht vom anderen zu verlangen, mir zu glauben, sondern mir zuzuhören und zu verstehen, warum ich die Welt auf diese Weise sehe.
Der Romancier sollte kein Richter seiner Figuren sein, sondern ein Zeuge ihrer Menschlichkeit.
Sitzungsleiter (Schluss): Wir verlassen den Saal mit dem Bild des Flusses, das dieses ganze Tor trug: Wasser, das nicht alle seine Tropfen kennt, und Tropfen, die nicht ihren ganzen Weg kennen, doch zusammen bilden sie einen einzigen Lauf.
Und die Frage bleibt offen: Wird die Last des Menschen leichter, wenn er weiß, dass er Teil eines größeren Gewebes ist? Oder kommt der Wert des Lebens gerade daraus, dass es ein kleiner, sich nie wiederholender Faden ist?


Ende des zweiten Teils. Die verbleibenden Sitzungen der Erzählreihe – beginnend mit dem achtundzwanzigsten Tor, „Wenn Glaube zum Vorwand wird” – können auf Wunsch in einem weiteren Band fortgeführt werden.


Zweite Sitzung


Podiumsdiskussion zum Roman “Das Museum der verlorenen Tage”

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