Grenzen aus Sand
Roman
Die Grenze, von der wir nicht wissen, wer sie gezogen hat, halten wir für Schicksal.
ERSTES BUCH: BEVOR DIE TÜREN SICH ÖFFNEN
Erstes Kapitel: Der Schlüssel zu Zimmer 307
Alle Menschen gleichen einander in dem, was sie verbergen, und unterscheiden sich nur in dem Namen, den sie dem Verborgenen geben, nachdem sie es versteckt haben. Die einen nennen es Scham, andere Privatsphäre, wieder andere Freiheit, und nur wenige wagen es, es bei seinem ersten Namen zu nennen – bei dem Namen, den es trug, ehe jemand ihm das Kleid der Moral überwarf. Als ich mich daranmachte, diese Geschichte zu erzählen, kam mir der Gedanke, dass sich das Wahrhaftigste über eine Gesellschaft nicht in ihren Verfassungen findet und nicht auf ihren Kanzeln, sondern in dem, was nach Mitternacht in ihren Hotels geschieht, und in dem, was vor Tagesanbruch in ihren Küchen geflüstert wird. Dort fange ich an.
Nach Mitternacht verändern sich die Menschen in Hotels.
Karim weiß das seit zwei Jahren, seit er als Nachtportier im Hotel „Zur Brücke“ in Waldberg arbeitet. Tagsüber betreten die Gäste das Haus mit ihren amtlichen Gesichtern: Anzüge, Rollkoffer, Firmenkarten, höfliche Sätze über das Wetter. Nachts kehren sie mit anderen Gesichtern zurück: gelockerte Krawatten, ein Lachen, das lauter ist, als es sein müsste, Blicke, die eine Sekunde länger aneinander hängen bleiben, als der Tag es erlaubt. Karims Aufgabe besteht darin, zu lächeln, Schlüssel zu reichen und nichts zu sehen – ein Handwerk, das die Söhne des Ostens seit tausend Jahren beherrschen, weil sie in Häusern aufgewachsen sind, in denen alles unter einem einzigen Dach geschieht, unter einer einzigen Bedingung: dass keiner es sieht.
Er war neununddreißig, Bauingenieur aus Aleppo, dessen Diplom die Deutschen nur zur Hälfte anerkannt hatten, seit drei Jahren geschieden. Er wohnte in einer kleinen Wohnung über einer Bäckerei und sagte sich jeden Morgen, dass ein Provisorium zum Dauerzustand wird, wenn man nur lange genug darin bleibt. Der Verbannte trägt sein Land im Kopf wie ein Reisender das Geld, das in der Stadt, in der er gelandet ist, nichts gilt: Er kann es nicht wegwerfen, und er kann kein Brot damit kaufen.
Um halb zwei kam Katrin herein.
Sie leitete die Veranstaltungsabteilung des Hotels, vierundvierzig, groß, das kastanienbraune Haar hastig zusammengebunden. Die Schuhe hatte sie ausgezogen und trug sie in der Hand, wie einer, der einen Tag beendet hat, der nicht enden wollte. Im großen Saal war vor einer Stunde das Fest eines Pharmakonzerns zu Ende gegangen; auf ihrem Kleid war ein Weinfleck, und in ihren Augen lag ein Glanz, der nichts mit Trunkenheit zu tun hatte.
Katrin gehörte zu den Menschen, die Zahlen lieben, weil Zahlen nicht urteilen, nicht zittern und nie „Schande“ sagen. Sie sagen nur: Das ist der Betrag, das ist die Zeit, das ist das Ergebnis. Ähnlich hatte sie ihr Leben gebaut. Ihre Ehe mit Thomas, dem Ingenieur, der das halbe Jahr in Asien verbrachte, beruhte seit sieben Jahren auf einer Vereinbarung, die nicht auf Papier stand, sondern in den Nerven: keine Fragen, keine Eifersucht, keine Versprechen. Sie nannte das Freiheit. Nie war ihr in den Sinn gekommen, dass eine Freiheit, die sich an dem misst, was man nicht braucht, vielleicht nicht mehr ist als eine Immunität – dass man sich gegen das Bedürfnis impfen kann wie gegen eine Ansteckung und, hat man es besiegt, gesund dasteht und allein.
„Guten Abend“, sagte sie.
„Guten Morgen, wenn man es genau nimmt.“
„Sie nehmen es immer genau, Karim.“
„Das ist mein Beruf.“
Sie stellte die Schuhe auf den Tresen und stützte die Ellbogen auf den Marmor.
„Ist Zimmer 307 frei?“
Er sah auf den Bildschirm, obwohl er die Antwort kannte.
„Frei.“
„Ich brauche den Schlüssel.“
„Für einen Gast?“
„Nein.“
Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie mit der Ruhe einer Frau, die entscheidet und nicht um Erlaubnis fragt:
„Für mich.“
Kein Vorwurf lag in dem Wort und keine offene Einladung. Es war eine Tür, die gerade so weit offen stand, dass ein Mensch hindurchgehen oder umkehren konnte – die feinste Kunst kluger Frauen, wenn sie etwas wollen, von dem sie nicht eingestehen mögen, dass sie darum gebeten haben.
„Brauchen Sie sonst noch etwas?“
„Ja. Dass Sie mit hinaufkommen und nachsehen, ob die Klimaanlage funktioniert.“
Sie lächelte, und in dem Lächeln lag das Eingeständnis, wie fadenscheinig die Ausrede war.
Karim wusste, dass sie verheiratet war, und sie wusste, dass er geschieden war und allein lebte, und beide wussten, dass seit Monaten etwas zwischen ihnen begonnen hatte, ohne dass einer den Tag hätte nennen können: ein Kaffee, schweigend getrunken in der hinteren Küche, eine Hand, die einen Atemzug zu lange auf einem Blatt Papier liegen blieb, ein Lachen, das man unterdrückte, weil die Wand dünn war. So beginnen große Dinge immer: mit kleinen, die keiner zählt, bis sie vollständig sind.
„Katrin“, sagte er leise, „Sie sind meine Vorgesetzte.“
„Und Sie sind der vernünftigste Mensch in diesem Haus. Das hindert nichts.“
„Und Ihr Mann?“
„Thomas weiß, dass unsere Ehe ein Organisationsvertrag geworden ist. Er fragt nicht, was ich tue, wenn er weg ist, und ich frage ihn nicht. Das ist weder ein Verbrechen noch eine Tugend. Es ist ein Dienstplan.“
„Und ich? Wo komme ich in Ihrem Dienstplan vor?“
Sie sah ihn lange an.
„Ich weiß es nicht. Deshalb bitte ich Sie, hinaufzukommen, und nicht, mir etwas zu versprechen.“
Er gab ihr den Schlüssel.
Sie fuhren schweigend im Aufzug. Der Metallspiegel zeigte einen Mann in der blauen Hoteljacke und eine Frau auf bloßen Füßen, und zwischen ihnen eine Entfernung, die von Stockwerk zu Stockwerk schrumpfte, als wüsste der Aufzug, was seine Fahrgäste nicht aussprachen.
Und in Zimmer 307 ging keiner von beiden zur Klimaanlage.
Sie küsste ihn, als beende sie ein langes Gespräch mit sich selbst, und er berührte sie, als lerne er eine Sprache, deren Wörter er vergessen hatte. Sie streifte ihm die blaue Jacke ab, wie man einem Angestellten seinen Namen abnimmt, und darunter blieb ein Mann zurück, den das Hotel nie gesehen hatte. Sein Mund lag an ihrem Hals, ihre Hände auf seinem Rücken, ihr Atem hatte seine Ordnung verloren, das Sprechen setzte aus, und die Körper redeten in einer Sprache, die weder das Lügen beherrscht noch das Versprechen. Ich sehe keinen Anlass, zu schildern, was danach geschah, nicht aus Scham – die Scham ist hier eine der Figuren dieser Geschichte, und wir werden noch viel über sie erfahren –, sondern weil der Körper, wird er zu genau beschrieben, der Wahrheit entgleitet. Es genüge zu sagen, dass ein altes Hungern darin lag und eine noch ältere Scham und dass die beiden nach drei Monaten sparsamer Rede in einer einzigen Stunde mit ihren Körpern gesagt hatten, was sie in neunzig Tagen mit Worten nicht gesagt hatten.
Als das Licht erlosch, dachte Karim nach.
Er wusste, dass Denken in diesem Augenblick ein Verrat am Augenblick war, aber der Verstand ist kein gehorsames Kind. Hätte jemand in jener Dunkelheit in seinen Kopf hineinhorchen können, er hätte einen kleinen Chor streiten gehört. Sein Vater in Aleppo sagt: „Schande.“ Der Imam, von dem der Junge die erste Sure auswendig gelernt hatte, sagt: „Haram.“ Die Nachbarin, die den Leuten die Atemzüge zählte, sagt: „Die Leute.“ Seine Geschiedene sagt: „Du warst nie da.“ Sein alter Geometrielehrer sagt: „Genauigkeit.“ Und Katrin neben ihm sagt mit ihrem Schweigen: „Zähl die Sünden nicht.“
Das Seltsamste an diesem Chor war, dass keiner ihm die Frage stellte, vor der er sich fürchtete: Was, wenn er nichts bereute? Schuld empfand er nicht. Er empfand Sehnsucht. Und er wusste nicht, ob nicht schon die Sehnsucht eine Schuld war. Genau davor haben alle Chöre Angst: dass der Mensch aufhört, sich zu entschuldigen, und sie damit ihre Macht über ihn verlieren.
Auch in seinem ersten Haus in Aleppo war es so gewesen, und niemand soll glauben, der Osten sei unschuldig und der Westen schuldig. Es geschah hinter geschlossenen Türen, schweren Vorhängen und zusammengepressten Lippen, und am Morgen traten die Menschen hinaus, als wäre nichts gewesen. Und hier, wo niemand fragt, schien es ihm nicht, als sei die Sache leichter geworden. Nur der Platz des Wächters hatte sich verschoben: Er stand nicht mehr draußen, er stand jetzt drinnen.
Im Morgengrauen saß Katrin auf der Bettkante und drehte sich das Haar zusammen.
„Tu das nicht.“
„Was?“
„Das Gesicht eines Mannes, der Sünden zählt.“
„Das sind keine Sünden. Ich lerne nur gerade, an einem Ort zu leben, an dem keiner mehr zu mir sagt: Das ist haram, das ist Schande – und ich entdecke, dass ich die Stimme trotzdem noch höre.“
„Die Stimme deines Vaters?“
„Die Stimme von allem: von meinem Vater, meiner Mutter, der Moschee, dem Viertel. Und von mir.“
Sie sagte weich:
„Freiheit heißt nicht, dass niemand mehr in deinem Kopf wohnt. Freiheit heißt, zu wissen, wer dort wohnt, und dann selbst zu entscheiden.“
Sie sagte es mit Überzeugung und wusste nicht, dass sie sich selbst sagte, was sie auf sich selbst nicht anzuwenden vermochte.
Sie zog ihr Kleid an und sagte an der Tür:
„Mach aus dieser Nacht nicht mehr, als sie ist. Ich will nicht, dass wir die Geschichte größer machen, ehe wir sie verstanden haben.“
„Und wenn sie von selbst größer wird?“
„Dann reden wir.“
Karim ging hinunter an die Rezeption, noch ehe der Tag begann, hängte den Schlüssel an seinen Platz und bemerkte, dass seine Hand es mit derselben Genauigkeit tat wie in jeder anderen Nacht. Alles hatte sich verändert, und nichts hatte sich verändert. So sagte er es sich, und es ist die älteste aller Lügen und die am häufigsten gebrauchte.
Hinter der Glasscheibe der hinteren Küche stand eine Frau im blauen Arbeitskittel, die ihre Schicht begann und sich schweigend einen Tee machte; ihre Augen trafen die seinen. Es war Hanan, die Reinigungskraft, eine Syrerin wie er. Sie nickte zum Gruß und sagte nichts.
Aber sie würde in ein paar Stunden Zimmer 307 reinigen, und sie wusste, wie jede Frau, die in einem Hotel arbeitet, dass Zimmer nicht lügen: Sie bewahren, was man in ihnen zurücklässt.
Zweites Kapitel: Ein Haus mit zwei Wänden und einem Schrank
Hanan ist dreiundvierzig.
Um sechs Uhr morgens kommt sie ins Hotel, um zwei am Nachmittag ist ihre Arbeit getan, und in den Stunden dazwischen steckt sie ihre Hände in das Leben fremder Menschen: Sie glättet ein Bett, in dem zwei Männer geschlafen haben, die sie nicht kennt, sie räumt ein Glas weg, an dessen Rand noch Lippenstift klebt, sie putzt ein Bad, in dem sich jemand von einer Nacht reingewaschen hat, von der sie nichts weiß. Die Arbeit hat sie eine einzige Regel gelehrt: nicht sehen, nicht urteilen, nicht erinnern. Es ist eine Regel für Hotelangestellte, und sie taugt ebenso für ganze Völker, die jahrhundertelang geglaubt haben, Tugend bedeute, nicht hinzusehen.
Aber das Gedächtnis gehorcht keinen Regeln. Wenn sie in ihre Wohnung am östlichen Rand von Waldberg zurückkehrte, trug sie hundert abgebrochene Geschichten im Kopf: eine Frau, die einen Zettel am Spiegel hinterlassen und nicht zu Ende geschrieben hatte, ein Mann, der in der Schublade das Foto zweier Kinder vergessen hatte, zwei Jugendliche, die ein weißes Blatt zurückließen, auf das sie zwei Herzen gemalt hatten.
Ihr Zuhause, das war eine Dreizimmerwohnung in einem alten Haus, in dem zehn Familien aus sieben Nationen lebten. In der Küche lag ein kleiner Gebetsteppich, zusammengefaltet auf dem Kühlschrank, im Wohnzimmer lief der Fernseher mit zwei arabischen Sendern, leise gestellt, und an der Schlafzimmertür hing ein gesticktes Bild: „Mein Gott, mache unser Haus zu einem Haus der Sicherheit.“ Es ist ein aufrichtiges Gebet, und gewiss hat die Hand, die es stickte, es von Herzen gestickt. Doch ein sicheres Haus ist nicht zwangsläufig ein Haus, in dem man gehört wird, und die meisten Menschen verwechseln beides ihr Leben lang.
Und da war Samir.
Siebenundvierzig, Lastwagenfahrer, ein Vetter vom Land bei Homs, der sie geheiratet hatte, als sie zwanzig war und er vierundzwanzig. Er war ein guter Mann in dem Sinn, den seine Leute kennen: Er trank nicht, er betrog nicht, und er erhob die Stimme nur, wenn er Angst hatte. Er hatte oft Angst. Vor den Deutschen, vor dem Viertel, vor den arabischen Nachbarn, die alles beobachteten, vor seiner Tochter, die in einem Land heranwuchs, das er nicht verstand. Gutsein bedeutet in diesem Sinn die Abwesenheit von Schaden, nicht die Anwesenheit von Zuhören – eine sehr bequeme Definition für jeden, der sie sich selbst ausstellt.
Sie teilten Essen, Rechnungen und das Bett. Das wirkliche Gespräch aber hatten sie im ersten Land zurückgelassen, mit den Möbeln. Das setzen Auswanderer nie auf ihre Verlustlisten: Sie zählen das Haus, die Verwandten, den Baum, die Fotos, aber nicht das Gespräch, obwohl es als Erstes verloren geht und als Letztes wiederkehrt.
An jenem Abend, nachdem Samir vor den Nachrichten eingeschlafen war, stand Hanan in der Küche und spülte ein sauberes Glas.
Das tat sie manchmal: die Hände beschäftigt halten, damit der Kopf keinen leeren Raum findet, in dem eine Frage Platz nimmt, die seit Monaten auf sie eindrang. Hätte diese Frage eine Stimme gehabt, sie hätte gesagt: Wann hat mich zuletzt jemand berührt, als wäre ich ich – und nicht eine Ehefrau?
Laila kam herein und öffnete den Kühlschrank.
„Mama, warum schläfst du nicht?“
„Ich bin gleich fertig mit den Gläsern.“
„Die sind doch sauber.“
„Ich weiß.“
Laila sah ihre Mutter einen Augenblick an, mit dem geraden Blick, den sie von ihrer Seite geerbt hatte und nicht von der ihres Vaters. Sie war sechzehn, schmal, mit kurzen schwarzen Haaren, die sie sich vor zwei Wochen selbst abgeschnitten hatte – was ihr einen langen Streit mit ihrem Vater eingebracht hatte. Zu Hause sprach sie Arabisch mit leichtem deutschem Akzent, in der Schule Deutsch mit leichtem arabischem Akzent, und eigentlich gehörte sie ganz zu keiner der beiden Sprachen. So geht es einer ganzen Generation, die auf der Grenze wohnt – nicht, weil sie sich dafür entschieden hätte, sondern weil die, die die Grenze zogen, sie nie gefragt haben, wo sie stehen möchte.
„Mama, darf ich dich etwas fragen?“
„Frag.“
„Hast du Papa geliebt?“
Sie fragte unschuldig und gerade heraus, wie eine Generation, die noch nicht gelernt hat, dass manche Fragen Häuser schließen.
Hanan schwieg.
„Es war eine gute Ehe.“
„Ich hab nicht nach der Ehe gefragt. Ich hab gefragt, ob du ihn geliebt hast.“
„Laila, geh schlafen.“
„Ich will bloß wissen, woran man es merkt.“
„Was?“
„Dass man liebt. Die Lehrerin sagt, Liebe zeigt sich im Körper und im Verstand, im Respekt und im Begehren, alles zusammen. Papa sagt, die Liebe kommt nach der Hochzeit. Und meine Freundin Maram sagt, sie kommt von TikTok.“
Hanan lachte, ob sie wollte oder nicht.
„Und du, was sagst du?“
„Ich weiß es nicht. Deshalb frage ich.“
Hanan stellte das Glas ab und trocknete sich die Hände.
„Liebe ist nicht ein einziges Gefühl, Laila. Sie ist vieles, und manches davon kommt und geht wieder. Wichtig ist nur, dass du niemandem etwas von dir gibst, das du nicht zurückholen kannst.“
„Was zum Beispiel?“
„Dinge, die du erkennen wirst, wenn du ihnen nahe kommst.“
„Das sagen alle. Aber keiner sagt mir, was es genau ist.“
Laila hatte recht. Und Hanan fand keine Antwort, denn ihre eigene Mutter hatte ihr nie etwas davon gesagt, und die Mutter ihrer Mutter hatte es der Mutter nicht gesagt – eine lange Kette des Schweigens, die jede Frau an ihre Tochter weiterreicht wie einen Ring und dazu betet, die Tochter möge mehr Glück haben beim Tragen. Und weil sie selbst mit dreiundvierzig nicht wusste, was es genau war.
Als Laila gegangen war, blieb Hanan im Dunkeln stehen, und hätten wir hören können, was in ihrem Kopf vorging, wir hätten drei Frauen gleichzeitig sprechen gehört.
Die erste war die Hanan des Hotels, die Zimmer putzt und sagt: „Ich sehe nichts und urteile nicht“ – nach zwanzig Jahren eine Meisterin der Abwesenheit. Die zweite war die Hanan des Hauses, Ehefrau und Mutter, die kocht und wartet und auf Hochzeiten lächelt. Die dritte war klein, zwanzig Jahre alt, mit einer Schultasche, und stand seit zwanzig Jahren im Schatten und fragte mit einer Stimme, die niemand hörte: „Und ich?“
Die erste war, mit der Trockenheit einer, die rechnen kann, die härteste der drei. Sie war es, die ihr gesagt hatte, was sie fürchtete, sei nicht, ihren Mann zu betrügen. Hanan würde ihn nicht betrügen, das wusste sie. Was sie fürchtete, war schlimmer: herauszufinden, dass sie ihn nie geliebt hatte und dass zwanzig Jahre eine Stellung gewesen waren. Deshalb wollte sie es nicht wissen, denn jede Antwort, ob Ja oder Nein, würde alles verändern, und sie hatte nie gelernt, in einem Haus zu leben, in dem alles sich verändert.
Sie sah auf das gestickte Bild an der Tür. Sie liebte es und hasste es zugleich: Sie liebte es, weil es ein wahres Gebet war, und sie hasste es, weil sie wusste, dass ein Haus, das die Sicherheit zu seinem höchsten Wunsch erklärt, sich selten fragt: Ist Sicherheit alles, was wir brauchen?
Und was wollte sie? Hier hält der Erzähler einen Augenblick inne, denn in genau dieser Frage liegt das Geheimnis vieler Frauen: Sie wollte nichts Großes. Sie wollte keinen anderen Mann, kein anderes Haus, kein anderes Leben. Sie wollte, dass jemand sie fragte: Was willst du? Und dann wollte sie eine Berührung. Eine Berührung, von der der, der sie schenkt, weiß, dass er einen Menschen berührt und keine Stellung. „Ich will, dass mich jemand berührt und dabei weiß, dass er mich sieht“ – so sagte es das zwanzigjährige Mädchen im Dunkeln, und Hanan allein errötete, als hätte jemand es gehört. In unserer Gesellschaft ist das der gefährlichste Satz, den eine Frau von dreiundvierzig sich selbst sagen kann, nicht weil er schamlos wäre, sondern weil er so schlicht ist, dass er Häuser einreißt, die darauf gebaut wurden, ohne ihn auszukommen.
Und über alledem wusste sie noch etwas, das sie nicht zu fassen wagte: dass sie in ihrem ganzen Leben nicht eine einzige Grenze mit eigener Hand gezogen hatte. Sie lebte innerhalb dessen, was für sie gezogen worden war. Die Grenzen des Vaters, der Moschee, der Nachbarinnen, des Ehemanns, des Berufs, der ihr sagte: „Sieh nicht hin.“ Und sie wusste bis heute nicht, und niemand hatte sie je gefragt, wie die Grenze aussieht, die eine Frau für sich selbst zieht.
Dann tat sie etwas, das sie nie zuvor getan hatte: Sie nahm ihr Handy, tippte ein Wort in das Suchfeld, löschte es, ehe sie die Taste drückte, schrieb es noch einmal und löschte es wieder.
Welches Wort? Wir werden es zu gegebener Zeit erfahren, denn Geheimnisse haben ihre Termine, und es wäre töricht, sie zu drängen. Für jetzt genügt, zu wissen, dass es dem Anschein nach harmlos war und dass Hanan darin weniger nach etwas suchte als nach einer Frau, die ihr glich: einer Frau von dreiundvierzig, die arbeitet und schweigt und spürt, dass sie verschwunden ist. Und hätte sie die Taste gedrückt, die Suchmaschine hätte ihr Tausende solcher Frauen gezeigt – und genau das erschreckte sie, ehe sie drückte.
Das Handy blieb in ihrer Hand erleuchtet, länger, als es hätte sein dürfen.
Drittes Kapitel: Die Stunde über Sexualkunde
Laila musste einen Zettel mit in die Schule nehmen, und der Zettel stammte nicht von ihr.
Ihr Vater hatte ihn selbst geschrieben, in großer, stockender Schrift, und ein arabischer Nachbar hatte ihm beim deutschen Wortlaut geholfen: „Wir lehnen die Teilnahme unserer Tochter an Unterrichtsstunden ab, die nicht mit unseren Werten vereinbar sind.“ In diesem kurzen Satz steckt, wenn man ihn genauer ansieht, die Hälfte dessen, was wir in dieser Geschichte noch sehen werden: ein Mann, der glaubt, Werte würden durch Abwesenheit beschützt, und der seine Tochter aus der einzigen Stunde nimmt, die ihr beibringen wird, wie man sich selbst schützt.
Frau Brandt, die Biologielehrerin, nahm ihn entgegen, eine Frau von fünfundfünfzig mit dicker Brille und einer Stimme, die keine Verlegenheit kennt. Sie las den Zettel schweigend und lächelte Laila dann an – ein Lächeln, das weder Trost war noch Spott.
„Ich verstehe deinen Vater, und ich respektiere seine Angst. Aber dieser Lehrplan ist in unserem Bundesland verpflichtend, ich kann dich nicht befreien.“
„Ich weiß.“
„Soll ich mit ihm sprechen?“
„Nein. Dann wird er nur wütender.“
„Gut. Aber hör zu, Laila: Ich bringe dir nicht bei, wie man etwas tut. Ich bringe dir bei, wie du deinen Körper kennenlernst, wie du Nein sagst und gehört wirst, wie du Ja sagst und dabei frei bist, und wie du unterscheidest zwischen jemandem, der dich liebt, und jemandem, der etwas von dir will.“
In der Stunde saßen achtundzwanzig Schüler, darunter der finstere Ahmad, ein Türke, Sara, die Marokkanerin mit dem leichten Tuch über den Haaren, Jonas, der große blonde Junge mit dem trägen Lächeln, und Maram, Lailas beste Freundin. In diesen Minuten war der Raum das ehrlichste Bild des neuen Europa: zwei Welten auf einer Bank, jede ein wenig bange vor der anderen und jede auf die andere viel mehr angewiesen, als sie ahnt.
Frau Brandt sprach über Grenzen.
„Die erste Grenze: dein Körper gehört dir. Niemand darf ihn berühren, wenn du es nicht erlaubst. Kein Vater, kein Bruder, kein Freund, kein Geliebter, kein Lehrer und auch kein Mann, der doppelt so alt ist wie du und sagt, er liebe dich.“
Ahmad schrieb etwas in sein Heft und strich es durch.
„Die zweite Grenze: Was du fühlst, ist echt, aber es ist keine Anweisung. Du kannst ein starkes Verlangen spüren oder gar keins, beides ist normal. Das Problem beginnt, wenn dir jemand sagt: ‚Wenn du mich liebst, dann tu es.‘“
Ahmad hob die Hand.
„Frau Brandt, in unserer Kultur sagt man so etwas nicht.“
„Ich respektiere deine Kultur. Aber hör zu: Gerade die Dinge, über die man nicht spricht, sind es, mit denen Kinder am häufigsten getäuscht werden. Was du hier hörst, kannst du zu Hause weitererzählen oder für dich behalten. Aber zu sagen, du hättest es nie gehört – das geht nicht.“
Es wurde still, dann lachte jemand verlegen.
Wir wollen einen Augenblick bei diesem Widerspruch verweilen, denn er ist tiefer, als er scheint. Unsere Gesellschaften sind stolz darauf, ihre Kinder vor dem Reden über den Körper zu bewahren, und nennen dieses Schweigen Keuschheit. Doch das Schweigen hat noch nie ein Kind vor einem Räuber geschützt. Dem Räuber liegt nichts an unserer Keuschheit, ihm liegt an unserer Unwissenheit. Was wir aus dem Reden streichen, füllen andere auf, und meist mit einer weniger ehrlichen Stimme.
Jonas sah Laila von der anderen Seite des Raums aus an, und sie bemerkte es erst, als sie in der Pause hinausgingen. Er kam auf sie zu und wickelte dabei das Kabel seiner Kopfhörer um den Finger.
„Der Zettel deines Vaters. Hat die Lehrerin abgelehnt?“
„Woher weißt du das?“
„Ich hab gesehen, wie du ihn abgegeben hast. Du hast ihn gehalten wie eine Bombe.“
Sie lachte.
„Er ist nicht böse. Er hat nur Angst.“
„Wovor?“
„Dass ich etwas werde, das er nicht kennt.“
„Und was willst du werden?“
Niemand hatte ihr diese Frage je so gestellt. Sie kannte die Antwort nicht. Sie sagte:
„Ich weiß nicht. Jemand, der keine Angst hat zu fragen.“
„Das ist schön.“
In seiner Stimme war etwas, das sie nicht kannte: keine Höflichkeit, sondern Interesse. Zwei Dinge, die himmelweit auseinanderliegen und die Mädchen meist erst unterscheiden lernen, nachdem sie einen Preis bezahlt haben – oder weil das Glück es gut mit ihnen meinte.
Sie begannen, sich nach der Schule in der Bibliothek zu treffen. Sie saßen an einem Tisch weit hinten, teilten sich einen Kopfhörer, jeder ein Ohr, und sprachen über eine Band, die ihre Eltern nicht kannten, über die Chemiearbeit und über Dinge, die man in Häusern nicht ausspricht.
Am dreizehnten Tag schob er die Hand unter dem Tisch neben ihre, nicht auf sie. Es war ihr überlassen, zu entscheiden.
Sie sah lange auf seine Hand, dann legte sie ihren kleinen Finger an seinen kleinen Finger.
Mehr geschah nicht, und mehr brauchte sie nicht. Ihr Herz schlug heftig, und sie wusste: Hätte sie zu Hause davon erzählt, ihr Vater hätte sie eine Woche lang in ihrem Zimmer eingesperrt, und hätte sie es Frau Brandt erzählt, die hätte gesagt: „Gut, dass du dich sicher gefühlt hast. Und denk daran, dass du jederzeit zurückgehen kannst.“
Das war der Unterschied zwischen den beiden Welten, und Laila konnte nicht zwischen ihnen wählen. Sie musste zwischen ihnen leben, wie Menschen auf einer Grenzlinie leben: ein Fuß hier, ein Fuß dort.
Viertes Kapitel: Die Nachricht, von der man nicht erzählt
Es begann mit einem Kommentar unter einem kurzen Clip.
Laila hatte auf ihrem Profil das Bild einer Zeichnung veröffentlicht, die sie gerade fertiggestellt hatte: eine Frau, die auf einem Seil zwischen zwei Häusern geht, mit einer seltsamen Ruhe im Gesicht. Ihr folgten nur Freunde aus der Schule und ein paar Fremde. Jemand schrieb: „Eine erstaunliche Zeichnung. Du bist sehr begabt.“ Sie antwortete mit einem Dankeschön.
Zwei Tage später kam eine private Nachricht von demselben Profil. Es hieß „Mark“. Sein Foto zeigte einen Mann von etwa dreiunddreißig, mit freundlichen Zügen und einer Kamera in der Hand. Er schrieb, er sei Fotograf und Designer, er arbeite für eine Kunststiftung und habe in ihrer Zeichnung etwas Seltenes gesehen.
Es stand nichts in der Nachricht, das Angst machte. Darauf sollte Laila später immer wieder zurückkommen: Es stand nichts darin, das Angst machte. Wer sich damit nicht auskennt, glaubt vielleicht, die Gefahr komme im Gesicht der Gefahr, und der Wolf betrete den Stall knurrend. Aber der Wolf, der sein Handwerk versteht, kommt mit der Stimme des Hirten.
Er schrieb freundlich. Er fragte sie nach ihren Lieblingsfarben, nach ihrer Schule, nach ihren Träumen. Und er sagte ihr, sie sei nicht wie die anderen: „Du bist viel reifer, als du alt bist.“ Noch nie hatte jemand zu ihr gesagt, sie sei reif. Ihr Vater sagte, sie sei ein Kind, die Schule sagte, sie sei eine Jugendliche, Maram sagte, sie sei seltsam. Und nun kam ein Mann, der sie nicht kannte, und sagte ihr, was sie sich gewünscht hatte, dass jemand es sagt. Vergessen wir nicht: Das älteste Schloss der Welt ist das Bedürfnis, gesehen zu werden.
Dann kam der Satz, vor dem man die Menschen später zu warnen lernte:
„Erzähl niemandem von unseren Gesprächen. Die Leute verstehen besondere Beziehungen nicht.“
Laila antwortete nicht sofort. Die Lehrerin hatte im Unterricht gesagt: Achte auf jeden, der ein Geheimnis von dir verlangt, das deine Eltern nicht teilen dürfen. Aber Frau Brandt war nicht da, und in der Nachricht lag eine Wärme, die Laila zu Hause seit langem nicht mehr gefunden hatte.
Das Gespräch wechselte in eine andere App. Er begann, ihr kleine Geschenke zu schicken: Guthaben fürs Handy, den Link zu einem Lied, dann ein Foto von sich. Und sie begann, etwas Seltsames zu fühlen: Glück und Beklemmung zugleich, wie jemand, der Süßes isst, von dem er weiß, dass es nicht ihm gehört.
In einer Nacht schrieb er ihr:
„Ich habe das Gefühl, dass du die Einzige bist, die mich versteht. Geht es dir nicht genauso?“
Laila konnte nicht wissen, dass diese Worte, genau in dieser Reihenfolge, schon vor ihr an Dutzende Mädchen in vielen Städten geschrieben worden waren und dass hinter jedem „Du bist anders“ ein Mann stand, der denselben Schlüssel an vielen Schlössern probiert. Das ist die grausamste Wahrheit an der ganzen Sache: Was ein Mädchen für das Innigste an sich hält, ist in der Akte des Mannes das Allgemeinste.
In der Schule fiel Maram auf, dass Laila unter dem Tisch auf ihr Handy sah und den Bildschirm hastig wegwischte.
„Wer ist das?“
„Niemand.“
„Dein Gesicht sagt ‚jemand‘.“
„Ein Fotograf. Er mag meine Zeichnungen.“
„Wie alt ist er?“
Laila schwieg.
„Laila?“
„Ich weiß nicht.“
„Hast du ihn gesehen?“
„Nein. Nur ein Foto.“
„Und bist du sicher, dass es seins ist?“
Der Satz war ein kleiner Pfeil. Laila spürte jähen Zorn – den Zorn, den man empfindet, wenn jemand das berührt, um das man sich zu sorgen begonnen hat.
„Du bist eifersüchtig.“
„Ich? Worauf?“
„Darauf, dass mich jemand sieht.“
Maram sah sie traurig an.
„Ich sehe dich jeden Tag, seit sieben Jahren.“
Laila antwortete nicht. Sie steckte das Handy in die Tasche und ließ die Stunde verstreichen.
Von diesem Augenblick an sah sie die Lehrerin nicht mehr wie früher: Sie wollte nicht gefragt werden. Und „Mark“ versuchte es zweimal, herauszufinden, wo sie wohnte und wann sie aus der Schule kam, mit zwei Fragen, die harmlos aussahen. Sie antwortete nicht.
Es war das erste Mal, dass ihr eigener Instinkt ihr sagte, nicht die Lehrerin und nicht der Vater, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht ist das das Kostbarste, was ein Mädchen von sechzehn besitzt: diese leise Stimme, die dem Verstehen einen Schritt voraus ist.
Aber sie hatte noch nicht beschlossen, auf sie zu hören.
Fünftes Kapitel: Ein Anruf von dort
Um drei Uhr morgens klingelte das Telefon.
Hanan sprang aus dem Bett, Samir wälzte sich neben ihr, und sie trug das Gerät auf den kleinen Balkon. Wer die Fremde gekostet hat, weiß, dass ein Anruf zu dieser Stunde keine frohe Nachricht bringt: Feste warten auf den Morgen, Katastrophen kennen keine Termine.
„Hallo?“
„Hanan! Ich bin’s, deine Mutter.“
Die Stimme kam heiser und zitternd aus jener fernen arabischen Stadt, in der es halb fünf Uhr morgens war.
„Was ist passiert?“
„Rascha … deine Schwester. Madschid hat auf ihrem Handy Nachrichten von einem Mann gefunden.“
„Wer ist er?“
„Ein Kollege von der Arbeit. Fadi heißt er. Verkäufer in einem Schreibwarenladen. Er hat ihr Dinge geschrieben … Madschid hat alles gelesen. Er hat das Handy genommen und zerbrochen. Und er hat sie geschlagen.“
„Geschlagen?“
„Eine Ohrfeige. Mach dir keine Sorgen, nur eine Ohrfeige. Es ist kein Blut geflossen. Aber er hat gesagt, er werde nicht schweigen, die ganze Familie werde es erfahren, und keiner werde sie je noch heiraten.“
Hanan schloss die Augen.
Man achte auf diese Wendung: „nur eine Ohrfeige“. In unserer Sprache, wie in vielen, tun kleine Wörter große Arbeit: Sie rücken die Gewalt in die Rubrik des flüchtigen Vorfalls, und sie heben die Mutter aus der Rolle der Zeugin in die der Mitwisserin, ohne dass eine der beiden es will. Hanans Mutter war nicht böse. Sie war eine Frau, die versuchte, das Geschehene erträglich zu machen, indem sie es klein machte.
Rascha war ihre jüngere Schwester, vierzehn Jahre jünger. Als Hanan geheiratet hatte und fortgegangen war, war Rascha sechs gewesen. Jetzt war sie neunundzwanzig, Lehrerin an einer Privatschule, unverheiratet, weil die, die um sie angehalten hatten, entweder zu alt waren oder zu eifersüchtig oder keine Frau wollten, die arbeitet. Sie lebte im Haus ihrer Mutter und ihres ältesten Bruders Madschid, wo die Männer hinter der Tür entschieden, wer die Klingel betätigen durfte.
„Und was soll ich tun?“
„Sprich mit ihr. Sie hört auf niemanden außer dir. Und Madschid sagt, du bist schuld.“
„Ich?“
„Er sagt, Rascha schaut auf dein Leben in Europa und glaubt, alles sei erlaubt. Er sagt, du hättest sie mit deinen Ideen verdorben.“
Hanan lachte bitter.
„Ich, die sie verdorben hat? Und ich putze jeden Tag die Bäder von vierzig Zimmern?“
„Sei nicht böse. Sprich einfach mit ihr.“
Hier stehen wir vor einem alten historischen Scherz: dass des Verderbens bezichtigt wird, wer Tag und Nacht mit den Händen arbeitet, und der Freiheit, wer von ihr nur den Namen kennt. Europa ist in Madschids Vorstellung keine Stadt, in der Menschen arbeiten, Miete zahlen und sich vor dem Morgen fürchten. Es ist ein abstraktes Bild der Zügellosigkeit, in das er alles hineinlegt, wovor er sich in sich selbst fürchtet.
Eine Stunde später, als es im Haus dort still geworden war, kam Raschas Stimme, ein Flüstern hinter verschlossener Tür:
„Hanan?“
„Ich bin da. Geht es dir gut?“
„Nein.“
„Hat er dich geschlagen?“
„Nein. Egal.“
„Es ist nicht egal.“
„Hanan, ich möchte dir etwas sagen, und ich möchte nicht, dass du urteilst.“
„Sag es.“
„Es war nicht Liebe. Ich weiß nicht. Es war das erste Mal, dass mir jemand zugehört hat. Jeden Abend fragte er mich: Wie war dein Tag? Was hast du gegessen? Bist du müde? Und in meinem Haus stellt mir niemand diese Fragen. Man fragt mich, wann ich heimkomme und mit wem und wo ich war. Er hat nur gefragt, wie es mir geht.“
Hanan stand auf dem Balkon in kalter deutscher Dunkelheit, die Hand auf einem feuchten Eisengeländer.
„Hat er dich berührt?“
„Wir haben uns nie getroffen. Nie. Es waren nur eine Stimme und Wörter. Und selbst das ist jetzt ein Verbrechen.“
„Was hat er dir gesagt?“
„Dass ich schön bin. Dass er sich wünscht, er könnte meine Hand halten. Ich selbst habe nichts davon geschrieben.“
„Aber du wolltest es.“
Rascha schwieg. Dann sagte sie mit schwacher Stimme:
„Ja.“
Hanan atmete langsam. Sie kannte diese Stimme. Es war ihre eigene mit siebzehn gewesen, als sie einen Brief geschrieben und nicht abgeschickt hatte, und ihre eigene vor drei Wochen, als sie ein Wort in das Suchfeld tippte und wieder löschte. Das ist die Entdeckung, die niemandem Freude macht: dass das „Verbrechen“, für das Männer ihre Schwestern verfolgen, genau das ist, was ihre Mütter und Ehefrauen jede Nacht im Schweigen tun – nur dass diese es wenigstens zu verbergen verstehen.
„Rascha, hör mir zu. Was du fühlst, ist keine Schande. Aber dein Bruder sieht darin eine Schande, und du lebst in seinem Haus. So ist die Wirklichkeit, und von hier aus kann ich sie nicht ändern.“
„Was soll ich dann tun?“
„Ich weiß es nicht.“
Sie sagte es mit einer schmerzlichen Ehrlichkeit.
„Eines weiß ich: Verlier dich nicht selbst, um seine Zustimmung zurückzugewinnen. Und verlier dich nicht, um ihm zu beweisen, dass du frei bist. Beides ist ein hoher Preis.“
„Und du? Hast du dich verloren?“
Die Frage war ein kleiner Dolch.
„Vielleicht … Ich versuche, mich zu finden.“
Sie legte auf und blieb auf dem Balkon stehen, bis das graue Morgenlicht die Kanten der gegenüberliegenden Häuser erhellte. Als sie hereinkam, war Samir aufgewacht und saß auf der Bettkante.
„Wer war das?“
„Meine Mutter. Rascha steckt in Schwierigkeiten.“
„Was für Schwierigkeiten?“
„Nichts, wovon man jetzt erzählen kann.“
Er sah sie an, und sie las seine Augen richtig: die Augen eines Mannes, der spürt, dass in seinem Haus eine verschlossene Tür ist, zu der er den Schlüssel nicht kennt. Er fragte nicht. Das war, soweit sie ihn kannte, das Äußerste, wozu er fähig war.
Sechstes Kapitel: Madschids Haus
Madschid steht vor der Morgendämmerung auf, wie es sein Vater getan hatte.
Er ist einundvierzig, Beamter im Grundbuchamt, verheiratet mit Suha, und er hat eine fünfjährige Tochter namens Sama. Er war fünfundzwanzig, als sein Vater plötzlich starb, und fand sich in einer einzigen Nacht als Oberhaupt der Familie wieder: eine Mutter, eine dreizehnjährige Schwester, ein Haus mit drei Stockwerken und Schulden, von denen keiner gewusst hatte. Niemand fragte ihn, ob er das wollte. Man sagte ihm: „Du bist jetzt der Mann.“ Dieser Satz, der ihm damals wie eine Ehre erschien, lastet seit sechzehn Jahren auf seinen Schultern.
Um der Wahrheit willen müssen wir sagen, dass Madschid kein Tyrann war. Er war ein Mann, dem man das Gewand einer Macht umgelegt hatte, die größer war als sein Wuchs, und er bewegte sich darin mit der Steifheit eines Menschen, der fürchtet zu fallen. Seltsamerweise sind die gewalttätigsten Menschen nicht die stärksten, sondern die, die in eine Stellung der Stärke gesetzt wurden, ohne zu lernen, wie man sie gebraucht.
In dieser Nacht, nach dem, was mit Rascha geschehen war, hatte er kein Auge zugetan. Er saß im dunklen Wohnzimmer, vor sich das zerbrochene Handy seiner Schwester, dessen Karte er in ein altes Gerät eingesetzt hatte, um die Nachrichten ein zweites Mal zu lesen. Es stand nichts darin von dem, was er gesagt hatte, dass darin stünde. Er fand keine unflätigen Worte, keine Verabredung, kein Bild. Er fand einen Mann, der fragte: „Warst du heute müde?“
Er schaltete das Gerät aus.
Er wusste, dass das nichts änderte. Er wiederholte sich, was er sein Leben lang gehört hatte: Wichtig ist nicht, was geschehen ist, sondern was die Leute sagen. Erfuhren die Nachbarn, dass seine Schwester einen Mann kannte, würde niemand nach dem Inhalt der Nachrichten fragen. Man würde nur sagen: „Die Tochter der Familie soundso.“ Und eine Tür würde sich schließen, die sich nie wieder öffnet, vor ihr und nach ihr vor Sama und vor dem Namen seines Vaters, der im Wohnzimmer an der Stirnwand hing.
Er hob die Augen zu dem Bild.
Sein Vater, mit grauem Schnurrbart und geradem Blick, auf der Brust die Schärpe des Amtes, in dem er dreißig Jahre gedient hatte. Madschid ging jeden Tag daran vorbei und sah selten hin. In dieser Nacht konnte er ihm nicht ausweichen, und ihm war, als würde der Vater sagen: „Gut gemacht, du hast unseren Namen geschützt.“ Dann begriff er mit einer Bitterkeit, an die er nicht gewöhnt war, dass sein Vater niemanden geschlagen hätte. Er sah nur hin, und die Köpfe senkten sich. Madschid besaß den Blick seines Vaters nicht, und deshalb hatte er zugeschlagen. Das war das eigentliche Geständnis, das er niemandem gemacht hatte: dass er die Hand an die Stelle einer Würde gesetzt hatte, die er nicht geerbt hatte.
Und er hatte Angst. Das wollte er nicht beim Namen nennen. Er war fünfundzwanzig gewesen, und alles war plötzlich eingestürzt, und jedes Mal, wenn er begriff, dass er nicht wusste, wie er sie beschützen sollte, versuchte er es mit Kontrolle. Das ist die älteste Verwechslung in der Geschichte der Männer: zu glauben, wer den Schlüssel hält, beschütze die, die drinnen sind.
Seine Mutter kam mit langsamen Schritten herein, den Rosenkranz in der Hand.
„Du hast nicht geschlafen.“
„Nein.“
„Bald ist Gebet.“
„Ich weiß, Mutter.“
Sie setzte sich vor das kleine Tablett.
„Madschid, du hast sie geschlagen.“
„Ich weiß.“
„Dein Vater hat nie eine von uns geschlagen.“
„Mein Vater konnte schreien, ohne zu schlagen. Ich kann das nicht.“
Sie sah ihn lange an und sagte leise:
„Du bist nicht ihr Vater.“
„Wer dann?“
„Du bist ihr Bruder. Und das ist ein großer Unterschied.“
„Die Leute sehen den Unterschied nicht.“
„Und du hörst mehr auf die Leute als auf dein Herz.“
Er schwieg, und das Schweigen war ein Geständnis.
Im Morgengrauen kam Suha aus dem Schlafzimmer und sah ihn noch immer sitzen. Sie sagte nichts, aber sie stellte ein Glas Tee vor ihn hin. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann sagte sie mit einer Stimme, die kaum zu hören war:
„Madschid, wenn du Rascha bestrafst, um Sama zu schützen, dann wisse, dass Sama aufwächst und lernt, dass Liebe etwas ist, wofür man geschlagen wird.“
Er hob den Kopf.
„Und was soll ich deiner Meinung nach tun?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, was man nicht tun darf.“
Sie stritt nicht. Sie sagte zum ersten Mal seit Jahren, was sie verborgen hatte.
Am Abend ging Madschid zu Raschas Zimmertür. Dahinter hörte er ein erstickte Schluchzen, wie man weint, wenn man sich das Kissen auf den Mund presst, damit es niemand hört.
Er hob die Hand, um zu klopfen. Dann ließ er sie sinken.
Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte in seinem Leben kein Wort gelernt, das zu diesem Augenblick passte: weder „Verzeih“ noch „Ich hab dich lieb“, nicht einmal „Geht es dir gut?“. Die Sprache der Männer in seinem Haus kannte Befehle, Warnungen und Ratschläge, und die Frage konnte sie nicht. Es mag seltsam klingen, das zu sagen, aber eine Sprache, die kein Wort für „Verzeih“ hat, hat im Grunde auch keines für „Ich hab dich lieb“, wenn auch das Letztere in Liedern vorkommt.
Er stand eine lange Minute vor der Tür, dann ging er zurück ins Wohnzimmer und setzte sich ins Dunkel.
Und in dieser Nacht war er, in seiner Angst, die er nicht beim Namen kannte, einsamer als seine Schwester.
Siebtes Kapitel: Ein Zettel in der letzten Reihe
Rascha unterrichtete Arabisch in den zehnten Klassen einer privaten Mädchenschule.
Zwei Wochen nach dem Vorfall kehrte sie an ihre Arbeit zurück und spürte, dass die Flure enger geworden waren und die Kolleginnen die Stimmen senkten, wenn sie vorbeiging. Niemand sagte etwas, denn das Viertel ist klein und die Nachrichten kommen vor ihren Absendern an. Das ist eine Art der Strafe, die kein Gesetz kennt und kein Gericht ahndet: dass man von einer Mauer stummer Höflichkeit umgeben wird und nicht weiß, welcher Stein für einen selbst gesetzt wurde.
An einem Sonntagmittag, als sie Aufsatzhefte einsammelte, fiel zwischen den Blättern ein kleiner, sorgfältig gefalteter Zettel heraus.
Er war nicht für sie. Er gehörte einer Schülerin namens Lamis, einem stillen Mädchen von sechzehn, mit weiten Augen, die mehr verbargen, als sie sagten:
„An S. Ich weiß nicht, ob du das lesen wirst. Ich habe dich jeden Tag vor dem Tor gesehen. Heute hast du mich angelächelt. Ich habe nicht geschlafen. Weißt du, dass so etwas nur mir passiert? L.“
Rascha stand reglos da.
Sie kannte diesen Satz. Nicht seine Worte, sondern das Zittern, das er trug: das Zittern eines Mädchens, das ein Gefühl in sich trägt, das größer ist als sie, in einem Haus, in dem es keinen Platz dafür gibt, es auszusprechen. Wer die Zettel von Mädchen in irgendeinem Land und irgendeiner Zeit durchsieht, findet darin denselben Satz; die Namen wechseln, das Zittern bleibt, wie Wasser Wasser bleibt, in welchem Gefäß auch immer.
Die Direktorin kam, Frau Farida, eine Frau von fünfzig mit einem Blick, der alles berechnet und sich nie verrechnet.
„Was haben Sie da?“
„Nichts.“
„Geben Sie mir den Zettel.“
„Frau Direktorin, das ist der Zettel einer Schülerin …“
„Ich bin die Direktorin dieser Schule, und ich bin für ihren Ruf verantwortlich.“
Sie nahm ihn, las ihn, und ihre Züge veränderten sich, wie sich der Himmel vor einem Gewitter verändert.
„Ich werde morgen ihren Vormund herbestellen. Und wir werden sie ausschließen.“
„Aber sie hat doch nur geschrieben!“
„Und das genügt. Dies ist eine ehrbare Schule, und was heute geschrieben wird, wird morgen getan.“
„Und er? S.?“
„Wer?“
„Der, an den sie geschrieben hat. Vielleicht ein Junge aus dem Viertel, vielleicht der Bruder einer Freundin. Werden Sie ihn auch ausschließen?“
Die Direktorin sagte kalt:
„Das interessiert mich nicht. In dieser Schule geht es um die Mädchen. Die Jungen gehören nicht in unseren Zuständigkeitsbereich.“
Rascha kannte diese alte Aufteilung, eines der ältesten Gesetze unserer Geschichte, nie von einem Parlament erlassen und nie von einem Rechtsgelehrten niedergeschrieben, und dennoch mit einer Genauigkeit angewandt, um die die größten Staaten es beneiden könnten: Das Mädchen wird zur Rechenschaft gezogen, weil es gefühlt hat, und der Junge nicht, weil er gefallen hat. Zwei Maße für zwei ähnliche Körper.
„Dann spreche ich zuerst mit ihr.“
„Nein.“
„Frau Direktorin, ich bitte nur um eine Stunde.“
Die Direktorin sah sie lange an.
„Sie sind eine gute Lehrerin, Frau Rascha. Aber Ihr Ruf ist in diesen Tagen nicht der beste. Ich rate Ihnen, nicht die Fehler anderer zu verteidigen.“
Die Drohung war indirekt, und Rascha verstand sie vollständig. Man beachte hier eine weitere Kunst geschlossener Gesellschaften: Sie verwandeln deinen ersten Fehltritt in ein Schwert, das über jeder Tugend hängt, die du danach beweist.
Nach dem Unterricht fand sie Lamis allein auf einer Steintreppe im Hinterhof.
„Frau Lehrerin, haben Sie den Zettel gelesen?“
„Ich habe ihn gelesen.“
Das Mädchen brach in Tränen aus.
„Ich habe nichts getan! Ich habe nicht mit ihm gesprochen! Ich habe nur … geschrieben.“
Rascha setzte sich neben sie.
„Lamis, hör mir zu. Was du gefühlt hast, ist keine Schande.“
Das Mädchen hob den Kopf und glaubte nicht, was es hörte. Diesen Satz hatte sie in ihrem Leben noch nie gehört, nicht zu Hause, nicht in der Moschee, nicht in der Schule; es war, als höre sie eine fremde Sprache, von der sie jedes Wort verstand und der sie dennoch nicht glauben konnte.
„Aber mein Vater … und die Direktorin …“
„Ich weiß. Das ist die Wirklichkeit, in der wir leben. Aber lass dir von ihr nicht einreden, dass du schlecht bist. Vertraust du deiner Mutter?“
„Ein bisschen.“
„Erzähl es ihr, ehe sie es von jemand anderem erfährt. Mütter wissen, wie man beschützt, auch wenn sie nicht wissen, wie man spricht.“
„Und wenn sie wütend wird?“
„Vielleicht wird sie wütend. Aber ihre Wut wird Angst um dich sein, kein Urteil über dich.“
„Und … habe ich etwas Falsches getan?“
„Nein. Aber du bist jung, und die Welt ist zu groß, als dass ein Zettel sie aufhalten könnte.“
Als Rascha an diesem Abend nach Hause kam, öffnete sie ihren alten Laptop und tippte in das Suchfeld ein Wort, das sie nie zuvor getippt hatte: „Stipendien in Deutschland für Lehrerinnen“.
Viele Seiten erschienen. Sie wählte eine aus und sah lange auf die Schaltfläche „Bewerben“. Hier entscheiden sich manche Schicksale, nicht vor Gericht und nicht in Versammlungen, sondern in einem Finger, der über einer Taste zögert.
Dann drückte sie.
Achtes Kapitel: Der Schreibwarenladen
Er hieß Fadi und war dreiunddreißig.
Er besaß einen kleinen Laden an der Ecke einer schmalen Gasse, in dem er Stifte, Hefte und Papier verkaufte. Den Laden hatte er von seinem Vater geerbt, und mit ihm die Verantwortung für zwei Schwestern, die noch zur Oberschule gingen, und für eine zuckerkranke Mutter. Er hatte nie geheiratet. Er sagte, er habe keine Zeit, und meinte, dass er nichts besaß, wofür eine Frau ihn hätte nehmen sollen.
Rascha kannte er von ihrer Schule, wo er Bestellungen mit Heften auslieferte. Zwei- oder dreimal hatte er sie am Schreibtisch stehen sehen, wie sie die Kartons mit großer Genauigkeit zählte. Mehr als „Danke“ und „Gern geschehen“ hatten sie nicht gewechselt. Dann bat sie ihn eines Tages um einen Stift, den es in seinem Laden nicht gab; er fragte nach dem Markennamen, schrieb die Nummer auf einen Zettel und schickte ihr ein Foto des Stifts, als er eintraf.
So fing alles an. So fangen alle Dinge an, wie wir sagten: mit dem Kleinsten, das man sehen kann.
Es war keine Liebe. Es war ein Austausch kurzer Nachrichten, erst über Stifte, dann über Bücher, dann über das Wetter. Er schrieb jeden Tag: „Bist du gut nach Hause gekommen?“ Und sie antwortete: „Ja.“ Kein einziges Wort verstieß gegen den Anstand. Aber beide wussten, dass es um mehr ging als um Stifte, und sie wussten auch, dass die höfliche Sprache nicht immer die Sprache dessen ist, was gesagt wird. Oft ist sie bei uns der edelste Weg, das Unsagbare zu sagen.
An einem Mittag in jenen Tagen stand ein Mann Mitte vierzig in der Ladentür, mit strengem Gesicht und Augen, die nie schliefen.
„Bist du Fadi?“
„Ja.“
„Ich bin Madschid. Raschas Bruder.“
Fadi stand langsam auf und streckte die Hand aus. Madschid schlug sie nicht ein.
„Schreibst du meiner Schwester?“
„Ja.“
Er hatte nicht vor zu leugnen. Er hatte sich diesen Augenblick im Kopf hundertmal zurechtgelegt.
„Und was willst du von ihr?“
„Sie kennenlernen.“
„Und du weißt, dass man sie nicht so kennenlernt.“
„Ich weiß.“
„Warum dann?“
„Weil ich keinen anderen Weg gefunden habe.“
„Dein Weg wäre gewesen, zu uns ins Haus zu kommen, an die Tür zu klopfen und bei ihrer Familie um sie anzuhalten.“
„Und ihr hättet mich genommen?“
Madschid antwortete nicht.
„Ich bin der Sohn eines Schreibwarenhändlers. Ich habe keine Wohnung und keine Ersparnisse. Ich habe zwei Schwestern und eine kranke Mutter. Wäre ich zu euch gekommen, eure Antwort hätte festgestanden, ehe ich den Mund aufgemacht hätte.“
„Das geht dich nichts an.“
„Vielleicht. Aber es ist der Grund. Ich konnte nicht um sie bitten, also habe ich ihr geschrieben. Es ist nicht der Weg, den ich mir gewünscht habe, aber es ist der einzige, den ich hatte.“
Madschid schwieg, und in seinem Gesicht lag eine Verwirrung, die Fadi nicht erwartet hatte.
„Ich habe sie nicht berührt und nie außerhalb der Schule gesehen. Und ich schwöre dir, ich habe kein Wort geschrieben, für das ich mich schämen müsste.“
„Ich habe gelesen, was du geschrieben hast.“
„Und was hast du dir gesagt?“
„Ich habe mir gesagt, du bist ein Mann mit schönen Worten.“
„Ist das ein Makel?“
„In unserem Haus gibt es keinen Platz für schöne Worte ohne Geld.“
Das war das Ehrlichste und das Härteste, was Madschid je gesagt hatte. Fadi kränkte es nicht, denn er begriff, dass dies die wirkliche Grenze war. Nicht die Religion, nicht die Moral, nicht die Ehre, wie die Predigten sagen, sondern das Gehalt und die Quadratmeterzahl einer Wohnung. Das ist ein Skandal, den keiner gern eingesteht: dass vieles von dem, was wir „Ehre“ nennen, nichts weiter ist als eine kleine Tür, die man den Armen im Namen der Moral vor der Nase zuschlägt.
„Ich werde ihr nach heute nicht mehr schreiben.“
„Das ist alles, was ich verlange.“
„Aber ich bitte dich um etwas.“
„Was?“
„Sei nicht hart zu ihr. Sie hat nichts getan, außer sich zu freuen, dass jemand nach ihr gefragt hat.“
Madschid ging ohne Antwort.
In der folgenden Woche gingen die Bestellungen im Laden zurück. Der Laden nebenan ließ ausrichten, die „Moral der Nachbarschaft“ erlaube es nicht, mit jemandem Geschäfte zu machen, der Lehrerinnen belästigt. Es stimmte nicht, aber das Viertel ist klein, und ein kleines Viertel verlangt keine Beweise, es verlangt eine Geschichte, die zu dem passt, wovor es sich fürchtet.
In diesen Wochen setzte sich Rascha in dem Haus, in dem das Handy zerbrochen worden war, an ihren Schreibtisch und schrieb auf ein Blatt: „Fadi,“ – und warf den Stift fort.
Sie hatte das schon Dutzende Male getan. Seit jener Nacht schrieb sie ihm in Gedanken lange und kurze Briefe, zornige und zärtliche, die ihren Kopf nicht verließen. Warum schrieb sie? Weil das Schreiben das Letzte war, was ihr geblieben war. Würde er lesen? Nein. Für wen also? Für sie.
Sie hob den Stift auf und schrieb: „Ich möchte dir etwas sagen, das ich noch niemandem gesagt habe: Ich habe dich geliebt.“ Dann strich sie es durch. Die Wachheit, die sie vom Sprachunterricht hatte, ertrug keinen ungenauen Satz, nicht einmal auf einem Blatt, das niemand sehen würde. Sie schrieb neu: „Ich habe geliebt, was ich bei dir gefühlt habe. Und das ist etwas anderes.“
Das war in Wahrheit das Ehrlichste, was sie schrieb. Einen Menschen zu lieben heißt, ihn zu kennen, und sie kannte ihn nicht: Sie hatte ihn nur in einem Laden gesehen und als Stimme auf einem Bildschirm. Sie hatte geliebt, dass er gefragt hatte. Die Frage kann der Anfang der Liebe sein, und sie kann der Anfang der Einsamkeit sein, und eine Frau von neunundzwanzig, nach der ihr Leben lang niemand gefragt hat, kann beides nicht leicht auseinanderhalten.
Sie schrieb weiter: „Mein Bruder hat mich gelehrt, wenig zu wollen. Meine Mutter hat mich gelehrt, nur zu wollen, was erlaubt ist. Die Schule hat mich gelehrt, meine Schülerinnen vor jedem Begehren zu bewahren. So habe ich gelernt, mich vor meinem eigenen Begehren zu fürchten, wie eine Mutter sich vor dem Feuer fürchtet.“
Sie hielt inne, denn sie war bei der Frage angekommen. Was hatte sie gewollt? Angenommen zu werden? Das ist kein Wunsch, das ist eine Bedingung. Gehört zu werden? Das ist das Mindeste. Und darüber hinaus? Dann schrieb sie das Wort, das sie nie geschrieben hatte, und starrte es an wie ein Wort in einer fremden Sprache: berührt zu werden.
Sie schämte sich. Nicht für das Wort, sondern dafür, dass sie sich selbst sagte, was sie ihren Schülerinnen sagte: dass Begehren natürlich ist, und es sich nicht glaubte. Denn sie war eine Frau von neunundzwanzig, die niemand je berührt hatte, und das ist kein Makel, aber es sieht aus wie einer in den Augen derer, die alles nach dem Anschein einsortieren.
Im Nebenzimmer sah ihr Bruder die Nachrichten. Sie hörte seine gedämpfte Stimme und fragte sich: Ist er reuig, oder ängstlich, oder beides? Und hasst sie ihn? Nein. Sie fürchtet ihn ein wenig und liebt ihn sehr, und das schmerzt, denn Liebe und Furcht wohnen in ihrem Haus beieinander wie Brot und Salz, und man weiß nicht, welches dem anderen den Geschmack gibt.
Dann schloss sie: „Ich weiß nicht, wie das enden wird. Aber ich habe mich entschieden: Ich werde gehen. Nicht weil ich vor dir oder meinem Bruder fliehe, sondern weil ich nie gelebt habe und wissen will, wie es ist. Vielleicht begegnen wir uns eines Tages, vielleicht nicht. Aber ich danke dir, dass du mich an einem gewöhnlichen Mittag nach dem Namen eines Stiftes gefragt hast.“
Sie faltete das Blatt. Würde sie es abschicken? Nein. Denn es gehörte nicht ihm. Es gehörte ihr.
Sie stand auf, öffnete die Schreibtischschublade und legte es unter das Grammatikbuch, wo sie alles aufbewahrte, was sie nicht sagte. Die Schublade war voller Blätter, und jedes war eine kleine Grenze, die sie im Verborgenen mit eigener Hand gezogen hatte.
Fadi verkaufte nach drei Monaten die Hälfte seiner Ware. Nach sechs nahm er ein Angebot für eine Stelle in einem fernen Land an, im Lager einer Logistikfirma, mit einem Gehalt, das reichte, um die Schulden seines Vaters zu begleichen und seine Schwestern zur Universität zu schicken.
In der letzten Nacht saß er im leeren Laden und holte aus der Schublade ein Blatt, das viele Male gefaltet und wieder entfaltet worden war; darauf hatte er mit eigener Hand die letzte Nachricht abgeschrieben, die er ihr geschickt hatte, bevor ihr Handy zerbrochen wurde:
„Ich weiß nicht, was du mir bist. Aber ich weiß, dass ich angefangen habe, auf den Abend zu warten.“
Er las es und steckte es in die Jackentasche.
Er sagte keinem, dass er ihretwegen ging, und ganz stimmte das auch nicht. Er ging, weil ihm das Land zu eng geworden war und weil Träume, die keinen Preis haben, lernen müssen, an anderen Orten zu gehen. Er zog die Tür hinter sich zu und gab den Schlüssel dem Besitzer des Ladens nebenan.
Er wusste nicht, dass in einer fernen Stadt eine Frau auf die Antwort auf ihren Stipendienantrag für ein Studium der Kindheitspädagogik wartete. Und sie wusste nicht, dass ein Mann in einer anderen Stadt einen Brief an sie in der Tasche trug.
Manche Geschichten finden an ihrem Ende nicht zueinander. Aber sie gehen weiter, in zwei parallelen Richtungen, als bezeuge jede die andere.
Neuntes Kapitel: Zimmer 210
In Zimmer 210 wohnt Herr Walter seit elf Monaten.
Er war vierundsiebzig, Witwer, ein pensionierter Eisenbahningenieur, der sein großes Haus nach dem Tod seiner Frau verkauft hatte, weil die Stille darin die Geräusche verdoppelte. Im Hotel fand er, was er sonst nirgends fand: Gesichter, die jeden Tag wechselten, Service und ein Zimmer, in dem er nichts reparieren musste. Das ist der Trost des modernen Alters, vor allem im Westen: dass die Einsamkeit effizient verwaltet wird, sodass niemand ihr Gewicht spürt, nicht einmal man selbst.
Und jeden Donnerstag um vier kommt Gertrud.
Sie war neunundsechzig, eine alte Nachbarin Hanans im Nachbarhaus, pensionierte Musiklehrerin mit einem kleinen Hut und einer Schachtel Pralinen in der Hand. Sie saß mit ihm in dem kleinen Café im Erdgeschoss, sie tranken Tee und stritten über alles: Politik, Wetter, Schuberts Musik und darüber, wer die Straßenbahn erfunden habe.
Hanan hatte es bemerkt, denn sie bemerkt alles, die Plage und die Tugend derer, die schweigend arbeiten. Sie hatte bemerkt, dass Gertrud in den ersten beiden Monaten aufrecht auf der Stuhlkante gesessen hatte, im vierten sich zu entspannen begann und im sechsten ihre Hand auf seinen Arm legte, wenn sie lachte. Und sie hatte an einem Donnerstagmorgen beim Reinigen von Zimmer 210, nachdem die beiden gegangen waren, zwei Tassen auf dem Tisch beim Bett gesehen und ein Kleid, sorgfältig über den Stuhl gelegt.
Sie war nicht überrascht. Sie empfand etwas Verwickelteres: einen sauberen Neid. Beneidet eine Frau von dreiundvierzig eine von bald siebzig darum, dass sie noch geliebt wird? Die Antwort ist klar: Ja. Und wie hart ist diese Antwort! Denn sie bedeutet, dass es nicht mehr um Alter geht, nicht um Religion, nicht um Land, sondern um etwas Einfacheres und Selteneres: dass eine Frau wagt, gesehen zu werden.
An einem Donnerstag betrat Gertrud das Hotel mit einem Zorn im Gesicht, den sie nicht gewohnt war, und hinter ihr ein Mann um die vierzig in einem eleganten Mantel, um die Augen ihr ähnlich.
„Das ist mein Sohn Michael“, sagte sie im Flur zu Hanan, ohne den Schritt zu verlangsamen. „Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn Sie in der Nähe bleiben. Ich brauche vielleicht eine Zeugin.“
„Wofür?“
„Dafür, dass ich noch bei Verstand bin.“
Sie setzte sich ins Café, Michael ihr gegenüber, und Walter sah von weitem zu und mischte sich nicht ein. Hanan spionierte nicht. Sie wischte den Nachbartisch mit übertriebener Langsamkeit ab, ein feiner Unterschied, den nur anerkennt, wer von den Krumen des Gehörten lebt.
„Mutter, du bist neunundsechzig.“
„Ich weiß. Ich erinnere mich.“
„Ein Mann, von dem wir nichts wissen. Ein Fremder in einem Hotel. Und es scheint, ihr beide …“
„Sag es.“
„… dass ihr euch sehr nahe seid.“
„Ja. Das sind wir.“
Michael schwieg einen Augenblick, als hätte er solche Klarheit nicht erwartet. Und diese Klarheit war es, die ihm wirklich Angst machte: Wir nehmen die Sünden unserer Väter leicht hin, solange sie sie nicht beim Namen nennen.
„Was will er von dir?“
„Nichts. Seine Rente ist höher als meine.“
„Mutter …“
„Was willst du hören, Michael? Dass ich einsam bin? Ja. Dass mein Leben nach dem Tod deines Vaters ein Wartezimmer war? Ja. Dass ein närrischer Mann in mir gefunden hat, was niemand mehr ansehen wollte? Ja. Dass mein Körper mit neunundsechzig nicht zusammen mit meinen übrigen Organen in Rente gegangen ist? …“
„Mutter!“
„Ja. Auch das.“
Michael senkte den Kopf, rot im Gesicht. Und in diesem Augenblick war, wenn wir genau sein wollen, der Sohn das Kind und die Mutter die einzige Erwachsene am Tisch.
„Die Leute reden. Und meine Schwestern …“
„Und wer sagt, dass die Leute mein Leben leben?“
„Und wenn du krank wirst? Und wenn er stirbt?“
„Dann werde ich trauern. Und ich hätte ohnehin getrauert.“
Alle schwiegen. Schließlich trat Walter heran und blieb neben Gertruds Stuhl stehen, ohne sich zu setzen, auf seinen Stock gestützt.
„Herr Michael, ich will von Ihrer Mutter weder Geld noch ein Haus. Ich will etwas Einfacheres und Schwereres: einmal in der Woche mit ihr zu sitzen, ohne das Gefühl zu haben, dass ich auf den Tod warte.“
„Und lieben Sie sie?“
„Ich weiß nicht, ob man das so nennt. Aber ich habe dergleichen seit dreiundvierzig Jahren nicht mehr gefühlt.“
„Und ich liebe Sie nicht“, sagte Michael mit müder Stimme.
„Das wird nicht von Ihnen verlangt.“
Michael stand schließlich auf und sagte: Ich werde darüber nachdenken. Dann ging er.
Als er verschwunden war, zitterte Gertruds Hand auf dem Tisch. Da nahm Walter sie langsam in seine, vor aller Augen, wie einer, der eine kleine Revolution vollbringt.
In dieser Nacht saß Gertrud zu Hause vor dem Frisiertisch, den ihr Mann zum zwanzigsten Hochzeitstag gekauft hatte, vor sich einen ovalen Spiegel in dunklem Holzrahmen, an dessen Rand ein kleiner Kratzer war. Sie sah ihr Gesicht an, wie man das Foto eines Menschen ansieht, den man früher gekannt hat.
Sie berührte die Haut unter dem Auge. Früher war ihr Gesicht straffer gewesen, die Stimme höher, das Lachen häufiger. Sie hatte den Spiegel gemieden, weil sie jung gewesen war und nicht hineinsehen musste. Heute musste sie.
Sie kämmte ihr silbernes Haar, und in ihrem Kopf sang ein kleiner Chor: Michael, die Nachbarin, ihre Schwestern, ihre Kolleginnen aus dem Chor, alle mit einer Stimme: „In deinem Alter?“ Nicht diese Frage tat ihr weh, sondern dass sie die Antwort kannte: Warum nicht? Aber sie glaubte sich nicht jedes Mal. Sie zweifelte nicht, wenn sie sprach, sie zweifelte, wenn sie ihren Körper ansah.
Das war der empfindliche Punkt. In ihrem Kopf war sie noch fünfunddreißig, und ihr Körper sagte etwas anderes. Und sooft sie daran dachte, dass Walter sie sehen könnte, wie sie war, zitterte sie. Nicht, weil sie fürchtete, er könne hassen, was er sah – so sah er sie nicht an. Sondern weil sie fürchtete, sie selbst könnte ihn hassen, könnte diesen Körper hassen, von dem die Welt sie gelehrt hatte, er müsse nach sechzig verschwinden: weite Kleider, Gespräche über Enkel, Schweigen.
Und was wollte ihr Körper? Das hatte sie noch nie laut gesagt. Berührt werden.
Verweilen wir hier, um etwas zu sagen, das jeder weiß, der mit alten Menschen zu tun hatte, und so tut, als wüsste er es nicht: Das Begehren geht nicht in Rente. In Rente geht unsere Erlaubnis dafür. Und alle Gesellschaften, östliche wie westliche, sind sich in dieser seltsamen Sache einig: den Großeltern die Liebe abzuschneiden und das Respekt zu nennen.
Sie nahm vom Tisch ein kleines Foto von Hans: ein Mann von fünfzig mit breitem Lächeln und einem albernen Hut. Nach seinem Tod hatte sie sich gesagt: Dieses Kapitel ist zu Ende, und sie hatte begonnen, ohne Begehren, ohne Schmerz, ohne alles zu leben, und hatte das Sicherheit genannt. Aber es war Schweigen gewesen. Ist das, was sie tat, Verrat an ihm? Nein. Verrat ist nicht, zu lieben, sondern so zu tun, als hätte man sich nicht verändert. Sie hatte niemanden betrogen. Sie war nur aufgewacht.
Sie stellte das Foto zurück und beschloss, Walter am nächsten Donnerstag zu sagen, was sie sich eben selbst gesagt hatte: dass sie Angst hatte, vor ihm alt zu sein. Und sagte er: „Ich auch“, dann würden sie sich gemeinsam fürchten.
Sie lächelte und löschte die kleine Lampe. Im Dunkeln bewahrte der Spiegel das Bild einer Frau, die aufrecht saß, und in ihren Augen war etwas, das nicht in Rente gegangen war.
In der Hotelhalle sah Hanan am nächsten Tag die beiden, wie sie einander an der Hand hielten, und dachte daran, was ihr nie in den Sinn gekommen war: dass die Scham, die man sie gelehrt hatte, auf das Begehren zu legen, weder dem Alter folgt noch dem Gesetz noch der Geografie. Sie folgt dem, der darauf besteht, sie zu tragen.
Und sie bemerkte, dass Karim, der an der Rezeption stand, dieselbe Szene ansah und dass Katrin auf der anderen Seite der Halle ihn ansah.
Zehntes Kapitel: Regen auf der Brücke
An einem Novembertag strömte der Regen über Waldberg, als hätte der Himmel beschlossen, die ganze Stadt zu waschen.
Hanans Schicht endete früh, weil die Kollegin, die sie ablösen sollte, krank geworden war, und so blieb sie bis zehn Uhr abends. Und Karim übernahm, wie immer, die Nachtschicht.
„Fahren Sie mit dem Bus nach Hause?“
„Es fährt kein Bus. Die Linie ist wegen des Hochwassers ausgefallen.“
„Ich bringe Sie.“
„Nein. Ich möchte nicht …“
„Hanan, Sie wohnen vier Kilometer von hier. Ich muss das nicht zu etwas anderem machen.“
Sie zögerte. Dann sagte sie:
„Gut.“
In seinem alten Wagen roch es nach warmem Plastik und Kaffee, und im Radio lief ein altes arabisches Lied. Als Hanan es erkannte, unterdrückte sie ein Lächeln.
„Fairuz?“
„Mein Vater liebte sie.“
„Meiner auch.“
Sie schwiegen. Die Scheibenwischer arbeiteten in gleichmäßigem Takt, und die Stadt zog an ihnen vorüber wie ein nasser Traum.
„Sind Sie glücklich?“, fragte Karim plötzlich.
„Was ist das für eine Frage?“
„Keine Frage. Ich versuche nur zu verstehen.“
„Was?“
„Wie man sein Leben in den Häusern anderer verbringt, ohne müde zu werden.“
„Ich bin müde. Ich sage es nur nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil niemand fragt.“
An einer roten Ampel hielt er. Er sah sie an, und sie sah geradeaus.
„Als ich Architektur studierte, hat man nach meiner Meinung gefragt“, sagte sie leise.
„Architektur?“
„Ich habe zwei Jahre Architektur an der Universität Homs studiert, bevor ich geheiratet habe. Samir sagte, eine Ehefrau studiert nicht mehr.“
„Das wusste ich nicht.“
„Niemand weiß es. Ich erzähle es nicht.“
Warum hörte er ihr so zu? Er wusste es nicht. Vielleicht, weil in ihrer Stimme derselbe Faden von Heimweh lag, den er in sich selbst kannte: ein Land, das man nicht zurückholen kann, und eine Sprache, die man leise spricht, damit sie keiner hört.
„Seit Jahren“, sagte sie, „hat mich niemand gefragt, was ich will. Nicht Samir, nicht Laila, weil sie noch klein ist, nicht meine Mutter. Und Sie haben mich eben gefragt, ob ich glücklich bin. Wissen Sie, wie seltsam sich das angefühlt hat?“
Karim griff nach dem Schalthebel, und seine Finger streiften den Rücken ihrer Hand, die sie dort abgelegt hatte, ohne es zu merken.
Keiner zog die Hand zurück.
Drei Sekunden vergingen, vielleicht vier. Sie kamen ihnen wie eine Ewigkeit vor. In solchen Sekunden entscheidet sich, bei dem, der das Leben kennt, was Jahre nicht entscheiden: nicht im Reden und nicht im Tun, sondern in dem Zurückhalten, das dem Tun vorausgeht.
„Karim“, flüsterte Hanan.
„Ich weiß.“
„Ich bin verheiratet.“
„Und ich schlafe noch immer in Zimmer 307 mit einer verheirateten Frau.“
Sie sah ihn überrascht an.
„Das erzählen Sie mir nicht, um etwas zu gewinnen.“
„Nein. Ich erzähle es, weil ich Sie nicht täuschen will. Sie sollen nicht glauben, ich sei ein Heiliger, der eine Frau im Regen heimfährt.“
Sie zog die Hand zurück, ruhig, nicht hastig.
„Das war es, was ich gebraucht habe.“
„Was?“
„Dass mir jemand die Wahrheit sagt, ohne zu versuchen, mich zu gewinnen.“
Als sie vor ihrem Haus hielten, öffnete sie die Tür und zögerte.
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass Sie nichts Schönes gesagt haben.“
Dann stieg sie in den Regen aus und rannte zum Eingang.
Was sie nicht bemerkte und Karim nicht bemerkte, der ihr nachsah, während sie sich entfernte, war der Vorhang, der sich im zweiten Stock des Nachbarhauses ein wenig bewegte.
Dort stand Frau Firas, eine arabische Nachbarin um die sechzig, am Fenster, die Teetasse in der Hand. Am Morgen, noch ehe sie das Frühstück richtete, hatte sie drei Frauen aus dem Viertel angerufen:
„Ich habe Umm Laila nachts mit einem Mann im Auto gesehen“, sagte sie.
Mehr sagte sie nicht. Das Viertel braucht nicht mehr. Und hier zeigt sich das letzte Gesetz dieser kleinen Welt: dass die Wahrheit wenig wiegt und eine halbe Wahrheit, im Ton der Besorgnis gesprochen, mehr wiegt als die ganze.
Elftes Kapitel: Das rote Abendrot
Karim trank sonst nicht.
Aber eine Woche nach jener Nacht, als Katrin ihm in der hinteren Küche des Hotels mit harter Ruhe sagte, sie wolle nicht, dass „aus dem, was zwischen uns ist, etwas wird, das einen Namen hat“, dass ihr Mann im nächsten Monat zurückkomme und dass in dem „Organisationsvertrag“ kein Platz sei für einen Mann, der sich verliebt, verließ er nach der Schicht das Haus und ging ziellos in Richtung Bahnhofsviertel.
Es war ein anderes Viertel als das, das die Touristen kennen. Geschlossene Läden, ein Bahnhof, der mitten in der Dunkelheit glänzte, und zwischen den Gassen rote und blaue Lichter, die den Menschen etwas versprachen, was keiner glaubt und wohin alle gehen. In jeder großen Stadt gibt es ein solches Viertel; die Stadt legt es an ihren Rand, wie das aufgeräumte Haus seinen Schrank ans Ende des Flurs stellt: vorhanden, aber nach ihm wird nicht gefragt.
Er betrat eine kleine Bar namens „Das rote Abendrot“.
Es gab gedämpftes Licht, den Geruch alten Tabaks und Musik, die sich nicht bemühte, gehört zu werden. Er setzte sich ans Ende des Tresens und bestellte einen Whisky, dessen Namen er nicht kannte. Nach ein paar Minuten setzte sich eine junge Frau neben ihn, wohl vierundzwanzig, in einem engen roten Kleid, mit müden Augen von der Art, die kein Make-up verbirgt.
„Allein?“
„Ja.“
„Ich auch.“
Sie lächelte ihn an, ein antrainiertes Lächeln.
„Ich heiße Anca. Aus Rumänien. Und du?“
„Karim.“
„Araber?“
„Syrer.“
„Ich mag Araber. Sie geben gutes Trinkgeld.“
Er wusste nicht, ob er lachen sollte.
„Was verlangst du?“, fragte er. Er wollte es nicht so hart sagen, aber es kam heraus.
„Eine Stunde mit mir sitzen: hundert Euro. Alles Weitere besprechen wir.“
„Alles Weitere wird es nicht geben.“
Sie hob die Brauen.
„Bist du religiös?“
„Nein. Ich bin nur müde.“
„Das ist kein Grund. Die da sind alle müde.“
Sie deutete mit dem Kinn auf die schweigenden Männer an den Tischen.
Karim betrachtete sie weiter. Er bemerkte, dass ihre rechte Hand ein wenig zitterte, wenn sie das Glas hielt, und dass ihre Augen etwa jede zweite Minute zu einem massigen Mann am anderen Ende der Bar gingen, der dort stand, wie ein Wächter steht und nicht wie ein Geschäftsführer.
„Der Mann da?“
„Sieh nicht hin. Er glaubt, wir sind Freunde.“
„Und was macht er?“
„Er hält meinen Pass fest. Zu meinem Schutz, sagt er.“
„Bist du freiwillig hier?“
Ihr Blick war halb Lachen, halb etwas anderes.
„Freiwillig ist ein großes Wort. Ich kam, um als Kellnerin in einem Restaurant zu arbeiten. Ein Freund aus meinem Dorf sagte, der Lohn sei dreimal so hoch. Als ich ankam, nahmen sie mir den Pass ab, ‚wegen der Papiere‘. Nach einem Monat hieß es, ich schulde ihnen den Preis für Reise, Unterkunft und Kleidung. Und dann …“
Sie sprach nicht weiter.
„Wir könnten zur Polizei gehen.“
„Nein.“
Sie sagte es schnell und kalt.
„Warum?“
„Weil sie in meinem Dorf wissen, wo ich arbeite. Weil meine Mutter krank ist und mein Bruder zur Schule geht und das Geld, das ich schicke … Und weil der Mann meine Adresse kennt. Und ihre.“
„Anca, es gibt Hilfetelefone für Opfer von Menschenhandel …“
„Versuch nicht, mich zu retten.“
Sie sah ihn scharf an.
„Dann wird es schlimmer. Du gehst, und ich bleibe. Trink, zahl, und morgen liegst du in deinem Bett. Das ist besser für uns beide.“
Karim sagte nichts. Er hatte geglaubt, die freie Welt, die Welt der offenen Hotels und der durch Organisationsverträge geregelten Beziehungen, kenne keine Grenzen. Nun fand er sie auch hier, nur hatten sie andere Namen: die Grenze des Geldes, die des Passes, die der Angst. Und das sind die härtesten Grenzen, denn man sieht sie nicht, kein Staat bewacht sie, keine Ehre schützt sie, und in den Predigten werden sie nicht beim Namen genannt.
Er legte hundert Euro auf den Tresen.
„Für die Stunde.“
„Und danach?“
„Nichts. Setz dich einfach her. Erzähl mir von deinem Dorf.“
Sie sah ihn an wie einer, der ein fremdes Tier ansieht, das er noch nie gesehen hat. Dann erzählte sie ihm von einem Haus oben auf dem Hügel, von einem Nussbaum, der dreihundert Jahre alt ist, und von einem kleinen Bruder, der davon träumt, Arzt zu werden.
Als er um drei Uhr morgens ging, speicherte er in seinem Handy die Nummer des Hilfetelefons für Opfer von Menschenhandel. Und er wusste nicht, ob er anrufen würde.
Am Morgen fand er Katrin in der Halle auf ihn wartend.
„Du hast nicht geschlafen.“
„Nein.“
„Was hast du getan?“
„Ich war an einem Ort, wo Menschen sich selbst verkaufen. Und ich habe gelernt, dass die ‚Freiheit‘, um die ich euch beneidet habe, ein anderes Gesicht hat.“
Sie sah ihn schweigend an. Dann sagte sie:
„Ich kenne einen Anwalt, der in solchen Fällen arbeitet. Gib mir den Namen der Bar.“
„Warum?“
„Weil du mich zum ersten Mal um etwas bittest.“
Sie riefen noch am selben Morgen gemeinsam beim Hilfetelefon an. Eine Woche später, als Karim zum „Roten Abendrot“ zurückkam, fand er die Fenster verschlossen und einen Aufkleber an der Tür. Er fragte einen Kellner im Café nebenan, der zuckte die Achseln: „Geschlossen. Die Polizei war da. Was mit den Mädchen passiert ist, weiß ich nicht.“
Und Karim erfuhr nie, was aus Anca geworden war. Das war die härteste und wirklichste aller Wahrheiten: dass manche Geschichten nicht dort enden, wo wir es wollen, und dass wir, wenn wir eingreifen, nicht immer wissen, ob wir jemanden gerettet haben.
Katrin kehrte in dieser Nacht allein nach Hause zurück.
Katrin liebt Zahlen, und in den Nächten, in denen Thomas in Singapur oder Schanghai ist, sitzt sie in ihrem kleinen Arbeitszimmer, schlägt ein schwarzes Heft auf und schreibt in zwei Spalten: „Was ich habe“ und „Was ich will“. Heute schrieb sie: „Was ich habe: Arbeit. Haus. Ehe ohne Krieg. Freundinnen. Freiheit.“ Und unter der zweiten Spalte hielt der Stift inne.
Sie schwieg lange. Dann schrieb sie, strich durch und schrieb von neuem: „Ich will Karim.“
Und warum strich sie durch? Weil es nicht in die Tabelle passt. Und wer hat die Tabelle gemacht? Sie. Warum ändert sie sie also nicht? Weil Veränderung nicht so einfach ist. Sie stand auf, goss sich ein kleines Glas Wein ein und begriff, was sie gewusst und nie benannt hatte: dass die „Ehe der Freiheit“, die ihr vor sieben Jahren klug und reif und europäisch erschienen war, in Wahrheit ein Schutzwall war, der sie davor bewahrte, jemanden zu brauchen. Sie hatte es von ihrer Mutter geerbt, die sich auf ihren Vater verlassen hatte und von ihm verlassen worden war und zu ihrer Tochter gesagt hatte: „Verlass dich niemals auf jemanden.“ So hatte Katrin ein Haus gebaut, in dem keiner sie zurücklassen konnte, weil keiner darin wohnte.
Karim brachte sie dazu, zu brauchen, und das machte ihr Angst. Denn in ihrer Erinnerung war jede Beziehung, die mit Bedürfnis begonnen hatte, im Verlust geendet. Warum begnügt sie sich dann nicht mit der Immunität? Weil jede Beziehung, die mit Immunität begonnen hatte, in Leere geendet hatte. Sie fand keine Antwort.
Sie griff nach dem Heft und schrieb eine dritte Spalte: „Wovor ich Angst habe.“ Die Liste hatte fünf Punkte: dass er sich an sie bindet und sie es nicht erwidern kann, dass sie sich an ihn bindet und er es nicht erwidert, dass sie entdeckt, nicht zu wissen, wie man ohne Bedingungen liebt, dass sie Thomas betrügt – nicht durch die Tat, sondern durch Offenheit –, und dass sie so geschwätzig und zerstörerisch wird, wie ihre Mutter es war.
Sie las die Liste, und der vierte Punkt war der seltsamste. Vor einer körperlichen Untreue hatte sie keine Angst, denn der Vertrag erlaubte sie. Sie fürchtete die Offenheit: Thomas eines Tages zu sagen: „Ich habe mich verliebt.“ Denn dieser eine Satz stand außerhalb des Vertrags.
„Liebst du ihn?“, fragte sie sich.
„Ich weiß nicht, ob man es so nennt. Aber wenn ich ihn sehe, höre ich auf zu zählen. Verluste und Gewinne zu rechnen. Ich sehe ihn nur an.“
„Das ist Liebe.“
„Oder Anziehung.“
„Oder beides.“
Sie klappte das Heft zu. Sie hatte zu ihm gesagt: „Wir machen die Geschichte nicht größer“, und sie hatte es aus Angst gesagt, und sie wusste, dass er es verstanden hatte und dass es ihm wehtun würde und dass sie die Verantwortung für diesen Schmerz trug. Würde sie sich entschuldigen? Nein. Sie würde die Wahrheit sagen, wenn sie sie kannte, nämlich wenn sie aufhörte, sich hinter dem Wort „Freiheit“ zu verstecken.
Sie trank den letzten Tropfen und sagte leise zu sich, dass wahre Freiheit nicht darin bestehe, nichts zu brauchen, sondern zu brauchen und es einzugestehen. Auf ein neues Blatt schrieb sie: „Morgen: mit Thomas sprechen.“
Und sie sah den Satz an und strich ihn nicht durch.
Zwölftes Kapitel: Was das Handy verriet
Samir suchte ein Ladekabel für sein Handy.
Er betrat Lailas Zimmer, während sie im Bad war, und fand ihr Telefon auf dem Bett, aufleuchtend von einer neuen Nachricht. Er hatte nicht hinsehen wollen. Und er wusste nicht, dass das, was er sehen würde, etwas in seinem Leben zerbrechen würde.
Der Bildschirm war nicht gesperrt, Laila vergaß das manchmal:
Mark: „Ich vermisse dich. Treffen wir uns morgen? Sag es niemandem.“
Dann Fotos, dann ältere Nachrichten. Und als er mit zitterndem Finger weiterwischte, fand er ein Bild seiner Tochter mit einem blonden Jungen auf der Treppe vor der Bibliothek, die beiden lachten, ihre Hände dicht beieinander.
Er setzte sich aufs Bett. Er las kein gutes Deutsch, aber er erkannte den Namen des Mannes, er verstand das Wort „morgen“, und er verstand „Sag es niemandem“. Dieser Satz wird in allen Sprachen verstanden, und ein Vater braucht kein Wörterbuch, um zu wissen, was er bedeutet.
Laila kam, in ein Handtuch gewickelt, aus dem Bad und sah ihren Vater dort sitzen, das Telefon in der Hand. Keiner bewegte sich.
„Papa …“
„Wer ist das?“
„Wer?“
„Dieser Mann. Der, der schreibt: Sag es niemandem.“
„Papa, gib mir das Handy.“
„Wer ist das?“
Seine Stimme wurde laut, die Wohnzimmertür ging auf, und Hanan kam mit erschrockenem Gesicht.
„Was ist los?“
„Frag sie! Frag deine Tochter!“
„Samir!“
„Deine Tochter trifft Männer!“
„Ich treffe ihn nicht!“, schrie Laila, schon weinend. „Ich habe ihn nie getroffen! Ich habe ihn nie gesehen!“
„Und der Junge?“
„Das ist Jonas! Mein Klassenkamerad! Wir halten nur Händchen!“
„Ihr haltet Händchen?! Und das hier? ‚Sag es niemandem‘?“
Und er hob die Hand.
Niemand weiß, wie es dazu kam. Samir war kein gewalttätiger Mensch. Aber alles in ihm an Angst, Zorn und ererbter Schande stieg auf einmal hoch, und seine Hand hing in der Luft über dem Gesicht seiner Tochter. Es gibt solche Augenblicke im Leben, in denen ein Mensch nicht nach dem beurteilt wird, was er getan hat, sondern nach dem, was er im Begriff war zu tun, und was ein anderer ihn davon abhielt.
Hanan trat zwischen sie.
„Nein.“
Sie sagte es mit einer Ruhe, die er an ihr nicht kannte.
„Geh weg.“
„Nein. Du wirst sie nicht schlagen. Du weißt, dass du es nicht tun wirst.“
„Du hast sie verdorben!“
„Vielleicht. Und vielleicht hast du sie gelehrt, sich zu verstecken. Hätte sie dir erzählen können, was ist, stünde in ihrem Handy nicht ‚Sag es niemandem‘.“
Laila sah ihre Eltern an, als sähe sie einen Film, dessen Ende sie nicht kannte.
„Und du, Hanan?“, sagte Samir langsam, mit einer erschreckend leisen Stimme. „Hast du etwas zu erzählen?“
„Worüber?“
„Umm Firas hat mich heute angerufen. Sie sagt, sie hat dich nachts im Auto eines Mannes gesehen.“
Alle verstummten.
Hanan hätte leugnen können, sie hätte sagen können, es sei ein Kollege gewesen, der sie heimgefahren habe, und das stimmte. Aber sie sah ihre Tochter an, die dort stand, in ihrem nassen Handtuch und ihrer Angst, und erkannte, dass dieser Augenblick keine halbe Wahrheit zuließ.
„Ja. Ein Mann hat mich im Regen heimgefahren. Ein Syrer, aus dem Hotel. Es ist nichts geschehen. Aber im Auto habe ich zum ersten Mal seit Jahren gespürt, dass jemand mir zuhören will. Und das hat mir mehr Angst gemacht, als wenn er mich berührt hätte.“
Samir sah sie an, als sähe er sie zum ersten Mal.
„Und …“
„Nein. Aber ich denke nach. Und das ist die Wahrheit, die ich nicht leugnen kann. Ich bin ein Mensch, Samir, nicht nur eine Ehefrau.“
Er setzte sich neben seine Tochter aufs Bett und hielt sich den Kopf mit beiden Händen. Lange Minuten vergingen. Und in der Stille sagte Laila mit leiser Stimme:
„Papa … der Mann, der mir schreibt … ich kenne ihn nicht. Er ist älter als ich. Und ich habe Angst vor ihm.“
Er hob den Kopf.
„Was?“
„Ich hatte Angst. Ich wollte dir davon erzählen. Aber ich wusste, dass du mich einsperren würdest und Mama traurig wäre. Also habe ich es niemandem gesagt. Und er hat mir gesagt, dass mich keiner versteht außer ihm.“
Samirs Gesicht fiel zusammen, als hätte ihn jemand gegen die Brust geschlagen, und er sagte nichts.
Hanan streckte die Hand aus und nahm die Hand ihrer Tochter, und nach einem Augenblick des Zögerns nahm Samir die andere. Alle drei auf dem Bett, in einem kleinen Zimmer, ohne Worte.
Am nächsten Tag gingen sie zur Schule. Frau Brandt empfing sie mit der Schulberaterin, und gemeinsam öffneten sie das Handy. Die Beraterin erklärte mit ruhiger, fester Stimme, dass das, was geschehen war, einen Namen habe, dass Laila nichts Falsches getan habe, dass die ganze Schuld bei einem erwachsenen Mann liege, der sich ein Mädchen von sechzehn aussucht. Dass es eine Spezialabteilung bei der Polizei gebe und dass dies keine Geschichte sei, die man begräbt.
Samir fragte mühsam:
„Wird man meine Tochter bestrafen?“
„Niemals. Bestraft wird nur, wer ausnutzt.“
Er musste das zweimal hören.
Zwei Wochen später rief die Polizei an. Man hatte herausgefunden, dass „Mark“ kein Fotograf war, dass er mehrere Namen benutzte und dass auf seinem Handy die Nummern von acht weiteren Mädchen in verschiedenen Bundesländern gespeichert waren. In zwei Fällen war es bei den Nachrichten geblieben, in anderen nicht, und davon ist hier nicht die Rede.
An diesem Abend saß Laila in ihrem Zimmer, vergrub das Gesicht im Kissen und sagte:
„Ich dachte, es wäre Liebe.“
Hanan setzte sich neben sie.
„Du brauchtest jemanden, der dir zuhört. Und er hat dieses Bedürfnis erkannt und ausgenutzt. Es ist keine Schande, etwas zu brauchen. Die Schande liegt bei ihm.“
„Und Jonas?“
Hanan lächelte müde.
„Jonas ist etwas anderes. Liebe den, der seine Hand neben deine legt und nicht auf sie.“
Laila lachte unter Tränen.
„Woher weißt du das?“
„Ich bin deine Mutter.“
Samir aber fuhr in dieser Nacht um drei mit seinem Lastwagen nach München.
Die Autobahn um drei Uhr morgens ist keine Straße. Sie ist ein schwarzer Fluss, der schweigend fließt. Das Radio war aus, und die Windschutzscheibe glänzte von Regentropfen. Hier allein sprach er mit sich selbst, und wenn er nicht mit sich sprach, hörte er die Stimme seines Vaters.
Die Stimme seines Vaters kam immer in kurzen Sätzen, trocken wie Erde: „Ein Mann weint nicht.“ „Ein Mann fragt nicht.“ „Was die Frau im Haus sagt, wird vergessen, und was sie draußen tut, wird bestraft.“ Seine Hand zitterte am Lenkrad, wie sie gezittert hatte, als er seine Tochter mit dem Jungen sah. Es gab nichts zu leugnen: Er hatte die Hand erheben wollen, und nur weil Hanan sich in den Weg gestellt hatte, hatte er es nicht getan.
Er sagte zur Stimme seines Vaters: Ich bin nicht du. Und die Antwort kam: Nein, du bist schwächer. Er sagte: Nein, ich versuche zu verstehen, warum meine Tochter Angst vor mir hatte. Da schwieg die Stimme des Vaters einen Augenblick, und dann sagte sie: Weil du der Mann des Hauses bist, und das heißt, sie zu beschützen. Wovor? Vor der Welt. Und wenn ich die Welt bin, vor der sie sich fürchtet?
Das war eine neue Frage. Er hatte in dem, was er geerbt hatte, keine Antwort darauf. Er öffnete das Fenster ein wenig, feuchte Luft strömte herein, und er sagte laut, nur zum Lastwagen und zur Nacht: Ich habe Angst. Dass Laila eine Frau wird, die ich nicht kenne. Dass Hanan mich ansieht und keinen Mann sieht. Dass ich zwanzig Jahre lang das „Haus“ auf meinen Schultern getragen habe und nicht ein einziges Mal gefragt habe: Was brauchen die, die darin sind? Und warum hatte er nicht gefragt? Weil er nie gelernt hatte, wie, und fürchtete, die Antwort sei größer als er.
Ein grünes Schild glitt vorbei: „München 120“. Und eine andere Stimme kam, die er nicht recht kannte, der Stimme der arabischen Familienberaterin im Gemeindezentrum ähnlich, jener ruhigen Frau, die ihm einmal gesagt hatte: „Du musst nicht stark sein. Du musst da sein.“ Da sein, wie? Neben ihr sitzen, ohne Fernseher. Und was sagen? Nichts, sondern fragen: „Warst du heute müde?“ Er lachte heiser, denn es war der einfachste Satz der Welt, und er hatte ihn seit dreiundzwanzig Jahren nicht gesagt.
Und er stellte sich eine plötzliche Frage, die nicht zu den Männern passte, unter denen er aufgewachsen war: Liebe ich sie? Ja. Er wusste nicht, ob man es so nennt, aber er wusste, dass er vor fünf Jahren, als sie zwei Tage bei ihrer Mutter war, nichts hatte essen können, dass er es nicht ertrug, wenn jemand sie anrührte, und dass er es ihr nie gesagt hatte. Und wenn sie glaubte, er besäße sie? Dann unterschied er zwischen Liebe und Besitz: Wer liebt, will sie glücklich, wer besitzt, will sie ruhig.
Seine Augen glänzten. Er erinnerte sich an einen kleinen Zettel, den die Beraterin ihm mit eigener Hand geschrieben hatte: „Gesunde Grenzen zwischen Eheleuten heißt nicht, dass einer dem anderen etwas verbietet, sondern dass jeder weiß, was den anderen verletzt, und es vermeidet, und was ihn glücklich macht, und es schenkt.“ Und er dachte: Er hatte sein Leben lang viele Grenzen besessen, aber alle, um andere abzuhalten. Er hatte sich selbst nie eine einzige gezogen, die ihn hindert: die Hand nicht zu erheben, nicht zu sagen „Das geht dich nichts an“, das Schweigen nicht zwischen sich und die zu lassen, die er liebt. Konnte er das? Er würde es versuchen.
An der ersten Raststätte stellte er den Lastwagen ab, schaltete den Motor aus und saß lange da. Dann holte er sein Handy hervor und rief niemanden an. In das Notizfeld schrieb er: „Morgen: sie fragen, ob sie müde war.“
Er schaltete das Handy aus und sah weiter in den Regen.
Dreizehntes Kapitel: Grenzen aus Sand
Die Dinge endeten nicht in einem klaren Schluss. So endet das Leben nicht, und so enden auch aufrichtige Romane nicht.
Samir und Hanan mussten entscheiden, was sie tun wollten. Sie gingen, gegen ihre Gewohnheit, zu einer arabisch sprechenden Familienberaterin in einem kleinen Gemeindezentrum. Anfangs gefiel es ihm nicht, er saß verspannt auf dem Stuhl und sagte: „Wir erzählen Fremden nicht von unseren Problemen.“ Aber die Beraterin sagte freundlich zu ihm:
„Wenn Sie es den Fremden nicht erzählen, erzählen Sie es Ihrer Tochter, ohne Worte.“
Samir verlangte, dass die Sitzungen vertraulich blieben, und sie stimmte zu. In der vierten Sitzung sagte er zu Hanan, was er seit zwanzig Jahren nicht gesagt hatte:
„Ich weiß nicht, wie ich der Mann sein soll, den dein Herz will.“
„Und ich weiß nicht, wie ich dir sagen soll, was mein Herz will.“
„Dann fangen wir hier an?“
„Wir fangen hier an.“
Es war keine plötzliche Liebe und keine theatralische Versöhnung. Es war etwas Langsameres und Bescheideneres: einen Abend in der Woche ohne Fernseher beieinander zu sitzen, und einer stellt dem anderen eine einzige Frage. Samir begann mit „Warst du heute müde?“, und es war die schwerste Frage, die er je gelernt hatte. Das wissen die meisten Prediger nicht: dass die kleinsten Worte den größten Mut verlangen, weil sie nichts haben, hinter dem sie sich verstecken können.
In dieser Zeit meldete Hanan sich zu einem Abendkurs an, um ihren Abschluss anerkennen zu lassen. Sie sagte keinem, dass sie zur Architektur zurückkehren wollte, aber sie fing wieder an zu zeichnen.
Karim verließ das Hotel im Frühjahr. Er hatte sich bei einem Ingenieurbüro in der Nachbarstadt beworben und war nach zwei Gesprächen angenommen worden; er sagte es Katrin erst in der letzten Woche.
„Liegt es an mir?“
„Zum Teil.“
„Und ich habe dir nichts versprochen.“
„Nein. Deshalb mache ich dir keinen Vorwurf. Du warst ehrlich, wie du es gesagt hattest. Aber ich habe entdeckt, dass ich für Beziehungen, die durch Verträge geregelt werden, nicht taugen. Ich muss jemandem etwas sein, nicht eine Klausel.“
„Und es wird jemand geben?“
„Vielleicht, vielleicht nicht. Aber ich will versuchen, ihn mit offenem Gesicht zu suchen.“
Katrin legte die Hand an seine Wange.
„Ich hatte geglaubt, ich sei die Freiere von uns beiden.“
„Vielleicht warst du es.“
„Und jetzt weiß ich es nicht mehr.“
„Wir wissen nicht immer. Und wir müssen es nicht.“
Als er gegangen war, stand sie lange an der Rezeptionstür. Dann kehrte sie in ihr Büro zurück und öffnete die Mappe der kommenden Veranstaltungen, ohne einen Buchstaben zu lesen. Eine Frau, die mit Zahlen umgeht, weiß in solchen Augenblicken, dass der größte Verlust in keiner Spalte verbucht wird.
Im selben Monat schickte Rascha Hanan eine kurze Sprachnachricht:
„Ich habe mich um ein Stipendium beworben. Kindheitspädagogik. In Deutschland. Sag es niemandem.“
Hanan lachte und schrieb zurück: „Erzähl mir alles. Und ich helfe dir mit den Unterlagen.“
Madschid hatte seine Meinung nicht geändert. Aber ihre Mutter, die nach der Ohrfeige eine ganze Nacht geweint hatte, sagte eines Morgens zu ihm: „Willst du deine Schwester für immer von dir entfremden, dann mach nur so weiter.“ Das war kein gedanklicher Einwand. Es war die Angst vor dem Verlust. Und manchmal genügt die Angst vor dem Verlust, um zu beenden, was Gedanken nicht beenden können.
Gertrud und Walter beschlossen, zusammen in einer kleinen Wohnung am Stadtrand zu leben. Michael sagte zu seiner Mutter, er werde „sie ab und zu besuchen“, und dieses Wort war, so klein es war, das größte Eingeständnis, das man einem Sohn von vierzig abringen konnte.
An einem Sonntag im Juni fuhren Hanan, Samir und Laila an einen kleinen See vor der Stadt.
Samir saß auf einem Holzklotz und trank Tee aus einer Thermosflasche, Hanan blätterte in einem Buch, ohne zu lesen, und Laila ging über den Sand am Ufer. Sie bückte sich und zog mit dem Finger eine lange gerade Linie in den nassen Sand. Eine kleine Welle kam und wischte sie fort. Sie zog eine neue, und eine Welle wischte sie weg.
Jonas kam von weitem und winkte ihr zu, und er kam nicht näher. Er blieb in einiger Entfernung stehen, wie sie es vereinbart hatten, sah sie an und wartete.
Laila ging zu ihrer Mutter zurück und setzte sich neben sie.
„Mama, in der Schule hat die Lehrerin gesagt, jeder hat Grenzen. Und Papa sagt, das Leben hat Grenzen. Und dieser Mann, Mark, hat keine Grenzen anerkannt. Wer zieht sie dann wirklich?“
Hanan dachte lange nach.
„Keiner zieht sie allein. Manchmal ziehen wir sie selbst. Manchmal ziehen unsere Eltern sie für uns, aus Angst um uns. Manchmal zieht das Gesetz sie, um uns vor Leuten zu schützen, die keine Grenzen kennen. Und manchmal ziehen die Leute sie, weil sie uns beherrschen wollen. Und der Unterschied zwischen den Arten ist sehr fein.“
„Und woran erkenne ich ihn?“
„An einer einzigen Frage: Wem nützt sie? Wenn die Grenze dich schützt, dann achte sie. Und wenn sie jemand anderen vor dir schützt, dann frag sie: Warum?“
„Und wenn ich keine Antwort finde?“
„Dann reiß sie nicht im Zorn nieder. Lass die Tür offen für die Frage.“
Laila sah auf den See.
„Die Linie im Sand hält nicht.“
„Nein. Aber die Linie, die du in dir ziehst, hält, wenn du weißt, warum du sie gezogen hast.“
Eine leichte Brise ging und bewegte einen fernen Baum. Am Ufer schrieb der kleine See die Grenzen jede Minute neu, als wollte er sagen, Grenzen seien keine Mauern, die man einmal baut. Sie seien lebendige Vereinbarungen, die jeden Tag erneuert werden, zwischen Körpern, Herzen, Familien und Gesetzen, und jede Generation glaubt, sie sei die erste, die das entdeckt, und jede Generation bezahlt den Preis des Schweigens, ehe sie das Sprechen lernt.
Hanan hatte keine Antworten, aber sie wusste zum ersten Mal wenigstens, dass die Fragen, die man nicht ausspricht, die Häuser von innen auffressen.
Samir stand auf und streckte seiner Tochter die Hand hin, dann warf er einen raschen Blick zu seiner Frau.
„Kommt. Wir essen.“
In diesem Wort, in seiner Schlichtheit, hatte sich etwas verändert, und keiner brauchte es beim Namen zu nennen.
ZWEITES BUCH: EIN JAHR DANACH
Vierzehntes Kapitel: Rascha kommt an
Hanan stand in der Ankunftshalle des Stuttgarter Flughafens, in der Hand ein kleines Schild, das Laila in bunter Schrift gemalt hatte: „Willkommen, Lehrerin Rascha“.
Sie wusste, dass das Schild übertrieben war, aber sie hatte nicht widerstehen können. Es war ihre Schwester, die sie seit acht Jahren nicht in den Arm genommen hatte, die das Stipendium nach drei Absagen bekommen hatte und mit einem einzigen Koffer und einer schriftlichen Erlaubnis ihres Bruders Madschid gereist war, die er unterschrieben hatte, während er den Blick abwandte.
Rascha trat durch die Glastür, schmal, in einem kurzen Mantel, der für die Kälte hier nicht taugte, ein schwarzes Tuch um das Haar. Einen Augenblick blieb sie stehen und sah in die vielen Gesichter wie jemand, der einen Raum betritt, dessen Licht heller ist, als er es gewohnt war. Dann sah sie das Schild.
Sie sagte nichts. Sie ließ den Koffer stehen und rannte, und sie umarmten sich so heftig, dass sich die Leute umdrehten, dann lächelten und weitergingen, denn die Deutschen wissen, dass man manche Umarmungen nicht anstarren darf.
„Du bist da“, sagte Hanan.
„Ich bin da. Und ich kann es nicht glauben.“
Im Auto sah Rascha schweigend aus dem Fenster.
„Was ist los?“, fragte Laila vom Rücksitz.
„Nichts. Nur … ich habe in meinem ganzen Leben keine Straße gesehen, auf der so viele Menschen sind und keiner den anderen ansieht.“
„Daran gewöhnst du dich. Hier ist jeder mit sich selbst beschäftigt.“
„Das kommt mir vor wie ein Geschenk.“
„Und manchmal ist es Einsamkeit“, sagte Hanan leise.
Rascha schwieg, dann sagte sie:
„Und ich dachte, Einsamkeit gäbe es nur in geschlossenen Häusern.“
In den ersten Wochen wohnte Rascha in einem kleinen Zimmer im Studentenwohnheim und teilte sich Küche und zwei Bäder mit acht Studierenden: zwei Deutschen, einer Iranerin, einem Kameruner, einem Spanier, zwei Chinesinnen und einer jungen Deutschen namens Lena.
In der dritten Nacht hörte sie hinter der Wand das Lachen eines Mannes und einer Frau, dann Stille, dann einen Laut, den kein Ohr verkennt. Sie saß auf ihrem Bett und hielt ein Kissen in den Händen, als wollte sie sich dahinter verschanzen, und im Dunkeln wurde sie allein rot. Eine Stunde später ging die Küchentür auf, und ein junger Mann im zerknitterten Hemd kam heraus, um Wasser zu trinken. Er sah sie mit offenen Augen am Tisch sitzen und sagte:
„Tut mir leid, falls wir gestört haben. Hört man viel?“
„Ein bisschen.“
„Wir werden leiser sein.“
Er ging in sein Zimmer zurück, und Rascha blieb erschüttert von zwei Dingen: dass er sich mit einer Schlichtheit entschuldigt hatte, die keine Scham trug, und dass sie nicht gewusst hatte, was man dazu sagt.
Am Morgen, als sie Kaffee aufsetzte, kam Lena lächelnd herein.
„Guten Morgen. Ich hoffe, wir haben dich gestern nicht gestört.“
„Nein. Nur … ich bin es nicht gewöhnt.“
„Mein Freund Markus und ich sind seit zwei Jahren zusammen. Ist das in deiner Kultur verboten?“
„Verboten, ja. Aber es geschieht im Verborgenen.“
„Und ist das Verborgene besser?“
Rascha überlegte.
„Ich weiß nicht. Im Verborgenen weiß keiner, dass jemand leidet.“
Nach einer Pause sagte Lena:
„Und hier weiß es jeder, aber niemand greift ein. Manchmal wünsche ich mir, dass mich jemand fragt: Geht es dir gut?“
Rascha lachte bitter und hob ihre Tasse:
„Und ich wünsche mir manchmal, dass mich keiner fragt.“
Vielleicht liegt in diesem einen Satz die ganze Entfernung zwischen den beiden Ländern: eine Welt, die mehr fragt, als sie sollte, und nicht zuhört, und eine Welt, die nie fragt und alles sieht.
Sie begann zu lernen. Spätabends ohne Kopftuch in die Küche zu gehen. Einem Kommilitonen, der sie zu einer Party einlud, „Nein“ zu sagen, ohne das Gefühl, eine Sünde begangen zu haben. Laut zu lachen im Flur. Jeder kleine Schritt war, als löse sie einen Knoten in einem Strick, der ihr seit der Kindheit um den Hals gelegen hatte.
Dann kam die Nacht der Party.
Es war ein Studentenfest in einem Keller, zu dem Lena sie eingeladen hatte: laute Musik, bunte Lichter, schwingende Körper. Rascha hielt ein Glas Saft, und ein junger Mann namens Tobias fragte sie mit freundlichem Lächeln:
„Möchtest du etwas Stärkeres?“
„Ich trinke nicht.“
„Nur einmal?“
Sie sah auf das Glas, das er ihr hinhielt, auf den Saal, der sich drehte, und auf sich selbst: eine Frau von neunundzwanzig, die spürte, wie achtundzwanzig Jahre Verbote auf ihrer Brust lagen, und alle in einer einzigen Nacht zerbrechen wollte.
Sie trank.
Nach einer Stunde lachte sie viel, stand sehr dicht bei ihm, seine Hand lag auf ihrem Rücken, und sie sagte sich: „Das bin ich. Das ist Freiheit.“
„Wollen wir irgendwo hingehen, wo es ruhiger ist?“, fragte er.
Der Satz war deutlich. Und in Rascha waren zwei Stimmen: eine, die rief: „Tu es! Beweis es ihnen allen!“, und eine andere, schwächer, aber tiefer: „Du bist nicht hier, um jemandem etwas zu beweisen, und nicht, um zu verbrennen, was in dir ist, damit du dich rächst.“ Das ist einer der gefährlichsten Augenblicke für die frisch Befreiten: zu glauben, alles, was ihnen verboten war, sei nun Pflicht, und das Lösen der Fessel mit dem Sprung in den Abgrund zu verwechseln.
Sie stellte das Glas ab.
„Nein.“
„Nein?“
„Nicht jetzt. Und nicht so.“
Sie wartete darauf, dass er zornig würde, sie überrede oder sie verspotte, wie sie es sich vorgestellt hatte. Er sagte:
„Gut. Soll ich dich heimbringen?“
„Nein. Ich gehe mit Lena.“
„Wie du willst.“
Und er ging ohne Groll.
Auf dem Heimweg fragte Lena:
„Alles in Ordnung?“
„Ich weiß nicht. Ich hatte das Gefühl, ich würde etwas tun, nur weil ich Angst habe, es nicht zu tun.“
„Und was denkst du jetzt?“
„Dass Freiheit nicht heißt, zu allem Ja zu sagen. Sondern ohne Preis Nein sagen zu können und dann Ja, wenn ich selbst es will.“
„Vielleicht ist das die schwerste Lektion.“
„Vielleicht ist es die einzige.“
Als sie in ihrem Zimmer war, schrieb sie ihrer Mutter: „Mir geht es gut. Ich lerne viel.“ Dann schickte sie Hanan allein eine zweite: „Heute habe ich gelernt, Nein zu sagen. Und ich musste es jemandem erzählen.“
Hanan antwortete nach einer Minute: „Ich bin stolz auf dich. Und niemand sonst muss es wissen.“
Fünfzehntes Kapitel: Umm Firas
Jeden Freitag trafen sich die arabischen Frauen des Hauses bei einer von ihnen, zu Tee, Gebäck und Gesprächen.
Hanan ging nicht oft hin. Doch als Umm Firas sie persönlich einlud, in einem Ton, der Freundlichkeit und Herausforderung vermischte, wusste sie, dass es die Einladung vor ein kleines Gericht war, mit einem Teller Gebäck als Beigabe. Jede kleine Gemeinschaft, in jedem Land, hat ihr Gericht: ohne Richter, ohne Anwälte, die Urteile werden mit Blicken vollstreckt, und es ist das schnellste Gericht und das mit dem geringsten Erbarmen.
„Umm Laila, du kommst selten.“
„Die Arbeit, Umm Firas.“
„Arbeit ist Arbeit. Aber die Leute sagen, du hast dich verändert.“
Sechs Frauen waren im Raum. Eine sah in ihre Tasse, eine andere zum Fenster, eine dritte hatte ihre Haltung längst bezogen.
Hanan hatte zwei Möglichkeiten: sich zu entschuldigen, zu lächeln und das Thema zu wechseln, so den Abend zu überstehen und alles danach zu verlieren, oder die Tasse abzustellen und zu sagen, was sie nie gesagt hatte. Sie stellte die Tasse ab.
„Ich habe gehört, dass du mich im Auto eines Mannes gesehen hast“, sagte sie ruhig.
„Ich habe nicht gesagt …“
„Du hast es drei Frauen gesagt, und sie haben es anderen gesagt. Das macht nichts. Ich will nur die Wahrheit sagen, damit ihr sie kennt und nicht das Gerücht. Es war ein Arbeitskollege, der mich im Regen heimgefahren hat, weil der Bus ausgefallen war. Es ist nichts geschehen. Aber ich werde euch nicht sagen, dass ich nichts gefühlt hätte, denn ich lüge nicht gern.“
Es wurde still.
„Und ich erzähle es euch nicht, weil ich um Verzeihung bitte. Ich erzähle es, weil ich müde bin, zu leben, als wäre ich einer Sache angeklagt, die ich nicht getan habe, und dessen, was ich gefühlt habe.“
Eine Frau in der Ecke, Umm Jamal, sagte mit trockener Stimme:
„Aber schon das Fühlen allein ist gefährlich.“
„Nein. Das Fühlen ist nicht gefährlich. Gefährlich ist, dass wir die Menschen dafür bestrafen, sodass sie nicht mehr erzählen, und dann wird es ein Geheimnis, und dann wird es Gift. Und wie viele von uns haben es zwanzig Jahre lang verschwiegen?“
Umm Jamal geriet in Verlegenheit und sah auf ihre Handflächen. Und Umm Firas sah Hanan an, mit verändertem Gesicht.
„Du sprichst, als wüsstest du mehr, als du sagst.“
„Ich weiß, was jede hier weiß und nicht sagt.“
Eine kleine Frau namens Salma lachte hinten im Raum kurz auf und hielt sich die Hand vor den Mund. Dann sah sie alle an und sagte leise:
„Ich hatte auch Angst, es zu sagen. Mein Mann hat mich letztes Jahr geschlagen. Ich habe es niemandem erzählt. Drei Monate lang habe ich Kajal aufgetragen, um das Mal zu verdecken.“
Es wurde still, auf eine andere Art.
Nach einer Weile sagte Umm Firas mit einer Stimme, die nicht ihre war:
„Und ich … meine Tochter in Jordanien ist seit einem Jahr geschieden. Ich habe es euch nicht erzählt, weil ich mich geschämt habe.“
„Warum?“
„Weil das Erste, was sie mich gefragt haben, war: Was hat sie getan?“
Hanan sah sie an. In diesem Augenblick war Umm Firas nicht die Nachbarin, die vom Fenster aus beobachtet. Sie war eine Frau von sechzig, die ihre Furcht vor dem Gerede der Leute so lange getragen hatte, bis sie zur Waffe geworden war, die sie gegen andere richtete, ehe man sie gegen sie richtete. Das ist das Geheimnis vieler Zuträger: Sie sind nicht böse, sie sind ängstlich und üben den Angriff.
Das Viertel veränderte sich an diesem Abend nicht, aber etwas geriet ins Wanken.
Als Hanan die Wohnung von Umm Firas verließ, folgte ihr die Gastgeberin bis zur Tür.
„Sei mir nicht böse.“
„Ich bin nicht böse.“
„Ich dachte, ich beschütze euch.“
„Und ich dachte, ich beschütze mich durch Schweigen. Wir haben uns beide geirrt.“
Umm Firas streckte verlegen die Hand aus und legte Hanan ein in ein Tuch gewickeltes Stück Gebäck in die Handfläche.
„Für Laila.“
Es war die nächste Entschuldigung, die sie zu geben verstand.
Sechzehntes Kapitel: Die Zeugin
Im Mai kam der Tag des Prozesses.
Es war kein gewaltiger, einschüchternder Saal, wie Laila ihn sich aus Filmen vorgestellt hatte. Es war ein schlichter Raum mit Holztischen, sandfarbenen Vorhängen und einer Richterin um die fünfzig, mit einem Gesicht, das neutral war und nicht hart.
Ihre Aussage war bereits vorher aufgezeichnet worden, in Anwesenheit einer Psychologin, in einem stillen Raum mit beruhigenden Farben. Sie hatte „Mark“ nicht gegenübertreten müssen. So hatte man es eingerichtet, um die zu schützen, die in ihrem Alter waren, und Laila empfand eine vage Dankbarkeit gegenüber dem, der an dieses Detail gedacht hatte. Es ist eine Tugend, die in den Predigten nie vorkommt, weil sie so klein ist: dass das Gesetz sich daran erinnert, dass ein Zeuge ein Mensch ist.
Sie saß in der ersten Reihe neben ihrem Vater.
Samir trug seinen einzigen Anzug und hatte sein Hemd selbst gebügelt. Er wirkte klein in dem Saal, kleiner, als sie ihn je gesehen hatte, aber er hielt ihre Hand fest.
Als die Aufnahme abgespielt wurde, war kein anderer Laut im Saal. Laila hörte ihre Stimme erzählen, wie es mit einem Kommentar begann, wie die Nachrichten jeden Abend kamen, wie er zu ihr sagte: „Erzähl es niemandem“, und wie sie in einer Nacht gespürt hatte, dass etwas nicht stimmte, und keine Worte fand, es irgendjemandem zu sagen. Und sie hörte ihren Vater neben sich heftig atmen.
Als die Aufnahme zu Ende war, wandte er sich ihr zu und flüsterte auf Arabisch:
„Warum hast du es mir nicht gesagt?“
Es war keine vorwurfsvolle Frage. Es war die Frage eines Menschen, der es wirklich wissen will.
„Weil du mich eingesperrt hättest.“
„Ich hätte es getan.“
Er sagte es mit schmerzlicher Aufrichtigkeit.
„Und jetzt verstehe ich, dass das Einsperren der Grund war, warum er Erfolg hatte.“
Laila sagte nichts. Sie drückte seine Hand.
Das Urteil erging nach zwei Stunden: mehrere Jahre Haft, ein Kontaktverbot zu Minderjährigen, die Verpflichtung zu einer Therapie. Niemand atmete wirklich erleichtert auf, denn ein Urteil gibt den Mädchen nicht zurück, was ihnen genommen wurde. Aber Laila spürte, wie etwas ihre Brust verließ, als räumte ein alter Stein seinen Platz.
Nach der Verhandlung stand Jonas auf der Gerichtstreppe. Er war von selbst gekommen und hatte drei Stunden gewartet.
„Ich bin nicht hineingegangen“, sagte er. „Ich wusste nicht, ob ich das Recht dazu habe.“
„Du hattest es.“
„Ich wollte dich nur sehen, wenn es vorbei ist.“
Sie ging auf ihn zu und blieb zwei Schritte vor ihm stehen.
„Jonas, ich muss dir etwas sagen.“
„Sag es.“
„Ich mag dich. Ich glaube, es ist mehr als das. Aber ich bin für vieles noch nicht bereit. Und ich möchte ehrlich sein, damit nichts geschieht, was ich nicht will oder was wir nicht verstehen.“
Sein Gesicht veränderte sich nicht.
„Gut.“
„Stört dich das?“
„Nein. Mich stört, dass ich es nicht vor dir gesagt habe.“
„Was?“
„Dass ich auch nicht bereit bin. Ich habe ein bisschen Angst. Und ich möchte nur deine Hand halten und mit dir über Musik reden. Reicht das?“
Laila lachte, aus vollem Herzen, zum ersten Mal seit Monaten.
„Das reicht vollkommen.“
Samir stand einige Meter hinter ihr, sah den jungen Mann und sah seine Tochter und beherrschte alles in sich, um still zu bleiben. Als Jonas näher kam, sich auf Deutsch vorstellte und die Hand ausstreckte, sagte Samir in gebrochenem Deutsch:
„Ich … Samir. Vater von Laila.“
„Freut mich.“
„Pass … auf dich auf.“
Es war der seltsamste Satz, den er je zu einem Mann gesagt hatte, der ihm die Tochter nehmen könnte. Aber es war der Satz eines Mannes, der zu lernen versucht.
Am Abend, als sie im Bus nach Hause fuhren, sagte Laila zu ihrem Vater:
„Papa, danke.“
„Wofür?“
„Dass du nicht gesagt hast: ‚Du hast einen Fehler gemacht.‘“
Er sah aus dem Fenster.
„Ich war es, der einen Fehler gemacht hat. Ich habe zu lange gebraucht, um es zu begreifen.“
„Aber du hast es begriffen.“
„Ja. Und dabei will ich bleiben.“
Siebzehntes Kapitel: Eine Karte aus Rumänien
In seiner neuen Stadt arbeitete Karim als Ingenieur in einem Büro für Brückenbau, und es war das erste Mal, dass er seinen wirklichen Namen an einer Bürotür wiederfand.
Er kam um acht und ging um fünf, und zwischen diesen beiden Stunden vergaß er, dass er einmal die Menschen nachts an ihren Stimmen erkannt hatte. Sein Tag wurde wieder Tag und sein Abend Abend. Doch die Schlaflosigkeit wurde er nicht los, denn sie ist nicht allein Sache der Nacht, sondern das, was von den Fragen bleibt, wenn die Hotels schließen.
Nach einem halben Jahr las er in einem Aushang der Universität, dass eine Organisation Freiwillige suchte, die Arabisch und Englisch sprachen, um Opfern von Menschenhandel zu helfen. Er überlegte nicht lange, sondern rief an. Von da an saß er jeden Dienstag in einem kleinen Raum mit Menschen, die aus Leben kamen, die sich nicht leicht erzählen lassen: Frauen aus Rumänien, Nigeria und Syrien, ein junger Mann aus Afghanistan. Er sagte nicht zu ihnen: „Ich werde euch retten“, denn er hatte von Anca gelernt, dass dieser Satz die größte aller Lügen ist. Er sagte: „Ich bin da. Ich kann für euch übersetzen, und ich kann bei euch sitzen.“
An einem Dienstag im August kam bei der Organisation eine Postkarte ohne Absender an.
Sie zeigte einen mächtigen Nussbaum auf einem grünen Hügel, und auf der Rückseite stand in kleiner Schrift, auf Englisch, ein einziger Satz:
„Mein Bruder ist jetzt im ersten Jahr der Medizin. Danke für die Stunde, in der du bei mir gesessen hast.“
Karim las ihn mehrmals, dann sah er auf den Poststempel: Rumänien. Er hob den Kopf und sah, dass seine Kollegin Elena ihn ansah.
„Kennst du die Absenderin?“
„Ja. Ich glaube schon.“
„Geht es ihr gut?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass sie lebt. Und dass sie sich erinnert.“
Mehr stand nicht auf der Karte. Doch Karim saß danach in seinem Wagen auf dem Parkplatz und weinte, wie er seit Jahren nicht geweint hatte, ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht, weil manches Gute uns erst erreicht, wenn wir aufgehört haben, darauf zu warten, so wie manche Fragen vom Leben erst beantwortet werden, wenn wir sie vergessen haben.
Am Abend, als er vor seiner Wohnungstür ankam, fand er auf der Treppe eine Frau sitzen, die ihren Mantel um die Knie gezogen hatte.
„Katrin?“
„Hallo, Karim.“
Sie hatte sich nicht sehr verändert: ein schmaleres Gesicht, aufrichtigere Augen.
„Wie hast du meine Adresse gefunden?“
„Von Daniel, deinem alten Kollegen aus dem Hotel. Ich habe ihn da hineingezogen.“
„Was machst du hier?“
„Meine Ehe ist zu Ende.“
Sie sagte es ohne Dramatik.
„Thomas ist zurückgekommen, und wir haben einander die Wahrheit gesagt: dass wir wie zwei Büropartner leben, dass keiner den anderen hasst, aber auch keiner jemanden liebt. Wir haben uns in aller Ruhe scheiden lassen. Zwei Anwälte, zwei Papiere, ein Kaffee.“
„Das tut mir leid.“
„Muss es nicht. Das ist keine Trauer. Das ist Klarheit.“
Karim setzte sich neben sie auf die Stufe.
„Und du bist gekommen, um mir was zu sagen?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht, dass ich mich geirrt habe, als ich sagte, der ‚Vertrag lässt keinen Platz‘. Ich hatte Angst, das, was ich fühlte, zu benennen, weil Dinge, die einen Namen haben, Folgen haben.“
„Und nennst du es jetzt?“
„Nein. Ich will es erst mit offenem Gesicht kennenlernen, wie du es gesagt hast.“
Er lächelte.
„Das ist mein Satz.“
„Ich weiß. Ich habe ihn mir geliehen.“
Er sah auf ihre Hände und dann auf die Straße, die eine einzige Laterne beleuchtete.
„Katrin, ich kann nicht zu dem zurück, was war. Nicht zu Zimmer 307 und auch nicht zu etwas, das ihm ähnelt.“
„Ich will es auch nicht.“
„Und ich brauche Zeit.“
„Ich habe jetzt alle Zeit der Welt.“
„Und vielleicht kommt nichts dabei heraus.“
„Ich weiß. Wir wissen nicht immer.“
„Und wir müssen es nicht.“
Sie sah ihn überrascht an und lachte.
„Weißt du was? Dieser Satz ist mir inzwischen sehr vertraut geworden.“
„Weil er stimmt.“
Und sie blieben schweigend auf der Treppe sitzen und hörten einen fernen Zug, eine Fahrradklingel und eine Tür, die im oberen Stock ins Schloss fiel. Es war nicht die Begegnung zweier Liebender. Es war die Begegnung zweier Menschen, die beschlossen hatten, diesmal ohne Landkarte zu gehen.
Achtzehntes Kapitel: Der Tisch
Im September lud Hanan zum Abendessen in ihre Wohnung ein.
Sie hatte sich nie angewöhnt, jemanden einzuladen, weder aus dem Hotel noch aus dem Viertel. Aber sie sagte zu Samir:
„Ich möchte, dass alle an einem Tisch sitzen, wenigstens einmal. Ich will sie sehen.“
Er fragte nicht: „Wer sind alle?“ Er sagte: „Ich besorge, was du brauchst.“
Und es kam, wer konnte. Rascha kam von der Universität, mit offenem Haar und einem Lächeln, das keiner an ihr kannte. Laila kam mit Jonas, der eine Schachtel Süßigkeiten trug und an der Tür auf ein Zeichen wartete. Gertrud und Walter kamen Hand in Hand, und Samir trat einen Schritt zurück und sagte dann verlegen: „Bitte, treten Sie ein.“ Umm Firas kam mit einem Teller Gebäck und brachte Salma mit. Karim und Katrin kamen, in einem Wagen eingetroffen, und keiner sprach darüber.
Der Tisch war zu schmal für so viele, also stellten sie die Stühle an die Seiten und schoben die Schüsseln in die Mitte. Das Essen begann in verlegenem Schweigen. Dann sagte Walter und zerteilte vorsichtig ein Stück Huhn:
„In meiner Heimat sagt man: Ein Fremder wird nach drei Mahlzeiten zum Nächsten.“
„Und bei uns“, sagte Samir, „nach einer. Aber er bleibt trotzdem ein Fremder im Herzen der Nachbarn.“
Alle lachten.
Wenig später klingelte Hanans Handy. Ihre Mutter rief per Video von dort an. Hanan hob es zum Tisch, und ein altes Gesicht mit weißem Kopftuch erschien und sah erstaunt auf die fremden Gesichter.
„Wer sind diese Leute, Hanan?“
„Freunde, Mama. Und Verwandte. Und Nachbarn.“
„Und diese Blonde?“
„Gertrud. Meine Nachbarin.“
„Und wo lebt sie?“
„Hier.“
„Und sie isst mit euch?“
„Ja.“
Die Mutter schwieg einen Augenblick und sagte dann zögernd:
„Sag ihr … herzlich willkommen.“
Hanan übersetzte den Satz ins Deutsche, und Gertrud lächelte und sagte in komischem Arabisch, das sie in Eile gelernt hatte: „Danke, Tante.“ Die Mutter lachte und schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen: Was ist das für eine Welt?
Dann sah sie Rascha im Hintergrund.
„Rascha!“
„Ja, Mama.“
„Geht es dir gut?“
„Mir geht es sehr gut.“
„Madschid lässt dich grüßen.“
Mehr konnte Madschid durch seine Mutter nicht schicken, und Rascha verstand, dass es kein vollständiges Verzeihen war, aber auch kein Bruch. Zwischen vollständigem Verzeihen und vollständigem Bruch liegt ein weiter Raum, in dem die meisten Familien leben, die zusammenbleiben wollen.
Nach dem Essen, als sich alle in kleine Gruppen verteilten, stand Hanan allein in der Küche und spülte einen Teller. Samir kam herein und nahm ein Handtuch.
„Lass mich abtrocknen.“
„Das ist nicht nötig.“
„Ich will.“
Sie standen nebeneinander, wie sie es seit Jahren nicht getan hatten. Nach einer Weile sagte er:
„Hanan, das habe ich dir noch nicht gesagt. Ich bin stolz auf das, was du in jener Nacht getan hast. Dass du dich zwischen mich und unsere Tochter gestellt hast.“
„Ich hatte Angst.“
„Und ich hatte mehr Angst. Aber du hast es getan.“
Sie trocknete sich die Hände.
„Und ich bin stolz, dass du mich gefragt hast: ‚Warst du heute müde?‘ Ich hätte nie geglaubt, dass du es tust.“
„Ich auch nicht.“
Er lächelte, und sie sah in ihm den Vierundzwanzigjährigen, den sie zum ersten Mal gesehen hatte. Nicht den Liebhaber, den sie nie gekannt hatte, aber einen Menschen, der lernen kann.
Aus dem Nebenzimmer kam Lailas Lachen und danach Jonas’ Stimme, die etwas auf Arabisch sagte: „Danke … Tante.“ Er wusste nicht, dass man „Tante“ so nicht sagt, aber keiner korrigierte ihn.
Hanan trat auf den Balkon hinaus und stand in der warmen Septemberluft. Sie sah auf die Lichter in den gegenüberliegenden Fenstern: Familien, Fremde, Nachbarn, kleine Lichter, die sagten, dass hinter jedem Fenster eine Geschichte lag, die niemand erzählt.
Sie wusste, dass nichts entschieden war: Laila lernte noch, Rascha stolperte noch, Samir übte noch neue Wörter, Karim und Katrin wussten nicht, wohin. Und dass die Grenzen, auf Sand oder Papier oder im Herzen, immer wieder neu gezogen werden würden.
Aber in dieser Nacht waren die Grenzen wenigstens ein wenig weiter geworden, weit genug, dass ein einziger Tisch darauf Platz fand.
DRITTES BUCH: UNTER DER HAUT
In den beiden vorigen Büchern haben wir die Grenzen von außen betrachtet: wer sie zieht, wer sie überschreitet und wer den Preis bezahlt. In diesem Buch gehe ich unter die Haut, zu den Männern und Frauen, die Liebe und Bindung verwechseln, Fürsorge und Kontrolle, Begehren und Bedürfnis, Gleichgültigkeit und Frieden. Die Figuren sind hier alle erwachsen, ihre Geschichte spielt in derselben Stadt, in dem Herbst, der auf „Der Tisch“ folgte, und einige Gesichter von früher gehen darin vorüber, wie Nachbarn aneinander vorübergehen.
Neunzehntes Kapitel: Ein Koffer an der Tür
Um halb vier in der Frühe klingelte Hanans Telefon.
Sie nahm nicht beim ersten Klingeln ab. Sie wusste, wie jeder, der gelernt hat, mit schlechten Nachrichten aufzuwachen, dass ein Anruf zu dieser Stunde nichts Gutes bringt.
„Hallo?“
„Umm Laila … ich bin’s, Salma.“
Die Stimme war leise und zitterte, als spräche die Frau aus dem Inneren eines Schranks.
„Wo bist du?“
„Im Bad. Ich habe die Tür abgeschlossen. Bassam schläft. Ich weiß nicht, was ich will. Ich hatte nur keine andere Nummer als deine.“
Hanan stand auf und ging auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer.
„Hat er …?“
„Heute Nacht hat er nichts getan. Aber er hat etwas gesagt, bevor er einschlief, und da habe ich verstanden, dass es nicht aufhören wird.“
„Was hat er gesagt?“
„Dass er, wenn ich noch einmal daran denke, jemandem zu erzählen, schon wüsste, wie er mich es bereuen lässt, ohne eine Spur zu hinterlassen.“
Die Worte kamen langsam aus ihrem Mund, als bräuchte jedes eine Erlaubnis.
„Ist dein Sohn bei dir?“
„Jamen schläft in seinem Zimmer.“
„Salma, hör mir zu. Willst du da raus?“
Die Leitung schwieg einen Augenblick. Dann kam eine Stimme, die Hanan nicht kannte:
„Ich habe Angst.“
„Natürlich hast du Angst. Aber das ist nicht die Antwort.“
„Ja … ich will.“
„Nimm eine kleine Tasche: die Papiere, die Medikamente, Kleidung für dich und Jamen. Nichts Schweres. Und dein Handy. Warte, bis es hell wird. Ich komme, und wir fahren zusammen.“
„Und wenn er aufwacht?“
„Sag nichts. Du weißt, was ich meine.“
„Ich weiß.“
Hier müssen wir bei etwas verweilen, das beim Erzählen solcher Geschichten oft vergessen wird: Das Verlassen eines Hauses der Gewalt geschieht nicht in einem heldenhaften Augenblick. Es geschieht in einem verschlossenen Bad, mit leiser Stimme, auf Zehenspitzen, mit einer kleinen Tasche. Es hat nichts von einem Film an sich, und es braucht allen Mut.
Eine Stunde später hielt Samirs kleines Auto vor Salmas Haus. Hanan saß allein auf dem Vordersitz, und im Kofferraum lag ein Beutel mit Kleidung und einem alten Spielzeug aus Lailas Kindertagen, denn ein sechsjähriges Kind wird etwas brauchen, das es kennt.
Salma kam nach wenigen Minuten herunter, im Mantel über dem Nachthemd, in der einen Hand eine kleine Sporttasche, in der anderen ihr schlafendes Kind, im Gesicht Reste von Make-up, das seit gestern nicht abgewischt war. Auf der Fahrt sprach keine von beiden, und Jamen atmete gleichmäßig und beruhigend an der Schulter seiner Mutter.
In einem ruhigen Viertel im Osten der Stadt, vor einem Haus ohne Schild, drückte Hanan auf eine kleine Klingel. Die Tür öffnete sich, und eine Frau von fünfzig mit kurzem grauem Haar und Augen, die nicht schlafen, sagte auf Deutsch mit warmer, fester Stimme:
„Guten Morgen. Ich bin Frau Kohl. Kommen Sie herein.“
Nichts an dem Ort glich dem Bild, das Salma gefürchtet hatte. Es war ein gewöhnliches Haus, es roch nach Brot, kleine Schuhe standen im Flur, und aus einer fernen Küche kam das ordentliche Geräusch von Geschirr.
„Das hier ist ein sicherer Ort“, sagte Frau Kohl. „Niemand kennt die Adresse. Ich verlange jetzt nicht, dass Sie etwas erklären. Die Papiere schreiben wir später. Jetzt nur: Haben Sie etwas gegessen?“
Salma fragte auf Arabisch, und Hanan übersetzte:
„Wird er wissen, wo ich bin?“
„Nein. Und wir werden es nicht zulassen. Und wenn er nach Ihnen sucht, wissen wir, was zu tun ist.“
Salma setzte sich auf einen Holzstuhl und brach plötzlich zusammen. Sie weinte nicht laut, sie zog sich zusammen wie ein Kind. Frau Kohl legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte nicht „Weinen Sie nicht“, und das ist das Erste, was man in diesem Beruf lernt: keinen Menschen an seinen Tränen zu hindern.
Wenig später, als Jamen im Nebenzimmer eingeschlafen war, saß Salma mit Hanan in der Küche.
„Weißt du was?“, sagte sie mit heiserer Stimme. „Ich habe ihn geliebt.“
„Ich weiß.“
„Und ich liebe ihn auch jetzt. Das ist das Schwerste daran. Nicht, dass ich ihn hasse. Sondern dass ich ihn so sehe, wie ich ihn am Anfang kennengelernt habe: wie er lacht, wie er für mich kocht, wie er mir lange Nachrichten schreibt. Und nach dem Schlagen hat er geweint und gesagt, er wisse nicht, was mit ihm los sei und dass er es nie wieder tun werde, und ich habe es geglaubt, weil ich es glauben wollte.“
„Und was ist geschehen?“
„Er hat es wieder getan. Und mit jedem Mal wurde seine Entschuldigung süßer. Und je süßer seine Entschuldigung wurde, desto schwerer fiel es mir zu gehen.“
Hanan sah auf ihre rissigen Hände.
„Bereust du, dass du gekommen bist?“
„Nein. Ich habe Angst, dass ich zurückgehe.“
„Warum?“
„Weil ich mich kenne. Es wird ein Tag kommen, an dem er anruft und sagt, er liege im Krankenhaus oder er werde sich etwas antun. Und ich werde hingehen.“
„Das wirst du Frau Kohl und der Beraterin erzählen. Und es ist keine Schande, in Gedanken hundertmal zurückzugehen. Wichtig ist nur, dass du nicht mit dem Körper zurückkehrst, bevor du stark bist.“
„Und wenn ich nie stark werde?“
„Dann sind wir hier.“
Nach einem Schweigen sagte Salma:
„Warum tust du das? Du bist nicht mit mir verwandt.“
„Weil ich in einer Nacht wie dieser geglaubt habe, alles, was ich fühle, sei Schande. Und es war keine Schande. Es war ein Geheimnis. Und Geheimnisse brauchen jemanden.“
Dann stand sie auf.
„Ich komme morgen nach der Arbeit wieder.“
„Und wenn mich jemand fragt?“
„Sag nichts. Ich bin niemand.“
Es war der aufrichtigste Satz, den Hanan in ihrem Leben gesagt hatte: Niemand zu sein ist manchmal das Stärkste, was ein Mensch einem anderen schenken kann.
Drei Wochen später, an diesem fremden Ort, der Salma ein Wort zurückgegeben hatte, das sie seit Jahren nicht gesagt hatte, das Wort „Ich“, saß sie eines Nachts auf der Kante eines Bettes, das schmerzhaft sauber war: weiße Laken ohne Geruch, eine graue Decke, eine kleine Lampe auf dem Nachttisch. Im Zimmer nebenan schlief Jamen, und in einem dritten Zimmer weinte jede Nacht zur selben Stunde eine Frau leise vor sich hin. In ihrer Hand lag ein leuchtendes Handy, und auf dem Bildschirm stand der Name „Bassam“, drei ungeöffnete Nachrichten und davor zweiundvierzig.
In ihr lebten zwei Frauen, die sie inzwischen gut kannte. Die erste war die Salma, die ihn liebt und sich an die ersten Tage erinnert: ein Mann, der in der Küche steht, Brot schneidet und ihr vom Lachen seiner Mutter erzählt, kleine Zettel in ihrer Tasche, Sonntage im Park. Die zweite war die Salma, die sieht, und sie erinnert sich an die erste Nacht, in der er nicht heimkam, an die Nacht, in der der Teller zerbrach, an die Nacht, in der die Tür hinter ihr zugeschlagen wurde und man ihr sagte: „Dir glaubt niemand.“
Und sie fragte sich: Hat er mich geliebt? Und wie schwer ist die Antwort, denn sie lautet: ja. Ja, aber er liebte sie, wie ein Mensch etwas liebt, das er zu verlieren fürchtet, und das ist keine Liebe, sondern Furcht. Er weinte, aber weil er die Einsamkeit fürchtete, nicht ihretwegen. Und was mochten die Nachrichten enthalten? Was sie immer enthalten hatten: „Verzeih mir“ oder „Ich habe niemanden mehr“. Und wenn er diesmal aufrichtig war? Vielleicht war er in jedem Mal aufrichtig gewesen, und das ist die Falle.
Sie schloss die Augen. War sie schwach? Nein. Warum schwankte sie dann? Weil ihr Körper gelernt hatte zu antworten: Wenn die Entschuldigung kam, fühlte sie Erleichterung, und wenn die Erleichterung kam, hielt sie sie für Liebe. Das nennt die Beraterin Bindung: sich an einen Schmerz zu gewöhnen, nach dem man Süße erwartet. Sie hatte der Beraterin in die Augen gesehen, als sie es sagte, und ihr geglaubt.
Und sie hörte aus dem Nebenzimmer die kleinen Atemzüge ihres Sohnes. Sie fürchtete nicht so sehr um ihn, als dass sie sich vor ihm fürchtete: davor, dass er groß würde und seinem Vater gliche, und davor, dass er groß würde und sie schwach sähe. Und wie wollte sie, dass er sie sähe? Stark. Dann also nicht die Nachricht öffnen. Und wenn er stirbt? Er wird nicht sterben. Und wenn er es versucht? Dann gibt es Menschen, die eingreifen, denn sie ist nicht dafür verantwortlich, ihn zu retten.
Das war der Satz, den sie nicht annehmen konnte, denn man hatte sie erzogen mit dem Glauben, die Frau sei diejenige, die den Mann trägt, und wenn sie selbst darüber fällt. Und sie fragte: Wird Gott mir nicht vergeben, wenn ich ihn verlasse? Sie hatte geglaubt, Gott wolle, dass sie geduldig sei. Ist Geduld mit dem Unrecht Gottesdienst? Sie wusste es nicht. Sollte sie nachdenken, wie oft sie sich mit Geduld gequält und es Glauben genannt hatte.
Sie legte das Handy auf den Nachttisch, dann tat sie, was sie seit Jahren nicht getan hatte: Sie stand auf und trat ans Fenster, und sie stellte sich nicht in den Schatten, sondern vor die Scheibe, bis sie ihr Gesicht sah. Wer ist das? Ich. Und was willst du? Ich weiß es noch nicht. Gut, das genügt für diese Nacht. Und morgen? Sie wacht auf, trinkt Tee, bringt Jamen in den Kindergarten und sitzt bei Frau Kohl, und sonst nichts. Und ihre Grenze ist: die Nachricht nicht zu öffnen. Und wenn sie sie doch öffnet? Dann fangen sie von vorn an.
Das war das Barmherzigste, was sie in ihrem Leben gehört hatte: dass sie scheitern darf und dass es sie nicht auslöscht.
Sie ging zurück ins Bett, und das Handy blieb auf dem Nachttisch, leuchtend, dann dunkel. Und sie schlief ein, bevor sie wusste, ob sie es öffnen würde.
Zwanzigstes Kapitel: Drei Arten der Fürsorge
Hätte man Dina nach der Liebe gefragt, sie hätte geantwortet, sie sei ein Gefühl, das sich an seiner Heftigkeit messen lasse.
Sie war vierunddreißig, eine syrisch-deutsche Zahnärztin, in Damaskus geboren und in Waldberg aufgewachsen, mit einer kleinen Praxis, einer eleganten Wohnung, vielen Freundinnen und kurzen Beziehungen, die jedes Mal mit demselben Satz endeten: „Du willst mehr, als ich geben kann.“ Wer genau hinhört, findet in diesem Satz die Geschichte einer ganzen Frau, denn wer über alle, die er geliebt hat, dieselbe Klage führt, klagt in Wahrheit nicht über alle, sondern über sich selbst und wagt es nicht auszusprechen.
Als sie Tarek auf einer Kunstausstellung begegnete, spürte sie, wie in ihrer Brust etwas auf einmal Feuer fing.
Er war sechsunddreißig, Softwareingenieur aus Beirut, groß, mit Augen, die bis auf ihren Grund sahen, als läse er in einem aufgeschlagenen Buch. Bei der ersten Begegnung fragte er sie nach ihrem Vater, nach ihrer Kindheit, nach ihren aufgeschobenen Träumen und sprach kaum von sich selbst, und das erschien ihr als Tiefe. Oft ist das Geheimnisvolle bei Männern ein Zeichen von Tiefe, und oft ist es ein Vorhang.
In der ersten Woche schrieb er ihr hundert Nachrichten. In der zweiten hörte er nicht auf, sie anzurufen. In der dritten sagte er ihr, er habe seit seiner Geburt bei keinem Menschen so gefühlt.
„Du bist die Erste, die mich versteht.“
Es war der Satz, bei dem Dina dahinschmolz, und sie erinnerte sich nicht, ihn schon einmal gehört zu haben, in einer anderen Geschichte, aus dem Mund eines anderen Mannes, in genau dieser Reihenfolge.
Aber etwas begann sich zu verändern. Eines Abends schrieb er ihr: „Warum antwortest du seit zwei Stunden nicht? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ Sie war in der Praxis bei einem Patienten gewesen. Sie entschuldigte sich, und er schickte ein Herz. Eine Woche später, als sie mit ihrer Freundin Nadine unterwegs war, kamen vier verpasste Anrufe, und als sie heimkam, fand er vor ihrer Haustür sitzen.
„Ich wollte sichergehen, dass es dir gut geht.“
„Ich war mit Nadine im Café. Das habe ich dir gesagt.“
„Ich habe es nicht gelesen.“
So sprach er: ein weicher Satz mit scharfem Geschmack. Und Dina erinnerte sich nachts daran, dass sein warmes Lachen sehr nah neben seinem Zorn wohnte.
Im dritten Monat bat er sie, ihren Standort auf dem Handy mit ihm zu teilen, „damit ich beruhigt bin“. Sie wusste nicht, wie sie zustimmen und nicht, wie sie ablehnen sollte. Er sagte: „Wenn du mich liebst, hast du keine Angst.“ Und sie sagte zu, weil ihr Ablehnen wie Verrat vorkam. So kommt das Gefängnis in das Leben mancher von uns: nicht durch ein Urteil, sondern durch einen weichen Satz, der mit „Wenn du mich liebst“ beginnt.
In denselben Tagen rief sie ein alter Kollege an, Lukas, ein Mann von vierzig, Zahnarzt in der Nachbarpraxis. Er rief an, um nach einer Patientenakte zu fragen, und nach fünf Minuten war das Gespräch zu Ende.
„Danke für die Akte. Geht es dir gut? Du klingst müde.“
„Mir geht es gut.“
„Gut. Wenn du etwas brauchst, ich bin da.“
Er legte auf. Er war ein ruhiger Mann im grauen Mantel mit lichter werdendem Haar, der auch an klaren Tagen einen Regenschirm trug und ihr hin und wieder Zeitungsartikel über Zähne schickte, und sie hatte ihn nie für „etwas“ gehalten.
Doch in einer Oktobernacht, als sie in ihrer Wohnung saß und ihr Handy von einer Nachricht Tareks aufleuchtete: „Du wirkst in letzter Zeit sehr beschäftigt. Gibt es etwas, das du verbirgst?“, merkte sie, dass sie weinte, ohne zu wissen, warum. Und sie rief Nadine an.
„Ich verstehe nicht, was mit mir geschieht.“
„Bist du glücklich?“
„Müde. Und er liebt mich.“
„Liebt er dich? Oder überwacht er dich?“
„Bei ihm gibt es da keinen Unterschied.“
Nadine sagte sanft:
„Es gibt einen großen Unterschied, Dina. Und ich sage dir, was mir seit zwei Monaten auffällt: Du sprichst über ihn, wie man über schlechtes Wetter spricht: Du machst dich darauf gefasst. Und echte Fürsorge lässt dich nicht gefasst machen.“
„Und was ist sie dann?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht das, was Lukas tut: fragt und deine Antwort glaubt.“
„Lukas ist langweilig.“
„Vielleicht. Aber Langeweile ist manchmal ein anderer Name für Sicherheit.“
Dina schlief in dieser Nacht nicht. Wollen wir wissen, was in ihrem Kopf vorging, dann müssen wir in das Schlafzimmer hinaufsteigen, nach Mitternacht, wo jede Nacht ein achtjähriges Mädchen auf sie wartet.
Dieses Mädchen zeigt sich tagsüber nicht. Tagsüber gibt es eine Zahnärztin im weißen Kittel mit einem antrainierten Lächeln und Fragen nach Zahnschmerzen. Aber wenn die Lichter ausgehen und sie den Kopf aufs Kissen legt, sitzt das Mädchen auf der Bettkante und sieht sie an.
„Warum ist er nicht gekommen?“, fragte es sie. „Mein Vater. Er hat gesagt, er kommt am Sonntag.“
„Beim letzten Mal ist er gekommen.“
„Ja. Aber warum kommt er nicht immer?“
„Weil manche Erwachsene nicht wissen, wie man bleibt. Und das liegt nicht an dir.“
„Und ich? Bleibe ich?“
„Du bleibst.“
„Aber bei mir bleibt niemand.“
„Weißt du was?“, sagte Dina mit leiserer Stimme. „Das glaube ich auch. Und deshalb suche ich Menschen, die ihm ähneln: Sie kommen und gehen. Und dann warte ich auf sie.“
„Und Tarek?“
„Tarek geht nicht.“
„Warum hast du dann Angst vor ihm?“
„Weil er mich nicht atmen lässt.“
„Das ist wie bei Papa, nur andersherum.“
„Ja. Das hat auch Dr. Weiß gesagt.“
„Und Lukas?“
„Lukas geht nicht und erstickt mich nicht. Er kommt und sagt: ‚Ich bin da.‘ Dann geht er zur Arbeit, und dann kommt er wieder, wenn wir ihn rufen.“
„Liebst du ihn?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich mein Herz nicht klopfen spüre.“
„Muss es klopfen?“
„So hat man es uns gelehrt: aus Filmen, aus Liedern, von meinen Freundinnen. Liebe heißt zittern.“
„Und wenn das Zittern keine Liebe ist?“
„Was ist es dann?“
„Angst.“
Etwas erbebte in ihrer Brust.
„Vielleicht kenne ich die Liebe gar nicht. Ich kenne die Angst, die sich als Liebe verkleidet.“
Es ist eine der härtesten Entdeckungen: dass das, was wir viele Jahre lang Leidenschaft genannt haben, in Wahrheit das Zittern eines Kindes ist, das an der Tür wartet. Und alles, was die Lieder über die Liebe geschrieben haben, die sich am Zittern misst, wurde zweifellos von jemandem geschrieben, der nichts anderes kannte.
„Und was ist Liebe dann?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht das, was mich schlafen lässt.“
Das Mädchen lachte ein kleines Lachen.
„Weißt du, was ich will? Dass mir jemand sagt: ‚Ich werde dich nicht verlassen.‘“
„Und Tarek sagt es.“
„Nein. Tarek sagt: ‚Du bist alles, was ich habe.‘ Und das ist nicht ‚Ich werde dich nicht verlassen.‘ Das heißt ‚Verlass mich nicht.‘“
„Gibt es da einen Unterschied?“
„Einen großen.“
Dina setzte sich im Bett auf und zog die Knie an.
„Ich dachte, der Liebende sei einer, der sagt: Verlass mich nicht. Und jetzt verstehe ich, dass der Liebende der ist, der sagt: Ich werde dich nicht verlassen, und du bist frei zu gehen.“
„Das ist unmöglich.“
„Vielleicht. Aber es ist die Liebe, die ich will. Und wenn es sie nicht gibt, nehme ich nichts Geringeres.“
„Und wenn du allein bleibst?“
„Dann bin ich allein und schlafe, und nicht allein und warte. Und das ist die erste Grenze, die ich mir selbst ziehe: Ich werde keinen lieben, der mich warten lässt.“
Das Mädchen rückte näher und legte den Kopf an ihre Schulter.
„Und ich? Bleibe ich bei dir?“
„Natürlich.“
„Immer?“
„Immer. Und ich werde dich nicht verlassen.“
Diesmal fragte das Mädchen weder einen Vater noch einen Geliebten. Es fragte die Einzige, die antworten konnte: die große Dina, die endlich wusste, dass „Ich werde dich nicht verlassen“ ein Satz ist, den man zuerst sich selbst sagt.
Sie löschte das Licht. Sie entschied in dieser Nacht nichts. Aber sie löschte zum ersten Mal die Standortfreigabe auf ihrem Handy und blieb sitzen und wartete auf die Explosion.
Einundzwanzigstes Kapitel: Kaffee ohne Versprechen
Omar arbeitete drei Nächte in der Woche in der Hotelküche und studierte an den übrigen Tagen Informatik.
Er war zweiundzwanzig, schmal in den Schultern, mit krausem Haar und schwarzen Augen, die mehr verbargen, als sie sagten. Vor vier Jahren war er mit einem Onkel aus Damaskus gekommen und geblieben, als der Onkel zurückkehrte. In Deutschland besaß er nichts als diesen Namen, Omar, und dieses Schweigen, an das er sich jeden Tag zu gewöhnen versuchte.
Er erzählte niemandem etwas, und alle hielten ihn für schüchtern. Das ist eine der erfolgreichsten Masken der Klugen: schüchtern zu wirken, damit keiner fragt.
An einem Herbstabend, nachdem er die letzten Teller gespült hatte, trat er durch die Hintertür und fand seine Kollegin Svenja auf der Treppe sitzen und rauchen.
„Omar, kommst du heute Abend mit? Wir trinken was im Café ‚Das Blatt‘.“
„Ich weiß nicht.“
„Da findest du Leute, die so sind wie du.“
„So wie ich?“
„Leute, die dich nichts fragen.“
Er lächelte, ohne zu wissen, was sie meinte. Vielleicht meinte sie nichts, vielleicht alles. Aber er ging mit.
Das Café war klein, an den Wänden standen gebrauchte Bücher, die Tische passten nicht zusammen, das Licht war warm. Omar setzte sich in eine Ecke am Fenster und bestellte einen Kaffee. Nach ein paar Minuten stand eine junge Frau von dreiundzwanzig vor ihm, das blonde Haar zerzaust, ein Buch in der Hand.
„Entschuldige, ist hier besetzt?“
„Nein.“
„Stört es dich?“
„Nein.“
Sie setzte sich.
„Ich bin Klara.“
„Omar.“
„Bist du von hier?“
„Nein. Aus Damaskus.“
„Ich war vor dem Krieg mal in Damaskus, mit meinem Vater, ein kurzer Besuch. Ich habe die Altstadt geliebt.“
Omar sah sie erstaunt an, und etwas in seinen Schultern löste sich.
„Welches Viertel?“
„Bab Tuma. Kennst du ein kleines Café dort an der Straßenecke, das Kaffee mit Kardamom ausschenkte?“
„Vielleicht war es nicht dasselbe, aber ich kenne eins, das ihm ähnelt.“
„Und in derselben Gasse eine kleine Kirche, ich bin hineingegangen und wusste nicht, wofür ich beten sollte, also habe ich eine Kerze angezündet und bin wieder gegangen.“
„Und weißt du es inzwischen?“
„Nein. Ich bin in einer evangelischen Gemeinde aufgewachsen und mit Fragen groß geworden. Und du?“
„Ich bin in einer Moschee aufgewachsen und auch mit Fragen groß geworden.“
Es war nichts in diesem Gespräch: ein Land, Bücher, Kaffee, Fragen. Aber beide spürten, dass die kleinen Worte mehr trugen, als sie sagten, und das ist das Wahrhaftigste, was Liebende über die Sprache wissen: dass in ihr das Wichtigste zwischen den Sätzen gesagt wird.
Eine Stunde später, als Svenja gehen wollte, flüsterte sie Omar zu:
„Du bleibst?“
„Ich glaube schon.“
Um Mitternacht, als der Kellner das Café schloss, gingen Omar und Klara schweigend über den feuchten Gehweg. An der Straßenecke sagte Klara:
„Darf ich dich um etwas bitten?“
„Sag.“
„Dich wiederzusehen.“
Omar antwortete nicht. Er kannte die Antwort in seinem Herzen, ehe sie in seinem Kopf war. Aber er wusste auch, dass seine Eltern in Damaskus am Ende des wöchentlichen Anrufs auf eine einzige Frage warteten: „Wann heiratest du?“ Und dass ein Satz wie „Ich habe ein Mädchen gern, das weder zu unserer Familie noch zu unserer Religion gehört“ in ihrem Haus ein Erdbeben auslösen würde, das keiner überlebt.
„Ich weiß nicht, wie man das macht.“
„Ich auch nicht. Aber keiner verlangt, dass wir es wissen.“
„Und wenn ich dir nichts versprechen kann?“
„Ich verlange kein Versprechen. Ich verlange einen Kaffee.“
Omar lächelte ein zitterndes Lächeln, anders als alle seine Lächeln.
„Gut.“
Zwei Wochen später saßen sie auf einer Holzbank am Fluss. Omar hatte ihr vieles erzählt: von seinem Vater, der in einer staatlichen Behörde arbeitet, von seiner Mutter, die am Freitag gern seine Stimme hört, von seiner kleinen Schwester, die ihn zuletzt gefragt hatte: „Warum erzählst du uns nie von einer Freundin?“
„Und was hast du ihr gesagt?“
„Dass ich beschäftigt bin.“
„Bist du es?“
„Nein.“
Klara streckte langsam die Hand zu Omars Hand aus, die sein Knie umfasste. Sie fasste sie nicht an. Sie ließ sie nahe liegen, wie man eine Tür halb offen lässt. Und Omar sah lange auf die Hand, dann legte er seine darüber.
Es gab keinen Kuss und keine Worte. Nur zwei Hände auf einer Bank, vorbeiziehendes Wasser und das Herz eines jungen Mannes, der nie gewusst hatte, dass eine einfache Berührung die ganze Welt weniger fremd machen kann. Und in diesem Augenblick dachte er, dass die Grenze, die seine Familie, seine Gesellschaft und seine Religion ihm gezogen hatten, keine zwischen ihm und der Welt war, sondern eine zwischen ihm und ihm selbst, und dass das Schwerste daran nicht ist, von anderen „Nein“ zu hören, sondern es sich jeden Morgen selbst zu sagen.
Wenig später klingelte sein Telefon. Es war seine Mutter.
„Geh ran“, sagte Klara ruhig. „Wegen mir musst du nicht warten.“
„Ich werde es ihr nicht sagen.“
„Das verlangt keiner.“
„Hallo, Mama?“
„Wie geht es dir, Omar? Hast du gegessen?“
„Ich habe gegessen.“
„Belüg mich nicht.“
„Ich habe gegessen, Mama. Wirklich.“
In ihrem Ton, dessen jedes Zittern er kannte, hörte er, dass sie wusste, dass er etwas verbarg. Und sie fragte nicht. Mehr Liebe hat eine Mutter nicht in ihrem Beutel: zu wissen und nicht zu fragen.
In dieser Nacht stand Omar vor dem Badezimmerspiegel.
Ein junger Mann von zweiundzwanzig, schmale Schultern, schwarze Augen, der lange sein Gesicht betrachtete, wie man die Karte eines Landes betrachtet, dessen Namen man nicht kennt.
„Wer bist du?“, fragte er.
„Omar.“
„Das ist ein Name.“
„Ich bin der Sohn meines Vaters und der Sohn meiner Mutter und der Bruder meiner Schwester.“
„Und was noch?“
„Muslim.“
„Und was noch?“
„Ich schreibe gern Code. Ich mag Kaffee. Und ich mag Klara.“
Der letzte Satz kam ihm mühsam über die Lippen, wie ein Stein.
„Ist das Verrat?“
„Man hat mir gesagt, ja.“
„Und was sagst du?“
„Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich bei ihr nichts fühle, was einer Sünde ähnelt. Ich habe das Gefühl, zu leben.“
„Ist das ein Beweis?“
„Nein. Aber es ist etwas.“
Er drehte das Wasser ab und stand in der Stille. Es war sein kleines Gericht: drei Richter hinter der Tür. Der erste war sein Vater, mit trockener Stimme: „Die Mädchen unseres Volkes sind zahlreich, quäl dich nicht mit einer Fremden.“ Der zweite ein Scheich aus seiner Kindheit: „Ein Haus, dessen Bewohner nicht in einer Religion zusammenkommen, bricht auseinander.“ Der dritte war er selbst: „Hätte ich doch eine geliebt, die mir gleicht.“
„Warum sie?“
„Vielleicht gibt es keine Antwort.“
„Habe ich gewählt?“
„Nein. Das wählt keiner.“
„Warum werde ich dann bestraft?“
„Ich weiß es nicht.“
„Und zürnt Gott einem Herzen, das geliebt hat?“
Er schwieg. Es war die Frage, die er nicht einmal sich selbst zu stellen wagte. Und er merkte nicht, dass er weinte, bis er die Träne auf dem Glas sah.
Hier halte ich inne, als Schreiber dieser Seiten, um zu sagen, was ich mir von keinem vorwegnehmen lassen will: Das Härteste an diesem Gericht ist nicht, dass die Richter ungerecht wären, sondern dass sie ihn geliebt haben. Sein Vater liebt ihn, der Scheich hatte ihn geliebt, und er liebt sich selbst, und genau daher kommt der Schmerz: Sie bestrafen ihn nicht als Feinde, sondern als Menschen, die ihn vor etwas schützen wollen, worin er nur sein Leben sieht.
„Meine Mutter sagte immer: ‚Gott ist barmherzig.‘“
„Glaubst du ihr?“
„Ich möchte.“
„Dann glaub ihr.“
„Aber die Barmherzigkeit öffnet nicht alle Türen.“
„Vielleicht öffnet sie Türen, die die Menschen nicht kennen.“
Er lehnte die Stirn an den Spiegel.
„Ich will meine Religion nicht verlassen. Ich will Klara nicht verlassen. Ich will meine Mutter nicht belügen. Und ich will es ihr nicht sagen.“
„Kann man das alles?“
„Nein.“
„Und was wirst du wählen?“
„Vielleicht wähle ich nicht. Vielleicht lebe ich zwischen den Dingen, wie Fische zwischen Wasser und Luft.“
Er nahm ein Handtuch, trocknete sich das Gesicht und setzte sich auf den Rand des Waschbeckens.
„Weißt du, wovor ich am meisten Angst habe? Nicht davor, dass die Leute es erfahren. Sondern davor, eines Tages zu entdecken, dass ich ihnen glaube. Dass ich mich ansehe und sage: ‚Sie haben recht. Ich bin der Fehler.‘“
„Bist du es?“
„Nein. Denn wenn ich Klara liebe, tue ich niemandem weh. Und wenn ich gezwungen werde, es zu verleugnen, tue ich mir selbst weh.“
„Das ist die Grenze.“
„Welche?“
„Dass du dich vor Schmerz schützt, nicht vor ‚Verrat‘.“
„Aber der Verrat …“
„Wer sagt, dass er hier ist?“
Er schwieg. Er wusste, dass er es in dieser Nacht nicht entscheiden würde, aber er hatte etwas Kostbares begriffen: dass die großen Fragen keine Antwort brauchen, damit wir leben, sondern nur, dass wir sie ohne Hass weiterfragen.
Sein Handy klingelte im Zimmer. „Klara: Geht es dir gut?“ Er schrieb: „Ich weiß nicht. Aber ich versuche es.“ Und nach Sekunden kam die Antwort: „Das reicht.“
Er sah auf die beiden Wörter, dann in den Spiegel.
„Gut“, sagte er leise. „Ich bin da.“
Und es war das erste wirkliche Geständnis: nicht vor dem Vater und nicht vor der Welt, sondern vor dem Gesicht, das ihn aus dem Spiegel ansah.
Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Schulungsraum
Svenja war vor vier Monaten als Auszubildende ins Hotel gekommen.
Einundzwanzig, klein, mit blauen Augen und einem schnellen Lachen. Sie hatte den Beruf in der Gastronomie gewählt, weil sie Menschen mochte und weil ihre Mutter Kellnerin gewesen war und sie sehen wollte, wie die andere Seite der Suiten und Aufzüge aussah. Alle mochten sie, und in den ersten Wochen wusste sie nicht, dass sie von einem unsichtbaren Netz umgeben war.
Der stellvertretende Direktor war Herr Hoffmann.
Sechsundvierzig, immer im gebügelten Anzug und in einer Wolke schweren Parfums, ging er durch die Flure, als gehöre ihm das Gebäude. Er kannte die Namen aller, grüßte sie und lachte über ihre Witze; nach außen war er beliebt, und im Verborgenen gaben die Frauen einander Flüsterworte über ihn weiter, die keine laut sagte. Institutionen haben, wie Häuser, eine seltsame Regel: dass der gefährlichste Mensch in ihnen der beliebteste ist, denn wen alle mögen, dem traut keiner zu, dass er verletzt.
Es begann mit einer Bemerkung über ihr Haar. Dann kam eine Hand, die „zur Ermutigung“ auf ihre Schulter gelegt wurde. Dann eine Einladung, nach Dienstschluss im Schulungsraum „die Berichte durchzugehen“.
„Das ist für deine Zukunft, Svenja. Du bist begabt, und ich übernehme deine Ausbildung persönlich.“
Sie wusste nicht, wie man „Nein“ sagt. Er unterschrieb ihre Beurteilung, er entschied, ob sie nach der Ausbildung übernommen würde. In der fünften Woche, in einem kleinen Raum ohne Fenster, saß er näher bei ihr, als er sollte, nahm ihre Hand, um ihr etwas auf dem Papier zu zeigen, und seine Hand blieb auf ihrer, zwei Sekunden, dann drei.
„Du bist grundlos angespannt.“
„Ich bin nicht …“
„Hab keine Angst. Ich tue dir nichts.“
Worte, die Beruhigung hätten sein können und es nicht waren. In dieser Nacht weinte sie im Taxi und erzählte es niemandem.
Dann stand sie unter dem heißen Wasser in ihrem kleinen Bad, drehte es bis zum Anschlag auf, und in dieser Nacht hatte es eine andere Stimme als seine: ihre eigene, laut, immer wieder.
„Warum habe ich nicht Nein gesagt?“
„Hast du.“
„Nein. Ich habe es nicht gesagt.“
„Du hast es mit deinem Schweigen gesagt.“
„Und wird Schweigen gehört?“
„Nicht immer.“
Sie rieb sich den Arm, als wollte sie etwas fortwischen.
„Er hat doch nur seine Hand auf meine gelegt.“
„Ist das alles?“
„Ja. Warum habe ich dann das Gefühl, etwas Großes sei geschehen?“
„Weil es geschehen ist. Und es braucht nicht mehr, damit es geschieht.“
„Übertreibe ich?“
„Nein. Dein Körper weiß es vor deinem Verstand.“
Das Wasser prasselte weiter.
„War es mein Fehler? Dass ich gelächelt habe? Dass ich mich zu ihm gesetzt habe? Dass ich dem ‚Berichte durchgehen‘ zugestimmt habe?“
„Nein. Er hat nicht deine Zustimmung gesucht. Er hat dein Schweigen gesucht.“
Ihre Schultern zuckten. Sie erinnerte sich an etwas, woran sie sich nicht erinnern wollte: die Stimme ihrer Mutter vor Jahren: „Sei nett zu allen, Svenja. Nettsein schützt dich.“ Wie viele Taten sind im Namen der Freundlichkeit begangen worden!
„Meine Mutter hat mir beigebracht, zu lächeln.“
„Und was hat sie dir über das Neinsagen beigebracht?“
„Nichts.“
„Das ist die Wunde.“
Sie drehte das Wasser ab und stand keuchend im Dampf.
„Bin ich wütend?“
„Ja. Auf ihn. Und auch auf dich, weil du dich nicht gewehrt hast.“
„Ich konnte nicht.“
„Ich weiß. Aber der Zorn kennt keine Gerechtigkeit.“
Sie wickelte das Handtuch um ihren Körper und setzte sich auf den Toilettendeckel.
„Und wenn ich rede? Vielleicht glaubt mir keiner.“
„Vielleicht glauben dir einige nicht. Und andere werden dir glauben.“
„Und ich? Was will ich?“
„Dass er niemandem außer dir wehtut.“
„Eine gute Antwort.“
„Aber eine ängstliche.“
„Und Angst hebt den Mut nicht auf.“
Dann sagte sie zu sich selbst: Morgen werde ich es Katrin sagen. Und wenn ich ins Stocken gerate, sage ich es der Betriebsrätin. Und wenn sie mir nicht glauben, werde ich wissen, dass ich es versucht habe. Und sie zog mit dem Finger einen Kreis auf das beschlagene Glas: Das ist meine Grenze, nicht noch einmal zu schweigen. Und wenn ich doch schweige? Dann fange ich neu an.
Sie zog ihr Nachthemd an, und als sie in den Spiegel sah, begann der Dampf sich zu lichten, und ihr Gesicht kam zum Vorschein. Sie lächelte nicht, aber sie hatte nicht das Gefühl, es zu müssen.
Doch Versprechen, die man nachts gibt, finden am Morgen, wie wir wissen, selten ihresgleichen. Als der Tag kam, war die Scham schwerer als das Versprechen, und Svenja wich Katrin aus wie jedem Flur.
Hanan reinigte am nächsten Morgen den Schulungsraum, als sie auf dem Tisch zwei Tassen bemerkte und auf dem Stuhl Svenjas blauen Schal, den sie vergessen hatte. An sich war das nichts. Aber sie bemerkte etwas anderes: dass der Schal auf dem Boden lag, als hätte seine Besitzerin ihn fallen lassen, während sie hastig aufstand. Und im Flur sah sie, wie Svenja ihrem Blick auswich.
Hanans alte Regel war: nicht sehen, nicht urteilen, nicht erinnern. Aber sie war nicht mehr diese Frau.
In der Mittagspause setzte sie sich in der hinteren Küche neben Svenja und reichte ihr eine Tasse Tee.
„Geht es dir gut?“
„Ja.“
„Ich sehe, dass es dir nicht gut geht.“
„Es ist nichts.“
„Svenja, ist etwas im Schulungsraum passiert?“
Das Mädchen hob die Augen und senkte sie wieder.
„Ich kann nicht.“
„Ich verlange nicht, dass du jetzt erzählst. Ich bitte dich nur, zu wissen, dass ich es gehört habe, auch wenn du es nicht sagst. Und dass ich nicht die Einzige bin.“
„Was meinst du?“
„Ich meine, dass es Frauen vor dir gab, die nicht gesprochen haben.“
Der Satz war ein kleiner Pfeil, der sein Ziel traf. Svenja sah sie an, die Augen glänzend.
„Ich habe Dinge gesehen und nichts gesagt“, sagte Hanan. „Das war mein Fehler.“
„Mir wird keiner glauben. Er ist der stellvertretende Direktor.“
„Vielleicht glauben dir nicht alle. Aber es gibt welche, die dir glauben werden, und es gibt Gesetze, und es gibt die Betriebsrätin.“
„Die Firma schützt ihn.“
„Die Firma schützt sich selbst. Und wenn sie sieht, dass es zu teuer wird, ihn zu schützen, lässt sie ihn fallen.“
Svenja schwieg.
„Und du? Warum willst du mir helfen?“
„Weil ich zwanzig Jahre lang Orte gereinigt habe, an denen Menschen Dinge tun, die sie nicht aussprechen, und mir gesagt habe, es sei meine Pflicht, nicht hinzusehen. Und ich frage mich jetzt, ob meine wahre Pflicht nicht das Gegenteil war.“
Sie streckte die Hand aus und nahm Svenjas Hand.
„Ich tue nichts ohne deine Erlaubnis. Aber du wirst nicht allein sein.“
Am Abend ging Hanan zu Katrin in ihr Büro. Sie arbeitete noch, das Haar hochgesteckt, die Augen müde.
„Hanan? Brauchen Sie etwas?“
„Ja. Dass Sie mir zuhören, nicht als Direktorin, sondern als Frau.“
Zehn Minuten später hatte Katrin die Akte vor sich geschlossen und sagte mit fremder Stimme:
„Ich hatte einen Verdacht. Aber ein Verdacht ist kein Beweis.“
„Sie brauchen keinen Beweis. Sie müssen ihr sagen, dass sie geschützt ist.“
„Das werde ich. Und ich beginne mit der internen Untersuchung.“
„Und wenn er sagt, er habe nichts getan?“
„Es wird sich jemand finden, der etwas anderes sagt.“
Katrin blieb einen Augenblick still, dann sagte sie aufrichtig:
„Ich dachte, ich wüsste, was Freiheit ist: dass der Mensch tut, was er will, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Aber heute begreife ich, dass Freiheit nichts bedeutet, wenn jemand sein Begehren in Macht verwandelt. Wahre Freiheit ist, Nein zu sagen und gehört zu werden.“
Es war eine Grenze, die in keiner Hotelordnung stand, aber jeder, der dort gearbeitet hatte, wusste, wo sie verlief.
Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die Vermittlung der Verwandten
Eine Woche nach Salmas Auszug klopfte es an Hanans Tür.
Samir sah gerade die Nachrichten, er stand auf und öffnete. Auf der Schwelle standen zwei Männer um die fünfzig: der eine Abu Jamal, ein Nachbar aus dem Viertel, der andere ein kleiner Scheich mit weißem Bart und kleinem Turban, den Samir aus der Moschee kannte.
„Friede sei mit dir, Abu Laila.“
„Und mit euch. Kommt herein.“
Sie setzten sich ins Wohnzimmer, und Hanan reichte schweigend den Tee. Sie bemerkte, dass der Scheich es vermied, sie anzusehen, und das allein sagte alles. Auf Besuchen dieser Art ruht die Hälfte der gesellschaftlichen Ordnung bei uns: Zwei Männer von fünfzig sitzen in einem Wohnzimmer, das ihnen nicht gehört, und sprechen im Namen eines dritten Hauses, das sie nicht gerufen hat, und nennen es „Versöhnung“.
Abu Jamal sagte im Ton des Friedensstifters:
„Abu Laila, du bist ein vernünftiger Mann. Wir wissen, dass Bassams Frau ihr Haus verlassen hat und dass Umm Laila sie mitgenommen hat.“
„Ich weiß nichts davon.“
„Aber du weißt es. Und alle wissen es. Es geht jetzt darum, dass Bassam ein guter Mann ist, der einen Fehler gemacht hat und ihn bereut, und wir wollen zwischen ihnen vermitteln, ehe die Sache zum Skandal wird.“
Man beachte das Wort: „Skandal“. Der Skandal ist nicht, was hinter der geschlossenen Tür geschah, sondern dass jemand davon erfährt. Das ist die Definition, nach der Tausende Häuser leben: Das Verbrechen ist, dass man das Blut sieht, nicht dass es fließt.
Der Scheich sagte mit ruhiger Stimme:
„Das Haus ist ein anvertrautes Gut. Und Versöhnung ist gut. Und wer an der Zerstörung eines Hauses schuld ist, trägt dafür seine Last.“
Samir sah zu Hanan, und ihr war nichts anzumerken.
„Und was wird von mir verlangt?“
„Dass du deine Frau überzeugst, uns zu sagen, wo Salma ist, damit wir sie in ihr Haus zurückbringen. Er wird ihr nichts antun. Dafür bürgen wir.“
„Ihr bürgt?“
„Ja.“
Samir schwieg einen Augenblick. In seiner Brust lag ein alter Kampf zwischen dem Mann, der auf dem Land aufgewachsen war mit dem Wissen, dass die Versöhnung der Eheleute eines der größten Werke ist, und dem Mann, der vor Monaten seine Tochter vor einer Angst hatte zittern sehen, die er selbst missverstanden hatte.
„Und wenn sie sagt, sie will nicht zurück?“
„Sie hat keine Wahl. Sie ist Ehefrau und Mutter.“
„Und wenn sie sagt, er hat sie geschlagen?“
Der Scheich sagte mit kalter Neutralität:
„Vielleicht hat sie übertrieben. Und eine Frau braucht manchmal eine Züchtigung, in Maßen.“
Das war das letzte Wort, das er ertrug. Vielleicht mag es seltsam scheinen, dass das nach all den Jahren des Schweigens geschah, aber wer die Menschen kennt, weiß, dass Geduld nicht durch Anhäufung zu Ende geht, sondern durch einen einzigen Satz, der in einem Augenblick kommt, den keiner erwartet hat, und plötzlich die Tür aufstößt, hinter der zwanzig Jahre standen.
„Scheich“, sagte Samir mit überraschender Ruhe, „ich bin kein Gelehrter. Aber in diesem Jahr habe ich eines gelernt: dass ein Haus, in dem keiner den anderen fragt: ‚Warst du müde?‘, kein Haus ist. Dass Schlagen unter Erwachsenen nicht Züchtigung heißt. Und dass ich, wenn ich an Salmas Stelle wäre, schon beim ersten Mal gegangen wäre.“
Abu Jamal geriet in Verlegenheit.
„Abu Laila, du bist von den Deutschen beeinflusst.“
„Nein. Von meiner Tochter.“
Er stand auf.
„Und Umm Laila werde ich um nichts bitten. Wenn sie euch sagen will, wo Salma ist, ist das ihre Sache, und wenn sie es nicht will, ist das ihr Recht.“
Hanan sah ihn mit weiten Augen an.
„Darüber werden wir in der Moschee sprechen“, sagte der Scheich kalt.
„Sprecht.“
Und sie gingen schweigend.
Als Samir die Tür geschlossen hatte und zurückkam, stand Hanan mitten im Wohnzimmer.
„Das habe ich nicht erwartet.“
„Ich auch nicht.“
„Warum hast du das gesagt?“
Er setzte sich aufs Sofa und atmete tief.
„Weil ich mich an Laila erinnert habe, und daran, wie du dich zwischen sie und mich gestellt hast. Hätte ich ihr Weinen übergangen, wäre ich an Bassams Stelle. In anderem Maß.“
„Du bist nicht Bassam.“
„Nein. Aber ich ging denselben Weg, nur mit langsameren Schritten.“
Sie setzte sich neben ihn.
„Samir …“
„Sei still. Ich möchte etwas sagen, das ich nie gesagt habe.“
Sie schwieg.
„Es tut mir leid. Für jedes Mal, wo ich dir gesagt habe: ‚Das geht dich nichts an.‘ Und jedes Mal, wo ich übergangen habe, dass du etwas willst.“
Sie sagte nichts. Sie nahm nur seine Hand.
Am nächsten Tag klingelte ihr Telefon: Bassam. Sie ging nicht ran. Dann kam eine Nachricht: „Hanan, ich will nur meinen Sohn sehen. Bitte. Ich ertrage meinen Zustand nicht.“
Sie wusste, dass gerade dieser Satz der Schlüssel war, den er benutzte: ein Satz, der dem Anschein nach aufrichtig war und in seiner Funktion tödlich. Sie leitete ihn an Frau Kohl weiter und schrieb: „Was soll ich tun?“ Und die Antwort kam: „Nichts. Das ist unsere Arbeit.“
Vierundzwanzigstes Kapitel: Unter der Haut
Dina saß in der Praxis von Dr. Weiß und fühlte sich so schwach wie nie zuvor in ihrem Leben.
Sie hatte sich den Termin nach drei schlaflosen Nächten geben lassen, und in ihrer Tasche steckte ein Zettel mit drei Fragen. In dem Augenblick, in dem sie sich setzte, vergaß sie sie.
Dr. Weiß war Psychotherapeutin, fünfundfünfzig, elegant ohne Schwere, mit einer Stimme wie ein weißer Vorhang, der sich in der Luft bewegt.
„Was führt Sie zu mir?“
„Ich versuche zu verstehen, warum ich so liebe.“
„Wie?“
„So, dass es verbrennt.“
„Lieben Sie das Verbrennen?“
„Nein. Aber ich fürchte alles, was kühler ist.“
„Erzählen Sie mir von Ihrem Vater.“
Die Frage war erwartet, und trotzdem spürte Dina, wie sich etwas in ihrer Brust regte.
„Er ist gegangen, als ich acht war. Er ist nicht gestorben. Er ist einfach gegangen. Manchmal kam er an Feiertagen und brachte Geschenke mit, die nicht zu meinem Alter passten, und dann war er wieder weg.“
„Und was haben Sie getan, wenn er weg war?“
„Gewartet.“
„Und wenn er kam?“
„Ich habe versucht, sehr brav zu sein, damit er bleibt.“
„Und ist er geblieben?“
„Nein.“
Die Therapeutin schwieg und ließ den Satz wirken.
„Sehen Sie etwas Gemeinsames zwischen Ihrem Vater und Tarek?“
„Tarek bleibt. Er ruft an, er kommt, er fragt.“
„Aber?“
„Aber auf erstickende Weise.“
„Und Ihr Vater?“
„Auf abwesende Weise.“
„Und in beiden Fällen, Sie?“
„In beiden Fällen versuche ich, es zu verdienen.“
Diesmal war das Schweigen länger.
„Wissen Sie, was mir auffällt?“, sagte die Therapeutin nach einer Weile. „Was Sie ‚verbrennende Liebe‘ nennen, ist meistens ein bekanntes Muster: Wenn ein Mensch in einem Haus aufwächst, in dem er nie weiß, wann die Zuwendung kommt, wird sein Körper darauf programmiert, Sehnsucht für Liebe zu halten, Unruhe für Leidenschaft, Warten für Treue. Und kommt dann jemand, der regelmäßig und ohne Rätsel gibt, spürt er, dass etwas nicht stimmt.“
„Lukas …“
„Wer ist das?“
„Ein Kollege. Er schickt mir Artikel über Zähne, sagt ‚Ich bin da‘ und verschwindet wieder, und er jagt mir nicht nach.“
„Und was empfinden Sie für ihn?“
„Nichts.“
„Wirklich?“
Dina seufzte.
„Ich fühle mich sicher. Und das erregt in mir nichts. Ist das seltsam?“
„Nein. Es ist sehr verbreitet. Und die Frage ist nicht, ob da ein Funke ist. Die Frage ist, ob Sie mit Sicherheit leben können, ohne nach einem Brand zu suchen, der Sie davor rettet.“
Dina schwieg.
„Wovor haben Sie mehr Angst: jemanden zu lieben, der Ihnen wehtut, oder jemanden zu lieben, der Ihnen nicht wehtut?“
Es war die Frage, auf die sie nicht antworten wollte.
Am Abend schrieb Tarek ihr: „Du siehst meine Nachrichten nicht. Fängst du an, dich zu verändern?“ Sie las es, und zum ersten Mal entschuldigte sie sich nicht. Sie antwortete: „Ich brauche Zeit. Ich melde mich, wenn ich so weit bin.“
Die Schreibanzeige erschien und verschwand. Dann erschien sie und blieb lange Minuten. Und die Antwort kam: „Tu mir das nicht an. Du bist alles, was ich habe.“
Dina hielt vor dem Satz inne. Er war schön, und er war auch eine Fessel. Und sie erkannte zum ersten Mal, dass manche schönen Sätze geschrieben werden, um Türen damit zu schließen.
Sie schaltete das Handy aus. Und als sie am nächsten Tag die Praxis betrat, lag auf ihrem Schreibtisch eine kleine Karte von Lukas: „Falls du diese Woche einen schwierigen Patienten loswerden willst, übernehme ich ihn gern. Keine Antwort nötig.“
Sie lächelte. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass man ihr die Gelegenheit gab, nicht zu antworten.
Fünfundzwanzigstes Kapitel: Der Anruf, der kommt
Ein Monat verging.
Omar sah Klara jede Woche. Sie sprachen über Bücher, Filme und kleine Träume, und in einer kalten Nacht küsste er sie am Flussufer, einen kurzen, zitternden Kuss, und danach sagte keiner etwas. Es war nichts Anstößiges daran. Aber Omar spürte, dass die Decke seiner Welt um wenige Zentimeter gestiegen war, und er atmete.
Am Abend darauf klingelte sein Telefon.
„Hallo, Omar.“
Es war die Stimme seines Vaters. Der Vater rief sonst nur einmal im Monat an, und nur in dringenden Fällen.
„Papa? Geht es Mama gut?“
„Gut. Ich wollte mit dir sprechen.“
„Sag.“
„Heute kam ein Mann aus unserem Bekanntenkreis zu mir. Er sagte, ein Freund von ihm habe dich auf der Straße mit einem Mädchen gesehen.“
Omar schwieg.
„Vielleicht eine Freundin.“
„Und stehen Freunde so da?“
„Ich weiß nicht, was er meint.“
„Ich meine nichts. Ich frage dich nur.“
„Ich studiere, Papa, und ich arbeite. Ich habe für nichts anderes Zeit.“
„Gut. Hauptsache, du denkst an deine Religion und deine Herkunft. Mit diesen Dingen scherzt man nicht. Und deine Mutter macht sich Sorgen, sag ihr nichts.“
„Ich sage nichts.“
„Auf bald.“
Die Leitung wurde unterbrochen. Omar saß auf der Bettkante und sah auf die Wand.
Sein Vater hatte kein einziges verurteilendes Wort gesagt und keine harten Ausdrücke benutzt. Er hatte nur gefragt: „Und stehen Freunde so da?“ Und dieser Satz genügte, um ein Loch in seine Brust zu reißen. Darin liegt, wenn man genau hinsieht, die Genialität der väterlichen Unterdrückung in unseren Ländern: Sie braucht keine Peitsche, ihr genügt eine kleine Frage, von der der, der sie stellt, und der, der sie hört, weiß, dass die Antwort bekannt ist.
Eine Stunde später rief er Klara an.
„Mein Vater weiß es.“
„Was hat er gesagt?“
„Nichts. Und das ist schlimmer.“
„Willst du kommen?“
Omar ging zu Klaras kleiner Wohnung. Sie hatte Suppe gekocht, und sie saßen auf dem Boden vor einem Elektroofen.
„Soll ich dir etwas erzählen?“, sagte Klara. „Als meine Schwester meinem Vater sagte, sie liebe einen muslimischen jungen Mann türkischer Herkunft, sprach er ein ganzes Jahr nicht mit ihr.“
„Und was hat deine Schwester getan?“
„Gewartet. Dann stand er eines Tages vor ihrer Tür mit einem Käfig, in dem ein Vogel war. Er sagte: ‚Deine Mutter hat mir das gegeben, damit ich es dir bringe. Ich weiß nicht, wie ich über die Sache reden soll. Aber ich weiß, dass du meine Tochter bist.‘ Seitdem kommt er jeden Sonntag und fragt nach ihrer Arbeit. Über Religion vermeidet er immer noch zu sprechen. Aber er kommt.“
Omar sah ins Feuer.
„Mein Vater wird nicht kommen.“
„Vielleicht nicht. Und vielleicht ändern sich die Dinge nach Jahren. Aber ich weiß, dass Schweigen nicht immer Ablehnung ist.“
„Und wenn doch?“
„Dann wirst du traurig sein. Und du wirst leben.“
Sie berührte sanft seine Hand.
„Ich werde nicht sagen, dass es leicht ist. Aber du musst nicht wählen zwischen Lieben und Sohn sein. Vielleicht wirst du beides auf neue Weise sein.“
„Und wenn beides nicht zusammengeht?“
„Dann erfinden wir eine dritte Form.“
In der Nacht zum Freitag, als seine Mutter wie üblich anrief, ging er nicht gleich ran. Er holte lange Luft und drückte dann.
„Hallo, Mama.“
„Mein Sohn, warum bist du müde?“
„Ich bin nicht müde.“
„Lüg nicht. Deine Mutter weiß es.“
„Was weißt du?“
„Ich weiß, dass in deiner Brust etwas ist, das du nicht sagst. Und ich will es nicht wissen, wenn es mich traurig macht. Aber ich will, dass du weißt, dass ich deine Mutter bin. Das ist alles.“
Omar schwieg. Er wollte ihr alles sagen und konnte es nicht.
„Mir geht es gut, Mama. Ich verspreche dir, dass es mir gut geht. Und ich verspreche dir, dass ich es dir eines Tages sage.“
„Und ich werde warten.“
„Ich hab dich lieb.“
„Und ich dich mehr.“
Er drückte die Taste, warf das Telefon beiseite und brach in dumpfes Weinen aus. Klara war noch neben ihm und sagte nichts. Sie legte die Hand auf seine Schulter und blieb. Und das war das Beste, was ein Mensch für einen anderen tun kann: zu bleiben, ohne etwas zu sagen.
Sechsundzwanzigstes Kapitel: Zwischen den Wellen
Im Dezember gab das Hotel seine Jahresabschlussfeier.
Zwei Monate waren seit der Beschwerde vergangen, die Svenja eingereicht hatte. Es hatte eine interne Untersuchung gegeben, drei weitere Mitarbeiterinnen waren gehört worden, und in der letzten Sitzung hatte der Betriebsrat mit ruhiger Stimme gesagt, die Beweise genügten. Herr Hoffmann wurde entlassen, eine juristische Stelle wurde informiert. Niemand feierte das. Aber auf den Fluren des Hotels herrschte jetzt ein anderes Schweigen: nicht mehr das der Angst, sondern das derer, die ihren Atem zurückgewonnen haben.
Svenja kam in einem schlichten Kleid zur Feier und setzte sich in die Ecke zu Omar. Er hatte ihr vor zwei Wochen gesagt, was er keinem gesagt hatte:
„Svenja, ich liebe ein Mädchen. Sie heißt Klara.“
„Ich weiß.“
„Woher?“
„Weil du lächelst, wenn du auf dein Handy siehst, und weil sich dein Gesicht verändert, wenn der Anruf klingelt. Und ich glaube, die Grenze, vor der du dich fürchtest, ist nicht die zwischen dir und Klara und nicht die zwischen dir und der Welt. Es ist die zwischen dir und dir selbst. Und die ist schwerer.“
Dina kam mit Lukas zur Feier. Es war keine Verabredung in dem Sinn, den die Leute sich vorstellen. Er hatte sie nur gefragt, ob sie ihn zur Feier eines Kollegen begleiten möge, und sie hatte gesagt: „Warum nicht?“ An der Tür bemerkte sie eine schlanke Frau in einem schlichten Anzug und einen kleinen Jungen in festlicher Kleidung: Salma. Sie war mit Hanan gekommen, damit Jamen die Lichter sah.
Dina war seit einem Monat Jamens Zahnärztin. Sie hatte ihn in der Praxis gesehen, mit einem Mal im Mund, das sie nicht hatte sehen wollen, und in seiner Mutter eine Vorsicht, die ihren Augen nicht entgangen war. Sie hatte damals nichts gesagt, aber ihr ihre Karte gegeben und auf die Rückseite geschrieben: „Falls Sie jemanden brauchen, das ist meine private Nummer.“ Jetzt trat sie näher.
„Hallo, Salma. Wie geht es dem Jungen?“
„Gut, dank Ihnen.“
„Ich habe nichts getan.“
„Doch. Sie haben mich nicht gefragt, was ich nicht beantworten wollte.“
In diesem Augenblick trat ein Mann in dunklem Mantel durch die Tür und suchte mit den Augen den Raum ab. Salma sah ihn und erstarrte.
Es war Bassam.
Er glich nicht dem Bild, das sie im Kopf getragen hatte: Er wirkte jünger und blasser, und in seinen Augen lag etwas wie echte Schwäche. Er kam mit zögernden Schritten näher.
„Salma.“
„Was machst du hier?“
„Ich will nur dich sehen und Jamen.“
„Das ist nicht erlaubt.“
„Ich habe nichts getan.“
„Nein. Aber du darfst dich nicht nähern. Das hat der Richter gesagt.“
„Bitte. Eine Minute.“
Ehe sie antworten konnte, stand Samir neben ihr, hinter ihm Karim, der mit Katrin gekommen war, und hinter ihm Hanan. Keiner sagte etwas. Es gab kein Geschrei und keine Bewegung. Sie standen nur da, eine Reihe ohne Verabredung. Und das ist, fragten wir die Historiker, die Gestalt wirklicher Solidarität: keine Rede, keine Erklärung, sondern Körper, die an ihrem Platz stehen, wenn es nötig ist.
Salma wandte sich Bassam zu und sagte mit einer Ruhe, die sie an sich nicht kannte:
„Du hast mir einmal gesagt, ich könne ohne dich nicht leben.“
„Das stimmt auch.“
„Nein. Das wolltest du, dass ich glaube. Und ich lebe jetzt. Nicht gut und nicht leicht. Aber ich lebe.“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich liebe dich.“
„Ich weiß. Aber Liebe gibt dir nicht das Recht, mir wehzutun.“
Zwei Männer vom Sicherheitsdienst beugten sich vor und führten Bassam ruhig hinaus. Er wehrte sich nicht. Er weinte lautlos.
Salma blieb stehen und hielt die Hand ihres Sohnes fest.
„Mama, ist das Papa?“
„Ja, mein Schatz.“
„Warum weint er?“
„Weil er traurig ist.“
„Ist er krank?“
„Vielleicht. Aber wir können ihn nicht heilen.“
Jamen sah sie mit seinen großen Augen an und sagte:
„Gehen wir die Lichter ansehen?“
Salma lachte unter Tränen.
„Ja.“
Und die Feier kehrte in ihr Leben zurück, und nur wenige hatten bemerkt, was geschehen war. In der Ecke stand Hanan allein, und als Samir zu ihr trat, flüsterte er:
„Weißt du, woran ich denke? Dass wir zwischen Wellen leben. Jede Welle bringt etwas und nimmt etwas. Und wir können sie nicht aufhalten. Aber wir können zusammenstehen.“
„Du wirst zum Dichter.“
„Nein. Ich lerne nur, zu sagen, was ich fühle.“
Nach Mitternacht, als die Gäste sich verlaufen hatten, trat Dina mit Lukas auf den Gehweg. Es war kalt und klar.
„Geht es dir gut?“
„Gut.“
„Mir ist aufgefallen, dass du heute Abend nicht auf dein Handy gesehen hast.“
„Tarek schreibt mir. Aber ich habe nicht geantwortet.“
„Ist das schwer?“
„Ja. Weil ich nicht weiß, was ich tue, wenn er nicht schreibt.“
„Dann lernen wir es.“
Sie lächelte.
„Meinst du ‚wir‘?“
„Ich meine ‚du‘. Aber ich bin da.“
In seinen Worten lag kein Versprechen, keine Flamme, keine Überraschung. Es waren die Worte eines Mannes, der weiß, dass wahre Fürsorge keine Inszenierung braucht und dass die Liebe, die ohne Lärm beginnt, vielleicht die größere Ausdauer hat. Sie sagte ihm das nicht. Sie ging nur neben ihm über den Gehweg, den Kopf ein wenig höher, die Schritte leichter.
Manche Fragen enden nicht, wenn die Seiten enden. Lieben wir wirklich, woran wir uns binden? Ist ruhige Fürsorge weniger als Leidenschaft, oder ist sie ihre aufrichtigste Form? Und wie viele der Grenzen, vor denen wir uns fürchten, haben wir in Wahrheit selbst gezogen und vergessen? Ich weiß nur: Wenn Liebe Liebe ist, verlangt sie nicht von dir, zu verschwinden; wenn Begehren Begehren ist, verwandelt es sich nicht in Macht; und die richtigen Grenzen sind die, die den Menschen vor Verletzung schützen, nicht die, die andere vor seinem Dasein schützen. Und das Schwerste und Edelste, was wir tun können, ist, neben einem Leidenden zu sitzen und mit klarer Stimme zu sagen: „Ich bin da.“
VIERTES BUCH: ZEHN JAHRE SPÄTER
Siebenundzwanzigstes Kapitel: Ein Vortrag in der neunten Klasse
Laila stand vor dreißig Schülerinnen und Schülern, in der Hand einen kleinen Beamer, den sie nicht eingeschaltet hatte.
Sie war sechsundzwanzig, Sozialarbeiterin in einem Zentrum für Kinder- und Jugendschutz, und besuchte zweimal im Monat Schulen. Jedes Mal sah sie in die Gesichter vor sich und wusste, dass unter ihnen ein oder zwei waren, die etwas verbargen, das noch nicht erzählt worden war. Es ist das einzige Wissen, das an keiner Universität gelehrt wird: das Schweigen, das „nichts“ bedeutet, von dem zu unterscheiden, das „helft mir“ bedeutet.
„Ich zeige euch keine Folien“, sagte sie. „Ich erzähle euch eine Geschichte, und danach fragt ihr, was ihr wollt.“
Ein Mädchen in der letzten Reihe hob den Kopf von ihrem Handy.
„Es war einmal ein Mädchen von sechzehn. Es zeichnete gern. Eines Tages veröffentlichte es einen Ausschnitt aus einer Zeichnung, und ein Mann schrieb ihm einen netten Kommentar. Dann eine Nachricht. Dann noch eine.“
Sie erwähnte nicht, dass das Mädchen sie selbst war. Sie wusste, dass eine Geschichte schneller ankommt, wenn niemand in ihr ein Gesicht hat, an dem man sich festhalten muss.
„In keiner der Nachrichten stand etwas Beängstigendes. Das sollt ihr euch merken: Gefahr kommt nicht immer beängstigend. Sie kommt warm. Sie sagt dir, du seist anders, du seist reif, sie verstehe dich besser als deine Eltern. Und dann bittet sie dich um eine einzige Sache: nichts zu erzählen.“
Es wurde still.
„Ein Zeichen genügt: Jede Beziehung, die von dir verlangt, sie vor denen zu verbergen, die dich lieben, ist keine, die dich schützt. Fragt nicht nur: Ist er nett? Fragt: Warum will er mich allein?“
Ein Junge in der ersten Reihe hob die Hand.
„Und wenn er ungefähr so alt ist wie ich?“
„Dann ist es etwas anderes. Liebe unter Gleichaltrigen ist keine Gefahr. Aber die Grenzen bleiben: Niemandem gehört dein Körper, und niemand gibt dir im Namen der Liebe Befehle.“
„Und wenn wir jemanden lieben und unsere Eltern es verbieten?“
Der Satz kam überraschend und aufrichtig. Laila sah ihn an.
„Das ist eine große Frage. Und ich sage dir, was meine Mutter mir gesagt hat: Reiß die Grenze nicht im Zorn nieder. Frag, wer sie gezogen hat und warum. Manchmal entdeckst du, dass hinter ihr mehr Angst steckt als Härte.“
Nach der Stunde kam das Mädchen auf sie zu, das auf sein Handy gesehen hatte. Es sagte leise:
„Frau Lehrerin, kann ich kurz mit Ihnen allein sprechen?“
Lailas Herz klopfte. Das war der Augenblick, für den sie jedes Mal kam.
„Natürlich. Setzen wir uns in den Flur?“
„Ich weiß nicht, ob es etwas ist …“
„Wenn du fragst, ist es etwas. Komm.“
Sie setzten sich auf eine lange Holzbank. Das Mädchen holte sein Handy hervor und zeigte ihr mit zitternder Hand eine Nachricht. Sie sah nicht gefährlich aus, aber Laila kannte den Satz. Es war derselbe, in fast derselben Reihenfolge.
„Gut gemacht“, sagte sie. „Du hast das Richtige getan: Du bist gekommen.“
„Werde ich bestraft?“
„Niemals. Bestraft wird, wer schreibt. Komm, wir sagen es der Beratungslehrerin und rufen dann gemeinsam deine Mutter an. Ist sie eine, die wütend wird?“
„Nein. Aber sie wird traurig sein.“
„Traurigkeit ist besser als Schweigen.“
Und Laila dachte, das Handy in der Hand: Wäre ich doch dieses Mädchen vor zehn Jahren gewesen. Dann begriff sie, dass sie es gewesen war, und dass dieses Mädchen und jedes Mädchen ein Glied in einer Kette ist, die sich hinter den Türen entlangzieht, und dass die, die hinübergekommen ist, der nächsten die Hand reicht.
Achtundzwanzigstes Kapitel: Ein Anruf von Madschid
In einer Winternacht stand Madschid vor dem Bild seines Vaters.
Das Bild hing an seinem Platz im goldenen Rahmen, aber er hatte es seit Jahren nicht so angesehen wie in dieser Nacht. In der Hand hielt er das Handy seiner Tochter. Er hatte es nicht zerbrochen. Bis zu diesem Abend hatte er sich für einen Mann gehalten, der seine Lektion gelernt hatte.
Er erinnerte sich an das, was er hier vor zehn Jahren gedacht hatte, und die Worte kamen zu ihm zurück wie ein Echo im Gebirge: Du hast nie jemanden geschlagen, du hast geblickt, und die Köpfe haben sich gesenkt, und ich habe deinen Blick nicht, darum habe ich zugeschlagen. Und er hatte damals gesagt, er werde nicht wie sein Vater sein, er werde den Namen tragen wie eine Tasche, nicht wie eine Kette. Und er hatte gesagt, wenn Rascha eines Tages zurückkäme, werde er zu ihr sagen: „Es tut mir leid.“
Aber er hatte es nicht gesagt. Und Rascha war nicht zurückgekehrt. Männer, die sich eine Entschuldigung versprechen und sie dann aufschieben, lernen nach Jahren, dass Aufschieben die andere Form des Leugnens ist. Und jetzt, mit den Bildern des fremden Mannes in der Hand, der seiner Tochter schrieb, wusste er, dass die Zeit, die er vertan hatte, nicht nur ihm gehörte: Sie hatte seine Schwester zehn Jahre Mauer gekostet, und sie konnte seine Tochter mehr kosten.
Er nahm das Handy, ging auf den Balkon, kam zurück ins Wohnzimmer und wählte eine Nummer, die er seit mehr als zwei Jahren nicht gewählt hatte.
In ihrer kleinen Wohnung klingelte Raschas Handy, während sie einen Vortrag über Kindheitspädagogik in zweisprachigen Gesellschaften vorbereitete. Eine fremde Nummer aus dem Ausland. Sie nahm ab.
„Rascha?“
Sie erkannte die Stimme, ehe sie ihren Besitzer erkannte. Es war eine Stimme, die sie seit zwei Jahren nicht gehört hatte, rau und älter geworden.
„Madschid.“
„Wie geht es dir?“
„Gut. Und dir?“
„Ich … ich muss mit dir sprechen.“
Langes Schweigen. Ihr Bruder hatte sie nur zu Festen und zu Beileidsbesuchen angerufen. Und nun rief er spät in der Nacht an.
„Sag.“
„Sama.“
„Deine Tochter?“
„Ja. Fünfzehn. Ich habe auf ihrem Handy … Nachrichten von einem Mann gefunden.“
Rascha schloss die Augen. Sie lachte nicht und sagte nicht: „Da siehst du’s.“ Sie wusste, dass ein Augenblick wie dieser nicht ihr gehörte.
„Was hast du getan?“
„Noch nichts. Beim ersten Mal … wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich wollte das Handy zerbrechen. Ich wollte …“ Er hielt inne. Dann sagte er mit einer Stimme, die sie nicht kannte: „Aber ich habe mich an dich erinnert.“
„An mich?“
„Ich habe mich erinnert, was ich dir angetan habe. An meine Ohrfeige. Und daran, dass du damals zu mir gesagt hast: ‚Es war keine Liebe, Madschid, es war das erste Mal, dass mir jemand zugehört hat.‘ Und ich habe es nicht verstanden.“
Rascha presste den Stift zwischen den Fingern.
„Und was siehst du jetzt?“
„Ich sehe meine Tochter. Und ich sehe, dass der Mann weder ein Arbeitskollege ist noch Fadi. Er ist ein erwachsener Mann, viel älter als sie. Ich kenne den Unterschied, aber ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich sie beschützen kann, ohne sie zu verlieren.“
Rascha sagte ruhig:
„Madschid, hör mir gut zu. Erstens: Zerbrich das Handy nicht. Zweitens: Schrei nicht. Drittens: Setz dich zu ihr und sag ihr: ‚Ich bin nicht böse auf dich. Ich bin böse auf den Mann.‘ Und danach heb die Nachrichten auf, du wirst sie vielleicht brauchen. Und es gibt in eurem Land Stellen, die solche Anzeigen entgegennehmen, ich suche dir die Nummer heraus.“
„Und wenn sie mich fragt, warum ich auf dich wütend war, als …“
„Dann sagst du ihr die Wahrheit. Dass du einen Fehler gemacht und gelernt hast.“
Er schwieg.
„Hast du mir verziehen?“
Sie wusste es nicht. Und das war die einzige mögliche Aufrichtigkeit.
„Ich weiß es nicht. Aber du hast mich angerufen, du bist mein Bruder, und ich bin heute Nacht da. Fangen wir damit an.“
Und Madschid sagte nach einem Schweigen das Wort, das er zehn Jahre aufgeschoben hatte, mit einer Stimme, die nicht seine war, nachdem er geglaubt hatte, er habe vergessen, wie man es sagt: „Es tut mir leid.“ Es war das schwerste Wort, das er in seinem Leben gesprochen hatte, und das leichteste, als es heraus war.
Eine Woche später schickte Madschid ein Foto: seine Tochter Sama mit einem Zeichenblock in der Hand, daneben eine Tasse Tee, auf ihrem Gesicht ein kleines, vorsichtiges Lächeln. Darunter schrieb er: „Wir lernen zu reden.“
Rascha sah lange auf das Bild. Dann hob sie den Kopf zum Fenster, wo der Schnee auf die Straße fiel, und dachte, dass der schwerste Sieg an der ganzen Sache nicht darin bestanden hatte, dass sie gesiegt hatte. Sondern darin, dass ihr Bruder lernte, eine Tür zu werden und keine Mauer.
Neunundzwanzigstes Kapitel: Eine Beerdigung im November
Walter starb in seinem fünfundachtzigsten Lebensjahr, in seinem Bett, nach einer stillen Nacht, in der er Gertrud Seiten aus einem Buch über Eisenbahnen vorgelesen hatte.
An seinem Tod war nichts Tragisches. Es war ein Mann, der lange gelebt hatte, der am Ende seines Lebens geliebt hatte und der ging, im Wissen, dass jemand darauf wartete, was er am Morgen sagen würde. Genau genommen ist das das seltenste Ende, das ein Mensch sich wünschen kann, und zugleich das am wenigsten bedachte, weil es keinen genug zum Weinen bringt.
Aber der Morgen danach war lang.
Gertrud stand in dem kleinen Wohnzimmer, das sie neun Jahre geteilt hatten, in einem schwarzen Kleid, neunundsiebzig Jahre alt, ihr Gesicht war dünner geworden. Michael kam mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen; im Lauf der Jahre hatte er gelernt, diesen Mann zu achten, der spät in das Leben seiner Mutter gekommen war.
„Mama, wir kümmern uns um die Formalitäten.“
„Nein. Ich kümmere mich.“
„Aber …“
„Er ist nicht auf dem Papier mit mir verwandt“, sagte sie ruhig. „Aber er war mir nah genug. Und ich will nicht, dass die Dinge jemandem überlassen werden, der nicht weiß, dass er den Tee ohne Zucker mochte und dass er weiße Blumen nicht ausstehen konnte.“
Michael sah sie lange an.
„Gut. Was du willst, machen wir.“
Zur Beerdigung kamen etwa vierzig Menschen: alte Kollegen von der Bahn, Nachbarn aus dem Haus, Frauen aus dem alten Hotel. Hanan kam in einem dunklen Kleid mit Samir, Laila und Jonas, Rascha von der Universität, Karim und Katrin aus ihrer Stadt. Sie waren alle da, wie damals am Tisch, aber diesmal hatte der Tod sie ohne Einladung zusammengeführt.
Gertrud stand am Grab und sprach ein paar kurze Sätze ohne Zettel:
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal lieben würde. Und nicht, dass mich in diesem Alter noch jemand liebt. Man sagte mir, das schicke sich nicht, das Begehren gehe in Rente, und Liebe nach sechzig sei wie kalter Tee. Sie haben sich geirrt. Das Begehren geht nicht in Rente. In Rente geht die Angst. Und Walter hat mich aus meiner Angst geholt.“
Dann schwieg sie und ließ eine gelbe Blume auf die Erde fallen.
Hanan stand ein wenig abseits, und ihre Tränen liefen lautlos. In diesen Jahren hatte sie gelernt, dass Liebe sich nicht am Alter misst, nicht am Geschlecht, nicht an der Religion, nicht an der Stadt. Sie misst sich am Mut, den sie verlangt: zu jemandem „Ich will dich“ zu sagen und zu wissen, dass er gehen könnte oder dass man ihn verlieren kann oder dass die Leute einen auslachen.
Und sie spürte die Hand ihres Mannes an ihrer. Sie wandte sich um. Samir sagte nichts. Er war achtundfünfzig, sein Haar war grau geworden und seine Augen weicher. Er flüsterte:
„Wenn mir etwas geschieht … wirst du dann Schönes über mich sagen?“
„Was soll ich sagen?“
„Dass ich es versucht habe.“
Sie drückte seine Hand.
„Und dass du es geschafft hast.“
Dreißigstes Kapitel: Bevor ich antworte
An einem Frühlingsabend, nach einem Vortrag, den Laila in einer neuen Schule gehalten hatte, kehrte sie in ihre kleine Wohnung zurück, wo Jonas ein einfaches Abendessen bereitet hatte.
Sie lebten seit drei Jahren zusammen. Sie waren nicht verheiratet, und es war keine Frage der entschlossenen Entscheidung. Sie schoben das große Wort auf, weil sie vorher wissen wollten, wie sie die gewöhnlichen Tage leben.
„Wie war der Vortrag?“
„Gut. Danach kam ein Mädchen zu mir.“
„Dieselbe Seite?“
„Dieselbe Seite.“
Er setzte sich neben sie.
„Kostet es dich Kraft?“
„Manchmal. Aber ich denke: Hätte mir das vor zehn Jahren jemand getan.“
„Jemand hat es.“
„Wer?“
„Deine Mutter. Und dein Vater, nachdem er es gelernt hat. Und ich, als ich auf der Gerichtstreppe gewartet habe.“
Sie lachte.
„Ja. Ihr alle.“
Nach dem Essen, als sie das Geschirr abwuschen, sagte Jonas plötzlich:
„Laila, willst du, dass wir heiraten?“
Ihre Hand hielt nicht inne.
„Fragst du, oder schlägst du vor?“
„Ich frage. Und ich will heute Abend keine Antwort.“
„Und warum jetzt?“
„Weil ich wählen will und nicht mitgerissen werden. Und ich möchte nicht, dass du glaubst, ich frage, weil jemand gesagt hat, die Zeit sei gekommen.“
Sie sah ihn an und dann auf das laufende Wasser.
„Als ich sechzehn war, dachte ich, Liebe sei eine einzige Art: Sie kommt ungefragt und nimmt dich mit. Jetzt weiß ich, dass es viele Arten gibt und dass die schwerste die ist, die sagt: ‚Ich werde dich nicht drängen.‘“
„Ist das besser?“
„Es ist die einzige, der man glauben kann.“
Sie trocknete sich die Hände.
„Ich werde nachdenken. Und ich werde es dir sagen. Und du wirst meine Antwort so hören, wie sie ist, nicht wie du sie dir wünschst.“
„Mehr verlange ich nicht.“
In dieser Nacht schlief Laila nicht.
Mit sechsundzwanzig weiß Laila, dass die wichtigen Fragen nicht mit lauter Stimme kommen. Sie kommen, während man das Geschirr abwäscht. Und nun lag sie im Bett, Jonas schlief ruhig atmend neben ihr, und sie starrte an die Decke.
Die Angst, die sie beschäftigte, war seltsam: „Ja“ zu sagen, ohne zu wissen, ob es ein „Ja“ für sie war oder für etwas anderes. Weil alle auf sie warteten. Weil ihre Mutter sich freuen würde und ihr Vater vielleicht erleichtert aufatmen und weil sie sechsundzwanzig war und das ein „vernünftiger Zeitpunkt“ ist. Und weil sie aus ihrem Beruf gelernt hatte, dass alles, was man nicht sieht, gefährlich sein kann. War Jonas eine Gefahr? Nein. Sie wusste nur nicht, wie man Geborgenheit von Aufgeben unterscheidet.
Sie drehte sich um und sah auf seinen Rücken. Mit sechzehn hatte er ihren Finger berührt, und mit sechsundzwanzig kochte er ihr jeden Morgen Tee. Nie hatte er die Stimme erhoben, nie etwas von ihr verlangt, was sie nicht wollte. Und trotzdem wartete sie immer darauf, dass etwas Schlimmes geschah, als wäre Zärtlichkeit eine Falle. Wer hatte ihr das beigebracht? Mark.
Seit Jahren hatte sie den Namen nicht ausgesprochen. In ihr gab es einen kleinen verschlossenen Raum, in dem ein rostiger Schlüssel lag, und manchmal, nachts, näherte sie sich ihm und legte die Hand auf die Tür. Alles war vorbei, das wusste sie. Aber sie prüfte noch immer jeden netten Mann: Wo ist der Trick? Und Jonas? Nein. Jonas verlangte nicht von ihr, etwas zu verbergen. Reichte das? Vielleicht. Sie sagt in ihren Vorträgen: Jede Beziehung, die von dir verlangt, sie zu verbergen, schützt dich nicht. Und ihre Beziehung zu Jonas ertrug das Licht, selbst vor ihrem Vater, selbst vor ihrer Großmutter. Also ging es nicht um ihn. Es ging um sie.
Sie stand auf und setzte sich auf die Bettkante, in den Händen etwas wie ein Zittern. Sie wollte glauben, dass sie jemanden verdiente, der sie liebt, ohne sie zu besitzen, und fürchtete, nicht zu wissen, wie man geliebt wird. Denn die erste Liebe, die sie gesehen hatte, war das Schreien ihres Vaters und das Schweigen ihrer Mutter, und die Liebe, die sie für Liebe gehalten hatte, war eine Falle gewesen, und die Liebe, die sie jetzt sah, war so ruhig, dass sie fürchtete, sie nicht zu spüren. Wollte sie den Funken? Nein. Sie wollte sehen, wie der Funke zu einem Haus wird. Aber sie hatte gelernt, dass manche Funken verbrennen und dass nicht alles, was verbrennt, Liebe ist, und das sagt sie ihren Klientinnen.
Sie legte sich wieder ins Bett und die Hand auf Jonas’ Schulter. Er erwachte halb.
„Laila?“
„Nichts. Schlaf.“
„Geht es dir gut?“
„Gut.“
„Und wenn nicht?“
„Dann sage ich es.“
Er murmelte etwas und schlief ein. Und sie sah ihn an und sagte sich: Ich werde ihm morgen antworten. Aber die Antwort ist nicht „Ja“ oder „Nein“. Die Antwort ist, dass ich ihm alles sage, was ich eben gedacht habe: die Angst, den Funken, den rostigen Schlüssel. Und wenn er bleibt, dann ist das die Antwort.
Als sie einschlief, hatte sie in sich eine kleine Grenze gezogen, die niemand außer ihr gezogen hatte: nicht „Ja“ zu sagen, ehe sie alles gesagt hatte.
Am Sonntagmorgen rief sie ihre Mutter an, wie sie es jeden Sonntag tat. Hanans Gesicht erschien auf dem Bildschirm, hinter ihr ein kleiner Schreibtisch mit Bauzeichnungen und der Entwurf eines Hauses, das noch nicht gebaut war.
„Mama, was ist das?“
„Ein Entwurf. Ich habe das Studium wieder aufgenommen und drei kleine Projekte für Kunden aus dem Viertel gemacht. Ich habe es verborgen.“
„Warum?“
„Weil ich mich daran gewöhnt hatte, erst zu reden, wenn ich Erfolg habe.“
„Und hast du Erfolg?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich habe beschlossen, nicht zu warten, bis ich es weiß.“
Laila lachte.
„Du bist wie ich.“
„Du bist wie ich. Der Unterschied ist nur, dass du es von mir gelernt hast, ehe ich es selbst gelernt habe.“
Nach einem Schweigen sagte Laila:
„Mama, ich habe eine alte Frage.“
„Welche?“
„Wer zieht die Grenzen?“
Hanan lächelte, und das Lächeln war diesmal ruhiger und tiefer.
„Du fragst immer noch?“
„Immer.“
„Und ich habe noch immer keine endgültige Antwort.“
„Dann sind wir gut dran.“
„Ja. Denn wer eine endgültige Antwort hat, hört auf zu fragen, und wer aufhört zu fragen, zieht die Grenzen anderer.“
Im Hintergrund hörte Laila die Stimme ihres Vaters, der aus der Küche rief:
„Hanan, essen wir?“
„Einen Augenblick, Samir.“
Dann wandte sie sich dem Bildschirm zu:
„Geh und sag Jonas einen schönen Gruß von mir.“
„Mach ich.“
Die Leitung wurde unterbrochen. Laila blieb noch Sekunden vor dem dunklen Bildschirm sitzen, dann sah sie zum Fenster, das auf Häuser, Lichter und Menschen hinausging, die sie nicht kannte und von denen jeder in sich eine Landkarte trug, die kein anderer sieht: was er will, wovor er sich fürchtet, was ihm erlaubt ist und was nicht.
Dann stand sie auf und ging in die Küche, wo Jonas Tee kochte, und stellte sich vor ihn und sagte: „Ich möchte dir etwas erzählen, bevor ich antworte.“ Und er stellte die Kanne auf die Arbeitsplatte, setzte sich und wartete.
FÜNFTES BUCH: DAS ANDERE UFER
In den vorangegangenen Büchern blieben wir in Waldberg und betrachteten die verschlossene Stadt durch das Fenster eines Telefons und die Stimme von Anrufen. Dieses Buch ist eine Reise zum anderen Ufer. Hanan kehrt darin nach zwanzig Jahren in die Stadt zurück, die sie verlassen hat, und nimmt ihre Tochter Laila und ihre Schwester Rascha mit. Dort ist das verschlossene Viertel kein Schatten mehr, den man von fern sieht, sondern ein Haus mit drei Stockwerken, eine kranke Mutter, ein Mädchen von fünfzehn mit einem Handy in der Hand und ein Mann namens Madschid.
Ich will auf diesen Seiten nicht mit der europäischen Gesellschaft gegen die arabische stehen und nicht mit der arabischen gegen die europäische. Ich will euch zeigen, dass Grenzen überall gezogen werden, dass die Angst sich gleicht, wo immer sie ist, und dass der Mut, wenn er kommt, in verschiedenen Mundarten kommt. Die Handlung spielt in dem Winter, der auf Walters Beerdigung folgte.
Einunddreißigstes Kapitel: Die Ankunftshalle
Hanan schlief im Flugzeug nicht.
Sie saß am Fenster, die Stirn an das kalte Glas gelehnt, und sah auf Wolken, die sich nicht veränderten. Rechts von ihr las Laila ein deutsches Buch mit Augen, die nicht lasen, und links von ihr, im Gang, wickelte Rascha ihr Tuch immer wieder um die Hand.
„Hast du Angst?“, fragte Laila auf Arabisch.
„Ich weiß nicht.“
„Das ist in Ordnung.“
„Ich bin seit neunzehn Jahren nicht mehr dort gewesen.“
„Hat es sich verändert?“
„Ich weiß nicht, ob es sich verändert hat oder ich.“
Ihre Mutter hatte vor drei Tagen angerufen. Eine schwache Stimme, kurze Sätze, trocken wie altes Papier: „Es geht mir schlechter, Hanan. Ich will nicht sterben, ehe ich dich gesehen habe.“
Hanan hatte Samir nichts gesagt. Sie legte ihr Handy auf den Tisch und sah ihn an, und er sagte, ohne dass sie gesprochen hatte:
„Fahr.“
„Ich brauche zwei Wochen.“
„Nimm einen Monat. Ich bin hier.“
„Laila will mitkommen.“
„Ich weiß.“
„Vielleicht empfangen sie sie nicht, wie sie es sollten.“
„Vielleicht doch. Du erfährst es nur, wenn du hinfährst.“
So saßen sie nun in der Luft über einem Meer, das sie nicht sahen: drei Frauen aus zwei Generationen in einem einzigen Koffer der Geschichte.
Bei der Landung wurde Hanan unruhig. Sie rückte im Gang dreimal ihr Tuch zurecht. In Deutschland trug sie ein Tuch nur im Winter, aber hier hatte sie es unbewusst umgelegt, als erinnere sich der Körper vor dem Verstand. Es ist einer der seltsamsten Kniffe der Heimat: dass sie in den Händen wohnt, ehe sie im Gedächtnis wohnt.
„Mama“, sagte Laila leise, „du zitterst.“
„Nein. Es ist die Kälte.“
„Es ist nicht kalt.“
„Dann ist es etwas anderes.“
Laila berührte ihre Schulter.
„Ich bleibe in deiner Nähe.“
„Und du? Geht es dir gut?“
„Ich bin neugierig. Ich habe dein Land nie gesehen.“
„Mein Land?“
„Das Land meiner Mutter.“
Hanan lachte zum ersten Mal seit Tagen.
Am Ausgang stand ein Mann von zweiundfünfzig in einem grauen Mantel, das Haar ergraut, in der Hand ein kleiner Strauß weißer Rosen. Hanan erkannte ihn nicht auf den ersten Blick. Dann sah sie die Augen.
„Madschid.“
„Hanan.“
Keiner machte einen Schritt. Fünf Schritte lagen zwischen ihnen, wie Menschen sie lassen nach langen Jahren einer Abwesenheit, von der sie nicht wissen, wie man sie wiedergutmacht. Dann ging er. Er hielt ihr die Rosen hin, zog sie zurück und sagte:
„Ich weiß nicht, wie ich dich begrüßen soll.“
„Ich auch nicht.“
„Mama fragt jeden Tag, ob du schon da bist.“
„Wir fahren zu ihr.“
Er wandte sich Laila zu.
„Und das ist …“
„Laila. Meine Tochter.“
„Willkommen, mein Kind.“
„Danke, Chali.“
Sie sagte es in richtigem Arabisch mit deutscher Färbung und neigte den Kopf ein wenig, und sie wusste, dass das Wort „Chali“ – der Bruder der Mutter – in ihm mehr bewirkte als tausend Erklärungen. Sein Kiefer zitterte.
„Rascha?“, sagte er schließlich.
Rascha stand hinter ihnen, blass.
„Madschid.“
Keiner sprach. Zwischen ihnen lagen Jahre, eine Ohrfeige, ein Stipendium und ein Anruf in einer Winternacht.
Madschid streckte die Hand aus.
„Es tut mir leid. Ich weiß immer noch nicht, wie man es sagt. Aber ich möchte es hier sagen, am Flughafen, unter Leuten, nicht im Haus. Weil ich nicht will, dass es etwas ist, das man verbirgt.“
Rascha sah auf seine Hand. In der Halle herrschten Lärm, Koffer und Menschen, die sich umarmten, und im Hintergrund rief eine Frau: „Willkommen, meine Liebe!“
Sie reichte ihm die Hand.
„Angenommen.“
Sie umarmten sich nicht. Aber sie gaben einander die Hand, und das war das Stärkste, was zwischen zwei Geschwistern an diesem Ort geschehen konnte.
Auf der Fahrt vom Flughafen saß Laila auf dem Rücksitz und sah auf die Straßen: Schilder auf Arabisch, Märkte, Kinder, die zwischen den Autos Ball spielten. Die Stadt war kleiner, als sie sie sich vorgestellt hatte, und lauter. Ihr Wagen fuhr an einem kleinen, geschlossenen Schreibwarenladen vorbei, vor dem ein rostiger Metallrollladen hing.
Rascha sah es und sagte nichts.
Zweiunddreißigstes Kapitel: Das Haus mit den drei Stockwerken
Das Haus war kleiner, als Hanan es in Erinnerung hatte. Oder vielleicht war sie größer geworden.
Sie stand an der Schwelle der Holztür und sah die Treppe, die sie hundertmal hinaufgestiegen war, das Brot im Arm, die Lampe über dem Eingang und das kleine Fenster, an dem sie gestanden und auf die Straße hinuntergesehen hatte, um Fremde zu beobachten. Der Geruch des Hauses hatte sich nicht verändert: Seife, Moschus und alter Kaffee.
„Mama.“
Sie wusste nicht, wer es gesagt hatte. Die Stimme kam aus dem Inneren, schwach, zitternd.
Sie trat ein.
Ihre Mutter saß auf einem großen Sofa, umgeben von Kissen, ihr weißes Haar dünn unter einem weißen Tuch, das Gesicht war kleiner geworden und eingefallen, als verstecke es sich. Ihre Hände lagen zitternd auf den Knien.
„Hanan?“
„Ich bin es.“
„Komm.“
Sie ging zu ihr und kniete sich neben das Sofa und legte den Kopf in den Schoß der Mutter, wie sie es mit sieben getan hatte. Die Mutter sagte nichts. Sie legte ihre zitternde Hand auf den Kopf der Tochter, und sie wusste, dass jedes Wort den Augenblick verderben würde.
Laila stand neben Rascha in der Tür und sah eine Szene, die sie nie erlebt hatte: eine Frau, die nach zwanzig Jahren in ihre Kindheit zurückkehrt.
„Und die da?“, sagte die Mutter schließlich, mit plötzlich scharfer Stimme.
„Laila. Meine Tochter.“
„Komm, mein Herz. Ich will dein Gesicht sehen.“
Laila trat schüchtern näher. Die Großmutter nahm ihr Gesicht in beide Hände und sah es lange an, wie man ein altes Gemälde ansieht.
„Du gleichst ein wenig deinem Vater. Und du gleichst mir. Weißt du das?“
„Nein.“
„Die Augenbrauen. Von der Seite meiner Mutter.“
Laila lachte und wusste nicht, warum ihr die Augen feucht wurden.
Am Abend, als sie am großen Tisch saßen, ging Suha in die Küche und kam wieder heraus, Madschid sprach über Preise und Strom, Rascha schwieg, und Laila betrachtete Teller, deren Namen sie nicht kannte.
Plötzlich trat ein Mädchen von fünfzehn Jahren in den Raum, schmal, mit langem schwarzem Haar, das hinten zusammengebunden war, und mit großen Augen, die denen Madschids in seiner Jugend glichen. In der Hand hielt es ein Handy.
„Das ist Sama“, sagte Madschid.
„Hallo.“
„Guten Tag.“
Die beiden Grüße wurden ohne Wärme gewechselt. Aber als Sama sich auf den Stuhl gegenüber von Laila setzte, sah Laila, dass das Mädchen sie mit hungriger Neugier anstarrte, wie jemand, der ein Bild gesehen hat, das nichts mit dem zu tun hat, was man in seinem Haus aufhängt.
„Kommst du aus Deutschland?“
„Ja.“
„Und sprichst du Deutsch?“
„Ja.“
„Kannst du etwas sagen?“
Laila sagte einen Satz auf Deutsch, langsam, wie man einem Kind ein Wort hinhält.
„Was heißt das?“
„Dass du schöne Augen hast.“
Sama lachte, und ihr Gesicht färbte sich rot. Madschid sah die beiden schweigend an und verbarg seine Verwunderung hinter Ernst.
In der Nacht, als die Großmutter schlief und alle sich zerstreut hatten, trat Sama an Lailas Zimmer heran.
„Darf ich hereinkommen?“
„Natürlich.“
Sie setzte sich auf den Rand des Bettes und hielt ihr Handy fest.
„Laila, darf ich dich etwas fragen?“
„Frag.“
„Mama hat gesagt, du arbeitest mit Mädchen wie mir, Mädchen in der Schule, und du beschützt sie.“
„Ich versuche es.“
„Wovor?“
„Vor Menschen, die ihnen wehtun oder sie täuschen wollen.“
Sama schwieg und starrte weiter auf ihr Handy.
„Und wenn es nicht um mich geht?“
„Wie meinst du das?“
„Um meine Freundin.“
„Wer ist sie?“
„Dana. In meiner Klasse.“
„Und was ist ihr passiert?“
„Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf.“
„Du sagst mir nicht ihr Geheimnis. Du fragst mich, wie du ihr helfen kannst. Das ist etwas anderes.“
Einen Augenblick lang war es still.
„Da ist ein Junge, der ihr droht.“
„Womit?“
„Mit einem Bild. Einem Bild, das sie von sich selbst gemacht und ihm geschickt hat. Er sagt, er veröffentlicht es, wenn sie nicht tut, was er verlangt.“
Lailas Gesicht veränderte sich nicht. Es war der Augenblick, für den sie seit Jahren trainierte.
„Erstens: Du hast das Richtige getan, dass du es mir gesagt hast. Zweitens: Der, der droht, macht den Fehler, nicht sie. Verstehst du den Unterschied?“
„Ja.“
„Drittens: Sie zahlt ihm nichts und schickt ihm nichts mehr. Zahlen oder Schicken bringt ihn dazu, mehr zu wollen.“
„Und was tut sie?“
„Sie hebt die Nachrichten auf, ohne eine zu löschen, und sagt es einem Erwachsenen, dem sie vertraut. Hat sie eine Mutter oder eine Lehrerin?“
„Ihre Mutter schlägt sie vielleicht.“
„Dann eine Lehrerin. Oder wir sprechen mit jemandem, der helfen kann. Gibt es an eurer Schule eine Beraterin?“
„Ja. Aber wir haben Angst vor ihr.“
„Warum?“
„Weil sie es vielleicht unseren Eltern meldet.“
Laila überlegte. Sie wusste, dass hier der Knoten lag: dass eine geschlossene Gesellschaft die Hilfe selbst zur Drohung macht. Die Beraterin, die da war, um das Mädchen zu schützen, war in den Augen des Mädchens zu einem Ableger der Hausgewalt geworden.
„Wir finden einen Weg. Aber tu heute Nacht nichts. Heb nur alles auf.“
Sama sah sie mit vollen Augen an.
„Warum weißt du das alles?“
„Weil ich etwas Ähnliches erlebt habe.“
„Und was ist passiert?“
„Eine lange Geschichte. Ich erzähle sie dir später. Wichtig ist jetzt, dass du weißt: Du bist nicht allein. Und Dana auch nicht.“
Sama ergriff plötzlich ihre Hand, und weil sie nicht wusste, wie sie ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte, sagte sie nur:
„Du bist wie meine Mutter. Aber ruhiger.“
Laila lächelte.
„Das ist das Schönste, was man mir gesagt hat.“
Dreiunddreißigstes Kapitel: Was die Mutter nicht gesagt hatte
Am vierten Tag wachte Hanan von der Stimme ihrer Mutter auf, die sie rief.
Die Sonne war schon aufgegangen. Sie trat in das Zimmer der Großmutter und fand sie auf dem Bett sitzend, im weißen Tuch, und auf dem Tisch neben ihr stand ein Glas Wasser, das sie nicht angerührt hatte.
„Schließ die Tür.“
Sie schloss sie.
„Setz dich hierher.“
Hanan setzte sich auf die Bettkante. Das Gesicht der Mutter war müde, aber ihre Augen waren klarer als vor Tagen.
„Hanan, ich werde sterben.“
„Mama …“
„Nein, lass mich reden. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst, zu sterben, ohne dir etwas gesagt zu haben.“
„Sag es.“
„Ich habe dir Unrecht getan.“
Hanan schwieg. Das hatte sie nicht erwartet.
„Nicht mit Härte. Mit Schweigen. Ich habe dich mit zwanzig verheiratet, obwohl du das Lernen liebtest. Ich habe mir gesagt, das sei gut für dich und der Mann sei gut. Und in der letzten Nacht hast du geweint, und ich habe zu dir gesagt: Alle Mädchen weinen.“
„Und das stimmte.“
„Es stimmte nicht. Du hast geweint, weil du nicht wolltest. Aber ich habe dir nicht gesagt, dass auch ich an meinem Hochzeitstag geweint habe.“
Hanan sah sie an.
„Du?“
„Ich. Ich war achtzehn. Ich habe deinen Vater geheiratet und hatte ihn nur zweimal gesehen. Man sagte mir: Das ist ein rechtschaffener Mann. Und er war es. Er hat nie die Stimme gegen mich erhoben. Aber ich habe ihn nie geliebt.“
Hanan saß regungslos. Dieser Satz, von einer Mutter von vierundsiebzig zu ihrer Tochter gesagt, zerstört mehr von der Legende als tausend Romane: der Legende vom Haus, das auf Liebe gebaut wurde und in Wahrheit auf einer Abmachung, von der alle als schöner Pflicht lebten.
„Und es gab einen anderen Mann in meinem Leben.“
Sie sagte es in ruhigem Ton, als erzähle sie von einem Fremden.
„Bevor ich heiratete. Er hieß Selim. Der Sohn der Nachbarn. Wir tauschten Blicke vom Fenster aus. Einmal grüßte er mich auf der Straße und sagte ein Wort. Und einmal legte er mir einen Zettel unter die Tür.“
„Und was stand auf dem Zettel?“
„Ich erinnere mich nicht. Aber ich erinnere mich, dass ich in dieser Nacht lächelnd eingeschlafen bin.“
Sie lachte ein schwaches Lachen.
„Ich habe geheiratet. Und er hat geheiratet. Und ich habe erfahren, dass er vor zwei Jahren gestorben ist. Und ich liege hier in meinem Bett und erinnere mich noch immer an sein Lachen.“
„Mama …“
„Sag nichts. Ich will kein Mitleid von dir. Ich will dir sagen: Könnte ich zurück, ich würde anders handeln. Ich weiß nicht, wie. Aber ich hätte mich gefragt: Was will ich?“
„Und warum hast du dich nicht gefragt?“
„Weil keiner fragte. Und wenn dich keiner fragt, glaubst du, die Frage sei verboten.“
Sie schwieg. Dann sagte sie:
„Und jetzt höre ich von Madschid und Suha, dass deine Tochter mit ihrem Mann zusammenlebt, ohne verheiratet zu sein.“
„Laila. Und das ist ihre Sache.“
„Ich weiß. Madschid hat es mir wütend gesagt. Und ich war nicht wütend. Ich habe ihn gefragt: Und was heißt das? Ist er ein guter junger Mann? Da hat er mich verblüfft angesehen, denn ich hatte nicht gefragt: ‚Ist er Muslim?‘, sondern: ‚Ist er gut?‘“
Hanan lächelte.
„Und was hat er gesagt?“
„Er hat gesagt: Ich weiß nicht.“
„Und er ist gut.“
„Sehr.“
„Dann genügt mir das.“
Hanan beugte sich vor und küsste ihre Hand.
„Und da ist noch etwas.“
„Sag.“
„Unser Nachbar Abu Nabil. Ein Witwer wie ich. Er kommt jeden Abend und fragt nach meiner Gesundheit. Und ich weiß, dass er etwas anderes will. Und ich habe nicht Nein zu ihm gesagt. Und ich habe nicht Ja gesagt.“
„Und was willst du?“
„Ich weiß nicht. Aber ich warte jeden Abend darauf, sein Klopfen an der Tür zu hören.“
Hanan lachte, und die Tränen liefen ihr.
„Mama! Du bist vierundsiebzig!“
„Und verbietet das Alter das Herz? Ich habe gehört, dass in Deutschland eine Frau von neunundsiebzig einen Mann von vierundachtzig geliebt hat.“
„Gertrud. Woher weißt du das?“
„Laila hat mir von ihr erzählt. Und ich habe mir gesagt: Wenn eine fremde Frau am Ende der Welt das tut, warum warte ich dann auf den Tod, ehe ich es mir erlaube?“
„Und was wirst du tun?“
„Ich werde mit Madschid sprechen.“
„Und wenn er ablehnt?“
„Dann lehnt mein Sohn ab, und ich bin eine Frau, die will. Und wir werden sehen, wer gewinnt.“
Es war ein Satz, den Hanan sich nie hätte vorstellen können, aus dem Mund ihrer Mutter zu hören. Und sie wusste auch, dass der, der Grenzen zu ziehen versucht, nicht notwendig Macht über das Herz hat.
Am Abend trat Abu Nabil ein, im gebügelten Hemd, in der Hand eine Schachtel Maamoul.
Er war sechsundsiebzig, hager, mit einem gütigen Gesicht und vorsichtigen Augen. Er stand an der Tür und sah die Großmutter an, die ihr schönstes Tuch umgelegt hatte.
„Guten Abend, Abu Nabil.“
„Guten Abend, Umm Madschid. Wie geht es dir heute?“
„Besser.“
„Gott sei Dank.“
Er setzte sich in ihre Nähe und reichte ihr die Schachtel. Und keiner sprach von irgendetwas. Sie tranken ihren Kaffee und sprachen über das Wetter, die Preise und die Kinder.
Draußen, hinter der Tür, standen Hanan und Laila und sahen durch den Spalt auf die Szene.
„Mama“, flüsterte Laila, „weißt du, was ich sehe? Ich sehe meine Großmutter lachen.“
„Ja.“
„Und das heißt, dass ich mich geirrt habe. Ich dachte, Großmütter verlieben sich nicht.“
Hanan lächelte.
„Wir hören mit nichts auf. Wir hören nur auf, es einzugestehen.“
Vierunddreißigstes Kapitel: Lamis
Am sechsten Tag kam Lamis zu Rascha.
Rascha erkannte sie auf den ersten Blick nicht. Lamis war das Mädchen, das vor zehn Jahren in der zehnten Klasse einen Zettel geschrieben hatte, und nun war sie eine Frau von sechsundzwanzig, das Haar unter einem rosa Tuch, die Augen noch immer weit, aber in ihnen lag etwas Müdes.
„Frau Lehrerin?“
„Lamis! Bist du es?“
„Ja.“
„Komm!“
Sie umarmten sich. Als Lamis sich löste, sah Rascha, dass ihre Augen glänzten.
Sie setzten sich in das kleine Wohnzimmer. Madschid war zur Arbeit gegangen, Suha stand in der Küche, und Sama war in der Schule.
„Wie geht es dir?“
„Gut.“
„Ich kenne diesen Satz. ‚Gut‘ heißt manchmal das Gegenteil.“
Lamis lächelte traurig.
„Du liest immer noch in den Gesichtern der Leute.“
„Ein wenig.“
„Ich habe vor einem Jahr geheiratet. Hischam. Ein guter Mann, Ingenieur, seine Familie ist in Ordnung.“
„Und?“
„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.“
„Sag es, wie du willst.“
„In der Hochzeitsnacht … konnte ich nicht.“
Rascha schwieg.
„Ich meine … ich konnte nicht …“
Die Worte brachen ab.
„Sag nicht mehr. Ich habe verstanden.“
„Seit einem Jahr ist nichts geschehen. Jedes Mal verkrampfe ich mich und weine. Und er ist geduldig. Aber er fängt an zu fragen: Gibt es etwas, das ich nicht weiß? Hast du einen anderen geliebt? Und ich weiß nicht, was ich antworten soll.“
„Hast du es jemandem erzählt?“
„Meine Mutter hat gesagt: ‚Geduld, mein Kind, am Anfang haben Mädchen Angst.‘ Und meine Schwiegermutter hat gesagt: ‚Vielleicht willst du meinen Sohn nicht.‘ Und ich weiß es nicht.“
„Lamis, wann hast du etwas über deinen Körper gelernt? Über das, was zwischen Mann und Frau geschieht?“
„Eine Woche vor der Hochzeit.“
„Von wem?“
„Von meiner Mutter. Sie sagte: ‚Halt aus, es geht vorbei.‘“
Rascha kannte diesen Satz. Sie hatte ihn vor fünfundzwanzig Jahren von vielen Frauen gehört. Und er ist, wie jeder weiß, der ihn gehört hat, der verbreitetste Rat in der Geschichte der Mütter und der am wenigsten nützliche: ein Rat, mit dem ein Mädchen auf das gemeinsame Leben vorbereitet wird, wie man einen Patienten auf eine Operation vorbereitet.
„Warst du bei einer Ärztin?“
„Nein. Ich habe Angst.“
„Warum?“
„Weil ich sagen müsste, dass ich nicht konnte, und dann wüssten es alle.“
„Eine Ärztin erzählt es niemandem. Und es gibt Ärzte, die sich darauf spezialisiert haben, und was du beschreibst, ist häufiger, als du denkst. Dein Körper lehnt deinen Mann nicht ab. Dein Körper hat Angst. Die Angst hat gelernt, dass er sich nicht entspannen darf.“
„Hat Angst vor mir?“
„Vor allem, was du gelernt hast: dass die Sache gefährlich ist, dass sie Schande ist, dass sie wehtut, dass man sie ertragen muss. All diese Botschaften bauen eine kleine Mauer um den Körper.“
Lamis’ Augen wurden feucht.
„Und kann man sie einreißen?“
„Ja. Aber langsam und ohne Scham.“
„Und Hischam?“
„Weiß er, dass du Angst hast?“
„Nein. Er glaubt, ich weise ihn zurück.“
„Dann sag ihm, was du mir gesagt hast. Sag nicht: ‚Ich bin schwach.‘ Sag: ‚Ich habe Angst, und ich brauche Hilfe.‘“
„Und wenn er zornig wird?“
„Vielleicht wird er zornig. Aber sein Zorn wird kleiner sein als seine Angst. Und wenn er ein guter Mann ist, wird er zuhören.“
Lamis schwieg lange.
„Warum hat uns das keiner beigebracht?“
„Weil es sie keiner gelehrt hat.“
Rascha schrieb einen Namen auf einen kleinen Zettel und reichte ihn ihr.
„Das ist die Nummer einer Frauenärztin, die ich kenne. Ich rufe sie selbst an.“
Als Lamis gegangen war, stand Rascha am Fenster und sah auf die Straße. Sie hatte ihr nichts Großes erklärt. Aber sie dachte, dass zwischen einem Mädchen, das in der zehnten Klasse einen Zettel schreibt, und einer Frau, die in ihrer Hochzeitsnacht weint, ein einziger Faden läuft: Niemand spricht. Und dass die Scham, wenn sie im Schweigen gemacht wird, zum Körper wird.
Fünfunddreißigstes Kapitel: Was Madschid tut
Laila schlief in dieser Nacht nicht.
Sie dachte an Dana, das Mädchen, das sie nie gesehen hatte, an den Jungen, der in seinem Handy eine kleine Waffe trug, und daran, dass sie nicht wusste, wie das Gesetz hier arbeitet und wie die Beraterinnen sich verhalten und wie ein Fremder in ein Haus eingreifen kann, das nicht seines ist.
Am Morgen fand sie ihre Mutter in der Küche beim Teekochen.
„Mama, ich muss mit dir reden.“
„Sag.“
Sie erzählte ihr alles, ohne den Namen des Mädchens zu nennen. Hanan hörte schweigend zu, und als Laila fertig war, stellte sie das Glas hin.
„Und was denkst du?“
„Ich will es Onkel Madschid sagen.“
„Warum ihm?“
„Weil man die Sache hier nicht allein mit dem Gesetz löst. Und weil er ein Mann ist, auf dessen Wort in seiner Gesellschaft gehört wird. Und weil ich weiß, dass er sich verändert hat.“
„Und wenn er einen Fehler macht?“
„Dann haben wir es versucht.“
Hanan überlegte.
„Laila, du weißt, dass du die Sache einem Mann in die Hand gibst, der schreien oder strafen oder bloßstellen könnte.“
„Ich weiß. Aber wenn ich kein Risiko eingehe, bin ich wie jemand, der das Mädchen allein lässt, weil er Angst hat, einen Fehler zu machen.“
Ihre Mutter sah sie mit einem Stolz an, den sie nicht verbergen konnte.
„Ich bin bei dir.“
Mittags setzten sie sich ins Wohnzimmer: Laila, Hanan und Madschid, und Suha stand an der Tür.
„Ich nenne dir den Namen des Mädchens nicht“, begann Laila ruhig. „Aber ich brauche deine Hilfe.“
„Sag.“
„Ein Mädchen an Samas Schule, eine Jugendliche, wird von einem Jungen mit einem privaten Foto erpresst. Und er verlangt Dinge von ihr.“
Madschids Gesicht verhärtete sich, und Laila stellte sich den Augenblick der Explosion vor. Aber er schrie nicht.
„Wer ist der Junge?“
„Ich kenne nur seinen Vornamen: Ziad. Siebzehn, aus dem Nachbarviertel.“
„Und das Mädchen …“
„Hat nichts falsch gemacht. Wer droht, macht den Fehler.“
Madschid schwieg. Seine Augen lasen unsichtbare Worte an der Wand. Dann sagte er mit leiser Stimme:
„Das hat mir vor Jahren jemand bei der Arbeit gesagt: dass man ein bedrohtes Mädchen nicht beschuldigt. Und ich habe es nicht geglaubt.“
„Und glaubst du es jetzt?“
„Ich versuche es.“
„Kennst du Ziads Eltern?“
„Wenn er aus dem Nachbarviertel ist, kenne ich seinen Vater. Ein Angestellter in unserem Amt. Gut in der Arbeit, streng zu Hause.“
„Madschid“, sagte Hanan vorsichtig, „wirst du zu ihm gehen?“
„Ja. Aber ich will dem Mädchen nicht schaden, und das Viertel soll es nicht erfahren. Ist das möglich?“
„Es ist möglich. Deshalb fragen wir dich.“
Laila legte ihr Handy auf den Tisch.
„Wir haben Schritte: Wir zahlen ihm nichts und schicken ihm nichts. Wir heben alle Nachrichten auf. Wir rufen seinen Vater ruhig an, ohne persönliche Beschuldigung und ohne Skandal. Wir sagen ihm: ‚Dein Sohn hat etwas Gefährliches getan, und du bist dafür verantwortlich, es zu beenden.‘ Und wenn es nicht aufhört, gibt es eine Stelle, die solche Anzeigen entgegennimmt.“
„Gibt es die hier?“
„Ja. Ich habe heute Nacht danach gesucht.“
„Dann rufe ich heute Abend seinen Vater an.“
„Und Suha?“, sagte Laila plötzlich. „Kann sie die Mutter des Mädchens anrufen? Mit der Stimme einer Frau. Ich glaube, die Mutter muss hören, dass ihre Tochter nicht angeklagt ist.“
Madschid wandte sich seiner Frau zu. Ihre Augen glänzten.
„Tu es.“
„Ich?“
„Du weißt, wie man mit ihnen spricht.“
Es war ein einfacher Satz. Aber Suha, die fünfzehn Jahre gelebt hatte, ohne in irgendetwas gefragt zu werden, stand verblüfft da.
„Ich tue es.“
Am Abend setzte Madschid sich in ein Nebenzimmer und rief Ziads Vater an, mit vorsichtigem Gesicht. Laila hörte die Einzelheiten des Gesprächs nicht, aber sie sah ihn nach einer halben Stunde mit müden Zügen herauskommen.
„Was hat er gesagt?“
„Zuerst hat er seinen Sohn verteidigt. Er sagte, er sei ein Junge, und alle seien so. Dann habe ich ihm gesagt: ‚Und wenn es deine Tochter wäre?‘ Da war er still.“
„Und dann?“
„Er hat gefragt: Was willst du? Ich habe gesagt: Dass du sein Handy nimmst und alles löschst und mit ihm sprichst und dich bei den Eltern des Mädchens entschuldigst, ohne den Namen zu sagen. Sonst erstatte ich Anzeige.“
„Und vorher?“
„Er hat um eine Stunde gebeten. Danach hat er angerufen. Er sagte, er habe das Handy genommen und seinen Sohn geschlagen …“
„Madschid!“
„Ja. Aber ich habe ihm gesagt: Schlag ihn nicht. Das lehrt ihn nichts. Setz dich nur zu ihm und sag ihm, warum es falsch ist.“
Laila sah ihn erstaunt an.
„Und hat er zugehört?“
„Ich weiß nicht. Aber er hat gesagt: ‚Du bist der Erste, der mir das sagt.‘“
Madschid setzte sich und rieb sich mit den Handflächen das Gesicht.
„Laila, ich weiß nicht, wie du diese Dinge gelernt hast. Aber ich weiß, dass ich den Jungen selbst geschlagen hätte, wärst du nicht hier gewesen.“
„Und du hast dich entschieden, es nicht zu tun.“
„Weil du gesagt hast, dass Schlagen die Angst nicht löscht, sondern weiterreicht.“
Und er fügte langsamer hinzu:
„So wie ich sie an Rascha weitergereicht habe.“
Laila sagte nichts. Sie wusste, dass das Beste war, den Satz in der Luft hängen zu lassen, als sei er ein Eingeständnis, das keine Antwort braucht.
In derselben Nacht waren es nicht die Zwiebeln in Suhas Küche, die sie zum Weinen brachten.
Keiner hört, was eine Frau sagt, wenn sie Zwiebeln schneidet. Suha steht am Arbeitstisch und schneidet, und die Tränen laufen ohne Scham, und das ist das Beste daran: dass sie weinen kann, ohne dass jemand fragt. Im anderen Zimmer sieht Madschid die Nachrichten, Sama lernt, und Madschids Mutter döst.
„Warum weinst du?“, fragte sie sich.
„Die Zwiebeln.“
„Und sonst?“
„Sonst nichts.“
„Lügnerin.“
Sie legte das Messer hin. Vor dem kleinen Fenster schlief das Viertel.
Wann hatte ihr zuletzt jemand „Danke“ gesagt? Vor drei Tagen, als sie ihm Tee reichte. Und hatte er es gemeint? Nein. Er sagte es, wie man „Guten Morgen“ sagt. Und sie? Hatte sie es gemeint, als sie „Bitte sehr“ sagte? Vielleicht sagte sie es, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte. Und dieser Satz war das Aufrichtigste, was sie je gehört hatte.
Fünfzehn Jahre in dieser Küche, sie kochte und putzte und stellte Teller hin und hörte die Großmutter klagen, Madschid sich beschweren, Sama etwas verlangen. Und keiner fragte: Was willst du? Und sie fragte sich selbst nicht, weil sie sich vor der Antwort fürchtete: dass sie das hier nicht will. Sie legte die Hand auf den Mund. Sie hatte es nie zuvor gesagt, nicht einmal in Gedanken.
Und sie hasste Madschid nicht. Er war ein guter Mann und hatte sie nie geschlagen. Aber er hatte sie nicht gehört. Reichte das, um ihn zu hassen? Nein. Aber es reichte, um zu weinen.
Sie wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ab. Sie hatte ihm einmal gesagt: „Du wirst Sama beibringen, dass man für Liebe geschlagen wird.“ Sie wusste nicht, woher der Satz gekommen war; etwas in ihr war geplatzt. Und er hatte sie zum ersten Mal seit Jahren angesehen. Und sie hatte gesehen, dass er Angst hatte. Sie auch. Und das war eine gemeinsame Grenze.
Sie wandte sich wieder den Zwiebeln zu und begann ruhig zu schneiden. Was brauchte sie? Gefragt zu werden. Dass Madschid sie fragte, was sie dachte und was sie wollte, auch wenn die Antwort „Ich weiß nicht“ lautete. Und warum sagte sie es ihm nicht? Weil sie sich schämte und weil ihre Mutter ihr gesagt hatte: „Die Frau, die viel verlangt, wird verlassen.“ Und die, die nichts verlangt? Wird vergessen. Und was ist schlimmer? Das Vergessen.
Sie wusch sich die Hände. Morgen würde sie ihm sagen: „Madschid, wir müssen reden.“ Und wenn er nicht zuhörte? Dann würde sie es noch einmal sagen. Und wenn er auch dann nicht zuhörte? Dann wüsste sie es. Und es war das erste Mal, dass sie beschloss, eine neue Grenze zu öffnen: die zwischen Ertragen und Aussprechen.
Und sie hörte Schritte hinter sich. Madschid stand an der Küchentür, im Nachthemd, in der Hand ein leeres Glas.
„Suha?“
„Ja.“
„Geht es dir gut?“
Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Das hatte er sie seit dreizehn Jahren nicht gefragt.
„Gut.“
„Nein. Es sieht nicht so aus.“
„Ich … ich muss reden.“
„Jetzt?“
„Wenn du Zeit hast.“
Er stellte das Glas auf den Tisch.
„Ja. Setz dich.“
Sie setzte sich, und er setzte sich. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass zwei Menschen in einer Küche saßen, ohne dass der eine etwas vom anderen verlangte.
Eine Woche später kam Sama hüpfend herein:
„Dana geht es gut. Ziad hat sich bei ihr entschuldigt und alles vor ihrer Mutter gelöscht. Und ihre Mutter hat sie nicht geschlagen.“
„Ich freue mich.“
„Und sie sagt dir: Danke.“
„Ich habe nichts getan. Dein Onkel hat es getan.“
„Nein. Du warst die Erste, die mir gesagt hat, was ich tun soll.“
Laila sah das Mädchen an und erkannte in ihm sich selbst vor zehn Jahren: die großen Augen und den Wunsch, zu glauben, dass die Welt sicher sein kann. Und sie dachte, dass das, was in Waldberg ein erstickendes Geheimnis gewesen war, in einer arabischen Stadt zu einem gemeinsamen Schutz werden kann, wenn es dort einen Mann gibt, der zuhören kann, und eine Frau, der man zu sprechen erlaubt.
Sechsunddreißigstes Kapitel: Der geschlossene Laden
Am zwölften Tag beschloss Rascha, zum Laden zu gehen.
Sie sagte es keinem. Sie zog ihren Mantel an und ging auf die Straße, zwischen den Häusern hindurch, die sie Stein für Stein auswendig kannte, bis sie zu der Ecke kam, an der sie in ihrer Erinnerung elf Jahre lang vorübergegangen war. Der Laden war so, wie sie ihn am Ankunftstag aus dem Auto gesehen hatte: ein rostiger Metallrollladen, ein verblichenes Schild, staubiges Glas.
Sie blieb davor stehen. Sie hatte kein Ziel. Sie wollte nur stehen.
„Suchen Sie etwas?“
Sie wandte sich um. Ein Mann von vierundvierzig stand an der Nachbartür, in einer dunkelblauen Jacke, das Haar an den Schläfen ergraut, in der Hand einen Schlüssel. Sie sah ihn weiter an, dann sagte sie mit einer Stimme, die sie nicht kannte:
„Fadi?“
„Rascha.“
Er sagte nicht „Frau Lehrerin“, wie er es in den Nachrichten gesagt hatte. Er sagte ihren Namen, schlicht, als stünde er am Anfang von nichts mehr.
„Was machst du hier?“
„Ich bin seit zwei Tagen zurück. Ich verkaufe den Laden. Der Besitzer nebenan hat ihn mir für wenig abgekauft. Heute habe ich die Schlüssel genommen.“
„Ich … ich bin nur vorbeigegangen.“
„Ich habe dich vom Fenster aus gesehen. Du stehst seit zehn Minuten da.“
„Das habe ich nicht gemerkt.“
Er lächelte.
„Willst du hereinkommen?“
„Darf man?“
„Es ist sein letzter Tag.“
Er zog den Rollladen langsam hoch, und er stieg mit langem Quietschen. Der Laden war klein, leer bis auf Holzregale, Stiftspuren und alte Papiere auf dem Boden. Sie traten ein.
Fadi stand in der Mitte und sah sich um.
„Nichts hat sich verändert. Und alles hat sich verändert.“
„Wie geht es dir?“
„Gut. Ich bin seit sieben Jahren verheiratet. Ich habe zwei Söhne.“
„Wie heißen sie?“
„Anas und Kinan.“
„Schön.“
„Und du?“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Ich weiß. Meine Schwester hat mir von hier geschrieben. Sie sagte, du seist Lehrerin in Deutschland.“
„Ich lehre an der Universität.“
„Gut gemacht.“
Sie schwiegen. In dem Schweigen lag keine Feindschaft und keine große Reue. Es war das Schweigen eines Menschen, der vor einem Fluss steht, der nach langer Dürre in sein Bett zurückgekehrt ist.
„Rascha“, sagte er schließlich. „Hast du es ausgehalten?“
„Was?“
„Madschid. Und die Tage. Nach mir.“
„Und du?“
„Ich bin gereist. Das war leichter. Du bist geblieben.“
„Ich bin auch gereist, zwei Jahre später. Aber ich war vorher im Haus geblieben und habe gesehen, was ich gesehen habe.“
Sie holte Luft.
„Ja. Und es war schwer. Aber ich will niemandem die Verantwortung für das geben, was geschah, weder dir noch Madschid. Wir haben uns alle innerhalb von Mauern bewegt, die wir nicht gebaut hatten.“
„Und ich dachte, du würdest mich hassen.“
„Ich habe dich nicht gehasst. Ich habe gewartet, bis ich verstehe.“
„Und hast du verstanden?“
„Teilweise: dass du nichts Falsches getan hast und ich auch nicht und dass die Welt nicht bereit war.“
Fadi griff in seine Jackentasche und holte einen kleinen gefalteten Zettel heraus.
„Der ist für dich.“
„Was ist das?“
„Die letzte Nachricht. Ich habe sie mit eigener Hand abgeschrieben, nachdem dein Handy zerbrochen wurde. Ich habe sie aufgehoben und dachte, ich gebe sie dir eines Tages, und wusste nicht, wie.“
Sie nahm ihn mit zitternder Hand und faltete ihn auf.
„Ich weiß nicht, was du mir bist. Aber ich weiß, dass ich angefangen habe, auf den Abend zu warten.“
Sie las den Satz, dann las sie ihn noch einmal. In diesem Augenblick lag in ihren Augen keine Sehnsucht. Es war etwas Seltsameres und Ruhigeres: Dankbarkeit, dass jemand auf diese Weise an sie gedacht hatte, auch wenn es nicht zu Ende kam.
„Danke.“
„Und ich entschuldige mich.“
„Wofür?“
„Dass ich nicht mehr gekämpft habe.“
„Du konntest nicht.“
„Vielleicht. Aber manchmal denke ich: Hätte ich den Preis einer Wohnung besessen, oder hätte ich keine zwei Schwestern gehabt, wie wäre es gelaufen.“
„Wir wissen es nicht.“
„Und wir müssen es nicht.“
Sie lächelte.
„Dieser Satz begegnet mir in diesen Tagen oft in meinem Leben.“
Sie standen einen Augenblick in dem stillen Laden. Dann sagte er:
„Ich habe gehört, dass deine Mutter krank ist.“
„Ja.“
„Grüß sie von mir. Und sag ihr, ich entschuldige mich für mein Fernbleiben.“
„Sie wird sich freuen.“
„Und wenn du willst, dass wir in Kontakt bleiben, als Freunde …“
„Nein.“
Sie sagte es freundlich.
„Warum?“
„Weil ich keine Tür öffnen will, die deiner Frau wehtun könnte oder mir. Und weil manche Geschichten gut abgeschlossen sind, wenn wir nicht versuchen, sie zu verlängern.“
Er nickte.
„Ich verstehe.“
„Aber ich freue mich, dass du gesagt hast, was du gesagt hast.“
Er reichte ihr die Hand, und sie nahm sie. Dann trat sie aus dem Laden ins Winterlicht, den Zettel in der Tasche.
Sie ging durch die enge Straße und dachte, dass ein Mensch nicht immer bekommt, was er will. Aber manchmal bekommt er, was er braucht: nach Jahren zu hören, dass etwas wahr gewesen war.
Siebenunddreißigstes Kapitel: Der Weg zum Friedhof
Sie wusste, dass es die letzte Nacht war.
Nicht, weil sie es jemandem gesagt hätte, aber etwas in ihrem Körper war leicht geworden, als bereite es sich auf eine Reise vor. Umm Madschid lag mit offenen Augen im Bett, in dem Zimmer brannte eine kleine Lampe, und der Duft der Rosen, die Abu Nabil mitgebracht hatte, hing noch in der Luft.
In ihr führten zwei Stimmen ein Gespräch, wie jeder Mensch es in seiner letzten Nacht führt. Die erste fragte: Hast du Angst? Und sie sagte: Nein. Nicht ein wenig? Ein wenig. Wovor? Dass ich nicht genug gesagt habe. Zu wem? Zu Hanan und zu Rascha und zu Madschid. Und was hast du nicht gesagt? Dass ich sie liebe.
Du hast es gesagt, antwortete die Stimme. Nein, sagte sie, ich habe etwas gesagt, das ihm ähnlich ist: „Hast du gegessen?“, „Warum bist du müde?“, „Zieh deinen Mantel an.“ Aber den Satz habe ich nicht gesagt. Und warum? Weil er in unserem Haus nie gesagt wurde. Und warum wurde er nicht gesagt? Weil meine Mutter ihn mir nicht gesagt hat.
Sie lachte mit schwacher Stimme. Eine Kette des Schweigens: Jede Mutter reicht ihrer Tochter ihr Schweigen weiter, wie sie ihr einen Ring reicht.
Sie schloss die Augen. Und fragte sich, ob sie ihrem Mann untreu sei, weil sie auch in dieser Nacht an Selim dachte. Schadete ihr das? Nein. Schadete es ihm? Er ist tot. Schadete es Abu Madschid? Auch er ist tot. Also schadet es niemandem. Aber sie schämt sich. Warum? Weil sie eine Frau von vierundsiebzig ist und an Liebe denkt. Kennt die Liebe ein Alter? Nein. Kennt Gott eines? Ich glaube nicht.
Im Zimmer lag ein schönes Schweigen. Und sie dachte an Abu Nabil und an das Klopfen, auf das sie jeden Abend wartete. Er hatte sie nie mit mehr berührt als mit einer Hand auf der Hand. Aber eine solche Berührung genügte, ihr ein Gefühl zurückzugeben, das sie vergessen hatte: dass jemand sie sieht. Und was, wenn sie ihm heute Nacht sagte, dass sie ihn liebt? Sie konnte nicht. Warum? Weil es zu spät ist. Verbietet die Zeit es? Nein. Warum hatte sie dann Angst? Weil sie es nie zuvor getan hatte.
Und sie hörte Schritte im Flur und ein leises Klopfen an der Außentür. Er war es. Sie hatte ihn um diese Stunde nicht erwartet.
„Umm Madschid?“, flüsterte er hinter der Tür. „Ich komme nur vorbei. Geht es dir gut?“
Sie lächelte.
„Komm herein.“
Er trat in seinem weißen Hemd ein, in der Hand eine kleine Tüte mit Trauben, und setzte sich neben das Bett.
„Du hast nicht geschlafen.“
„Nein.“
„Brauchst du etwas?“
„Ich muss dir etwas sagen.“
„Sag.“
„Ich weiß nicht, wie.“
„Fang irgendwo an.“
Sie sah ihn an, sein gütiges müdes Gesicht und die Hand, die er langsam nach ihrer ausstreckte.
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass du jeden Abend gekommen bist.“
„Ich danke dir.“
„Warum?“
„Weil ich, ehe ich hierherkam, auf nichts mehr gewartet habe.“
Keiner von beiden sagte das Wort Liebe. Aber die Hände blieben ineinander verschränkt im gedämpften Licht, und die Nacht zog leicht über sie hin wie eine Decke. Und als Abu Nabil auf dem Stuhl einschlief, ihre Hand haltend, sah sie an die Decke.
„Hast du gehört?“, fragte sie die Stimme. „Ich habe es gesagt.“
„Du hast es nicht gesagt.“
„Nein. Aber ich habe es gespürt.“
„Und reicht das?“
„Ja.“
Sie legte den Kopf aufs Kissen, die Augen halb geschlossen. Sie hatte keine Angst. Sie wartete nur, wie eine Frau auf einen Zug wartet, von dem sie weiß, dass er kommt.
Im Morgengrauen ließ Abu Nabil ihre Hand behutsam los und ging heim.
Dann starb die Großmutter, in einer Nacht, in der der Regen begann, ehe jemand wach war.
Es war kein tragischer Tod. Sie hatte vierundsiebzig Jahre gelebt, und wenige Tage vor ihrem Tod war sie zu ihrem Lieblingsplatz zurückgekehrt und hatte die Datteln gegessen, die Abu Nabil mochte, und Rascha aus einem alten Buch vorlesen hören. Am Morgen fand Suha sie ruhig auf dem Bett, die Hände auf der Brust, das Gesicht entspannt wie das eines eingeschlafenen Kindes.
Alle weinten. Sogar Madschid, der nicht weint, saß auf der Bettkante, den Kopf zwischen den Händen, und weinte, wie er mit fünfundzwanzig geweint hatte, als sein Vater starb.
Am Abend kamen die Nachbarn und Verwandten. Die Männer versammelten sich im großen Wohnzimmer und die Frauen im inneren Zimmer, wie es Brauch ist. Am nächsten Morgen kam der Scheich, um die Bestattung zu ordnen.
„Wir brechen nach dem Mittag auf“, sagte er. „Die Männer zum Friedhof, die Frauen bleiben im Haus.“
„Ich möchte mitgehen“, sagte Hanan.
Alle wandten sich ihr zu.
„Von Frauen ist nicht bekannt, dass sie zum Friedhof gehen“, sagte einer der Onkel.
„Ich weiß.“
„Das gehört zu den Bräuchen.“
„Ich weiß. Aber das ist meine Mutter. Ich habe zwanzig Jahre fern von ihr gelebt. Und ich will mich nicht von ihr hinter einer Mauer verabschieden.“
Es entstand ein schweres Schweigen. Der Scheich sah Madschid an.
Madschid stand in der Ecke, sein Gesicht war nicht zu lesen. Er sah seine Schwester an, dann den Scheich, dann den Boden.
„Scheich“, sagte er schließlich, „ich gebe keine Rechtsgutachten. Aber ich weiß, dass meine Mutter nie gesagt hat, sie verbiete es ihren Töchtern. Und ich werde meiner Schwester nichts verbieten.“
„Aber die Leute …“
„Die Leute gehen mich nichts an.“
Er hatte das nie zuvor gesagt, in keinem Alter des Zorns, der Angst und der Ehre.
„Ich fahre den Wagen. Und Hanan, Laila und Rascha kommen mit. Sie werden den Friedhof nicht betreten, wenn der Brauch es nicht will, aber sie werden an seinem Tor stehen. Und wir verabschieden sie gemeinsam.“
„Das willst du?“, fragte der Scheich verlegen.
„Das halte ich für gerecht.“
Mittags, nach dem Gebet, wurde der Sarg von den Händen der Männer getragen, und die Frauen gingen in einem kleinen Abstand hinterher: Hanan voran und an ihrer Seite Laila und Rascha, hinter ihnen Suha, und Sama hielt sich an den Händen fest. Einige Nachbarn begannen zu flüstern, aber keiner erhob Einspruch.
Am Friedhofstor blieben sie stehen, wie verabredet. Die Männer traten ein und trugen den Leichnam zur Grube, die Frauen blieben am Eisen.
Hanan hielt die Gitterstäbe mit beiden Händen und sah von weitem zu. Sie sah den Ort, an dem sie als Kind gespielt hatte, die rote Erde, die gefällten Bäume, und sie sah ihren Bruder sich bücken und selbst die Erde auf das Grab legen.
Auf der anderen Seite stand ein hagerer Mann in einem alten Mantel, ein weißes Taschentuch in der Hand. Es war Abu Nabil. Keiner trat zu ihm. Er stand allein, seine Schultern waren gebeugt, und die Tränen liefen lautlos.
Madschid sah ihn von weitem. Er ließ die Erde fallen und ging langsam zu ihm, durch das Schweigen der Leute. Als er ankam, stand er einen Augenblick vor ihm. Er sagte nichts. Dann streckte er die Hand aus und drückte seine, und ihre Hände blieben lange ineinander. Abu Nabil flüsterte etwas, das keiner hörte, und Madschid nickte, nahm seinen Arm, und sie gingen gemeinsam zum Grab.
Es war das Beredteste, was an diesem Tag gesagt wurde: dass ein Mann beschloss, einen anderen nicht allein trauern zu lassen, denn Trauer kennt kein Alter, keinen Rang und keine Erlaubnis der Gesellschaft.
Nach der Beerdigung, als die Männer ins Haus zurückkehrten, blieb Hanan am Friedhofstor stehen.
„Mama“, sagte Laila. „Komm.“
„Einen Augenblick.“
„Willst du etwas?“
„Ich will mir diesen Ort einprägen.“
„Wir kommen wieder.“
„Ja. Aber ich werde nicht mehr mit Angst zurückkommen.“
Sie sah auf die rote Erde und flüsterte dann mit einer Stimme, die nur sie hörte:
„Danke, Mama. Für alles, was du gesagt hast. Und für alles, was du nicht gesagt hast.“
Achtunddreißigstes Kapitel: Ein Brief unter dem Kopfkissen
Am letzten Tag, als Hanan in dem kleinen Zimmer ihre Kleider zusammenlegte, trat Suha zögernd ein.
„Umm Laila …“
„Ja?“
„Ich habe das unter dem Kissen der Hadscha gefunden.“
Sie reichte ihr einen alten Umschlag, auf dem in zitternder Schrift stand: „An Hanan.“
Hanan nahm ihn mit schweren Händen.
„Wann hat sie ihn geschrieben?“
„Ich weiß es nicht. Aber vor zwei Wochen hat sie mich um Papier und Stift gebeten.“
Hanan setzte sich aufs Bett und öffnete den Umschlag. Das Blatt war eine einzige Seite in gewundener Schrift mit kurzen Sätzen:
„Hanan, meine Tochter,
wenn du das liest, ruhe ich schon.
Ich bitte dich nicht um Verzeihung, denn ich weiß nicht, ob ich sie verdiene. Ich bitte dich zu leben. Alles, was ich versäumt habe zu tun, tu du, und warte auf niemandes Erlaubnis.
Und sag Laila, dass ihre Großmutter sie mehr geliebt hat, als sie es sagen konnte. Und sag Rascha, dass Vögel keinen Käfig brauchen, um geliebt zu werden. Und sag Madschid, dass er ein guter Sohn ist und dass Angst keine Schande ist, aber dass es eine Schande ist, sie zu vererben.
Und grüß Samir von mir. Er ist ein guter Mann. Aber ich möchte, dass du dich vergewisserst, dass seine Güte nicht genügt, wenn er nicht gelernt hat zuzuhören.
Deine Mutter.“
Hanan las es zweimal. Dann legte sie das Blatt auf die Brust und weinte lautlos.
Auf dem Flughafen stand Madschid neben ihr, in den Augen etwas, das man nicht sagt.
„Hanan.“
„Ja.“
„Wirst du wiederkommen?“
„Ja. Vielleicht im Sommer.“
„Wir werden auf dich warten.“
„Und Suha auch?“
„Suha. Und Sama. Und alle, die du willst.“
Sie berührte seinen Arm.
„Madschid, du bist nicht mehr der Mann, der du vor zehn Jahren warst.“
„Ich habe immer noch Angst.“
„Aber du hast gelernt, die Angst nicht zum Gesetz zu machen.“
Er antwortete nicht. Er nahm sie nur kurz in den Arm, ohne Worte zu gebrauchen.
Später, als das Flugzeug in der kalten Nacht aufstieg, lehnte Hanan den Kopf wieder an die Scheibe, aber diesmal zitterte sie nicht. Laila saß neben ihr, Rascha hinter ihnen, ein kleines Blatt in der Hand, das sie las und dabei lächelte.
„Mama“, flüsterte Laila.
„Ja?“
„Wirst du eines Tages zurückkommen, um hier zu leben?“
„Nein.“
„Warum?“
„Weil ich nicht mehr an einen einzigen Ort gehöre. Aber ich habe vor keinem Ort mehr Angst.“
„Und ich?“
„Du wirst dorthin gehören, wo du Menschen beschützt.“
Laila sah aus dem Fenster in die Dunkelheit unter ihnen, in der eine kleine arabische Stadt wie ein Lichtpunkt glänzte und verschwand. Und sie dachte, dass Grenzen keine Linien zwischen Ländern sind. Sie sind Linien innerhalb der Häuser und innerhalb der Brüste, und dass die, die sie löschen, sie nicht mit Gewalt löschen, sondern indem sie zusammensitzen, fragen und sie ein wenig weiter neu ziehen, bis der Ort für alle Platz hat.
Die Reise war zu Ende, aber die Fragen gehen weiter. Wir verlassen vielleicht eine Stadt und kehren nach zwanzig Jahren zu ihr zurück und finden, dass die Menschen weniger hart sind, als wir dachten, dass geschlossene Häuser kleine Fenster haben und dass Mütter unter ihren Kissen verbergen, was sie nicht zu sagen vermochten. Und was ich hier sagen möchte, ist einfach: Das Problem ist nicht, dass eine Gesellschaft offen und eine andere verschlossen wäre. Das Problem ist, dass jeder von uns glaubt, der Mut komme von der anderen Seite. Der Mut kommt, wenn ein Mensch, an irgendeinem Ort, beschließt, sich vor seine Tochter oder seine Schwester oder seine Mutter zu setzen und sie zu fragen: „Was willst du?“ – und dann der Antwort zuzuhören.
SECHSTES BUCH: DIE VERSPRECHEN
Jede Figur hat sich im Dunkeln etwas versprochen: „Morgen sage ich es.“ „Morgen frage ich.“ „Morgen öffne ich die Nachricht nicht.“
Aber die Versprechen, die man nachts gibt, begegnen am Morgen etwas, das ihnen nicht gleicht: hartem Licht, wirklichen Menschen, einem Körper, der den Plan verrät. Denn das Morgen kommt nicht, wie es versprochen wurde. Es kommt langsamer oder fremder oder kleiner, als wir dachten, und oft ist es schöner.
Die Kapitel dieses Buches bewegen sich zwischen den Zeiten der früheren Bücher; jedes beginnt bei einem Versprechen und geht ihm nach, ohne strenge zeitliche Ordnung. Ich folge auf diesen Seiten den Versprechen: Manche werden eingelöst, manche stolpern, manche verwandeln sich auf dem Weg in etwas, mit dem niemand gerechnet hat. Ich werde über keinen urteilen. Ich werde an ihrer Seite stehen, während sie es versuchen.
Neununddreißigstes Kapitel: Warst du müde?
Es dauerte zwei Monate.
Samir konnte den Satz nicht direkt sagen. Er ging durch die Küche, öffnete den Kühlschrank und schloss ihn wieder. Er setzte sich vor den Fernseher und schaltete ihn aus. Er nahm ein Glas in die Hand und stellte es hin. So ist es bei Männern, die mit fünfzig eine neue Sprache lernen: Sie kreisen um das Wort, wie man um einen Teich kreist, dessen Tiefe man nicht kennt.
An einem Maiabend, nach der achten Sitzung der Familienberatung, setzte er sich neben Hanan aufs Sofa und sagte, ohne sie anzusehen:
„Warst du heute müde?“
Sie hob den Kopf aus dem Buch.
„Was?“
„Ich habe gesagt: Warst du heute müde?“
Sie sah ihn an. Sein Gesicht war gerötet, und seine Hände lagen zwischen den Knien ineinander, wie bei einem Schüler, der auf seine Note wartet.
„Ja.“
„Wie sehr?“
„Sehr.“
„Warum?“
„Es waren viele Zimmer. In Zimmer 412 hat ein betrunkener Gast die Flasche auf den Teppich fallen lassen. Und du hast mich seit einem Monat nicht mehr gefragt.“
„Ich frage jetzt.“
„Das stimmt.“
Er atmete tief.
„Und du? Fragst du?“
„Warst du müde?“
„Ja.“
„Wie sehr?“
„Sehr. Das Fahren. Die Straßen. Der Chef setzt mich unter Druck. Und ich …“
Er hielt inne.
„Und du?“
„Und ich wollte dir schon lange etwas sagen.“
„Sag.“
„Ich weiß nicht, wie.“
„So, wie du kannst.“
„Ich … ich habe dich vermisst.“
Zuerst verstand sie nicht.
„Wir sind doch im selben Haus.“
„Ich weiß. Aber ich habe eine Hanan vermisst, die ich nie kennengelernt habe. Und ich habe Angst, dass ich es nicht kann.“
Ein Augenblick des Schweigens verging. Dann lachte sie, ein kleines, kurzes, echtes Lachen.
„Warum lachst du?“
„Weil ich Angst habe wie du.“
„Du?“
„Ja. Seit Jahren sehe ich meinen Körper an und sage mir: Was soll einer damit wollen?“
„Ich.“
„Sag das nicht, um mir zu schmeicheln.“
„Ich schmeichle nicht. Ich kann nicht schmeicheln.“
Das stimmte. Sie lachten zusammen.
In dieser Nacht geschah nichts Dramatisches. Aber Samir legte zögernd seine Hand auf ihre, wie einer, der ein Blatt berührt, das verbrennen könnte, und sie zog ihre nicht zurück.
Eine Woche später, in einer ruhigen Nacht, löschte er das Licht und sagte:
„Darf ich näher kommen?“
„Ja.“
„Willst du es?“
„Ja.“
„Und wenn dir etwas nicht gefällt?“
„Dann sage ich es.“
Es war das Seltsamste seit zwanzig Jahren: dass ein Mann seine Frau fragt, ehe er sie berührt. Dass er sagt: „Ist das recht so?“ Dass er auf die Antwort hört. Hier hält der Schreibende inne, um etwas zu sagen, das in angesehenen Familien nicht gesagt wird: Die meisten Eheleute, die zwanzig Jahre in einem Bett geschlafen haben, haben nie über das Bett gesprochen, und so lebten die beiden Körper als höfliche Nachbarn, die an keine Tür klopfen.
Es war nicht leicht. Es gab Verwirrung, plötzliches Lachen, Schweigen und Zögern. Es waren zwei Körper, die an Vertrautheit ohne Gespräch gewöhnt waren und nun ein Gespräch ohne Vertrautheit lernten. In einem Augenblick sagte Hanan flüsternd:
„Ich habe Angst.“
Er hielt inne.
„Wovor?“
„Ich weiß nicht. Als wäre ich sechzehn.“
„Und mir ist, als wüsste ich nichts.“
„Das ist in Ordnung.“
„Sollen wir aufhören?“
„Nein. Nur … lass dir Zeit.“
Und er ließ sich Zeit. In seiner Langsamkeit lag eine Aufrichtigkeit, die sie an ihm nicht kannte, und eine Zärtlichkeit, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie besaß.
Als alles vorbei war, lagen sie schweigend im Dunkeln.
„War es … recht so?“, fragte er leise.
„Es war anders.“
„Ist das gut?“
„Ja.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Er nahm ihre Hand.
„Hanan“, sagte er nach einer Weile, „ich weiß nicht, ob ich dich so liebe, wie man es soll. Aber ich weiß, dass ich es lernen will.“
„Ich auch.“
„Und wenn wir scheitern?“
„Dann scheitern wir gemeinsam.“
Es war ein Satz ohne Kraft und ohne Romantik. Aber es war das erste Mal, dass sie ihn von ihm hörte, nicht als Urteil, sondern als Bund. Und sie schlief ein mit dem Gedanken, dass die Liebe nach zwanzig Jahren vielleicht nicht als Aufwallung kommt. Vielleicht kommt sie als Erlaubnis: dass jeder dem anderen erlaubt, näherzukommen und sich zurückzuziehen. Und dass alles zuvor nur ein Vorspiel war.
Vierzigstes Kapitel: Alles
Laila saß auf dem Sofa, Jonas ihr gegenüber, zwischen ihnen zwei Tassen Tee, die keiner angerührt hatte.
Sie hatte den ganzen Tag zu üben versucht, wie sie reden würde: im Auto, im Zentrum, zwischen zwei Akten. Und jedes Mal, wenn sie es zu kürzen versuchte, hatte sie sich gesagt: „Nein. Alles.“
„Jonas, ich sage dir jetzt, was ich verborgen habe.“
„Du musst nicht.“
„Ich muss. Ich will.“
„Gut.“
Sie holte Luft.
„Als du mich gefragt hast, ob ich heiraten will, habe ich gespürt, dass ich Angst habe. Nicht vor dir. Vor mir. Davor, dass ich vielleicht ‚Ja‘ sage, weil alle darauf warten. Und davor, dass ich vielleicht nicht weiß, wie man geliebt wird, ohne auf den Trick zu warten.“
Sein Gesicht blieb ruhig.
„Als ich sechzehn war, ist mir etwas geschehen. Du weißt es. Mark. Ich habe dir gesagt, es sei vorbei, und das stimmt. Aber es hat etwas in mir zurückgelassen. Als wäre in mir eine Alarmanlage, die nicht aufhört. Jede Freundlichkeit wird verdächtig. Und du bist freundlich. Und du bist beständig. Und ich warte jeden Tag darauf, dass das andere Gesicht erscheint.“
„Und ist es erschienen?“
„Nein.“
„Tut dir das weh?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht tut es weh, weil ich dem Frieden nicht traue.“
Jonas schwieg. Und im Schweigen versuchte er zu verstehen, nicht sich zu verteidigen.
„Laila.“
„Ja.“
„Darf ich etwas sagen?“
„Natürlich.“
„Ich habe es gespürt.“
„Was?“
„Dass du wartest. Jedes Mal, wenn ich meine Hand zärtlich zu dir ausstrecke, sehe ich, dass du dich für einen Augenblick anspannst. Du zeigst es nicht, aber ich sehe es.“
„Und was hast du getan?“
„Nichts gesagt. Ich wollte dir nicht das Gefühl geben, dass ich dich beobachte.“
„Du wusstest es?“
„Ja.“
„Warum hast du es mir nicht gesagt?“
„Weil ich fürchtete, Teil der Symptome zu sein.“
Sie lachte unter Tränen.
„Du bist klüger, als ich dachte.“
„Nein. Ich liebe dich nur.“
„Das ist der gefährlichste Satz.“
„Warum?“
„Weil ich ihn jetzt glaube.“
Er nahm ihre Hand.
„Laila, ich verlange heute Abend keine Antwort und morgen auch nicht. Ich will nur bleiben.“
„Und wenn ich dir nichts versprechen kann?“
„Ich verlange kein Versprechen.“
„Und wenn ich so bleibe?“
„So?“
„Ängstlich.“
„Dann bleibe ich, wenn du Angst hast.“
„Und wenn ich immer Angst habe?“
„Dann haben wir gemeinsam Angst. Und ich weiß etwas über die Angst.“
„Was?“
„Dass ich Angst hatte, seit ich sechzehn war, als ich auf der Gerichtstreppe wartete. Und ich sagte mir: Und wenn sie mich hasst? Und wenn sie mich nie wieder ansieht?“
„Und ich habe dich angesehen.“
„Und du hast mich angesehen.“
Sie lächelten.
„Dann sage ich jetzt nicht ‚Ja‘“, sagte Laila. „Und ich sage nicht ‚Nein‘. Ich sage: ‚Noch nicht.‘“
„Und das ist eine vollständige Antwort.“
„Wirklich?“
„Natürlich. Ich ziehe ein aufrichtiges ‚Noch nicht‘ einem ängstlichen ‚Ja‘ vor.“
Sie streckte die Hand aus und berührte sein Gesicht.
„Weißt du, was mich überrascht?“
„Was?“
„Dass ich, während ich dir das alles erzähle, keine Scham empfinde. Ich dachte, ich würde sie empfinden.“
„Weil es keine Scham darin gibt.“
„Nein. Aber so hat man es mich gelehrt.“
„Wer?“
„Alles: das Schweigen, die Erfahrungen. Und ich lehre die Mädchen jetzt das Gegenteil und habe es nicht auf mich selbst angewandt.“
„Und jetzt hast du es angewandt.“
„Ja. Eben erst.“
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. In diesem Augenblick lag zwischen ihnen kein Versprechen, kein Ring, kein Datum. Zwischen ihnen lag etwas Kostbareres: dass jeder von beiden wusste, dass er in Gegenwart des anderen Angst haben darf, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Am nächsten Morgen kochte Jonas den Tee wie immer und fragte nichts. Er stellte nur die Tasse vor sie und sagte:
„Guten Morgen.“
Laila sah auf die Tasse und dann auf ihn und dachte, dass sie genau das am meisten gebraucht hatte: dass der neue Tag gewöhnlich bleibt, nachdem man die Wahrheit gesagt hat.
Einundvierzigstes Kapitel: Außerhalb des Vertrags
Um acht Uhr abends war Thomas aus Schanghai zurückgekehrt.
Sein großer Koffer stand an der Tür, sein Mantel hing über dem Stuhl. Katrin stand in der Küche und bereitete das Abendessen zu, und sie dachte, dass dies die Szene war, die sie hundertmal gesehen hatte: ein Mann kommt heim und eine Frau kocht. Nur dass sie sich diesmal ändern würde.
„Du bist müde.“
„Ein bisschen.“
„Essen wir zuerst?“
„Ja.“
Sie aßen schweigend, und kleine Gespräche über das Wetter und die Reise deckten alles zu. Dann, als sie die Teller abräumte, sagte sie:
„Thomas, ich muss dir etwas sagen.“
„Sag.“
„Ich liebe einen Mann.“
Sein Gesicht rührte sich nicht.
„Ich weiß.“
„Du weißt es?“
„Seit drei Monaten. Das Glas, das du im Becken stehen gelassen hast, und die Art, wie du jetzt auf dein Handy siehst.“
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Weil der Vertrag sagt: keine Fragen.“
„Stimmt.“
Sie schwiegen.
„Und du?“, sagte sie. „Hast du …“
„Ja.“
„Wer?“
„Lian. Aus dem Büro in Schanghai. Seit einem Jahr.“
Katrin lachte ein seltsames Lachen.
„Also wir beide?“
„Es scheint so.“
„Und wir haben nichts gesagt.“
„Wir sind meisterhaft im Schweigen.“
Sie stellte die Teller ins Becken und kehrte an den Tisch zurück.
„Was geschieht mit uns?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wir hatten vereinbart, dass es nicht wehtut.“
„Und wir sind Lügner.“
„Warum?“
„Weil es wehtut. Ich spüre jetzt etwas.“
„Was?“
„Ich weiß es nicht. Eifersucht? Heimweh? Angst?“
„Mir geht es genauso.“
Das war die Ironie: dass zwei Eheleute, die vereinbart hatten, nicht eifersüchtig zu sein, nach sieben Jahren im Augenblick des Geständnisses Eifersucht verspürten. Es gleicht dem, was Völkern geschieht, die in ihrer Verfassung erklären, sie hätten keine Angst, und nachts ihre Mauern bauen.
„Katrin“, sagte Thomas nach einem Schweigen, „haben wir einen Fehler gemacht?“
„Ich weiß nicht.“
„Wir wollten frei sein. Wir dachten, Freiheit heiße, sich nicht zu binden.“
„Und wir waren erfolgreich.“
„So erfolgreich, dass wir vergessen haben, dass wir ein Ehepaar sind.“
„Ja.“
„Liebst du ihn?“
„Vielleicht.“
„Und ich liebe sie. Oder ich glaube es.“
„Und?“
„Dann gibt es keinen Fehler. Aber es gibt keine Ehe.“
Es war ein harter Satz, aber nicht überraschend. Als wäre er von einer alten Decke gefallen, von der keiner gemerkt hatte, dass sie Risse bekam.
„Trennen wir uns?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht. Willst du?“
„Ich weiß nicht.“
„Dann lass uns nachdenken.“
„Ja.“
Er legte seine Hand auf ihre. Es war nicht die Berührung von Liebenden, sondern die von Gefährten, die eine lange Reise miteinander geteilt hatten und nicht wussten, dass sie zu Ende war.
„Weißt du, was mir wehtut?“, sagte er. „Dass ich dich nicht verlieren will. Und dass ich nicht bleiben will.“
„Mir auch.“
„Ist das möglich?“
„Vielleicht war das die Liebe: nicht wehtun zu wollen und nicht bleiben zu wollen.“
„Und welchen Namen hat sie?“
„Freundschaft.“
„Stärker als die Ehe?“
„Manchmal.“
Sie weinte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte diese dritte Spalte im Heft, „Wovor ich Angst habe“, und dort hatte sie das nicht geschrieben: um eine Ehe zu trauern, von der sie nicht wusste, dass sie sie liebte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich weine.“
„Ich auch nicht.“
Und auch er weinte schweigend, nach sieben Jahren einer Vereinbarung, dass keiner weint.
Eine Stunde später, als beide ruhig geworden waren, saßen sie auf dem Sofa.
„Morgen rufen wir den Anwalt an?“
„Nein. In einer Woche.“
„Warum?“
„Weil ich mir eine Woche zum Traurigsein geben will.“
„Ich teile sie mit dir.“
„Danke.“
In der Nacht, als Thomas zum ersten Mal seit sieben Jahren ins Gästezimmer ging, setzte Katrin sich aufs Bett und schlug das schwarze Heft auf. Unter die erste Spalte, „Was ich habe“, schrieb sie: „Thomas. Mein Freund.“ Unter die zweite, „Was ich will“: „Ohne Masken lieben.“ Und unter die dritte, „Wovor ich Angst habe“: „Vor nichts mehr. Oder vor allem. Kein Unterschied.“
Sie klappte das Heft zu, sah ins Dunkel und sagte leise:
„Gut, Karim. Ich komme. Langsam. Aber ich komme.“
Zweiundvierzigstes Kapitel: Die letzte Nachricht
In der vierten Woche öffnete Salma die Nachricht.
Sie hatte es nicht beschlossen. Das Handy lag auf dem Nachttisch, Jamen war im Kindergarten, das Haus war ruhig, und im Nebenzimmer weinte wie immer eine Frau. Sie sah auf den Bildschirm: „Bassam: 67 Nachrichten“. Und sie legte den Finger auf die letzte.
„Ich bin aus dem Krankenhaus entlassen. Ich war in der Notaufnahme. Ich kann nicht mehr. Ich fahre zum Haus meines Bruders im Süden, und ich schreibe dir nur noch dieses eine Mal: Es tut mir leid. Und ich liebe dich. Und ich möchte Jamen sehen, bevor ich fahre. Eine halbe Stunde in einem öffentlichen Café, vor Leuten. Bitte.“
Sie las sie zweimal. Ihr Herz schlug heftig.
Geh nicht hin, sagte eine Stimme. Aber er war im Krankenhaus. Vielleicht. Und vielleicht hat er versucht, sich … und vielleicht nicht. Und ich? Du bist nicht verantwortlich. Und wenn er stirbt? Und wenn nicht? Sie setzte sich aufs Bett und weinte nicht. Sie zitterte.
Eine Stunde später, als Frau Kohl von ihrer Besprechung zurückkam, fand sie sie auf dem Flur sitzen.
„Salma?“
„Ich habe die Nachricht geöffnet.“
„Ich weiß.“
„Woher?“
„Weil Sie sonst nicht hier sitzen.“
Sie setzte sich neben sie.
„Möchten Sie mit mir reden?“
„Ja. Er ist im Krankenhaus. Und er will Jamen sehen.“
„Haben Sie nachgeprüft?“
„Nein.“
„Dann prüfen wir.“
Frau Kohl rief im Krankenhaus an und kam nach zehn Minuten zurück.
„Es ist niemand mit diesem Namen aufgenommen worden.“
„Aber er …“
„Das heißt nichts. Ich weiß nicht, ob er lügt oder übertreibt oder sich versteckt. Wichtig ist: Wollen Sie ihn treffen?“
„Ich … ich habe Angst.“
„Wovor?“
„Dass ich es will.“
„Und davor?“
„Dass ich zurückgehe, wenn ich ihn sehe.“
„Das ist das Aufrichtigste, was Sie bisher gesagt haben.“
Sie schwiegen.
„Niemand hindert Sie“, sagte Frau Kohl. „Aber wenn Sie wollen, richten wir ein Treffen unter Bedingungen ein: Ich bin dabei. An einem öffentlichen Ort. Eine halbe Stunde. Ohne Jamen. Und wenn Sie etwas spüren, gehen wir.“
„Und wenn er weint?“
„Dann sehen wir weiter.“
„Und wenn …“
„Salma, Sie müssen nicht perfekt sein. Sie müssen nur anwesend sein.“
So gingen sie hin.
Das Café war klein, und Bassam saß in einer Ecke, hager und blass, mit müden Augen. Er sah Salma, stand auf und setzte sich wieder.
„Danke, dass du gekommen bist.“
„Ich bin nicht deinetwegen gekommen.“
„Ich weiß.“
„Was willst du?“
„Dich sehen. Mich entschuldigen.“
„Sprich.“
„Es tut mir leid. Ich war … ich bin krank, Salma. Das weiß ich jetzt. Ich war bei einem Arzt. Er sagt, ich habe ein Problem mit Wut. Und ich werde mich behandeln lassen.“
„Gut.“
„Verzeihst du mir?“
Sie schwieg. Es war der Augenblick, vor dem sie sich gefürchtet hatte: dass er die Frage in weichem Ton stellt, mit feuchten Augen, und dass sie in sich die Stimme der Liebenden flüstern findet: „Sag Ja.“ Aber diesmal hörte sie auch die zweite Stimme, ein wenig lauter.
„Ich verzeihe dir nicht jetzt.“
„Warum?“
„Weil ich nicht weiß, ob du aufrichtig bist. Und wenn du es bist, heißt das nicht, dass ich zurückkomme.“
„Ich bitte dich nicht, zurückzukommen.“
„Du bittest. Auf nette Weise.“
„Nein …“
„Bassam“, sagte sie mit einer Ruhe, die sie an sich nicht kannte, „du sagst: ‚Ich bin krank.‘ Das ist ein Satz, der mir die Verantwortung zuschiebt, damit ich Geduld habe. Und ich trage keinen mehr.“
„Aber ich liebe dich.“
„Und ich habe dich geliebt. Und ich sage dir die Wahrheit: Ich weiß nicht, ob es Liebe war. Ich weiß nur, dass ich gelernt habe, Geduld zu haben, und Geduld Liebe genannt habe.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Willst du, dass ich verschwinde?“
„Ich will nicht, dass du verschwindest. Ich will, dass du dich behandeln lässt, dass du Jamens Unterhalt zahlst und dass du ihn siehst, wenn ich es entscheide und wenn das Gesetz es entscheidet.“
„Und du?“
„Ich werde leben.“
„Allein?“
„Ja.“
Seine Hand zitterte auf dem Tisch.
„Und wenn ich ohne dich nicht leben kann?“
„Das ist nicht meine Sache.“
Sie sagte es ohne Härte, wie jemand, der etwas Schweres auf den Boden stellt. Und sie stand auf.
„Salma …“
„Leb wohl, Bassam.“
Sie ging zur Tür, hinter ihr mit ruhigen Schritten Frau Kohl. Auf der Straße, als sie den Gehweg erreichten, zitterten ihre Knie, und sie sank auf eine Bank.
„Habe ich das Richtige getan?“
„Ich weiß nicht, ob es ‚das Richtige‘ gibt. Aber Sie haben getan, was Sie konnten.“
„Ich bin fast …“
„Fast, aber Sie haben es nicht getan.“
Sie weinte. Sie weinte nicht um Bassam. Sie weinte um die Jahre und um die Frau, die sich daran gewöhnt hatte, sich selbst zu vergessen.
„Werde ich immer traurig sein?“
„Nicht immer. Aber Traurigkeit ist ein Teil der Freiheit.“
„Das habe ich nicht gewusst.“
„Niemand sagt es uns.“
Sie wischte sich das Gesicht ab.
„Ich möchte zu Jamen zurück.“
„Kommen Sie.“
Auf dem Weg zum Kindergarten dachte Salma, dass die richtige Grenze nicht einmal gezogen wird. Sie wird jeden Tag neu gezogen, und manchmal wird sie gelöscht und dann gezogen, und das heißt nicht, dass sie schwach ist. Es heißt, dass sie lebt.
Dreiundvierzigstes Kapitel: Nicht antworten
Tarek kam an einem Dienstagmorgen in die Praxis.
Dina hatte gerade einen Patienten fertig behandelt und trank in einer kurzen Pause Kaffee. Die Assistentin kam herein und sagte:
„Frau Doktor, an der Anmeldung wartet ein Mann. Er sagt, er brauche keinen Termin.“
Sie wusste, wer es war. Zwei Monate waren vergangen, seit sie zuletzt auf seine Nachrichten geantwortet hatte. Er hatte zweihundert geschrieben, Blumen geschickt, von verschiedenen Nummern angerufen und zweimal vor ihrer Haustür gewartet.
„Sagen Sie ihm, ich bin beschäftigt.“
„Er sagt, er wartet.“
„Dann soll er sich setzen.“
Sie nahm die Arbeit wieder auf, und sie wusste, dass ihre Hände mit seltsamer Präzision arbeiteten, als wären sie aus Eisen. Zwei Stunden später, ihre Termine waren zu Ende, stand er vor ihr im Behandlungszimmer. Er war elegant wie immer, im weißen Hemd, mit ein wenig geröteten Augen.
„Dina.“
„Was willst du?“
„Dich sehen. Mit dir reden.“
„Ich habe gesagt, ich brauche Zeit.“
„Zwei Monate sind genug Zeit.“
„Nein.“
„Ich verstehe nicht. Was habe ich getan?“
„Nichts.“
„Was dann?“
„Das ist es ja: Du hast nichts Eindeutiges getan. Aber alles, was du getan hast, hat mich zum Ersticken gebracht.“
„Ich liebe dich.“
„Und ich glaube dir. Aber deine Liebe drückt.“
„Das ist ein Vorwurf.“
„Das ist eine Beschreibung.“
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Du bist krank. Du lässt dich von denen beeinflussen, die um dich sind: von deiner Freundin, von deiner Therapeutin. Sie wollen, dass du mich verlässt.“
„Niemand will etwas.“
„Doch, sie wollen. Und du bist schwach.“
Das war der Punkt, vor dem Dr. Weiß sie gewarnt hatte: der Augenblick, in dem Liebe zum Urteil wird. Und sie wusste, dass gerade in diesem Augenblick die, die nichts als Vereinnahmen kennen, ihren stärksten Kniff ausspielen: dich schwach zu machen, weil du sie abgewiesen hast, sodass deine Ablehnung zum Beweis deiner Krankheit wird und nicht zum Beweis deines Rechts.
„Tarek“, sagte sie mit fester Stimme, „ich möchte, dass du gehst.“
„Und wenn nicht?“
„Dann rufe ich den Sicherheitsdienst.“
„Das tust du nicht.“
„Ich tue es.“
„Ich glaube es nicht.“
„Es ist mir egal, ob du es glaubst.“
Sie holte ihr Handy hervor und drückte eine Taste. Ein Sicherheitsmann trat in die Tür, hochgewachsen und ruhig.
„Gibt es ein Problem, Frau Doktor?“
„Dieser Herr möchte gehen.“
Tarek sah sie lange an. In seinen Augen war etwas wie echter Schmerz. Dann sagte er:
„Du wirst es bereuen.“
„Vielleicht.“
„Du wirst keinen finden, der dich so liebt wie ich.“
„Ich weiß.“
„Und?“
„Dann finde ich keinen. Und ich werde leben.“
Er ging.
Dina stand in dem Raum, und die Luft zitterte um sie. Sie rief Nadine an:
„Ich habe es getan.“
„Was?“
„Ich habe ihn hinausgeworfen.“
„Wie fühlst du dich?“
„Seltsam. Als stünde das Leben still.“
„Das ist die Leere. Sie geht vorüber.“
„Und was mache ich damit?“
„Nichts. Lass sie nur zu.“
Am Abend, als sie zu Hause saß, klingelte ihr Telefon. Lukas.
„Dina?“
„Ja.“
„Ich will nichts. Ich habe nur im Haus gehört, dass heute ein Mann bei dir war. Geht es dir gut?“
„Woher weißt du das?“
„Nachrichten reisen durchs Haus. Entschuldige, falls ich mich einmische.“
„Nein. Du mischst dich nicht ein.“
„Brauchst du etwas?“
„Ich weiß nicht.“
„Gut. Ich bin da.“
Er legte auf. Das war alles. Er hatte nicht mehr gefragt, nicht gesagt „Ich komme“, nicht angeboten, sie heimzufahren oder nach ihr zu sehen. Aber Dina setzte sich auf das Sofa und weinte plötzlich. Es war kein Weinen um Tarek. Es war das Weinen darüber, dass sie eben etwas begriffen hatte: dass Zärtlichkeit kein Drängen braucht, und dass das „Ich bin da“, das Lukas gesagt hatte, ehe er schwieg, aufrichtiger war als hundert Liebesnachrichten.
Zwei Wochen später nahm sie seine Einladung zum Abendessen an. Es geschah nichts. Sie aßen und sprachen über Zähne, übers Reisen und über seine kranke Mutter. Als sie fertig waren, standen sie vor dem Restaurant im Regen.
„Soll ich dich heimfahren?“
„Nein. Ich gehe zu Fuß.“
„Gut.“
„Lukas.“
„Ja?“
„Ich habe das Zittern nicht gespürt.“
„Ich weiß.“
„Und stört dich das?“
„Nein. Ich liebe die Aufrichtigkeit.“
„Und was denkst du?“
„Dass das Zittern manchmal nach der Geborgenheit kommt und nicht davor.“
„Sagst du das, um mich zu beruhigen?“
„Ich sage es, weil ich es erlebt habe.“
Sie lächelte.
„Und also?“
„Also essen wir noch einmal?“
„Noch nicht.“
„Das ist ein vollständiger Satz.“
„Ich weiß.“
Sie ging allein durch den Regen. Das Wasser benetzte ihr Gesicht, und sie dachte an das Mädchen in ihr. Es war still in dieser Nacht, es fragte nicht und wartete nicht. Es schlief.
Vierundvierzigstes Kapitel: Mama
Omar beschloss, es seiner Mutter an einem Freitagmorgen zu sagen.
Der Tag hatte keinen Grund. Es war nur der Tag, an dem sie gewöhnlich anrief, und ihre Stimme trug den Geruch von Brot und den Lärm einer fernen Küche. Aber er war vor Tagesanbruch aufgewacht, hatte sich auf den Boden vor das Fenster gesetzt und zu sich gesagt: „Heute.“
Klara hatte ihm versprochen, am Morgen vorbeizukommen. Er hatte ihr von seinem Entschluss nichts gesagt. Er wollte es allein tun.
Um zehn klingelte das Telefon.
„Hallo, Mama.“
„Guten Morgen, mein Schatz. Wie geht es dir?“
„Gut. Bist du allein?“
„Ja. Dein Vater ist in der Moschee und deine Schwester in der Schule.“
„Gut.“
„Was ist? Deine Stimme klingt komisch.“
„Ich möchte dir etwas sagen.“
„Sag.“
Sein Herz schlug heftig. Er hielt das Telefon mit feuchten Händen.
„Ich … ich werde nicht können, was ihr von mir erwartet.“
„Was meinst du?“
„Ich werde das Mädchen nicht heiraten, das ihr für mich erwartet.“
Schweigen.
„Warum?“
„Weil ich … weil ich hier ein Mädchen liebgewonnen habe. Sie heißt Klara. Sie ist nicht Muslimin.“
Er hörte ihren Atem. Dann kam ein so langes Schweigen, dass er glaubte, die Leitung sei unterbrochen.
„Mama?“
„Ich bin da.“
„Hast du mich gehört?“
„Ich habe dich gehört.“
„Mama, sag etwas.“
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Irgendetwas.“
„Ich …“
Sie hielt inne.
„Ich verstehe nicht. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. So etwas ist in unserer Familie noch nie geschehen. In unserem Land spricht man darüber nicht.“
„Ich weiß.“
„Und dein Vater?“
„Niemand weiß es außer dir.“
„Und dieses Mädchen?“
„Sie heißt Klara. Eine Deutsche. Sie ist gut, Mama. Sie kümmert sich um mich.“
„Bist du böse?“
„Nein.“
„Traurig?“
„Ja.“
„Weil ich dich enttäuscht habe?“
„Nein.“
„Warum dann?“
„Weil ich Angst um dich habe.“
Etwas brach in seiner Stimme.
„Angst?“
„Ja. Vor den Leuten. Vor deinem Vater. Vor dem Morgen. Ich weiß nicht. Vor allem.“
„Ich will dir nicht wehtun.“
„Ich weiß. Du tust niemandem weh. Du bist mein Sohn.“
Er schwieg. Es war das erste Mal, dass er diesen Satz hörte: ohne ein „Aber“ und ohne ein „Trotzdem“.
„Mama, ich habe auch Angst.“
„Ich weiß. Seit du klein warst. Du hast Dinge verborgen, und ich sah dich an und wusste, dass in deiner Brust ein Stein liegt, und ich habe nicht gefragt.“
„Warum?“
„Weil ich Angst vor der Antwort hatte.“
„Und ich hatte Angst, es zu sagen.“
„Wir haben alle Angst, Omar. Ich weiß nicht, was ich tun werde. Ich weiß nicht, was ich deinem Vater sagen soll. Ich weiß nicht, was ich mir selbst sagen soll. Aber eines weiß ich: Ich werde dich nicht aufgeben.“
Er weinte lautlos.
„Danke.“
„Dank mir nicht. Ich bin deine Mutter.“
„Und wenn Papa zornig wird?“
„Dann sage ich ihm, dass ich deine Mutter bin und dass ich nicht vergesse.“
„Und wenn …“
„Omar, hör mir zu. Ich verspreche dir nicht, dass ich verstehe. Ich verspreche dir nicht, dass ich zustimme. Aber ich verspreche dir, dass ich es versuche. Und dass meine Tür offen ist.“
„Und unser Haus?“
„Ich weiß nicht.“
„Und meine Schwester?“
„Ich spreche selbst mit ihr, wenn die Zeit gekommen ist.“
„Und was soll ich jetzt tun?“
„Alles, was du tust: lernen, essen, schlafen. Und nichts überstürzen.“
„Betest du für mich?“
„Jeden Tag.“
„Und was sagst du?“
„Ich sage: Herr, beschütze meinen Sohn.“
„Das ist alles?“
„Das ist alles, was ich weiß.“
Sie schwiegen. Dann sagte sie mit leiserer Stimme:
„Ist sie gut, dieses Mädchen?“
„Ja.“
„Liebt sie dich?“
„Ja.“
„Und liebst du sie?“
„Ja.“
„Dann …“
Sie sprach nicht weiter. Aber er hörte den Rest im Schweigen.
Nach dem Gespräch blieb er auf dem Boden sitzen, und das Licht hatte den Raum gefüllt. Dann klopfte es an der Tür, und Klara trat ein, das Haar zerzaust, in der Hand zwei Becher und eine Tüte Brot.
„Guten Morgen.“
„Hallo.“
„Geht es dir gut?“
„Ja.“
„War es deine Mutter?“
„Ja.“
„Und was hat sie gesagt?“
„Sie hat gesagt: ‚Du bist mein Sohn.‘“
Klara setzte sich neben ihn und reichte ihm den Kaffeebecher. Sie sagte nichts. Sie lehnte ihre Schulter an seine.
Zwei Wochen später schickte der Vater eine kurze Nachricht ohne Gruß: „Deine Mutter hat es mir gesagt. Ich will jetzt nicht darüber sprechen.“ Danach rief keiner von ihm an. Und Omar wusste nicht, wie es enden würde. Vielleicht kehrt der Vater eines Tages zurück, vielleicht nicht. Vielleicht bleibt das Schweigen. Aber er hatte begriffen, dass Schweigen nicht immer eine Mauer ist. Manchmal ist es ein Raum, den die Seelen brauchen, um zu lernen.
An einem folgenden Freitag klingelte sein Telefon. Es war seine Mutter.
„Hallo, mein Schatz.“
„Hallo, Mama.“
„Hast du gegessen?“
„Ich habe gegessen.“
„Und Klara?“
„Sie hat gegessen.“
„Sag ihr einen Gruß von mir.“
Er lachte unter Tränen.
„Ich sage es ihr.“
Und am anderen Ende der Leitung, in einem kleinen Haus in Damaskus, lächelte eine Mutter die Wand an und dachte, dass Mutterschaft manchmal bedeutet, auszusprechen, was man nicht versteht, weil man liebt.
Fünfundvierzigstes Kapitel: Eine Hand auf der Schulter
Das Gericht setzte die Verhandlung für November an.
Svenja hatte sich zwei Monate darauf vorbereitet. Sie hatte dreimal mit der jungen Anwältin zusammengesessen und ihre Akte laut gelesen, bis die Worte nichts Erschreckendes mehr hatten. In der Nacht davor schlief sie schlecht, wachte um fünf auf und zählte die Lichter an der Decke.
„Soll ich mitkommen?“, fragte Hanan sie.
„Ich will Sie nicht stören.“
„Ich bitte darum.“
„Sie arbeiten doch.“
„Ich habe mir Urlaub genommen.“
Svenja sah sie lange an und sagte dann:
„Danke.“
Im Saal saß Hanan in der letzten Reihe in ihrem dunklen Kleid, die Hand auf ihrer Tasche. Sie sah Hoffmann von weitem. Er trug einen grauen Anzug und saß aufrecht, und sein Gesicht war noch immer das eines Mannes, der glaubt, er werde herauskommen, wie er hineingegangen ist.
Als Svenja aufgerufen wurde, stand sie auf. Sie sah ihn nicht an. Sie sah die Richterin an und sagte mit klarer Stimme auf Deutsch, was geschehen war. Sie fügte nichts hinzu und ließ nichts weg. Und als der gegnerische Anwalt sie fragte: „Warum haben Sie damals nichts gesagt?“, antwortete sie:
„Weil ich dachte, Schweigen sei Höflichkeit.“
„Und war es das?“
„Nein. Es war Angst.“
Sie verließ den Saal nach zwei Stunden mit zitternden Knien und setzte sich im Flur auf eine Bank.
„Sie waren stark“, sagte Hanan.
„Nein. Ich habe gezittert.“
„Stärke ist, zu zittern und zu sprechen.“
Svenja lächelte matt.
Das Urteil erging zwei Wochen später: eine Geldstrafe, eine Bewährungsstrafe, Schadenersatz und ein fünfjähriges Berufsverbot in der Gastronomie. Es war nicht genug, wie die Anwältin sagte, aber es stand geschrieben.
Einen Monat später ging Svenja an einem gewöhnlichen Abend mit Kollegen aus dem Hotel in eine Bar. Sie saß in der Ecke, trank Saft und lachte mit Omar und sah sich im Raum um. Plötzlich legte ein Mann von hinten die Hand auf ihre Schulter und sagte fröhlich:
„Entschuldigung, bist du Svenja? Ich war …“
Was danach kam, hörte sie nicht mehr. Sie sprang auf, stieß seine Hand heftig weg und wich zurück, bis sie gegen die Wand stieß. Ihr Herz hämmerte in den Ohren, und ihr Atem wurde eng.
„Entschuldigung!“, sagte der Mann erschrocken. „Ich wollte nicht …“
„Schon gut“, flüsterte Omar, der zu ihr getreten war. „Das ist ein alter Kollege. Er hat nichts gemeint.“
„Ich weiß“, sagte sie mit heiserer Stimme. „Ich weiß.“
Und sie rannte hinaus.
Sie stand keuchend auf der kalten Straße und versuchte sich zu erinnern, wie ein Mensch atmet. Hier lernt, wer sich um Opfer kümmert, eine Lektion, die in keinem Gericht gelehrt wird: dass die Gerechtigkeit an einem Tag ihr Urteil sprechen kann, der Körper aber jahrelang an der Entscheidung zu empfangen hat.
„Svenja.“
Sie wandte sich um. Es war Hanan, die gekommen war, um ihren Mantel zu holen.
„Was ist mit mir geschehen?“
„Dein Körper hat sich erinnert.“
„Aber es war nur …“
„Ich weiß.“
„Ich bin dumm.“
„Nein.“
„Es sind Monate vergangen. Ich dachte, es geht mir gut.“
„Es geht dir gut. Und dein Körper lernt noch, dass es dir gut geht.“
Langsam streckte sie die Hand aus und fragte:
„Darf ich meine Hand auf deine Schulter legen?“
Svenja sah sie an. Das war der Unterschied. Sie hatte sie nicht überrascht. Sie hatte sie gefragt.
„Ja.“
Hanan legte ihre Hand auf ihre Schulter. Die Hand war warm und ein wenig schwer und ruhig. Und in diesen Sekunden atmete Svenja.
„Geht das vorbei?“
„Nicht schnell. Aber es geht vorbei. Und es gibt Hilfe: eine Psychotherapeutin, eine Gruppe. Ich kenne Orte.“
„Und du? Hast du so etwas erlebt?“
„Nicht genau. Aber ich habe gelernt, dass der Körper aufbewahrt, was wir nicht aussprechen.“
„Und was tust du?“
„Ich spreche. Ich bitte um eine Berührung, wenn ich sie brauche. Und ich lehne sie ab, wenn ich sie nicht will.“
„Ich will das lernen.“
„Du wirst es lernen.“
Sie blieben eine Weile unter dem Licht der Straßenlaterne. Als Svenja ins Lokal zurückkehrte, hatte der Mann sich noch einmal entschuldigt, und sie sagte zu ihm: „Schon gut. Mir geht es gut. Danke, dass du dich entschuldigst.“ Es war das Schwerste, was sie in ihrem Leben getan hatte, und danach das Leichteste.
In der Nacht schrieb sie in ihr Heft einen einzigen Satz: „Die Angst kann zurückkommen. Und das hebt nicht auf, was ich getan habe.“
Sechsundvierzigstes Kapitel: Der Nussbaum
Im rumänischen Dorf beginnt der Morgen mit einer Glocke.
Nicht mit der der Kirche, sondern mit der der Ziegenherde, die um sechs Uhr unter Ancas Fenster vorbeizieht. In den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr hatte der Klang sie geweckt, und sie hatte sich erschrocken aufgesetzt. Dann brachte er sie wieder auf die Erde zurück.
Sie war jetzt sechsundzwanzig. Sie wohnte mit ihrer Mutter in dem alten Haus am Fuß des Hügels, hatte ein kleines sauberes Zimmer und ein Bett, in dem niemand außer ihr schlief. Niemand im Dorf wusste alles, was geschehen war. Ihre Mutter wusste einiges, ihr Bruder weniger. Das Übrige war Schweigen, das nicht gesagt wurde, weil keiner wusste, wie.
„Gehst du heute zur Schule?“, fragte die Mutter.
„Ja.“
„Soll ich dir ein Brot machen?“
„Nein. Ich esse dort.“
Sie hatte sich zu einem Pflegekurs in der nahen Stadt angemeldet, zwei Tage in der Woche. Sie saß im Unterricht zwischen Mädchen, die fünf Jahre jünger waren und nichts über sie wussten. Es war nicht leicht. Sie zuckte zusammen, wenn im Flur ein Mann näher kam, prüfte die Türen und kämpfte gegen den Drang, alle zehn Minuten in der Tasche nachzusehen, ob ihr Pass noch da war.
„Geht es dir gut?“, fragte eine Mitschülerin eines Tages.
„Ja.“
„Deine Augen …“
„Ich habe schlecht geschlafen.“
„Gut.“
Am Mittag holte sie aus ihrer Tasche eine kleine Karte mit dem Bild eines dreihundert Jahre alten Nussbaums, und auf der Rückseite stand ein Satz, den sie vor drei Wochen geschrieben und noch nicht abgeschickt hatte. Sie wusste, was sie sagen wollte, sie hatte es zehnmal im Kopf geschrieben: „Danke für die Stunde, in der du bei mir gesessen hast.“ Sie wusste nicht, wie sie ankommen sollte. Schließlich schickte sie sie an die Adresse einer Organisation in Deutschland, die sie einmal von der Frau bekommen hatte, die ihr im Schutzhaus geholfen hatte. Und sie wusste nicht, ob der Mann, der in jener Nacht bei ihr gesessen hatte, sie empfangen würde. Sie musste es nicht wissen.
Wochen später, als sie aus der Schule kam, fand sie ihre Mutter auf der Türschwelle sitzen, die Hand auf dem Herzen.
„Was ist?“
„Anca.“
„Mama?“
„Heute kam ein Mann.“
Ihr Körper erstarrte.
„Was für ein Mann?“
„Von der Gemeinde. Er fragt nach dir. Er sagt, es gehe um einen Betrag …“
„Was für einen Betrag?“
„Er sagt, eine Organisation in Deutschland schickt dir eine Entschädigung. Aus einem Verfahren. Vor Gericht.“
Anca setzte sich auf die Schwelle. Sie hatte nicht gewusst, dass es ein Verfahren gab. Dass die Bar geschlossen worden war und die Besitzer verurteilt und dass das Gericht den Opfern Entschädigung zugesprochen hatte. Dass jemand nach all dem an sie gedacht hatte, als Menschen und nicht als Zahl.
„Wie viel?“
„Ich weiß es nicht. Er sagte, er komme morgen wieder.“
„Bist du sicher, dass er nicht …“
„Ich habe nachgeprüft. Er ist von der Gemeinde. Ich kenne ihn.“
Anca sagte nichts. Sie sah weiter auf den Berg.
„Was wirst du mit dem Geld machen?“, fragte die Mutter.
„Meine Ausbildung beenden.“
„Und danach?“
„In einem Krankenhaus arbeiten.“
„Und hast du Angst?“
„Ja.“
„Wovor?“
„Vor allem.“
„Und du wirst gehen?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich nicht an einem einzigen Ort ängstlich bleiben will.“
Ihre Mutter sah sie an und nahm ihre Hand.
„Du bist stärker, als ich war.“
„Nein. Ich versuche es.“
„Das ist es.“
Am Abend setzte Anca sich unter den alten Nussbaum oben auf dem Hügel. Seine Wurzeln standen hervor wie Finger, und sein Schatten bedeckte die Hälfte des Grases. Sie holte ein kleines Heft hervor und schrieb:
„Heute habe ich zwei Stunden ohne Angst geschlafen.
Heute habe ich nicht nach dem Pass gesehen.
Heute habe ich einen Fremden angelächelt.
Ich weiß nicht, ob ich frei bin. Aber ich weiß, dass ich gehe.“
Sie klappte das Heft zu und atmete.
Und an einem anderen Ort, in einer deutschen Stadt, las ein Mann eine kurze Karte mit dem Bild eines Baumes und weinte lautlos. Er wird nie erfahren, dass eine Frau unter demselben Baum sitzt und denkt, dass Schweigen manchmal die aufrichtigste Form des Dankes sein kann.
Siebenundvierzigstes Kapitel: Drei Tage
Der Satz, den Suha in der Küche gesagt hatte, blieb nicht ohne Folgen.
Sie saßen bis nach Mitternacht, und als sie fertig waren, nahte schon der Morgen. Sie sagte ihm alles: fünfzehn Jahre ohne Frage, ihr Bedürfnis, einbezogen zu werden, und eine alte Bitterkeit, die sie nie ausgesprochen hatte: dass sie hatte studieren wollen.
„Studieren?“
„Ich war im ersten Jahr Literatur. Ich habe aufgehört, als wir geheiratet haben.“
„Das wusste ich nicht.“
„Weil du nicht gefragt hast.“
Madschid schwieg. Sein Gesicht veränderte sich.
„Und was willst du jetzt?“
„Zurückgehen.“
„An die Universität?“
„Wenigstens zum Studium.“
„Und Sama? Und meine Mutter?“
„Sama ist groß. Und deine Mutter pflege ich seit Jahren. Ich will mich selbst an meinem Leben beteiligen.“
Er antwortete nicht.
Drei Tage später sagte er beim Frühstück ohne Einleitung:
„Suha, was kostet die Einschreibung?“
„Was?“
„Das Studium. Was kostet es?“
Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
„Ich weiß nicht. Ich habe nicht gefragt.“
„Frag.“
„Du stimmst zu?“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich zustimme. Ich habe gesagt: Frag. Ich will verstehen.“
„Warum hast du deine Meinung geändert?“
„Ich habe sie noch nicht geändert. Ich … denke nach.“
Es war keine Entscheidung. Aber es war das erste Mal, dass er sagte: „Ich denke nach.“ Es ist ein kleines Wort, aber in unseren Häusern wiegt es schwerer als „Ich stimme zu“, denn wer „Ich denke nach“ sagt, gesteht ein, dass die Entscheidung nicht an einem anderen Ort geschrieben steht.
Aber das Viertel wartet nicht. Am fünften Tag erhielt Suha einen Anruf von Madschids entfernter Tante, die von jemandem gehört hatte: „Suha will studieren! Und Madschid ist einverstanden! Was ist mit dieser Familie los?“ Und am siebten Tag kam ein Kollege aus dem Amt mit einem hinterhältigen Lächeln zu ihm:
„Ich habe gehört, deine Frau geht an die Universität. Du bist nachsichtig, Abu Sama.“
Das war der Augenblick. Der Augenblick, der genau vor jeder echten Veränderung kommt: dass die Leute lachen.
Madschid sagte:
„Ja.“
„Ja?“
„Ja. Meine Frau wird studieren.“
„Und du bist einverstanden?“
„Ich hindere keinen am Lernen.“
„Und sie sitzt dann nicht zu Hause?“
„Nein. Sie sitzt in der Universität.“
„Und das Haus?“
„Wir werden uns einrichten.“
„Du bist ein seltsamer Mann.“
„Vielleicht.“
Er kehrte in sein Büro zurück, die Hände zitterten ihm. Er hatte etwas getan, was er in seinem Leben nie getan hatte: allein vor einem gemeinsamen Lachen zu stehen, ohne dagegen zu kämpfen und ohne sich davor zu verstecken.
Am Abend fand Suha ihn im Wohnzimmer vor dem Bild seines Vaters.
„Wie war dein Tag?“
„Beängstigend.“
„Warum?“
„Ich habe einem Kollegen gesagt, dass ich dich unterstütze.“
„Wirklich?“
„Ja. Und er hat gelacht.“
„Es tut mir leid.“
„Nein. Entschuldige dich nicht.“
„Hast du es bereut?“
„Nein. Aber ich hatte Angst.“
Sie setzte sich neben ihn.
„Weißt du, dass du der erste Mann in deiner Familie bist, der das sagt?“
„Ich weiß.“
„Und macht dir das Angst?“
„Ja. Aber ich lerne, Angst zu haben und zu handeln.“
Sie streckte die Hand aus und legte sie auf seine. Sie sagte nicht „Danke“. Sie sagte:
„Du überraschst mich.“
„Nein. Ich versuche nur, dich nicht zu verlieren.“
„Du wirst mich nicht verlieren.“
„Versprichst du es?“
„Nein. Ich verspreche nicht. Aber ich bin hier.“
Im Nebenzimmer lernte Sama und hatte alles hinter der Tür gehört. Sie schrieb mit Bleistift an den Rand ihres Hefts: „Papa verändert sich. Und Mama spricht. Vielleicht ich auch.“
Achtundvierzigstes Kapitel: Eine schöne Angst
In der kleinen Küche von Gertruds Wohnung versuchte Walter mit zitternden Händen, die Keksdose zu öffnen.
„Lass mich.“
„Ich kann es.“
„Du kannst es nicht. Deine Hände.“
„Meine Hände arbeiten noch.“
„Dann mach auf.“
Er versuchte es. Dann lachte er. Dann gab er ihr die Dose.
„Siehst du? Alles ist in Rente gegangen.“
„Außer der Geduld.“
„Die Geduld habe ich von dir genommen.“
Er war fünfundsiebzig, und Gertrud stand mit siebzig in einem schlichten blauen Kleid vor ihm. Sie hatte monatelang darüber nachgedacht. Und in einer Novembernacht, als der Tee ausgetrunken war und das Schweigen blieb, sagte sie:
„Walter.“
„Ja?“
„Ich habe Angst.“
„Wovor?“
„Dass du mich siehst.“
„Ich sehe dich jede Woche.“
„Nein. Ich meine … wie ich bin.“
Schweigen.
„Gertrud.“
„Ja.“
„Weißt du, dass ich auch Angst habe?“
„Du?“
„Ja. Mein Körper ist nicht mehr, was er war. Und ich weiß nicht, wie ich vor dir stehen soll.“
„Das ist mir egal.“
„Und mir ist es auch egal.“
„Warum haben wir dann Angst?“
„Weil das Alter uns gelehrt hat, uns zu schämen.“
Sie lachten.
„Sollen wir es versuchen?“, fragte sie.
„Was?“
„Gemeinsam Angst zu haben.“
„Und wenn es nicht gelingt?“
„Dann lachen wir.“
Es war nichts Dramatisches daran. Im Zimmer gab es keine Rosen und keine Kerzen. Es gab ein altes Bett, zugezogene Vorhänge und eine gedämpfte Lampe und zwei Erwachsene, die wussten, dass jede Berührung zwischen ihnen zwei Leben trägt. Es gab Verwirrung, Scheu, ein zweites Lachen, als das Knie des einen an das des anderen stieß, und ein schönes Schweigen.
Als alles vorbei war, lagen sie im Dunkeln.
„Geht es dir gut?“, flüsterte er.
„Ja.“
„Und deinem Körper?“
„Er ist nicht ganz zufrieden, aber er ist glücklich.“
Er lachte.
„Und du?“
„Ich … ich fühle etwas, das ich seit langem nicht gefühlt habe.“
„Was?“
„Dass ich gesehen werde.“
Er sagte nichts. Er streckte die Hand aus und zog sie ein wenig an sich.
„Ich hatte Angst, dass ich nicht noch einmal lieben könnte“, sagte sie.
„Und was denkst du jetzt?“
„Dass Liebe nicht in Rente geht.“
„Und das Begehren?“
„Es verändert sich. Und es geht nicht in Rente.“
„Das ist ein Satz für einen Grabstein.“
„Nein. Für ein Buch.“
Er lachte noch einmal, bis er husten musste.
„Du bringst mich um.“
„Das werde ich nicht.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Am nächsten Morgen, als sie Kaffee kochte, saß Walter auf dem Stuhl und sah sie an und sagte:
„Weißt du, was ich heute Nacht gefühlt habe?“
„Was?“
„Dass ich nicht alt bin.“
„Und was bist du?“
„Ein Mensch.“
Sie stellte die Tasse vor ihn.
„Das genügt mir.“
Draußen stand Michael an der Tür, eine Einkaufstüte in der Hand. Er war gekommen, um sie ihr zu bringen. Er hörte das Lachen von drinnen und blieb stehen. Er klopfte nicht. Er stand eine Minute da, dann stellte er die Tüte auf die Schwelle und ging den Weg zurück, und auf seinem Gesicht lag etwas Seltsames: als lächelte er, ohne es zu wollen.
Neunundvierzigstes Kapitel: Hanans Charta
Am Ende des Winters, in dem sie von ihrer Reise in die arabische Stadt zurückgekehrt war, kaufte Hanan ein kleines Heft mit blauem Einband.
Sie wusste nicht, warum. Sie sah es in einem kleinen Buchladen am Bahnhof und fragte sich: „Was ist das?“ Dann ging sie hinein.
Am Abend, als Samir im Nebenzimmer eingeschlafen war, setzte sie sich in die Küche und schlug das Heft auf. Auf die erste Seite schrieb sie:
„Hanans Charta für sich selbst.
Nicht damit jemand sie liest. Und nicht damit jemand sie unterschreibt.
Nur weil ich es leid bin, innerhalb von Grenzen zu leben, die andere gezogen haben, und nie eine einzige Grenze mit eigener Hand gezogen habe.“
Dann begann sie zu schreiben. Sie dachte nicht lange nach. Die Sätze kamen, als hätten sie lange gewartet:
„1. Mein Körper gehört mir. Ich entscheide, wer ihn berührt und wann. Und ich schäme mich nicht, ‚Nein‘ zu sagen, und nicht, ‚Ja‘ zu sagen.
2. Mein Begehren ist keine Schande. Aber es ist auch kein Befehl. Ich höre ihm zu und entscheide dann.
3. Ich liebe, ohne zu verschwinden. Verlangt Liebe von mir, mich auszulöschen, ist sie keine Liebe.
4. Ich trage nicht die Angst anderer und nenne es Tugend.
5. Ich glaube, dass Schweigen nicht immer Frieden ist. Manchmal ist es eine Wunde, die noch keinen Namen hat.
6. Wenn ich jemanden leiden sehe und es weiß, sage ich nicht: ‚Ich sehe nichts.‘ Ich sage: ‚Ich bin da.‘
7. Ich rechne mit niemandem über seine Gefühle ab. Ich rechne mit ihm über seine Taten ab.
8. Ich erlaube mir, Fehler zu machen und neu anzufangen.
9. Ich frage, ehe ich urteile. Und ich frage mich selbst, ehe ich die anderen frage.
10. Ich gehöre nicht an einen einzigen Ort. Und ich nehme es an, dass meine Grenzen lebendig sind: Sie werden weiter und enger mit dem, was ich lerne.
11. Ich beschütze, die schwächer sind als ich, und mache aus dem Schutz keinen Käfig.
12. Wenn ich es nicht weiß, sage ich: Ich weiß es nicht.“
Sie hielt inne. Sie sah auf den letzten Punkt und lächelte.
Sie wusste, dass die Charta kein Gesetz war und im nächsten Jahr oder morgen anders sein konnte. Aber es war das erste Dokument, das sie mit eigener Hand über ihr Leben schrieb. Und sie fügte unten auf der Seite hinzu: „Das sind nicht alle meine Grenzen. Das ist, was ich jetzt weiß.“
Sie klappte das Heft zu und löschte das Licht. Im Dunkeln dachte sie an alle, die sie im letzten Jahr kennengelernt hatte: Samir, der lernt zu fragen, Laila, die lernt „Noch nicht“ zu sagen, Rascha, die gegangen und zurückgekehrt war, Salma, die nicht zurückgegangen war, Omar, der es gesagt hatte, Svenja, die geweint hatte, und ihre Mutter, die ihr einen Brief unter dem Kopfkissen hinterlassen hatte. Alle hatten ihre kleinen Chartas geschrieben, jeder auf seine Weise und jeder im Dunkeln. Und keiner von ihnen wusste, dass die anderen dasselbe taten.
Fünfzigstes Kapitel: Eine einzige Nacht
In einer einzigen Nacht, die ich hier aus vielen, über die Zeit verstreuten Nächten zusammengesetzt habe, waren die Menschen zur selben Stunde wach.
In einer kleinen Wohnung im Osten von Waldberg stand Hanan am Fenster und sagte sich: „Morgen werde ich ohne Grund lachen.“
In einem Lastwagen auf der Straße nach München flüsterte Samir: „Warst du heute müde?“ Und keiner hörte es.
In einem ruhigen Bett sah Laila auf Jonas’ Rücken und murmelte: „Ich werde ihm alles sagen.“
In einem Zimmer über einer Bäckerei steckte Karim einen Zettel in die Tasche und sagte: „Das ist sein Preis, und ich zahle ihn.“
In einem Arbeitszimmer zu Hause klappte Katrin ihr schwarzes Heft zu und schrieb: „Morgen spreche ich mit Thomas.“
In einem fernen Familienhaus schob Rascha einen Brief unter das Grammatikbuch und löschte das Licht.
In einem Wohnzimmer mit goldenem Bild sah Madschid seinen Vater an und sagte: „Ich werde nicht wie du sein.“
In einem fremden Haus sah Salma auf ein dunkles Handy und öffnete es nicht.
In einem breiten Bett flüsterte Dina sich zu: „Ich werde keinen lieben, der mich warten lässt.“
In einem kleinen Bad zeichnete Omar auf den beschlagenen Spiegel ein einziges Wort: „Ich.“
In einer gemieteten Wohnung öffnete Svenja ihr Handy und schrieb an Katrin: „Ich möchte reden.“
In einem Zimmer mit ovalem Spiegel löschte Gertrud das Licht und sagte zu Hans: „Verzeih mir, aber ich lebe.“
In einer Küche setzte Suha sich Madschid gegenüber und sagte: „Ich möchte reden.“
In einem stillen Zimmer lächelte Umm Madschid Abu Nabil an.
Alle trugen in derselben Stunde dieselbe Stimme, auch wenn die Zungen verschieden waren: Ich habe Angst. Ich will. Ich weiß nicht. Ich bin da.
Keiner von ihnen hat die anderen gesehen. Keiner wusste, dass die Einsamkeit, die jeder lebt, in Wahrheit eine gemeinsame ist und dass in dieser selben Nacht Tausende Menschen in unzähligen Städten dieselbe Tür von innen öffnen und an ihrer Schwelle stehen.
Und die Grenzen waren in all diesen Häusern keine Mauern. Es waren Fragen, die mit Bleistift in der Tiefe der Nacht gezogen wurden, ausgelöscht und neu gezogen.
Als der Morgen die Ränder der Häuser zu erhellen begann, öffnete jemand das Fenster, atmete und sagte zu sich ein ganz kleines Wort:
„Gut.“
Und er wusste nicht, dass andere, an anderen Orten, im selben Augenblick dasselbe Wort sagten.
Nach dem Roman
Diese Seiten haben keinen Schluss, denn die Fragen, die sie berühren, enden nicht. Manche kehren in jeder Generation unter neuem Namen wieder, andere bleiben, was sie sind, und wechseln nur das Kleid.
Wir haben uns in der Nacht versprochen, etwas zu tun. Am Tag haben manche von uns es getan, manche sind gestolpert, andere sind zurückgewichen und dann wiedergekommen. Das wollten diese Seiten sagen: dass die Grenze, die wir im Dunkeln ziehen, sich erst vollendet, wenn wir sie im Licht erproben, dass die Probe wehtun kann, aber die Grenze zu unserer macht und nicht zu der dessen, der sie für uns gezogen hat, und dass das Scheitern nicht das Gegenteil des Mutes ist, sondern eines seiner Gesichter.
Ein Mensch wird nicht erkannt an dem, was er vor den Leuten sagt, sondern an dem, was er zu sich sagt, wenn er das Licht löscht. Jeder um uns trägt sein kleines Zimmer, das wir nicht sehen, und wer das weiß, wird ein wenig barmherziger, und wer barmherziger wird, vermag eher, einen Menschen neben sich etwas Kleines zu fragen, das die Nacht verändert.
Und wenn ich nach allem, was ich geschrieben habe, nur eines sagen darf, dann dies: Wir müssen die Grenzen weder abschaffen noch heiligen. Wir müssen wissen, wer sie gezogen hat und warum, und den Mut haben zu fragen, und dann den Mut, einander zu schützen, wenn sie verletzt werden. Schweigen ist kein Schutz, Schreien ist keine Freiheit, und zwischen beidem liegt ein schmaler Raum, der Gespräch heißt, den nur betritt, wer bereit ist, zu hören, was er nicht gern hört.
Was nicht endet, sind nicht die Grenzen und nicht das Begehren und nicht die Angst. Was nicht endet, ist das Bedürfnis, dass uns jemand hört.
„Geht es dir gut?“
NUMAN ALBARBARI

