Museum der verlorenen Tage 57

Museum der verlorenen Tage — Siebenundfünfzigstes Kapitel
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Siebenundfünfzigstes Kapitel: Der vergessene Maler Amsterdam, 1890 — „Die Kunst, deren Gedächtnis noch nicht gelesen wurde”
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1. Die Schwelle des Ateliers
Der nächste Raum war kein Raum im eigentlichen Sinne des Wortes.
Es war ein heiliges Chaos, das mit einem ganz eigenen Leben pulsierte — jenes Chaos jener Orte, die von der Schöpferkraft bewohnt werden, wenn sie sich weigert, sich der Logik geordneter Dinge zu fügen. Samer blieb einen Moment auf der Schwelle stehen, nahm das Bild mit den Augen in sich auf, bevor seine Füße die mit Jahren angesammelten Farbflecken bedeckten Fliesen betraten.
Pinsel lagen verstreut auf einem Boden, der seit Monaten keine Reinigung mehr gesehen zu haben schien. Gemälde lehnten in willkürlichen Winkeln an den Wänden, manche mit dem Gesicht zur Wand gekehrt, als schämten sie sich vor der Welt, andere kühner, dem hohen Fensterlicht zugewandt, halb trotzig, halb hoffnungsvoll. Farbtuben lagen hier und dort, manche bis zum Letzten ausgedrückt, völlig leer wie ein Körper, der alles in sich hingegeben und nichts für sich behalten hat. Und mitten in diesem fruchtbaren Durcheinander stand ein Mann von neununddreißig Jahren.
Er drehte sich nicht um, als Samer eintrat. Weder die Bewegung seiner Hand noch das Gleichgewicht seines Körpers veränderten sich. Er war versunken in ein halbfertiges Gemälde, mit einer Konzentration, die nicht dieser Welt anzugehören schien, sondern einer Welt, die nur zwischen seinen Fingern und der Leinwand existierte.
Und seine Augen — als Samer sie nach einigen Augenblicken entdeckte — trugen zwei unerklärlich gegensätzliche Dinge zugleich: eine Leidenschaft, leuchtend wie eine Glut, die nicht erlöschen will, und eine tiefe, festsitzende Trauer, als wäre sie eingeprägt worden, noch bevor ihr Träger sprechen lernte.
2. Eine Sprache, die das bloße Auge nicht sieht
Der Maler sprach, ohne sich umzudrehen, mit einer Stimme, die mehr trug als sie preisgab: — Komm herein, wenn du willst. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: — Aber erwarte nicht, meine Bilder sofort zu verstehen. Dann, als sagte er etwas, das er zu sagen gewohnt war und das ihn jedes Mal schmerzte: — Sehr wenige verstehen sie in meiner Zeit.
Samer trat mit ruhigen Schritten ein, bemüht, nicht auf die liegenden Pinsel zu treten, und stellte sich vor: — Ich bin Samer. Dann blickte er auf das Gemälde: — Was malst du da?
Der Maler hielt in seiner Bewegung nicht inne, doch seine Stimme kam geladen mit einer unsichtbaren Elektrizität: — Ich versuche, etwas einzufangen, das über das hinausgeht, was das bloße Auge sieht.
Er schwieg einen Moment, dann fügte er hinzu, wie jemand, der versucht, einen Traum mit Worten zu erklären, die einer anderen Welt angehören: — Farben, die Gefühle tragen, für die es keine Namen gibt. Linien, die die Bewegung der Seele selbst tragen, nicht bloß ein starres Abbild vorhandener Dinge. Es ist keine kalte, realistische Darstellung der Welt, wie ihre Oberflächen erscheinen, sondern ein Einfangen dessen, was unter diesen Oberflächen geschieht — dessen, was nicht abgebildet, aber gefühlt wird.
Samer blieb vor einem der an die Wand gelehnten Gemälde stehen; es zeigte ein Weizenfeld unter einem aufgewühlten Himmel, doch seine Farben schrien auf eine Weise, die er nicht gewohnt war. Das Gelb war nicht bloß Gelb; es war ein Gelb, das Fieber trug und Erwartung und Angst und den Drang zu explodieren, alles zugleich. Und das Blau darüber war nicht bloß Himmel; es war eine Schwere, eine Drohung, etwas kurz davor zu zerbrechen.
Samer sagte mit einer Aufrichtigkeit, die er nicht erkünstelte: — Das ist sehr schön, auch wenn es anders ist als das, was ich zu sehen gewohnt bin.
Da hielt der Maler plötzlich inne. Er wandte sich Samer zu, mit echtem Erstaunen — nicht jener gesellschaftlichen Übertreibung, die Menschen aus Höflichkeit zeigen, sondern dem echten Staunen, das die Augen weitet und den Mund leicht öffnet.
Er sagte: — Wirklich? Du findest es schön?
Und in der Art, wie er es sagte, lagen Jahre der Zurückweisung.
3. Der Preis, den niemand erwartet
Der Maler schluckte etwas in seiner Kehle, dann sagte er mit einer ruhigen, höflichen Bitterkeit, die niemanden belasten wollte: — Die meisten, die sie zu meiner Zeit sehen, nennen sie chaotisch. Seltsam. Und manchmal, mit ungerechter Schonungslosigkeit, das Werk eines geistig gestörten Menschen.
Samer spürte einen Stich in der Brust. Nicht den Stich oberflächlichen Mitleids, sondern den Stich dessen, der ein offensichtliches Unrecht mit anhören muss, das einem Menschen vor ihm widerfährt.
Er sagte: — Das ist schmerzhaft. So etwas über ein Werk zu hören, in das du all diese Leidenschaft gelegt hast.
Der Maler nickte, nicht auf die Art, wie ein Mensch höflich zustimmt, sondern wie jemand, der etwas bekräftigt, das er längst wusste und noch immer zu leben lernt: — So ist es tatsächlich.
Dann begann er, mit leiser, bedächtiger Stimme zu Samer zu sprechen. Er erzählte ihm von den Bildern, die er nicht verkauft, vom Atelier, das im Winter kalt bleibt, weil er sich kein Brennholz leisten kann. Er erzählte ihm von einem Bruder, der ihn finanziell unterstützt und ihn mit aufrichtiger Wärme liebt, dessen Augen jedoch, wenn sie auf die Gemälde fallen, jene mitleidige Verwirrung tragen, die mehr schmerzt als offene Ablehnung. Er erzählte ihm von den Ausstellungen, aus denen seine Bilder abgelehnt wurden, von den Kritikern, die über ihn in Worten schrieben, die, würde man sie sammeln, keinem Menschen einen Grund zum Weitermachen ließen.
Samer fragte ihn behutsam: — Fühlst du dich manchmal verzweifelt?
Der Maler blickte in die Ferne, zum Fenster, durch das das Licht dieser kalten Amsterdamer Tagesstunde fiel. Dann sagte er mit einer Aufrichtigkeit, die sich mit nichts anderem vermischte: — Sehr oft. Ganz offen gesagt: sehr, sehr oft.
Und er beschrieb Samer jene Nächte, in denen er vor einem fertigen Gemälde sitzt und sich fragt: Wohin wird das alles führen? Wer wird es sehen? Wer wird fühlen, was ich sagen wollte? Wird dieser in Farben verwandelte Schmerz mit seinem Träger sterben, und die Leinwand wird bloße Leinwand bleiben, die niemandem etwas sagt?
Er sagte: — Manchmal frage ich mich, ob all diese Mühe, all diese Jahre fieberhaften Malens, umsonst sein werden. Ob sie nach meinem Tod völlig vergessen werden. Ohne dass irgendjemand sie je versteht oder schätzt.
Und dieses Wort „je” war das schwerste im ganzen Satz.
4. Die Bürde, die Zukunft zu kennen
Samer spürte, wie etwas in seiner Brust drückte; eine moralische Last im wörtlichsten Sinne. Er wusste es. Er wusste, was mit diesem Mann und seinem Werk nach seinem Tod geschehen würde. Und er fragte sich: Hat er das Recht, es ihm zu sagen? Liegt in diesem Wissen echte Gnade, oder ist es eine Qual anderer Art, zu erfahren, dass der eigene Ruhm zu spät kommen wird?
Nach aufrichtigem Zögern entschied er, dass die Wahrheit barmherziger sei.
Er sagte: — Ich weiß etwas über die Zukunft, das dich interessieren könnte.
Der Maler hob die Augenbrauen mit vorsichtiger Neugier, als wolle er keine Hoffnung aufbauen, die wieder zusammenbrechen könnte. Er sagte: — Was meinst du?
Samer atmete tief, dann sagte er mit größter Behutsamkeit, weder schmückend noch schmälernd: — In meiner Zeit, mehr als ein Jahrhundert von jetzt an, bist du sehr berühmt.
Er hielt inne, ließ das Wort langsam sinken.
Dann fuhr er fort: — Deine Kunst gilt als eines der größten Werke, die die Menschheit hervorgebracht hat. Deine Bilder hängen in den bedeutendsten Museen der Welt. Sie sind Millionen wert. Und Menschen studieren sie mit einer tiefen Bewunderung, die sich manchmal in etwas verwandelt, das einer Schwärmerei gleicht.
Das ganze Atelier verstummte. Selbst das Chaos schien den Atem anzuhalten.
Der Maler sah Samer auf eine seltsame Weise an. Dann sammelten sich in seinen Augen Tränen, die noch nicht gefallen waren, hängend an der Schwelle zwischen Zurückhalten und Sich-Ergießen. Es waren Tränen merkwürdiger Zusammensetzung: weder reine Freude noch reine Trauer, sondern etwas, das gequält im Gleichgewicht dazwischen ruhte.
Er sagte mit kaum hörbarer Stimme: — Ist das wirklich wahr? Nach all diesem Schmerz? Nach all dieser Ablehnung? Wird jemand eines Tages schätzen, was ich getan habe?
Samer nickte einmal, fest und unerschütterlich: — Ja. Mit voller Aufrichtigkeit: Ja.
5. Der Friede, der spät kommt
Der Maler lächelte ein Lächeln, das kein unmittelbares Freudenlächeln war. Es war das Lächeln dessen, der etwas Schmerzhaftes begreift und sich zugleich damit versöhnt.
Er sagte: — Das kommt für mich persönlich viel zu spät. Ich werde diese Anerkennung selbst niemals erleben.
Er stand still. Betrachtete seine mit Farbe bedeckten Hände. Dann sagte er mit etwas, das einer Entdeckung glich: — Aber es schenkt mir, auf seltsame Weise, jetzt eine Art Frieden. Zu wissen, dass die Arbeit selbst einen wahren Wert besitzt. Auch wenn sie zu ihrer Zeit nicht geschätzt wurde.
Und in diesem letzten Satz lag eine Reife, die der Maler sich nicht mühelos erworben hatte. Es war eine Reife, die er sich mit Jahren des Malens in kalten Zimmern erkauft hatte, vor Wänden, die ihm nicht antworteten.
Samer trat zu einem der großen Gemälde; es zeigte ein kleines, kerzenbeleuchtetes Zimmer in einer Nacht, die schwerer wirkte, als ihre Fenster ertragen konnten. Doch die Kerze war keine bloße Kerze. In der Art ihrer Darstellung lag etwas, das sie wirken ließ, als kämpfe sie mit allem, was in ihr war.
Samer sagte, die Augen noch immer auf das Gemälde gerichtet: — Das lässt mich über meinen verlorenen Tag auf andere Weise nachdenken. Vielleicht hat auch er einen wahren Wert, den ich noch nicht gelesen, noch nicht verstanden habe. Genau wie deine Kunst einen wahren Wert hatte, den niemand zu ihrer Zeit gelesen hat.
Der Maler wandte sich ihm mit echter Bewunderung zu — nicht der gesellschaftlichen, sondern jener, die von innen aufsteigt und sich trotz ihres Trägers im Gesicht zeigt.
Er sagte: — Das ist ein sehr schöner Vergleich, Samer. Vielleicht braucht das Gedächtnis, genau wie die Kunst, nicht sofort verstanden oder geschätzt zu werden, um wahren Wert zu besitzen.
Dann fügte er nach einem Moment des Nachdenkens hinzu: — Manchmal braucht das Gedächtnis nur Zeit. Neue Augen. Einen anderen Zusammenhang, der ihm das richtige Licht schenkt. Damit sein voller Wert sich offenbart.
6. Das Geheimnis des Durchhaltens
Samer stellte die Frage, die ihm seit dem Betreten des Ateliers durch den Kopf gegangen war: — Wie hast du die Kraft gefunden, trotz all dieser anhaltenden Ablehnung weiter zu malen?
Der Maler dachte lange nach. Es war nicht das Nachdenken dessen, der nach einer Antwort sucht, über die er noch nie nachgedacht hat, sondern das Nachdenken dessen, der die richtigen Worte für etwas sucht, das er erlebt, aber nie zuvor mit dieser Offenheit auszusprechen versucht hat.
Schließlich sagte er: — Ich malte nicht in erster Linie für äußere Anerkennung. Obwohl ich sie mir natürlich sehr gewünscht habe. Das leugne ich nicht.
Er blickte auf sein halbfertiges Gemälde: — Aber ich malte, weil ich nicht aufhören konnte. Weil etwas in mir sich gerade auf diese Weise ausdrücken musste.
Dann sagte er etwas, das so wirkte, als hätte es schon in ihm bestanden, bevor er es sich bewusst machte: — Wahre Kunst entsteht nicht aus dem Wunsch, den Menschen zu gefallen. Sie entsteht aus dem, der nicht anders kann, als zu sagen, was in ihm ist — selbst wenn es zu seiner Zeit niemand sonst hört.
Samer spürte, wie sich etwas in ihm bewegte, etwas Tieferes als flüchtige Inspiration. Denn die Suche nach einem verlorenen Tag, ohne Garantie auf ein Ankommen, glich genau diesem: Man macht weiter, nicht weil man des Ergebnisses sicher ist, sondern weil man nicht anders kann, als weiterzugehen.
Er sagte: — Vielleicht ist das auch für mich die tiefste Lektion. Weiter nach meinem Tag zu suchen. Nicht nur um einer bequemen, endgültigen Lösung willen, sondern weil die Suche selbst einen Wert hat. Selbst wenn sie nie zu einer vollständigen, klaren Antwort führt.
Der Maler erwiderte mit einem seltenen Lächeln, das sich auf seinem Gesicht zeigte: — Und vielleicht ist die vollständige, klare Antwort gar nicht das eigentliche Ziel. Vielleicht trägt der Weg selbst, was du suchst. So wie das Gemälde, wenn ich es male, nicht in dem Moment am schönsten ist, in dem es vollendet ist, sondern in jenem Augenblick, in dem die Linie zwischen dem, was sein wird, und dem, was noch nicht entschieden ist, schwebt.
7. Der Abschied und das, was er trägt
Der Maler wandte seinen Blick wieder seinem Gemälde zu. Er griff nach dem Pinsel mit einer Hand, die sicherer wirkte als noch Minuten zuvor. Dann sagte er, ohne sich umzudrehen, genau wie zu Beginn, als Samer eingetreten war: — Geh jetzt, Samer. Und nimm dies mit dir: Mal weiter an deiner Suche nach deinem Tag. Mit voller Aufrichtigkeit und Leidenschaft. Auch wenn niemand sie versteht. Selbst du selbst sie noch nicht vollständig verstanden hast.
Samer trat langsam rückwärts zur Tür, die Augen noch immer auf den Mann und sein Gemälde gerichtet. Die Szene wirkte wie aus lebendigen Farben gemeißelt: der Mann, das Gemälde und das schräg einfallende Amsterdamer Licht aus dem Fenster — alles vereint in einem Augenblick, der zu wissen schien, dass er ein Augenblick war, und der darauf bestand, zu bleiben.
Als er die Schwelle überschritt, begann das Atelier hinter ihm langsam zu verblassen, mit einer ungerechten Trägheit.
Samer kehrte in den vertrauten Korridor zurück und trug etwas Unwägbares mit sich: die Schwere eines Mannes, der sein ganzes Leben lang in kalten Zimmern für ein Publikum gemalt hatte, das noch nicht geboren war.
Der Alte wartete wie gewohnt neben der Wand, doch die gegenüberliegende Tür trug diesmal ein anderes Motiv: eine Feder und davonfliegende Blätter, und Worte in einer Sprache, die Samer nicht kannte.
Der Alte sagte mit seiner ruhigen Stimme, die stets mehr trug, als sie aussprach: — Der nächste Raum, Samer, trägt die Stimme einer Dichterin. Sie schreibt in einer Sprache, die in ihrem fernen Exil nur wenige lesen können. Doch ihre Worte tragen einen tiefen Widerstand gegen alle Versuche, das Gedächtnis ihres Volkes auszulöschen.
Samer blickte zur Tür. Dann warf er einen letzten Blick zurück, dorthin, woher er gekommen war.
Und ging weiter.

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