Briefe an das Selbst 01

Episode 1 – „Wo bist du geblieben?“

Wann hast du dich das letzte Mal im Spiegel angesehen…
und dich selbst erkannt?
Nicht dein Gesicht.
Nicht dein Lächeln.
Sondern dich…
Ich heiße Subina.
Oder vielleicht…
hieß ich einmal so.
Früher war mein Name ein Gefühl.
Warm.
Leise.
Echt.
Wenn ich ihn hörte, wusste ich…
ich bin da.
Heute höre ich viele Namen.
„Mama…“
„Komm mal…“
„Mach das bitte…“
Stimmen.
Erwartungen.
Rollen.
Aber niemand ruft mich mehr…
so wie ich wirklich bin.
Manchmal stehe ich vor dem Spiegel.
Lange.
Ohne mich zu bewegen.
Ich sehe eine Frau.
Sie sieht müde aus.
Ruhig.
Fast unsichtbar.
Und doch…
kommt sie mir bekannt vor.
Ich schaue tiefer.
Als würde ich hoffen,
dass etwas zurückblickt…
etwas, das ich verloren habe.
„Wo bist du geblieben?“
frage ich leise.
Keine Antwort.
Nur Stille.
Eine schwere, langsame Stille…
die mehr sagt als Worte.
Ich erinnere mich…
an ein Mädchen.
Sie hatte Träume.
Große Träume.
Sie wollte lieben.
Leben.
Sich selbst finden.
Sie hatte keine Angst…
sie selbst zu sein.
Was ist mit ihr passiert?
Wann hat sie begonnen…
leiser zu werden?
Sich anzupassen?
Zu verschwinden?
War es langsam?
Oder ein einziger Moment…
in dem sie beschlossen hat,
dass sie weniger sein muss?
Ich weiß es nicht.
Aber ich spüre…
sie ist noch da.
Irgendwo.
Tief in mir.
In den stillen Nächten…
wenn alles schläft…
höre ich sie manchmal.
Ganz leise.
Sie flüstert nicht laut.
Sie schreit nicht.
Sie wartet.
Darauf…
dass ich endlich zuhöre.
Vielleicht…
habe ich sie nicht verloren.
Vielleicht…
habe ich einfach aufgehört, sie zu suchen.
Ich schaue wieder in den Spiegel.
Diesmal länger.
Ehrlicher.
„Ich sehe dich…“
flüstere ich.
Und für einen kurzen Moment…
ist da etwas.
Ein Gefühl.
Ganz leise.
Als würde jemand in mir antworten:
„Ich war immer hier.“

Episode 2 – „Die Frau hinter den Rollen“

Man sagt…
eine Frau ist vieles.
Mutter.
Ehefrau.
Tochter.
Aber selten fragt jemand:
Wer ist sie…
wenn niemand etwas von ihr erwartet?
Jeden Morgen beginnt es gleich.
Ein neuer Tag.
Und mit ihm…
dieselben Rollen.
Sie steht auf…
bevor die Welt wach ist.
Bereitet alles vor.
Denkt an alle.
Nur nicht an sich selbst.
Ihr Name wird nicht gerufen.
Nicht wirklich.
„Mama…“
„Kannst du…?“
„Hast du daran gedacht…?“
Sie antwortet.
Immer.
Aber wer antwortet ihr?
Sie bewegt sich durch den Tag…
leise.
effizient.
unsichtbar.
Als hätte sie gelernt,
keinen Raum einzunehmen.
Manchmal bleibt sie stehen.
Nur für einen Moment.
Zwischen zwei Aufgaben.
Zwischen zwei Atemzügen.
Und da ist eine Frage…
ganz leise:
„Bin ich mehr als das?“
Doch der Moment vergeht schnell.
Jemand ruft.
Etwas muss erledigt werden.
Und sie kehrt zurück…
in ihre Rolle.
Früher hatte sie Träume.
Erinnerst du dich?
Träume, die nur ihr gehörten.
Nicht der Familie.
Nicht der Welt.
Wann hat sie aufgehört…
ihnen zuzuhören?
Vielleicht war es kein großer Moment.
Vielleicht war es
dieses leise „Später“…
das sie sich immer wieder sagte.
„Später denke ich an mich.“
„Später kümmere ich mich um meine Träume.“
„Später…“
Aber dieses „Später“…
kam nie.
Und so wurde sie langsam…
zu allem für andere.
Und zu nichts für sich selbst.
Doch tief in ihr…
lebt noch etwas.
Keine Rolle.
Kein Titel.
Nur sie.
Eine Frau…
die fühlen will.
die träumen will.
die gesehen werden will.
Nicht als „die, die alles schafft“…
sondern als die, die einfach ist.
Vielleicht…
muss sie nichts Neues werden.
Vielleicht…
muss sie nur aufhören,
alles für alle zu sein.
Und anfangen…
wieder sie selbst zu sein.
Ganz leise.
Schritt für Schritt.

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